Wirtschaft

Größte Internet-Wette der Welt Mukesh Ambani, der indische Jeff Bezos

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Mukesh Ambani ist aktuell der elftreichste Mensch der Welt.

(Foto: REUTERS)

Mukesh Ambani ist Sohn einer indischen Industriefamilie. Noch heute kontrolliert der Milliardär mit Reliance Industries das größte Unternehmen des Landes. Die Zukunft aber gehört der Mobilfunktochter Jio, mit der er Highspeed-Internet zu Spottpreisen auf den ganzen Subkontinent bringt.

Wie finden Sie das folgende Mobilfunk-Angebot? Für einmalig 6,95 Euro bekommen Sie drei Monate lang 2 Gigabyte Datenvolumen pro Tag. Mukesh Ambani macht das möglich, aber leider nur in Indien, nicht in Deutschland.

Der 63-jährige ist aktuell mit einem Vermögen von knapp 80 Milliarden Dollar der elftreichste Mensch der Welt. Sein Wohlstand war ihm in die Wiege gelegt, Ambani ist 1957 in eine reiche Industriefamilie hineingeboren worden und kontrolliert noch heute Indiens größtes Unternehmen, das Öl- und Petrochemie-Konglomerat Reliance Industries. Vor etwa 20 Jahren aber hat er erkannt, dass nicht fossile Brennstoffe die Zukunft sind, sondern Daten. Deshalb hat er eine der größten Wetten der Weltwirtschaft gestartet, über Reliance Unmengen von Schulden aufgenommen und seine Mobilfunktochter Jio aus dem Boden gestampft.

"Seine Kinder haben ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die ganzen Internet- und Mobilfunkverbindungen in Indien grottenschlecht sind. Extrem langsam und extrem teuer", erklärt Tech- und Börsen-Experte Thomas Rappold Ambanis Entschluss, ins Mobilfunkgeschäft einzusteigen. "Er hat dann 2007 ein heruntergewirtschaftetes Telekommunikationsunternehmen aufgekauft, das 4G-Lizenzen besaß, und bisher rund 35 Milliarden Dollar in den Aufbau von rund 200.000 Mobilfunk-Türmen investiert."

400 Millionen Kunden in vier Jahren

Knapp zehn Jahre später, am 5. September 2016, hat Ambanis Mobilfunktochter Jio ihren Dienst offiziell aufgenommen. Schon nach einem Monat hatte der Neuling 16 Millionen Kunden. Gut vier Jahre später sind es gut 25 Mal so viele: Nach eigenen Angaben haben 2020 knapp 411 Millionen Menschen Jio genutzt. Das Ergebnis eines sehr aggressiven Preiskampfes, sagt Rappold. "Ambani hat Telefonanrufe kostenfrei angeboten. Für die Daten hat er einen Spottpreis von umgerechnet 15 Cent für einen Gigabyte verlangt. Das hat davor 4,50 Dollar gekostet."

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Jio ist in Indien allgegenwärtig.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Der Milliardär hat seine Idee vom Ende her gedacht, erklärt der Tech-Experte das Prinzip. Er wollte möglichst schnell möglichst viele Kunden gewinnen, nicht Geld verdienen. Dabei konnte er sich als Mehrheitseigner des größten indischen Unternehmens auf eine zuverlässige Geldquelle verlassen. Die Unternehmensmutter Reliance hat einen Marktwert von etwa 180 Milliarden Dollar, das entspricht gut sechs Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts. Letztes Jahr hat der Konzern gut sechs Milliarden Dollar Gewinn netto eingefahren, die er in Jio investieren konnte.

Durchschnittsverbrauch? 12 GB im Monat

Der vielleicht entscheidende Vorteil aber war ein anderer: Jio hat keine Mobilfunk-Altlasten. Als alle anderen indischen Telekomunternehmen 2010 noch mittendrin waren, ihr vergleichsweise langsames 3G-Netz auszubauen, hat Ambani schon einen Schritt weiter gedacht. Er ließ im ganzen Land Türme für das viel schnellere und alltagstaugliche 4G-Netzwerk bauen und katapultierte Indien ins digitale Jahrhundert. Noch 2016 waren nur 17 Prozent der ländlichen Regionen ans Internet angeschlossen, der Zugang war langsam und teuer. Nur fünf Jahre später ist das halbe Land online: Indien hat derzeit knapp 735 Millionen Internetnutzer, von denen 97 Prozent ein mobiles Highspeed-Netzwerk nutzen und pro Person durchschnittlich etwa 12 Gigabyte Datenvolumen im Monat verbrauchen.

Aber der Preiskampf verlangt seinen Tribut, Jio hat trotz seiner 411 Millionen Nutzer vergleichsweise geringe Einnahmen. 3,1 Milliarden Dollar hat der Mobilfunkriese im letzten Quartal 2020 umgesetzt. Bei der Deutschen Telekom waren es im gleichen Zeitraum mit sehr viel weniger Kunden 27,6 Milliarden Euro, das sind umgerechnet mehr als 32 Milliarden Dollar.

Facebook, Google - alle wollen Jio

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Die Schulden, die Ambani für Jio aufgenommen hat, haben sich im vergangenen Jahr trotzdem in Luft aufgelöst. In den drei Monaten von April bis Juli 2020 haben nacheinander Facebook, Google, Intel, Qualcomm, der saudi-arabische Staatsfonds, der aus Abu Dhabi und noch ein paar andere Firmen insgesamt fast 20 Milliarden Dollar in Jio investiert, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Es war ein einzigartiger, so noch nie da gewesener Kaufrausch oder ein "Cherry Picking", wie es Börsen-Experte Rappold nennt. "Ambani hat vergangenes Jahr die Türen geöffnet, Jio zur Schau gestellt und gesagt: Wir sind die führende Mobilfunkplattform und können uns jetzt aussuchen, wen wir als Investoren dabei haben wollen. Der erste war Mark Zuckerberg mit Facebook. Ambani hat sich aber Partner reingeholt, die nicht nur Geld bringen, sondern dem Unternehmen auch strategisch weiterhelfen."

Wenige Tage, nachdem Facebook sechs Milliarden Dollar für zehn Prozent von Jio investiert hat, hat Mark Zuckerberg angekündigt, dass indische Whatsapp-Nutzer auf der Plattform bald Lebensmittel bestellen können. Oder sie bestellen gleich bei Jio Mart. Das ist der hauseigene Onlineshop, den es erst seit wenigen Monaten gibt und der sich noch in einer Test-Phase befindet, aber neue Kunden schon jetzt mit Rabatten von bis zu 50 Prozent auf Lebensmittel und Smartphones lockt. Eine bekannte Strategie, die Jio weitere Milliarden von ausländischen Investoren eingebracht hat.

Steigt auch Amazon ein?

Der reichste Mann Indiens verfolgt den klassischen Silicon-Valley-Plan: Jetzt, wo er eine riesige Plattform hat, kann er seine mehr als 400 Millionen Kunden zu Geld machen und um sie herum ein digitales Plattform-Imperium aufbauen. Unter dem Dach von "Jio Platforms" gibt es mit Jio Meet bereits einen Zoom-Klon genauso wie eine Alternative zu Spotify. Auf Jio Cinema können Kunden Filme gucken, auf Jio News Nachrichten lesen und auf Jio Chat Freunden Nachrichten schreiben. Auch einen Bezahldienst gibt es. Am Ende soll eine Super-App für alles entstehen, wie Thomas Rappold sagt. Wer in Indien an das Internet denkt, soll Jio vor Augen haben, erst dann Google, Facebook oder Whatsapp.

Die große Herausforderung auf dem Weg dorthin sind die übrigen eine Milliarde Inder, die bisher eine Alternative zu Jio nutzen. Ambani muss möglichst viele von ihnen von seinem Service überzeugen. Und es sind die 60 Millionen Kleinunternehmer, die es praktisch an jeder indischen Straßenecke gibt, die aber noch nicht ans Netz und damit an den Onlinehandel angeschlossen sind.

Mukesh Ambani will die indische Version von Amazon aufbauen, einen "Everything Store", in dem die Kunden alles kaufen und sich nebenbei mit ihren Freunden und Videos unterhalten können. Bisher geht sein Plan auf. Amazon selbst überlegt, 20 Milliarden Dollar in das Geschäft zu investieren.

Quelle: ntv.de

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