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Der ewige Sportwagen Porsche 911 (992) - breiter und schneller ums Eck

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Es ist die achte Auflage des Porsche 911. Aber auch jetzt ist er die ultimative Fahrmaschine.

(Foto: Holger Preiss)

Selbst wenn man kein Porsche-Fan ist, an einem 911 kommt man nicht vorbei. Da mag einem am neuen 992 so einiges nicht gefallen, aber der Sportwagen fährt auch in der achten Auflage in einer eigenen Liga. n-tv.de durfte schon mal testen.

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Auf dem Circuit Ricardo Tormo kann der 911 Carrera S all seine Vorzüge ausspielen, wie der Autor erleben durfte.

(Foto: Frank Ratering)

Motorrad-Fans wird der Circuit Ricardo Tormo 20 Kilometer vom spanischen Valencia etwas sagen. Genau dort wird alljährlich das letzte Rennen der MotoGP-Weltmeisterschaft ausgetragen. 14 Kurven und eine der längsten Start-Ziel-Geraden zeichnen den Rundkurs aus. Und obgleich der Circuit bis dato vor allem den Helden auf zwei Rädern diente, um sich ihre Meriten zu verdienen, hat man dort den neuen 911, den 992, zur Fahrpräsentation von der Leine gelassen. Und tatsächlich taugt der Kurs auch für das sportliche Vierrad im Format eines Carrera S.

Die Lust an der Kehre bleibt

Kurven sind im 911 ohnehin seit Anbeginn Lust statt Leid und das gilt auch für die Neuauflage. Mit Freude lässt der aufgeladene Sechszylinder-Boxermotor seine 450 Pferde frei und feuert auf Wunsch des Piloten mit Nachdruck seine 530 Newtonmeter auf die 21-Zöller am Heck des Carrera S. Während es also ab 2500 Kurbelwellenumdrehungen von hinten unbändig schiebt, krallen sich vorn die deutlich schmaleren Gummis der 20 Zoll großen Räder in den Asphalt. Aber selbst bei dieser Übung ist es schier unmöglich, die achte Auflage des Sportwagens zum Übersteuern zu bringen. Ein einziges Mal wurde der Zuffenhausener Sportwagen auf der Rennstrecke an der Hinterachse etwas leicht und verlor für eine Zehntelsekunde den festen Kontakt zur Fahrbahn, ließ sich aber genauso schnell wieder in die Spur bringen.

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Der Blick in den Rückspiegel zeigt nicht nur die dahinfliegenden Kurven, sondern auch die breiten Backen, die der 911 am Heck macht.

(Foto: Holger Preiss)

Nach wie vor ist die Lenkung im 911 eine Welt für sich. Ob Spitzkehre, ewig lange Links- oder zumachende Rechtskurve, der Zuffenhausener hält die Spur. Noch besser geht das natürlich im Carrera 4S, der über alle vier Räder angetrieben wird und dessen Vorderachsgetriebe jetzt eine wassergekühlte Einheit aus Kupplung und Differenzial hat. Ehrlicher ist und bleibt aber der Carrera S, bei dem man in jeder Kehre die Lenkung bejubeln möchte, deren Regler so feinsinnig abgestimmt sind. Zu gut entwickelt ist der Algorithmus, der jetzt auch Trockenheit, Nässe oder Schnee berücksichtigt. Aber das neutrale Fahrverhalten ist auch der verbreiterten Spur an Vorder- und Hinterachse geschuldet. In dieser Kombination kann gerade am Heck noch mehr Seitenführung aufgebaut und so die Traktion deutlich verbessert werden. Zudem sorgt die Mischbezollung für eine erheblich bessere Balance des Fahrzeugs.

Schneller mit der "Blitzschaltung"

Kurz gesagt: Selbst wenn der Pilot am Kurvenausgang das Gaspedal ins Blech prügelt, bevor die Vorderräder gerade gestellt sind, zieht sich der 992 nach einem kurzen Rucken wieder in die Spur. Das alles geschieht ohne Verzögerungen beim Schalten, denn das neu entwickelte Achtgang-PDK legt die Gänge noch schneller ein als sein siebenstufiger Vorgänger. Porsche nennt dieses Power Shifting nicht zu Unrecht "Blitzschaltung". Die kommt vor allem bei hohen Drehzahlen und unter Last zum Einsatz. Technisch wird die Geschwindigkeit des hydraulisch gesteuerten Kupplungswechsels mit einem zusätzlichen Befüllungs-Bypass erreicht.

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Die Gier nach Kurven überträgt sich im 911 Carrera S auf den Fahrer.

(Foto: Rossen Gargolov)

Doch wo das Öl herkommt und wo es hinläuft, interessiert den Porsche-Fahrer wenig, wenn er auf der Jagd nach neuen Bestzeiten ist. Und die dürfte er ohne Weiteres erreichen. Auf der Nordschleife pulverisierte der 992 die Zeit seines Vorgängers mit 7:25 Minuten immerhin um 5 Sekunden. Und weil wir gerade bei den Zahlen sind, hier was für die Statistik: In 3,7 Sekunden geht es mit dem Carrera S aus dem Stand auf Landstraßentempo, in 12,1 Sekunden ist die 200 gefallen und das Vmax gibt Porsche mit 308 km/h an.

20 Sekunden "Fliegender Holländer"

Für den brachial schnellen Vortrieb sorgt wie beim Vorgänger auf Wunsch das Sport-Chrono-Paket. Über den neu gestalteten Sport Response Button werden wie gehabt die Fahrmodi angewählt. Normal, Wet, Sport, Sport Plus und Individuell heißen sie und müssen nicht weiter erklärt werden. Wichtiger ist da schon der separat schaltbare Modus PSM Sport. Er versetzt das Stabilisierungssystem in einen besonders dynamischen Zustand. Der ambitionierte Fahrer kann sich so in einem extrem sportlichen, aber immer noch weitgehend abgesicherten Bereich an den weit nach hinten gerückten Grenzbereich heranwagen.

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Das Innenleben im neuen 911 ist nicht in allen Details funktional, aber optisch sehr gelungen.

(Foto: Rossen Gargolov)

Zudem bietet der Sport Respons Button - und dieses Feature kommt natürlich aus dem Rennsport - die Möglichkeit, das Ansprechverhalten von Motor und Getriebe für 20 Sekunden auf maximale Performance zu schalten. Für diesen Zeitraum stehen wirklich alle Zeichen auf Sturm und der 911 gibt den "Fliegenden Holländer". Mit äußerstem Nachdruck schiebt er jetzt an, zwingt den Piloten in die neuen Sportsitze, die in den Seitenwangen vielleicht einige Millimeter zu eng geraten sind. Hier muss man sich selbst als normal gewachsener Fahrer etwas hineindrücken, um in den Polstern und nicht darauf zu liegen, um so den Schlag ins Kreuz beim Überschalten des PDK wirklich genießen zu können. Aber das können die Schwaben - ein Fahrvergnügen vermitteln, das seinesgleichen sucht.

Reiserasierer und Tuben-Überdeckung

Allerdings sind nicht alle Neuerungen zu bejubeln. Der neue Sechszylinder wird durch eine nahezu komplett neue Saugstrecke zwangsbeatmet. Zwei spiegelbildlich aufgebaute Turbolader lösen die bisherigen Gleichteile ab. Und auch wenn sie nicht lange brauchen, bis sie mit voller Kraft in gegenläufige Richtungen drehen, ist abseits des Punches durch den Sport Response Button eine minimale Verzögerung festzustellen. Auch beim Sound muss der 911-Fan jetzt Abstriche machen. Schluss ist mit dem dumpfen, kehligen Sound. Das, was jetzt aus der Sportauspuffanlage tönt, ist eher einem Tenor denn einem Bariton zuzuordnen. Dabei bleibt der Klang weit vom Schreien eines Ferrari oder dem unanständigen Brüllen eines Maserati entfernt. Wirkt aber für die Insassen nicht immer anstrengungsfrei, gerade dann, wenn die Drehzahlen bei der Kurvenhatz auf der Landstraße durch die Elektronik hochgehalten werden, weil der nächste Gasstoß unmittelbar bevorsteht.

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Nicht jeder wird vom Gangwahlhebel im Format eines Reiserasierers im neuen 911 begeistert sein.

(Foto: Rossen Gargolov)

Aber nicht nur der Klang könnte bei den echten Fans ein wenig Wehmut auslösen - auch beim Blick auf den wie ein Reiserasierer anmutenden Gangwahlhebel oder die schicke Instrumententafel könnten Fragen aufkommen. Zum Beispiel die, warum rechts und links ein Stück fehlt. Wie das sein kann? Nun, bei der Innengestaltung haben sich die Designer ebenso wie beim Äußeren von der ersten Elfer-Generation inspirieren lassen. Während beim 991 die Linienführung noch diagonal war, ist sie jetzt wieder horizontal. Das macht was her und sieht richtig fesch aus. Auch die Fünf-Tuben-Optik der Instrumententafel wurde neu entdeckt. Während der Drehzahlmesser weiterhin analog ist, geben die anderen frei belegbaren Rundinstrumente ihre Infos digital an den Fahrer weiter. Schön ist auch, dass sich der TFT an den beiden äußeren Seiten jeweils dem Piloten zuneigt. Blöd nur, dass die beiden äußeren Tuben zu Teilen vom Lenkradkranz überdeckt werden.

Wenn es mal nass wird

Na gut, wer sagte schon, dass in einem Sportwagen die Form der Funktion folgt. Zumal die Digitalisierung eben dafür sorgt, dass man die für den Piloten relevanten Informationen auch in den sichtbaren Bereich packen kann. Oberhalb der Mittelkonsole ist der neue 10,9 Zoll große PCM-Touchscreen eingearbeitet. Darunter befindet sich eine Schaltereinheit mit fünf Tasten, die direkten Zugriff auf wichtige Fahrzeugfunktionen ermöglichen. Zwei der Tasten sind allerdings frei zu belegen. Wer will, kann hier die Klappen der Auspuffanlage öffnen und schließen oder den Wet-Mode aktivieren. Und weil er nun schon zweimal erwähnt wurde, soll er auch noch erklärt werden.

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Kleines Gimmick: Es sind genau neun Lamellen bis zur dritten Bremsleuchte, die als doppelte Eins strahlt.

(Foto: Holger Preiss)

Das System kann kurz gesagt Fahrbahnnässe über akustische Sensoren in den Radhäusern erkennen. Wird über das Spritzwasser eine nasse Fahrbahn erkannt, passt das System das Stabilitätsmanagement, die Traktionskontrolle, die Aerodynamik, das Torque Vectoring im Carrera 4S und das Ansprechverhalten des Antriebs diesen Verhältnissen an. Der Fahrer wird unterdessen darüber informiert und gebeten, den Wet Mode zu aktivieren. Jetzt geht der Heckspoiler ab 90 km/h auf maximalen Abtrieb, die Kühlluftklappen öffnen, die Gaspedal-Kennlinie wird flacher, das ESP, das bei Porsche PSM heißt oder Sport Modus, kann nicht mehr aktiviert werden. In Summe wird also alles, was den 911-Fahrer aus der nassen Bahn werfen könnte, auf null gestellt oder runtergerechnet. Eine feine Erfindung der Zuffenhausener Ingenieure, die den ohnehin extrem fahrstabilen Porsche noch sicherer macht.

Am Ende soll eine letzte Frage geklärt werden, die bei einem Anschaffungspreis von mindestens 120.125 Euro für den 911-Fahrer wahrscheinlich nicht die erste Geige spielen dürfte: die nach dem Verbrauch. Im Datenblatt sind im Drittelmix 8,9 Liter vermerkt. Auf den bergigen und kurvigen Landstraßen um den Cicuit waren es im Schnitt knapp 14 Liter. Wer den Leistungsabruf auf dem Rundkurs sucht, liegt bei 22 Litern. Aber das geht in Ordnung. Der 911 ist eben auch in seiner achten Auflage eine Fahrmaschine, die sich wieder als der wohl "beste Sportwagen der Welt" feiern kann. Denn es gibt so Sachen, da sind die Schwaben einfach unschlagbar, selbst wenn an der einen oder anderen Stelle rumgekrittelt wird.

Quelle: n-tv.de

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