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Mercedes-AMG GT Black Series Schwarzes Track-Monster in Orange

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In Orange sieht der Mercedes-AMG GT Black Series so freundlich aus, aber das Monster hat es in sich.

(Foto: Daniel Maurer)

Sportwagen gibt es viele, aber nur wenige lassen sich so kompromisslos über die Rennstrecke fahren wie die neue Mercedes-AMG GT Black Series. Der Supersportwagen hat nicht nur Leistung ohne Ende, er ist auch so gebaut, dass jedes Detail in die Rundenzeit einfließt.

Als Beginn der Black-Series-Modelle sieht Mercedes das Jahr 2006. Seit jener Zeit schraubt AMG hier Modelle zusammen, die kompromisslos sportlich sind, durch ihr außergewöhnliches Design auffallen und sich im Laufe der Zeit zu exklusiven automobilen Raritäten entwickeln. Das alles gilt natürlich auch für den letzten Aufschlag, den Mercedes-AMG GT Black Series. Er ist, und wie könnte es auch anders sein, der stärkste Mercedes-AMG mit einem V8-Serienmotor, der je gebaut wurde.

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Mit 730 PS und 800 Newtonmetern Drehmoment ist der Mercedes-AMG GT die absolute Leistungsspitze.

(Foto: André Tillmann)

Insofern ergibt es auch gar keinen Sinn, hier eine Parallele zum SLK 55 AMG Black Series aus dem Jahr 2006 ziehen zu wollen. Ja, auch der fuhr seinerzeit mit einem V8, der seine Kraft von 400 PS aus 5,5 Litern Hubraum schöpfte und immerhin 520 Newtonmeter maximales Drehmoment generierte. Aber allein die nunmehr aufgerufenen Leistungswerte pulverisieren diese Anfang des 21. Jahrhunderts geradezu tollkühnen Werte. Denn im Jahr 2020 fährt die Schwarze Serie nicht nur in einem feurigen Orange, sondern schöpft aus einem 4,0-Liter-V8-Biturbomotor mal locker 730 PS und stellt ein maximales Drehmoment von 800 Newtonmetern zur Verfügung.

Etwas Demut bitte

Mit diesen Werten im Hinterkopf lässt der Autor sich schon mit etwas Demut in die tief geschalten Sportsitze aus Carbon rutschen und legt den Vierpunktgurt an. Als Erstes schweift der Blick über die Kombiinstrumente, deren Anzeige sich von "Klassisch" über "Sportlich" bis "Supersportlich" einstellen lässt. Letztere scheint die für die Rennstrecke angemessen und entspricht auch dem Sound, der aus der Abgasanlage tönt, wenn der Fahrmodischalter am Lenkrad auf Sport Plus oder gar Race gedreht wird. Kurz noch die Steuerung für die Getriebelogik, das Fahrwerk, ESP und Heckflügel-Flap gecheckt und schon geht sie ab, die Luzie.

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Der Mercedes-AMG GT Black Series lässt viel zu, aber ein wenig sollte man sich mit dem Auto vor dem Start beschäftigen.

(Foto: Daniel Maurer)

Der Lausitzring hat sich über die Jahre verändert. Die Strecke ist auf eine nicht zu erklärende Art und Weise vor allem auf der langen Start-Ziel-Geraden wellig geworden, was es erforderlich macht, den Rennreifen in der weichen Mischung etwas Zeit zum Aufwärmen zu geben. Aber wenn die Grip haben, kann die Rakete starten. Und das ist ganz wörtlich gemeint, denn diese Fahrmaschine schiebt die 1540 Kilogramm Kampfgewicht geradezu mit einer Urgewalt an. Lächerliche 3,2 Sekunden braucht es aus dem Stand auf Tempo 100, weniger als neun Sekunden, um die 200 km/h-Marke hinter sich zu lassen und das Ende der Fahnenstange ist bei Tempo 325 erreicht.

Der Blick wird enger

Für den, der so über die Rennstrecke fliegt, verengt sich der Blick, die Arbeit zwischen Gas und Bremse verselbständigt sich genau wie die Bewegungen am Lenkrad, um den Boliden am Ende der Geraden, hart eingebremst mit leichterem Heck, um die spitze Linkskurve zu zwingen und die darauf folgende Schikane mit maximaler Geschwindigkeit zu durchlaufen. Dass es dabei auch über die Curbs geht, ist klar. Dessen gewahr, hat AMG die Fahrzeughöhe so ausgelegt, das genau das für alle populären Rennstrecken in Deutschland einberechnet ist. Also kein Kratzen am Unterboden und ab in die kurze Rechtskurve, dann erneut scharf links, um nur Zentimeter an der Betonwand vorbeizuschießen und auf der nächsten Gerade teuflisch zu beschleunigen, um beim Flug über die Zielgerade eine 1:38,48 auf der Uhr zu haben. Genauso lange dauert es, die knapp 4,5 Kilometer zu umrunden.


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Kurzer Austausch mit dem Profi für eine schnellere Runde.

(Foto: Daniel Maurer )

Nun wäre es vermessen, zu behaupten, einzig fahrerisches Können ermöglicht derart schnelle Rundenzeiten. Dem ist nicht so. In Affalterbach hat man dieser Black Series so viel dafür an die Hand gegeben, dass man nach der Aufzählung glauben möchte, der Wagen hätte die Strecke ganz allein bewältigt. Allein der Umstand, dass der GT sich so gezielt durch die Kurven pfeilen lässt, ist nicht zuletzt der ausgeklügelten Aerodynamik geschuldet, die sich stark an die der GT3- und GT4-Rennfahrzeuge anlehnt. So optimieren sichelförmige Flics den Luftstrom an der Front. Dabei sorgen sie nicht nur für mehr Abtrieb an der Vorderachse, sondern verbessern auch die Kühlung der Bremsen.

Mit Venturi-Effekt

Hinzu kommt ein Frontsplitter aus Sicht-Carbon, der sich manuell in zwei Stufen einstellen lässt: Street und Race. Klar, welche für den Lausitzring gewählt wurde. In der Stellung Race bildet sich unterhalb des Vorderwagens ein Frontdiffusor aus. Abhängig von der Fahrgeschwindigkeit senkt sich der durch den steigenden Unterdruck ab und sorgt so für den sogenannten Venturi-Effekt, der den Wagen förmlich an die Fahrbahn saugt. Und genau das ist es dann auch, was den Black Series bei extrem hoher Querbeschleunigung so agil macht und für eine sehr klare und deutliche Rückmeldung über die Lenkung sorgt.

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Die Aerodynamik spielt beim Mercedes-AMG GT eine enorm wichtige Rolle. Das Abtriebsniveau beträgt deutlich über 400 Kilogramm.

(Foto: André Tillmann)

Aber wenn wir schon über die Aerodynamik und den Anpressdruck reden, dann darf das neue zweietagige Heckflügelkonzept nicht ausgespart werden. Während der untere Teil des Flügels fest steht, ist der darüber liegende Flap beweglich. Er wird je nach Fahrsituation elektronisch angesteuert und hat somit einen deutlichen Einfluss auf die Längs- und Querdynamik des GT. Last but not least haben die Ingenieure auch noch den Unterboden nahezu vollständig verkleidet. Längsfinnen sorgen hier für eine optimale Anströmung des Heckdiffusors. In Summe erzeugen die genannten Aerodynamik-Maßnahmen bei 250 km/h ein Abtriebsniveau von deutlich über 400 Kilogramm. Und genau das ist der Druck, den es braucht, um die Black Series fliegen zu lassen.

Nun mag der Leser denken: Was kann ich denn bei dem Auto noch allein machen? Fast alles. Nichts an diesem Geschoss ist in Stein gemeißelt. Wer will, kann natürlich das modifizierte Speedshift-Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe lahmlegen und über die mächtigen Schaltwippen selber die Gänge einlegen, er kann den Sturz an Vorder- und Hinterrad manuell einstellen und über die AMG Traction Control lässt sich der Schlupf an der angetriebenen Hinterachse in neun Stufen vorwählen. Natürlich geht das Ganze auch ohne ESP-Bremseingriff. Allerdings sollte, wer das macht, sich gut überlegen, wie großzügig die Auslaufzonen auf dem Track gestaltet sind. Sonst hat man unter Umständen ganz schnell die Grenzen der Physik erreicht und dann heißt es nur noch Impuls- und Energieaustausch, was meist mit einer unschönen Verformung der Karosserie endet.

Es geht auch ohne Track Pack

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Die Schalensitze aus Carbon, die 4-Punkt-Gurte und der Überrollbügel gehören zum optionalen Track Pack der Black Series.

(Foto: André Tillmann)

Wer die Black Series jetzt nicht zwingend auf die Rennstrecke zwingen möchte, sondern sich aufgrund der Optik und des Endrohr-Sounds lieber durch Fußgängerpassagen schleicht oder auf Landstraßen sein Heil sucht, der benötigt das im Testwagen verbaute "Track Package" mit aus Titanrohrkäfig gefertigtem Überrollschutz, 4-Punkt-Sicherheitsgurt für den Fahrer und die Schalensitze aus Carbon natürlich nicht zwingend. Denn das macht den mit 335.240 Euro ordentlich eingepreisten Supersportler nicht billiger. Aber was sagt schon dieser Preis über den wahren Wert eines solchen Wagens aus? Nichts. Denn nicht nur, dass es das letzte Projekt vom inzwischen zu Aston Martin gewechselten AMG-Chef Tobias Moers ist, es könnte auch das letzte Projekt dieser Art aus Affalterbach sein.

Nicht dass es keine Black Series mehr geben wird, aber eben nicht so. Nicht mit einem brachial voranstürmenden V8 und diesem unbändigen Motorensound, wie ihn eben nur AMG mit seinen Supersportwagen kann. Das, was in Zukunft kommt, wird sicher nicht weniger Kraft haben, nicht weniger schnell und geschmeidig über den Rundkurs fliegen. Aber es wird sicher mit Strom zu tun haben. Ob das die Fans elektrisiert, wie es augenscheinlich ein Porsche Taycan kann, wird sich zeigen. Denn zwischen dessen Einsatzgebiet und der Rennstreckenperformance eines AMG T Black Series liegen dann doch noch Welten.

Quelle: ntv.de