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Dr. Motte startet Initiative Neue Techno-Parade in Berlin?

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Er möchte den Techno-Umzug nach Berlin zurückbringen: Dr. Motte.

(Foto: dpa)

Nun also wirklich: Loveparade-Gründer Dr. Motte möchte einen neuen Techno-Umzug in Berlin auf die Beine stellen, eingebettet in eine Initiative namens "Rave The Planet". Finanziert werden soll er durch Spenden. Bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob es dafür genügend Unterstützung gibt.

"I can't stop raving", hieß es einmal in einem Song des deutschen Dance-Projekts Dune. Und die Zeile scheint auch mehr als 20 Jahre später nichts an Aktualität eingebüßt zu haben. Wer glaubt, die Rave-Bewegung, ihre Paraden und "Friede, Freude, Eierkuchen", wie das Motto des allerersten Berliner Techno-Umzugs 1989 lautete, seien mit der Loveparade-Tragödie von Duisburg vor zehn Jahren endgültig zu Grabe getragen worden, sieht sich getäuscht.

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In der "Mall of Berlin" steht ein Modell der Gegend rund um die Siegessäule.

(Foto: Marcus Wichert / Rave the Planet)

Die Sehnsucht nach einer Neuauflage des Events für die feierwütigen Freunde elektronischer Musik ist nie ganz abgeebbt. Die Sehnsucht nach den durch die Massen pflügenden Floats, nach den wummernden Bässen und nach der Freikörper-Tanzkultur unter ebenso freiem Himmel. Stellten sich nur die Fragen: Wer soll es machen? Wie soll man das finanzieren? Und wo soll es sein?

"Frei und glücklich im Tanz"

Kein Geringerer als Dr. Motte alias Matthias Roeingh, wie der DJ und einstige Erfinder der Loveparade mit bürgerlichem Namen heißt, gibt der nach einer neuen Parade dürstenden Partymeute nun neue Hoffnung. Nicht ganz allein, denn er hat sich auch noch ein paar Mitstreiter gesucht. Mit ihnen stellte er am Montag im Einkaufstempel "Mall of Berlin", auf dem Areal, wo einst der legendäre Techno-Keller Tresor sein Zuhause hatte, eine neue Initiative vor. "Rave the Planet" heißt sie - der Name "Loveparade" schließlich ist verbrannt. Rechtlich firmiert sie als gGmbH, denn Roeingh und Co. streben die Gemeinnützigkeit an.

"Hier lebt der Spirit weiter", sagt Dr. Motte in seinem Eingangsstatement mit Blick auf den geschichtsträchtigen Ort. Und er fährt fort mit einem Hohelied auf das, was sich vor 30 Jahren und danach in Clubs wie dem Tresor und an vielen anderen Orten landauf, landab abspielte. "Das hat für immer unser Leben verändert", sagt er. "Das ist unsere Kultur geworden." Drei Jahrzehnte später sei das noch immer nicht anders - "wir werden frei und glücklich im Tanz".

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Noch stehen hier lediglich ein paar vereinzelte Mini-Raver.

(Foto: Marcus Wichert / Rave the Planet)

Roeingh übt Kritik an Clubschließungen, geldgierigen Investoren und Bürokomplexen, denen Party-Locations zusehends weichen müssten. Und das, obwohl die Clubs allein in Berlin jährlich für Umsätze von 1,5 Milliarden Euro sorgten. Es sei deshalb dringend an der Zeit, dies anzuerkennen und nach Lösungen im Sinne der Rave-Kultur zu suchen.

Feiertag und Kulturerbe?

Eine potenzielle Lösung bietet er mit dem von ihm vorgestellten Projekt gleich mal an. Die Inangriffnahme einer neuen Parade ist dabei nur die Spitze des Eisbergs, auf den Dr. Motte und seine Mitinitiatoren hinauf tänzeln wollen. Zugleich wollen sie beantragen, dass "die elektronische Tanzmusikkultur" als "immaterielles Kulturerbe unter den Schutz der Unesco gestellt" wird. Und das ist noch nicht alles: "Ein offiziell anerkannter Feiertag der elektronischen Tanzmusikkultur soll initiiert und etabliert werden." Er böte sich dann freilich auch als der Tag an, an dem als "jährlicher Festakt" die neue Parade über die Bühne ginge.

Klingt ein bisschen spinnert und hochgegriffen? Das ist es auch, Dr. Mottes Erklärung, was die Raver eigentlich von anderen, mitunter viel älteren Musikkulturen wie etwa Reggae, Punk oder Metal abhebt, zum Trotz. "Unsere Kultur besteht ja hauptsächlich aus einer Tanzkultur. Unsere Zeremonienmeister sind die DJs. Und die Clubs sind unsere Freiräume, in denen wir uns dann freitanzen", sagt Dr. Motte im Gespräch mit ntv.de und ergänzt: "Das ist ein bisschen anders, als zum Beispiel auf ein Konzert zu gehen. Wir verstehen uns eigentlich alle als Teilhaber dieser Kultur."

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So sah es in den 90ern bei der Loveparade in Berlin aus.

(Foto: imago images / Seeliger)

Mancher Dancehall-Jünger, Pogotänzer oder Headbanger wird ob dieser Unterscheidung wahrscheinlich mit dem Kopf schütteln - nicht als Tanz-Move, sondern aus Verwunderung. Aber das ist nur eine Spitzfindigkeit. Fakt ist: Die Chancen, dass es bald wieder eine Techno-Parade in Berlin gibt, stehen nicht allzu schlecht. Denn die "Rave the Planet"-Macher haben sich ein ebenso charmantes wie gewieftes Prozedere überlegt, wie sie das Geld für das Ereignis ohne öffentliche Mittel und die Hilfe von Werbepartnern eintreiben könnten. "Fundraving" haben sie es passend getauft - und tatsächlich basiert es auf den Prinzipien von Spenden und Fundraising.

1,5 Millionen Unterstützer gesucht

Mitten in der "Mall of Berlin" steht dafür ein Modell der Gegend rund um die Siegessäule, das Brandenburger Tor und die Straße des 17. Juni. In dem Einkaufszentrum, aber auch online können Unterstützer des Vorhabens für einen Mindestbetrag von 5 Euro Miniatur-Raver oder auch anderes Inventar wie Bäume oder Floats erwerben, um das Modell damit nach und nach zu füllen. Dr. Motte hat überschlagen: Rund 1,5 Millionen Unterstützer würden ausreichen, um die Durchführung der Parade zu finanzieren.

"Ich glaube, dass es eine ganze Menge Menschen gibt, die sich daran beteiligen wollen, weil sie es gut fänden, wenn es wieder eine neue Parade in Berlin gibt", sagt Dr. Motte zu ntv.de. Und tatsächlich scheint das angestrebte Ziel durchaus realistisch und nicht vollkommen aus der Luft gegriffen zu sein. "Aber wie schnell das geht, das weiß ich nicht", schränkt der mittlerweile 60-Jährige ein.

Vorstellbar wäre es für "Rave the Planet" allerdings wohl, schon 2020 wieder die Feier-Massen in den Tiergarten zu laden. Dass der Umzug nur hier, wo viele Jahre auch die Loveparade entlang zog, stattfinden könnte, daran lässt Roeingh keinen Zweifel. "Eine Demonstration kann man in Deutschland nicht verbieten. Das ist ein Grundrecht", gibt er sich, auf einstige Proteste von Anwohnern und Umweltschützern gegen die Loveparade angesprochen, trotzig. "Es gibt gelernte Erfahrungen in Berlin, durch die Paraden, die wir hier seit über 30 Jahren machen", erklärt er. Genau deshalb fänden ja auch andere Großveranstaltungen immer wieder im Tiergarten statt. "Das ist der beste Ort - mitten in Berlin, mit ganz vielen Menschen. Das hat sich bei der Fanmeile ebenso gezeigt wie beim Christopher Street Day und den früheren Paraden."

Vielleicht gelänge es "Rave the Planet" nach der schleichenden Entpolitisierung, die die Loveparade einst durchlebte, ja auch, wieder den Brückenschlag zwischen Feiervolk und neuen Bewegungen wie "Fridays for Future" zu schlagen. Für Dr. Motte jedenfalls steht fest: "Alles hängt zusammen. Deswegen ist mein Motto: 'Save the planet - rave the planet.'" Nun ist es an den potenziellen Spendern, die "große Frage", die der DJ und seine Mitstreiter "der Welt" stellen, zu beantworten: "Wollt ihr die neue Parade?"

Quelle: ntv.de