Bücher

Lesestoff für den Lockdown Von Scham, Fernweh und Kurven

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Mit Büchern schafft man den Lockdown bis zum Frühjahr.

(Foto: dpa)

Womit sich im Lockdown die Freizeit vertreiben? Die Cafés sind geschlossen, Kino oder Theater fällt auch flach. Spazierengehen im Park wäre eine Idee, aber das Wetter ist irgendwie zu schmuddelig. Gut, dass es noch eine weitere Möglichkeit gibt: Lesen. Wie wär's zum Beispiel mit einem Buch über eine Idiotin? Oder über einen abgehalfterten Gigolo?

Die mysteriöse Dienstagsfrau

Bonamente ist ein gefragter Pornostar. Doch dann erleidet er mit 41 Jahren einen Schlaganfall. Die Folge: keine Potenzmittel mehr, kein garantiertes Stehvermögen, kein Pornodreh - Ende der Karriere. Auch seine Qualitäten als Gigolo nimmt inzwischen nur noch eine Kundin in Anspruch. Er weiß nichts über sie, nicht einmal, wie sie heißt. Aber seit neun Jahren kommt sie jeden Dienstag zwischen 15 und 16 Uhr für einen Stunde Sex in die Pension "Lisboa", in der Bonamente als einziger Gast wohnt. Inhaber des "Lisboa" ist Signor Alfredo, ein Transvestit, der sich vor den spießbürgerlichen Blicken der Nachbarn versteckt und nur im Schutz seiner Pension Frauenkleider trägt, Perücken anzieht und sich schminkt.

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Die Frau am Dienstag (Transfer Bibliothek)
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In "Die Frau am Dienstag" erzählt der italienische Autor Massimo Carlotto von drei verletzlichen, einsamen Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind und eigentlich nur ihre Ruhe haben möchten. Doch dann führt eine unglückliche Verkettung von Ereignissen dazu, dass sich der Spot von Polizei, Medien und Öffentlichkeit auf die Dienstagsfrau und ihre mysteriöse Vergangenheit richtet, die sie zeitweise im Gefängnis verbracht hat.

Wie sich Knast anfühlt, das weiß Carlotto. Der heute 64-Jährige war Angeklagter in einem der aufsehenerregendsten Fälle der italienischen Justizgeschichte. 1976 hatte er eine getötete junge Frau aufgefunden und war unter Mordverdacht geraten. Ihm wurden elf Prozesse gemacht, sechs Jahre saß er in Haft und war weitere fünf auf der Flucht. 1995, zwei Jahre nach seiner Begnadigung, veröffentlichte er sein erstes Buch und startete als Schriftsteller durch. Seine Spezialität sind Kriminalromanen, auch "Die Frau am Dienstag" fällt in diese Kategorie, ist aber gleichzeitig Liebesgeschichte, und neben melancholischen gibt es ziemlich schräge, komödiantische Passagen. Aber die gesellschaftskritische Botschaft des Romans ist ernst. Carlotto beschreibt, wie Vermutungen in der öffentlichen Wahrnehmung zu Wahrheiten werden können, fragt, wie wir eigentlich über Menschen urteilen, und zeigt, dass im Leben selten alles nur schwarz-weiß ist. (kse)

Als der Vater die Mutter töten wollte

"An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen". Der Streit hatte schon das ganze Mittagessen über angedauert. Plötzlich packte der Vater die Mutter, zerrte sie in die Vorratskammer und riss das Beil aus dem Klotz, die damals fast 12 Jahre alte Annie Ernaux schrie um Hilfe. "Ab hier erinnere ich mich nur noch an Tränen und Geschrei." Kurz darauf machten die drei eine Radtour aufs Land, als sei nichts geschehen, am Abend öffneten die Eltern wie immer die Kneipe. "Wir haben nie wieder über den Vorfall gesprochen."

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Die Scham (Bibliothek Suhrkamp)
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45 Jahre später aber schreibt Ernaux über diesen 15. Juni 1952, der ihre Kindheit in ein Davor und ein Danach teilt. Vor allem ein Gefühl kristallisiert sich im Danach als lebensbestimmend heraus: Scham, so auch der Titel des jüngst von Sonja Fink für Suhrkamp ins Deutsche übersetzten Buches. Für die kleine Annie wurde es normal, sich für alles zu schämen: "Das Pissoir im Hof, das gemeinsame Schlafzimmer - ich schlief mit meinen Eltern in einem Zimmer, aus Platzmangel und weil das in unserem Milieu so üblich war -, die Ohrfeigen und Schimpfwörter meiner Mutter, die betrunkenen Gäste und die Familien, die bei uns anschreiben ließen."

Ernaux seziert kühl und präzise als "Ethnologin meiner selbst" all das, was damals ihre Welt ausmachte, was sie dachte, sagte, empfand. Und beim Blick zurück tritt auch die Zerrissenheit der Eltern zwischen dem Wunsch nach sozialem Aufstieg und dem Rückfall in alte Muster offen zutage. "Scham" ist ein weiteres, sehr lesenswertes Puzzlestück im autofiktionalen Werk der französischen Autorin Ernaux, mit dem sie wie zum Beispiel in ihrem Vaterporträt "Der Platz" das Thema der sozialen Herkunft umkreist. (kse)

Diese komplizierten Gefühle

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Die Idiotin: Roman
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Was sollte das eigentlich heißen? "Like the Deserts miss the Rain"? Wüsten, die Regen vermissen? Wer sich das in den 1990ern auch gefragt hat, ist schon einmal prädestiniert für das Buch "Die Idiotin" von Elif Batuman. Alle anderen können sich beim Lesen an die guten, alten Zeiten in der Schule oder Universität erinnern. Damals, als man ständig nicht nur neue Themen, sondern auch neue Menschen kennenlernte, sodass man sorglos auswählen konnte, was oder wer einen interessiert. Batumans "Idiotin" Selin ist von diesen Möglichkeiten geradezu überwältigt, als sie, Tochter türkischer Immigranten, 1995 zum Studium nach Harvard kommt. Zwischen Albert-Einstein-Postern und von der Mitbewohnerin geklauten Süßigkeiten versucht sich Selin in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Und diese E-Mails zu deuten, die ihr Ivan, ein ungarischer Mathestudent, schickt.

Beim Hin- und Her der beiden wird sich manch einer vielleicht auch wieder daran erinnern, was man an dieser Zeit, diesem Lebensabschnitt, nicht vermisst: Dieses Andeuten von Gefühlen auf der Meta-Ebene, was wiederum zu Antworten auf der Meta-meta-Ebene führt, was schließlich bei den Deutungsversuchen zur Verzweiflung führt. Warum sich Selin nach der Hälfte des Buches plötzlich in Ungarn wiederfindet, kann man sich mühsam mit dieser verdrehten Verliebtheit erklären. Oder man liest bei Wikipedia nach, dass Batuman selber Mitte der 1990er-Jahre in Harvard studiert und im Sommer 1996 tatsächlich in Ungarn Englisch unterrichtet hat. Und schon versteht man wieder alles. Fast auch das mit den Wüsten und dem Regen. (sla)

Das ist nicht nur ein Berg ...

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Der kahle Berg: Auf und über den Mont Ventoux
19,80 €
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Der Mont Ventoux ist für viele Rennradfahrer das Nonplusultra. In seinem Top-50-Ranking der legendärsten Radsport-Pässe hat ihn das Magazin "Procycling" zum "König der Anstiege" gekürt. Selbiges widerfuhr dem nackten Riesen der Provence bei einer Leserwahl des Portals "radsport-news.com". Auch in den Niederlanden genießt der Ventoux hohes Ansehen. Den Beweis dafür liefert das bereits 2002 erschienene Buch "Der kahle Berg - Auf und über den Mont Ventoux" von Lex Reurings und Willem Janssen.

Seit diesem Sommer ist dieser laufend aktualisierte Dauerbrenner auch in deutscher Übersetzung erhältlich und bei Covadonga erschienen. Die 336 Seiten und drei ausführlichen Fotostrecken machen die Faszination des Ventoux erlebbar, egal ob man nun Rennradler oder Frankreich-Liebhaber ist. "Der kahle Berg" ist ein Fernwehbuch für alle die, die die nächste "Tour de France" nicht abwarten können, in der der Ventoux eine Schlüsselrolle eingeräumt wurde; und all jene, die etwas über die Entstehung des Mythos erfahren wollen, über das Wetter, die Region, die dort lebenden Menschen. (bad)

Kette rechts!

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Ride Inside: Trainingshandbuch Indoorcycling
17,80 €
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Wem die Zeit bis zur nächsten Rennrad-Ausfahrt dennoch zu lang werden sollte, kann sich mit "Ride Inside" Tipps holen, wie man auch nach der Plätzchen-reichen Weihnachtszeit die gute Herbstform nicht verliert, sondern sie sogar deutlich verbessern kann. Denn bei dem Werk von Joe Friel und Jim Rutberg handelt es sich um ein Trainingshandbuch fürs Indoorcycling - ein Bereich, an dem sich die Radsportgeister scheiden. Für die einen ein absolutes "No-Go", für die anderen die perfekte Schlechtwetter-Überbrückung oder Frühjahrsvorbereitung bereits im Winter.

Auf 224 Seiten vereint "Ride Inside" das Know-how von Trainingsbibel-Autor Friel und Indoorcycling-Experte Rutberg, um alle Aspekte dieser besonderen Form des Radtrainings abzudecken. Es geht um Motivation und Spaß am Training. Aber auch die Auswirkungen auf die Körperhaltung und Tritttechnik sowie die sinnvolle Anpassung von Leistungsvorgaben oder Wattzahlen werden beleuchtet. Selbst Themen wie Atmung, Flüssigkeitszufuhr und Kühlung spielen eine Rolle. Da können die Neujahrsvorsätze kommen, nur den inneren Schweinehund muss man höchstselbst überwinden! (bad)

Kurviges Süddeutschland

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CURVES Deutschland / Germany: Band 13: Baden-Württemberg / Bayern
15,00 €
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Schafft man das aber und nimmt sich "Ride Inside" zu Herzen, hat man die perfekte Form für das neue "Curves"-Magazin (Delius Klasing). Für die mittlerweile 13. Ausgabe hat Fotograf, Autor und Porsche-Fahrer Stefan Bogner diesmal nicht das Fernweh gepackt, vielmehr konnte er sich vor der eigenen Haustür austoben - in Süddeutschland. Der bekannten Bildgewalt früherer Ausgaben tut das aber keinen Abbruch - im Gegenteil, heißt es doch bislang in Corona-Zeiten: Wenn Urlaub, dann vor der eigenen Haustür, in Deutschland.

Und darauf stimmt das neueste "Curves"-Magazin perfekt ein: Egal ob auf dem Rennrad, dem Motorrad oder wie Autor Bogner im Porsche: Liebhaber von Asphaltkurven kommen wie immer voll auf ihre Kosten. Panoramafotos und Grafiken von Anstiegen aus dem Schwarzwald, entlang des Bodensees bis hin zum Tegernsee und ans östlichste Ende Bayerns sorgen für Gänsehautgarantie. Bleibt nur die Frage: Wann verschlägt es Bogner nach Thüringen? In der 14. "Curves"-Ausgabe zumindest noch nicht, deren Thema heißt: Portugal! (bad)

Quelle: ntv.de

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