Kino

Für Kevin und für Schackeline Wortmann und Herbst über Sandra und Anna

Nomen est omen? Sönke Wortmann wollte viel lieber Uwe heißen und Christoph hat die Maria vor den Herbst gesetzt, damit es nicht so kratzt. So ist das mit Namen: In einem gutbürgerlichen Wohnzimmer versammeln sich die Familienmitglieder zum Abendessen - und es hätte ein so wunderbares Abendessen werden können, zu dem Stephan (Christoph Maria Herbst) und seine Frau Elisabeth (Caroline Peters) in ihr Bonner Haus eingeladen haben. Wenn nicht Thomas (Florian David Fitz), der Familien-Revoluzzer, verkündet hätte, dass er und seine schwangere Freundin Anna (Janina Uhse) ihren Sohn Adolf nennen wollen. Da bleibt den Gastgebern und dem Familienfreund René (Justus von Dohnányi) bereits die Vorspeise im Hals stecken. Es dauert nicht lange und man faucht einander "Wahrheiten" ins Gesicht, die zugunsten eines harmonischen Zusammenseins besser unge­sagt geblieben wären. Egos knallen aufeinander, Eitelkeiten werden ausgespielt und der Abend eskaliert. Die Diskussion über falsche und richtige Vornamen geht in ein Psychospiel über, bei dem die schlimmsten Jugendsünden und die größten Geheimnisse aller Gäste lustvoll serviert werden. "Der Vorname" ist eine Gesellschaftskomödie, bei der einem das Lachen an der einen oder anderen Stelle im Hals stecken bleiben kann. Inszeniert hat das alles Sönke Wortmann ("Frau Müller muss weg", "Das Wunder von Bern") - mit ihm und Christoph Maria Herbst haben wir in Berlin über gute Namen und schlechte Namen, Witze und hysterische Anfälle gesprochen.

n-tv.de: "Der Vorname" heißt der Film, über den wir sprechen - da muss die erste Frage lauten: Was macht der Vorname mit einem? Was macht er mit einem Kevin, mit einem Maximilian, mit einer Chantal-Jackeline oder einer Charlotte? Es heißt ja, Kevin und Chantal-Jackeline hätten weniger Chancen im Berufsleben als Maximilian und Charlotte. Ist das nicht gemein?

Christoph Maria Herbst: Das stimmt, ja, da ist was dran. Aber ich finde Nachnamen noch viel komplizierter. Von denen kann man sich noch schwerer lösen …

… man könnte heiraten …

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Cheese! Justus von Dohnányi, Florian David Fitz und Christoph Maria Herbst - wahrlich keine 0815-Namen ...

(Foto: imago/APress)

CMH: … stimmt (lacht). Aber bei Vornamen kann man noch was mit Abkürzungen machen, oder sich beim Kose-Namen nennen lassen. Nach dem 2. Weltkrieg gab es ja diesen Witz: "Sagt der eine: 'Ich heiße Adolf Kacke, aber ich will mich jetzt umbenennen lassen', sagt der andere: 'Aha, und wie heißt du jetzt?' 'Fritz Kacke'." Das ist einfach die Adolf-Thematik, und Namen wie diese bringen nun mal Assoziationen mit sich, einige Namen geradezu Erlebniswelten. Und ja, das ist gemein, da haben Sie Recht, das sehe ich genauso.

"Kevin ist kein Name sondern eine Diagnose" heißt es auch. Ist er ein Loser für das ganze Leben, Herr Wortmann?

Sönke Wortmann: Nein nein, um Gottes willen, das ist ja scherzhaft gemeint. Aber nichtsdestotrotz sollten Eltern sehr vorsichtig mit der Namenswahl ihrer Kinder sein. Man sollte den Blick in die Zukunft schärfen, um allzu abstruse Namen zu vermeiden. Und wenn Kevin ein guter Typ ist, dann setzt der sich ganz leicht über seinen Namen hinweg.

Haben Sie einen Namen, der eine ganze "Erlebniswelt" mit sich bringt, Herr Herbst?

CMH: Ja, die erste Sandra in meinem Leben. Da war ich der kleine Christoph aus Wuppertal, und ich traf auf dieses schlimme, verzogene Nachbarskind Sandra. Die hat dafür gesorgt, dass alle weiteren Sandras in meinem mittlerweile 52 Jahre andauernden Leben es echt schwer bei mir hatten. Ich bin den Sandras immer mit einer gewissen ersten Distanz begegnet. Völlig zu Unrecht, wie sich oft herausstellte, aber so war es. Man weiß natürlich damit umzugehen. Ich bin durchaus in der Lage, zu reflektieren und deswegen kann ich sagen: "Hey, diese Sandra hier und heute hat nichts zu tun mit dieser Sandra aus meiner Kindheit, gib ihr eine Chance!"

Ich habe gerade gelesen "Je länger der Name, desto geringer der Verdienst" - da kämen dann ja Alexander oder Maximilian auch nicht viel besser weg.

SM: (lacht) Dann macht Sönke aber endlich mal Sinn, so schön kurz.

Sööönke oder Söncke eigentlich?

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Justus von Dohnanyi, Florian David Fitz, Janina Uhse, Caroline Peters, Christoph Maria Herbst, Iris Berben und Soenke Wortmann

(Foto: imago/Horst Galuschka)

SM: Mit einem kurzen ö, wie in Köln. Ich bin mittlerweile ganz zufrieden mit meinem Namen. Als Kind habe ich etwas gelitten, ich war der Einzige, der so hieß. Ich musste mich immer erklären. Im Friesischen heißt das übrigens "kleiner Sohn". Und ich wollte lieber Uwe heißen.

Trotzdem erstaunlich, was Namen so in einem auslösen können …

CMH: Ja, das können Trigger sein.

Man muss sich damit abfinden. Als ich geboren wurde, haben sich anscheinend alle Mütter gedacht: "Hey, Sabine, so nenne ich meine Tochter auch." Außer die drei anderen, die ihre Töchter eben Sandra tauften.

CMH: Was soll ich denn da sagen?

Sie meinen wegen Christoph Maria?

CMH: Ja!

Was macht denn das "Maria" im Namen mit einem Jungen? Mit einem Mann?

CMH: Naja, von der Maria habe ich lange gar keinen Gebrauch gemacht. Ich war in meiner Schulzeit immer nur der Christoph Herbst. Meine beiden Schwestern heißen mit zweitem Namen ja auch Maria. Ich habe Maria erst an Bord geholt, als ich die Schauspielerlaufbahn eingeschlagen habe. Ich fand "Christoph Herbst" irgendwie zu kratzig, so einen Konsonantenhaufen. Maria hat das Ganze ein bisschen aufgeweicht.

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Wie bitte?

(Foto: dpa)

Es verleiht Ihnen eine leicht weibliche Note …

CMH: ... was sich in meinem Beruf ja geradezu aufdrängt, da ich als Schauspieler doch am besten beide Seiten in mir ausleben sollte.

Man braucht eben ein bisschen Zeit, um sich mit dem eigenen Namen anzufreunden.

SM: Es gibt immerhin einen Springreiter, Sönke Sönksen, das war der Einzige, der damals so hieß wie ich. Das hat mich immer beruhigt. Ich wurde aber auch schon gefragt, wie ich heiße, und ich sagte: "Sönke." Und dann kam: "Ach, so wie Sönke Wortmann!" 

Ein weiblicher Klassiker?

SM: Der schönste Frauenname ist für mich Anna. Das wird immer so bleiben. Ob Simone nochmal in Mode kommt? Oder Anja? Ich weiß es nicht. 

Merken Sie sich eher Gesichter oder Namen?

SM: (zögert, lacht) Weder noch. Eigentlich Gesichter. Und Namen auch, wenn ich sie verorten kann. Vielleicht liegt es aber auch an meinem Alter (lacht).

Zurück zum Film: Sönke Wortmann hat angerufen und gesagt. "Christoph Maria, ich hab' hier 'ne Rolle für dich."

CMH: Ja, aber witzigerweise sollte ich die von Florian David Fitz spielen.

Nein!

CMH: Doch! Er wollte, dass ich den Provokateur spiele. Und dann haben wir uns aber alle nochmal zusammengesetzt und uns überlegt, dass der Literaturprofessor bei mir ganz gut aufgehoben wäre (lacht). 

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Du hast was? Die Etiketten von den Weinflaschen umgeklebt?

Und haben Sie sich auch zusammen überlegt, dass Sie die Rollen tauschen?

CMH: Das hört sich jetzt so basisdemokratisch an, beim Film ist man doch aber eher weisungsgebunden (lacht). Wenn also Sönke Wortmann oder der Verleih etwas sagt und wünscht, dann hat das ja Hand und Fuß. (zögert) Und selbst, wenn es das nicht hätte, dann wird es ja doch so gemacht (lacht). Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt, was gespielt wird.

Hatten Sie Ihre Hauptdarsteller alle im Kopf, als Sie "Der Vorname" planten?

SM: Ja, ich wusste, wen ich will. Da gab es kein Casting oder so etwas, entweder, man nimmt diese Leute oder man lässt es. Ich weiß ja, was die können! Dann habe ich versucht, ein Ensemble zusammenzustellen, das miteinander funktioniert. Damit eine Energie entsteht.

Hat funktioniert. Und das "Küken" ist Janina Uhse …

SM: Sie bringt sozusagen "frischen Wind " da rein. Die redet ja auch ganz anders als die anderen. Da kriegt das alles eine andere Farbe.

Der Professor ist bei Ihnen, Herr Herbst, ja in guten Händen …

CMH: Danke, das finde ich auch (lacht). Und der Florian David Fitz macht das als Familien-Provokateur ganz brillant. Es war auf jeden Fall eine große Freude für mich, den Stefan Berger zu spielen.

Weil …

CMH: Weil der so viele Seiten hat, die mit mir selbst überhaupt nichts zu tun haben. Der ist unglaublich prahlerisch, trägt eine unfassbare bildungsbürgerliche Hybris vor sich her. Was am besten in der Szene herauskommt, in der er gestehen muss, dass er die Etiketten der Weinflaschen mit dem Dampfgerät entfernt, um auf den billigen Wein die teuren Schilder zu kleben (lacht). Das ist mir doch tatsächlich sehr fremd.

Wäre die andere Rolle - die des Provokateurs, des Familien-Rebellen - näher gewesen?

CMH: Das hätte so sehr mein Image bedient. So ich denn eines habe. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass das auch meine Rolle gewesen sein könnte; der, der mit den Leuten spielt, der sie zur Weißglut bringt. Deswegen fand ich es aber so spannend, dass ich diese Rolle nicht gespielt habe, sondern der Florian. Dass wir nicht die Erwartungshaltungen bedient haben.

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Unser Adolf, isser nicht süß?

(Foto: imago/Future Image)

Ein Wort, ein Name, kann einen ganzen Abend platzen lassen.

CMH: Ja, das zündelt.

Wie tolerant sind wir heute? Anhand des Namens Adolf brechen ja sehr viele Dämme, viele nicht verheilte Wunden platzen da auf, die Mutter, also die zukünftige Großmutter, Iris Berben, kommt mit ins Spiel, der "Adoptiv-Sohn" (Justus von Dohnányi), es wird noch komplizierter ….

SM: Wir sind auf jeden Fall in der Verantwortung, anders zu handeln aufgrund unserer Geschichte. Deswegen müssen wir immer noch über so ein Thema, warum Adolf ein schlechter Name ist, nachdenken, warum andere von außen uns noch etwas argwöhnisch betrachten, diese Aufgabe haben andere Länder nicht in der Form.

Ob wir wohl zucken würden, wenn uns Freunde ihr neues Baby vorstellen, das kleine rosige Ding liegt da in seinem Kinderwagen und die Eltern sagen: "Leute, das ist unser Adolf, isser nicht süß?"

CMH: Zucken würde man wohl schon, oder? Aber das Kindchen könnte ja nichts dafür, es bliebe wahrscheinlich dennoch süß. Und es wüsste ja auch noch gar nicht, was für eine Bürde es da trägt. Ich finde es aber auch für alle Pumuckls und Winnetous dieser Welt nicht einfach, Standesämter winken ja inzwischen fast jeden Quatsch durch. Es gibt inzwischen sogar die Schackeline mit s-c-h. Da geht Adolf ja fast noch (lacht). 

Ist ja ein recht normaler Name an sich, Adolf, ist eben nur schlimm besetzt. Wie viele andere Namen auch …  

CMH: Ja, das thematisieren wir im Film zum Glück. Wir müssen natürlich über "Hermann" nachdenken, über "Heinrich" und viele andere. Ich finde die Pro- und Contra-Argumente, die wir im Film haben, tatsächlich hervorragend. Letztlich ist das aber nur die Grundlage für das, was über dem Ganzen steht - das ist ja nur die Spitze eines Eisbergs, der da freigelegt wird.

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Wollte gerne Uwe heißen, hat sich aber abgefunden: Sönke mit kurzem ö Wortmann.

(Foto: imago/Sven Simon)

In "Der Vorname" nehmen Sie die Namenswahl auf's Korn - nehmen aber vor allem die Familienverhältnisse auseinander. Ein Abend kann im Desaster enden, wegen fünf Buchstaben … Sind Familien so, Herr Wortmann?

SM: Ich hoffe doch, größtenteils nicht! Ein Grund für mich, ins Kino zu gehen, war immer, Geschichten zu sehen, die ganz anders sind als zu Hause. Deswegen treibe ich es natürlich auf die Spitze, ende aber versöhnlich. Klar wird, dass ein winziger Moment, ein einziges Wort, die Geschichte verändern kann. Die einer Familie auf jeden Fall.

Um eine Familie zu zerstören, braucht man ja nur eine Person anzugreifen, zum Beispiel die Ehefrau und Schwester, in dem Fall Caroline Peters. Alle sitzen um den Tisch, sie hat gekocht, sie bedient, sie macht Konversation, sie versucht, zu retten was zu retten ist, bis ihr der Kragen platzt! Hätte auch in die Hose gehen können!

SM: Sie spielt den hysterischen Anfall natürlich großartig. Da wir tatsächlich überwiegend chronologisch gedreht haben, hatte Caroline anfangs tatsächlich weniger Szenen als die Jungs, die spielten und spielten und sie nickte und nickte. Und dann, gegen Ende, hat sie diese Tirade in einem Rutsch durchgespielt. Damit hatten wir gar nicht gerechnet. Die Jungs haben jedenfalls geguckt. Das war klasse! Da merkt man, was für ein großer Star sie am Theater ist.

Der Name ist aber auch bloß ein Grund, ein Ursprung, an dem sich typische andere familiäre Konflikte entzünden: Mann - Frau, Eltern - Kinder, Bruder - Schwester …

CMH: Genau, er ist eine Blaupause. Wir haben den Intellektuellen, die gutbürgerliche Ehefrau, den materialistischen Emporkömmling  - das hat der Sönke schon sehr gut besetzt.

Die Geschichte spielt in Bonn …

CMH: Ja, mit voller Absicht (lacht). Für mich als Wahl-Kölner war es aber noch besser, wir haben in Köln gedreht. Sie wissen, wofür Bonn steht?

Ich habe eine Vermutung …

CMH: "Bundeshauptstadt ohne nennenswertes Nachtleben". Sorry. Bonn ist natürlich wieder aus seinem Dornröschen-Schlaf erwacht inzwischen. Sagt man in Bonn. Wir haben das extra als Statement gesetzt, den Film in Bonn spielen zu lassen.  

In "Der Vorname" geht es zuerst um einen Namen, dann um das fragile Konstrukt Familie und dann aber auch darum, wie wir uns in unserem Land gerade aufstellen. Das ist nicht immer besonders klug, oder?

CMH: Ups, jetzt wird's politisch. Es stimmt, dass wir in schwierigen, fragilen Zeiten leben. Egal, wohin wir gucken. Und dieser Scherbenhaufen in Berlin ist ja auch nicht schön.

Haben Sie während der Dreharbeiten diskutiert, ob "man" so etwas darf oder nicht? Über Adolf Witze machen und solche Dinge?

SM: Ja, immer wieder mal, aber wir haben uns einfach an unser sehr gutes Drehbuch gehalten. Es ist ja die Adaption eines französischen Bühnenstücks. Wir haben das germanisiert und auch fortgeschrieben - soll heißen, wir haben ein paar Situationen hinzugefügt.

Das Ende ist zum Glück versöhnlich.

CMH: Und auch offen, finden Sie nicht? Also - ich stünde für eine Fortsetzung zur Verfügung! Titel: Der Nachname! (lacht)

Mit Christoph Maria Herbst und Sönke Wortmann sprach Sabine Oelmann

"Der Vorname" startet am 18. Oktober im Kino

Quelle: n-tv.de

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