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Zeitinseln, Lächeln und Atmen Achtsamkeitskurs mit tödlichen Folgen

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Björn Diemel kommt in einem Haus am See zu ganz neuen Einsichten.

(Foto: www.imago-images.de)

Ein stressiger Job und eine kriselnde Ehe machen Björn Diemel das Leben schwer. Ein Kurs beim Achtsamkeitstrainer kommt ihm da äußerst ungelegen, doch dann ergeben sich plötzlich ungeahnte Erkenntnisse.

Björn Diemel ist Rechtsanwalt. Einer von der skrupellosen Sorte, der zwielichtige Gestalten mit noch zwielichtigeren Geschäften raushaut, wenn sie sich haben erwischen lassen. Sein Hauptklient ist Dragan Sergowicz, eine Unterweltgröße allererster Klasse. Das macht Diemel in der Edelkanzlei von Dresen, Erkel und Dannwitz auch noch zu einem sogenannten "Bäh-Anwalt" ohne jegliche Aussicht auf den Partner-Status. Viel Stress für viel Geld und wenig Ehre also.

Diemels Ehefrau Katharina findet das inzwischen gar nicht mehr lustig. Sie schickt den hart arbeitenden Gatten deshalb zum Achtsamkeitstraining. Es geht um nicht weniger als um die Zukunft der Ehe und vor allem das Aufwachsen der gemeinsamen Tochter Emily. Diemel kann sich aussuchen, ob er dabei sein will oder eben nicht. Eigentlich bleibt ihm keine Wahl.

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Das Achtsamkeitstraining hat allerdings Folgen, die so beim besten Willen nicht abzusehen waren. Dass Diemel sich eine eigene Wohnung nimmt, ist davon noch die geringste. Deutlich mehr Auswirkungen hat hingegen das Konzept der Zeitinsel, als es der Anwalt konsequent umsetzt. In diesen geschützten Zeiträumen soll Diemel nur das tun, was ihm guttut. Es gibt nur: "Ich bin". Allerdings muss man diese Insel auch gegen Eindringlinge verteidigen. Was das bedeutet, wird Diemel schlagartig klar, als er mit Emily zu einer Wochenendzeitinsel starten will und sein Klient Dragan Sergowicz sich ausgerechnet jetzt mit einem Notruf meldet.

Angriff auf die Zeitinsel

Dragan hat auf einem Autobahnparkplatz einen vermuteten Konkurrenten im lokalen Drogenhandel mit sehr viel Feuer und einer schweren Eisenstange ausgeschaltet. Leider wurden 50 Schulkinder zu Zeugen, die meisten von ihnen waren im Besitz eines Mobiltelefons. Deshalb gibt es nicht nur die Aussagen der Zwölfjährigen, sondern auch wackelige Handy-Aufnahmen von dem unschönen Vorfall. Das macht es für Diemel ausgesprochen schwer, Dragans Problem zügig aus der Welt zu schaffen und sich anschließend mit Emily ein schönes Wochenende zu machen.

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Zwischen Matthias Matschke (li.) und Karsten Dusse stimmt auch die Humorebene.

(Foto: Anita Back)

Den Ausweg für dieses Dilemma legt bereits der Titel von Karsten Dusses Roman nahe: "Achtsam morden". Aus dem Zwiespalt zwischen achtsamer Lebensführung und mörderischer Gewalt entwickelt der gelernte Anwalt Dusse und preisgekrönte TV-Autor sowohl Spannung als auch einen ziemlich schwarzen Humor. Die Idee zu seinem ersten Roman entstand aus einer Hauptperson, "die sich verändern möchte, weil sie beruflich unzufrieden ist", erzählt Dusse n-tv.de. Im Achtsamkeitskurs seines Protagonisten erweist sich dann der Mandant als Hauptstressfaktor. "So werden die Morde zum logischen Ergebnis einer achtsamen Lebenseinstellung, um Beruf und Familie wieder in Einklang zu bringen."

Denn natürlich wird Dragan sein versuchter Einbruch in die Vater-Kind-Zeitinsel zum Verhängnis, dabei bleibt es aber nicht. Kaum ist ein Problem gelöst, taucht auch schon das nächste auf. Mit dem Werkzeug der absichtsvollen Zentrierung und einem Gartenhäcksler macht sich Diemel an die Beseitigung der Leiche, während das rätselhafte Zusammentreffen auf dem Autobahnparkplatz zu einem Bandenkrieg zu werden droht. Man ahnt, dass sowohl die Elster, die am See blinkende Löffel klaut, als auch der Kinderspielzeugvogel, der kurze Sätze aufzeichnen kann, noch eine Rolle spielen werden. Außerdem erweist sich die Suche nach einem Kindergartenplatz für Emily als echtes Hindernis auf dem Weg zu neuem Ehefrieden, Achtsamkeitskurs hin oder her.

"Da ist eine Menge schwarzer Humor dabei, aber auch viel offenes Missverständnis. Diemel glaubt, dass er alle seine Probleme mit Achtsamkeit in den Griff bekommt. Aber mitnichten so, wie vom Achtsamkeitstrainer gedacht", sagt Dusse über seine Hauptfigur. Matthias Matschke, der das Hörbuch eingelesen hat, geht noch einen Schritt weiter. Für ihn ist Diemel eine grundfrustrierte Person. "Auf der Suche nach einem Ausweg macht er eine Metamorphose durch, die nicht empfehlenswert ist", so Matschke bei den Hörbuchaufnahmen in Berlin.

Ratgeber und Krimi

Er hat mit Dusse schon bei "Ladykracher" zusammengearbeitet, seitdem sind der Autor und der Schauspieler auch privat befreundet. Für Dusse ist Matschke die perfekte Besetzung. "Als das Buch fertig war, war er meine erste Wahl als Sprecher, der Verlag hatte die gleiche Idee. Ich hatte den Wunsch noch gar nicht geäußert, da war er schon erfüllt." Matschke wiederum meint: "Wenn man achtsam ist, kommt man letztlich immer auf mich." In einer Welt, in der Inszenierung alles ist, vermitteln beide überzeugend den Eindruck, glücklich über die Zusammenarbeit zu sein.

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Diemels Selbsteinschätzung am Beginn der insgesamt siebeneinhalb Stunden, dass er kein gewalttätiger Mensch sei, glaubt man Matschke jedenfalls aufs Wort. Für ihn ist das Buch eine Mischung aus Ratgeber und absurdem Krimi. "Da werden Figuren, die Schlechtes tun, in einer Situation dargestellt, die eine gewisse Armseligkeit voraussetzt. Sie sind in ihrem Menschsein genauso lächerlich wie ich. Dadurch kann ich ihnen kurz die Maske wegziehen."

Besonders in den Dialogen läuft Matschke zur Hochform auf: Björn Diemel selbst, seine schnippische Sekretärin, der dusselig-brutale Mafiaboss, seine rechte Hand und der russischstämmige Rivale. "Der humorvolle Kern des Buchs ist die Absurdität, die auch eine gewisse Traurigkeit darüber enthält, dass die Dinge sind wie sie sind", sagt Matschke.

Dusse betont noch einmal ausdrücklich, dass sich der Ratgeberteil in seinem Buch ausschließlich auf die Achtsamkeit bezieht, denkt aber über ein Baumarktverbot für sich und Matschke nach, "mindestens die kommenden zehn Jahre". Am Ende hat Diemel jedenfalls den Dreiklang der Achtsamkeit tief verinnerlicht: Nimm die Dinge, wie sie sind. Akzeptiere das. Bewerte die Situation nicht. Diese Prinzipien erweisen sich als bestens geeignet, um ein Verbrechersyndikat zu führen. Außerdem sind Kindergartenplätze in deutschen Großstädten bekanntermaßen längst stärker gefragt als sexuelle Dienste in irgendwelchen Luxusetablissements.

Quelle: n-tv.de

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