Musik

Bush-Frontmann im Interview "Ich wollte vor dem Establishment wegrennen"

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Er sei vermutlich schuld daran, dass Bush nicht noch erfolgreicher ist, meint Gavin Rossdale (l.).

(Foto: Thomas Rabsch)

1994 veröffentlicht die englische Band Bush ihr bahnbrechendes Debütalbum "Sixteen Stone", das mit sechsfachem Platin ausgezeichnet wird. Nach ihren anfänglichen Grunge-Einschlägen ändert die vierköpfige Gruppe, bestehend aus Frontmann Gavin Rossdale, Gitarrist Chris Traynor, Bassist Corey Britz und Schlagzeuger Nik Hughes, ihre musikalische Ausrichtung mit fast jedem Album - eine Entscheidung, die er heute so nicht mehr treffen würde, wie Rossdale zugibt. Im Gespräch mit ntv.de spricht der Sänger und Ex-Mann von Rockgöre Gwen Stefani über das neunte Album "The Art of Survival", den musikalischen Wandel von Bush und seine "übliche Mischung aus Dummheit und Einsicht".

ntv.de: Mit eurem letzten Album, "The Kingdom", hattet ihr eher Pech - es erschien pünktlich zum ersten Lockdown, somit konntet ihr nicht auf Tour gehen. Wie seid ihr es jetzt mit "The Art of Survival" angegangen - habt ihr gewartet, bis das Schlimmste vorüber war?

Gavin Rossdale: Wir haben es gerade erst fertiggestellt. Die Entscheidung, "The Kingdom" während einer Pandemie zu veröffentlichen, war zwar kommerziell gesehen keine gute Idee. Von künstlerischer Seite, sowohl für die Band als auch für die Fans, aber schon. Wir hatten das Album fertig und wollten nicht darauf herumsitzen. Außerdem wollten wir auch nicht damit warten und später zwei, drei Jahre alte Lieder erklären müssen.

Ist der Albumtitel "The Art of Survival" eine Reflexion der vergangenen zweieinhalb Jahre?

Ja, jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und hat eine Menge durchgemacht. Manche mehr, manche weniger, manch anderer ist gestorben. Wir bewegen uns irgendwie dazwischen. Ich denke, dass jede Geschichte, die man hört, einen eigenen Erfolg hat, dieses wahnsinnige Hindernis zu überwinden. Und es geht ja noch weiter, es schwingt immer noch mit.

Habt ihr versucht, dies auch auf der Platte widerzuspiegeln?

Ich glaube, schon. Ich schreibe immer nur über den menschlichen Geist - über meinen oder den der Menschen um mich herum. Menschen sind sehr inspirierend, wenn man ihnen zuhört und von ihrem Leben erfährt.

Du bist 1965 in London geboren, hast also die Anfänge des Rock und des Punkrock miterlebt. Wie hast du diese Zeit in Erinnerung?

Es war genial, weil ich 13 Jahre alt war, als der Punk in England groß wurde. Das war eine sehr beeindruckende Zeit, eine richtige Revolution, eine Jugendbewegung, wie man sie seitdem nicht mehr gesehen hat! Jetzt haben die Leute schon alles gesehen. Es gibt zwar viele Bewegungen, aber Leute lassen sich nicht mehr so leicht schocken. Diese Zeit steht für mich für Jung gegen Alt, Kinder gegen Autorität. Ich hatte schon immer ein großes Problem mit Autoritäten, ich mag sie nicht. (lacht) Das hat mir einen richtigen Geist gegeben. Und witzigerweise - obwohl ich heute nie Punk machen würde und nichts mit diesem US-amerikanischen Pop-Punk anfangen kann - war es diese Wut, diese Energie, die mich angesprochen hat. Ich versuche immer, Musik zu machen, die sich anhört, als käme sie zu einem Preis. Das hat mich nicht zu dem erfolgreichsten oder beliebtesten Musiker gemacht, aber es hielt mich meinem Geist treu. Und das ist uns als Band nie abhandengekommen. Und wenn doch, dann, weil die Musik noch depressiver und dunkler wurde. (lacht)

Hat dich die Bewegung dazu inspiriert, selbst Musik zu machen?

Darüber habe ich damals nicht wirklich nachgedacht. Als ich noch ein Kind war, hatte der Freund meiner Schwester eine Band. Ich bin oft zu ihren Proben gegangen und war gerne in dieser Umgebung. Ich denke, das hat meine DNA mehr unterwandert, als mir bewusst war. Als ich einige Jahre später mit der Schule fertig war und vor der Entscheidung stand, was ich jetzt tun soll, dachte ich mir nur: Oh Gott, das Letzte, was ich will, ist ein Job! Was kann ich also machen, was kein Job ist, aber ein Job ist? So kam ich darauf, Sänger werden zu wollen, mich auszudrücken und frei zu sein. Mein Verlangen, Sänger zu werden, war ein Verlangen, vor dem Establishment und den Erwartungen von mir wegzurennen.

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Ist dir das Schreiben von Anfang an leichtgefallen?

Ich hatte eine Fähigkeit, es zu tun. Keine Ahnung, warum. Ich habe mich einfach drauf eingelassen, etwas in eine Kassette gesungen und einfach weitergemacht - es war meine übliche Mischung aus Dummheit und Einsicht. (lacht) Die Kombination dieser beiden Eigenschaften ist die Quelle dafür, wie ich mich dazu gezwungen habe, Songs zu schreiben. Das ist die Punk-Ästhetik: Ich raufe mich einfach zusammen und entscheide mich, etwas zu tun, ohne etwas dafür gelernt zu haben.

Wie sieht eure Arbeit an einem Album aus? Du schreibst Texte und deine Kollegen überlegen sich eine passende Melodie dazu?

Wir haben ein Studio, in dem ich Lieder schreibe - allein, ohne die Anwesenheit der anderen. Erst wenn ich fertiggeschrieben habe, präsentiere ich es ihnen und sie spielen etwas dazu. Es ist nicht so, dass mich andere Menschen nervös machen, ich will ihnen die Lieder nur einfach nicht zeigen, bevor ich sie richtig habe.

Weil du ein Perfektionist bist oder wegen der möglichen Ablehnung?

Weil ich finde, dass Perfektion die richtige Richtung ist. (lacht) Du wird nie perfekt sein, aber zumindest bewegst du dich in die Richtung. Natürlich gibt es auch immer mal Songs, die verloren gehen und nicht aufgenommen werden. Ablehnung ist etwas ganz Natürliches und ich bin an einem Punkt, an dem ich ungefähr einschätzen kann, welche Lieder abgelehnt werden und an welchen weitergearbeitet wird. Ich habe auch kein allzu großes Ego.

Gibt es Lieder, die es auf eine Platte geschafft haben, bei denen du heute nicht mehr weißt, warum?

Es gibt definitiv Lieder, bei denen ich mir wünsche, härter an ihnen gearbeitet zu haben. Mein Beitrag ist, zu entscheiden, wann ein Song fertig ist. Manchmal war dieser Instinkt verfrüht. (lacht) Zum Beispiel wünschte ich, das Album "Razorblade Suitcase" (1996) stärker editiert, daran herumgeschnitten und es effizienter gemacht zu haben. Wir haben einfach alles drin gelassen. Der Song "The People That We Love" (2001) hatte ursprünglich andere Lyrics, für die wir uns letztendlich leider nicht entschieden haben. Die Sachen spiele ich einfach nicht mehr live.

Als du Bush Anfang 1990er ins Leben gerufen hast, waren Brit-Pop und Grunge gerade voll am Kommen. Eure ersten beiden Alben waren auch ein bisschen Grunge-lastiger. Habt ihr euch danach bewusst für eine andere Richtung entschieden?

Das war vermutlich meine Schuld. Meine Kollegen wollten etwas Traditionelleres. Aber als wir an "The Science of Things" (1999) gearbeitet haben, kam ich gerade aus London, wo gerade eine Remix-, Club- und Dance-Kultur herrschte. Und ich dachte mir: Wow, es ist komisch, dass ich nichts davon in meiner Musik übernehme. Also habe ich versucht, einen moderneren Sound hinzuzufügen. Keine Ahnung, ob das die richtige Entscheidung war - vermutlich nicht ... (lacht) Wir hätten vielleicht traditionell bleiben sollen, dann würden wir jetzt Stadien füllen!

Wie würdest du den Wandel eurer Alben beschreiben?

Eigentlich hat jede Platte eine ganz andere Richtung eingeschlagen als ihre Vorgängerin - bis auf "The Art of Survival". Sie ist quasi das Sequel von "The Kingdom". In "The Kingdom" ging es darum, diesen heiligen Boden und das Vertrauen in die Gemeinschaft und in die Hoffnung zu finden. Im Angesicht der Black-Lives-Matter-Bewegung und von Leuten, die wegen Covid ihre Jobs verloren oder starben, schien die ganze Welt zusammenzubrechen. Es begann mit einer Pandemie und dann drifteten wir in den USA mit dem Mord an George Floyd in eine Bürgerrechtsbewegung ab. Unser Longplayer war wie eine idealisierte Utopie: Wenn wir bewusster sind, sind wir bessere Menschen und dann geht es uns allen besser. Es ging darum, zusammenzukommen und ein Gegenmittel gegen die Einsamkeit zu finden. Um die Macht der Massen, die Stärke einer friedlichen Revolution.

Und wie reiht sich "The Art of Survival" da nun ein?

Da ging es mehr in die Richtung: Oh mein Gott, wir wurden von den letzten zweieinhalb Jahren so fertiggemacht, wie kommen wir da durch? (lacht) Zum Glück haben wir es geschafft. Mal sehen, worum es in der nächsten Platte geht ...

Aber dann hat es sich doch ausgezahlt, immer wieder eine neue Richtung einzuschlagen, oder?

Jeder, der viel Zeit in Bands verbracht hat, akzeptiert irgendwann, wo seine Band steht. Jeder Tag ist ein neuer Tag, an dem wir uns beweisen müssen, an dem wir schaffen müssen, dass Leute sich für uns interessieren. Ich fühle mich einerseits erfolgreich, aber andererseits auch sehr geerdet und bin realistisch, was unseren Platz auf Erden betrifft. Ich glaube nicht, dass wir besonders seismisch sind. Sondern einfach nur eine Band, die Platten herausbringt und versucht, einen guten Job und gute Shows zu machen. Was ich eben meinte, ist: Manchmal denke ich mir, dass ich erfolgreicher gewesen wäre, wenn ich bei einer Sache geblieben wäre. Mein Verlangen, interessant zu bleiben, war finanziell gesehen nicht das beste. Vielleicht war es der beste künstlerische Weg, ich weiß es nicht.

Bereust du es, diesem Verlangen nachgegangen zu sein?

Nein, weil ich jedes Mal Überzeugung gefühlt habe. Ich verbringe mehr Zeit mit unseren Liedern als jeder andere, sie beginnen und sie enden mit mir. Manchmal tauche ich zu tief in sie ein, dann fehlt der Blick von außen. Ich gehe mit dem, was mich anspricht und inspiriert.

Letztendlich trefft ihr die Entscheidungen - auch was die Richtung angeht - aber zusammen als Band, oder? Und ihr habt sicherlich Leute um euch herum, die auch ihre Meinung abgeben?

Ja, na klar. Wenn ich ins Studio komme, sitzen da schon ein sehr meinungsstarker Gitarrist und ein sehr meinungsstarker Produzent. (lacht) Für mich bedeutet das, dass meine Ideen klar sein müssen. Deswegen ist es besser, wenn ich sie erst nach außen trage, wenn sie final sind. Dann kann man alles Mögliche ändern. Natürlich kollaborieren wir. Aber als primärer Songwriter muss ich die Ästhetik präsentieren und dann können die anderen etwas hinzufügen.

Du hast dich zwischendurch auch mal als Solokünstler versucht. Welche Richtung hast du da eingeschlagen?

Eine komplett andere! Auf meiner Soloplatte "Wanderlust" war richtig kollaborativ und habe auch viel mit anderen Leuten in einem Raum geschrieben. Ziemlich witzig eigentlich, da ein Soloalbum doch eigentlich mehr so "Das ist mein wahres Ich!" sein sollte. (lacht)

War sie denn "das wahre Du"?

Nun, jede Platte ist "das wahre Ich". Ich verstehe es nicht, wenn Künstler über ihre neue Platte "Das ist das wahre Ich" sagen. Ich frage mich dann immer: Wo warst du dann während der letzten? (lacht) Du musst die Überzeugung haben, dass du zu jeder Zeit die Musik machst, die deine Laune, deine Gedanken und deinen Status widerspiegeln. Das ist es, was du bist.

Letztendlich hat es dich aber doch wieder zu Bush zurückgezogen ...

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Nach einer kurzen Pause zog es Gavin Rossdale (2.v.r.) im Jahr 2011 zurück zu seiner Band.

(Foto: imago stock&people)

Ja, ich schätze mich sehr glücklich, dass ich von guten Leuten umgeben bin, ob es ein Produzent, ein Gitarrist, ein Bassist oder Schlagzeuger ist. Wenn du sie mit einbeziehst, tragen sie etwas ganz Besonderes bei. Und wir sind auch gute Freunde. Wir sind keine von den Bands, die schon lange zusammenarbeiten, aber völlig separate Leben führen und sich nicht ausstehen können. Wir verbringen gerne viel Zeit miteinander, auch abseits der Arbeit.

Bush gibt es jetzt schon seit 30 Jahren - was ist die größte Veränderung, die du beobachtet hast?

Leute kaufen keine Platten mehr. Es war früher eine schöne Gleichung: Du machst etwas und Leute kaufen es. Heute machst du etwas und gibst es ab. (lacht) Spotify und die Labels machen immer noch die fette Kohle, während die Künstler sich fragen, was passiert ist. Das war herausfordernd. Ich bin dankbar und will mich nicht beklagen. Es gibt nichts Schlimmeres als jemand, der sich darüber beklagt, wie toll es früher einmal war. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mal in der Position war. Mir tun eher die jungen Bands leid, weil ich nicht ganz verstehe, wie sie so existieren sollen.

Gibt es etwas, das du gerne früher gewusst hättest?

Immer, das ist ja Weisheit, oder? Ich wünschte, ich wäre weiser und klüger gewesen. Wenn du älter wirst, erkennst du, dass deine Zeit begrenzt ist. Daran denkst du am Anfang überhaupt nicht und bist frei. Ich hätte gerne härter gearbeitet, wenn ich gewusst hätte, dass die eigene Zeit abläuft. Wir haben natürlich immer versucht, gute Musik zu machen. Aber manchmal glaube ich, dass ich eigentlich besser war als das, was wir gemacht haben.

Mit Gavin Rossdale sprach Linn Penkert

"The Art of Survival" ist ab sofort überall erhältlich.

Quelle: ntv.de

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