Musik

Eine Frau wie ein Rammstein Jadu rockt in Uniform

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Da guckt man hin. Das Hinhören lohnt sich aber auch: Jadu.

(Foto: I AM Johannes)

Ihre Lieblingsbands sind Marilyn Manson, Slipknot oder Rammstein. Und auch Jadu gibt sich martialisch - mit einer doch ganz und gar friedvollen Botschaft. Mit n-tv.de spricht sie über ihr Debütalbum "Nachricht vom Feind", Rassismus und darüber, wie es ist, "die Frau von ..." zu sein.

n-tv.de: Ich könnte mir vorstellen, dass du häufiger mal vorgestellt wirst als "die Frau von …". Wie oft passiert dir das und wie sehr nervt es dich?

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Jadu: Das passiert tatsächlich gar nicht so oft. Und es nervt mich auch nicht. Natürlich möchte man, gerade wenn man den gleichen Beruf hat, als eigenständige Person und Künstlerin wahrgenommen werden. Aber mein Mann steht nun mal in der Öffentlichkeit und ist ziemlich bekannt. Da kann man es niemandem vorwerfen, wenn man darauf angesprochen wird.

Die Frage zielte natürlich darauf ab, dass du mit Marteria alias Marsimoto alias Marten Laciny verheiratet bist. Wie viel oder wie wenig hat er denn mit deiner eigenen Musikkarriere zu tun?

Wir machen ja sehr unterschiedliche Musik und beschäftigen uns mit unterschiedlichen Themen - ich komme so gar nicht aus dem Hip-Hop. Aber dadurch, dass wir verheiratet sind und unter einem Dach wohnen, gibt es natürlich einen Austausch. Wir kritisieren uns gegenseitig und schmeißen uns hier und da Inspirationen zu. Aber davon abgesehen machen wir beide unser Ding.

Ihr habt eure Verlobung seinerzeit bei einem Konzert von Bushido bekannt gegeben. Ist Bushido ein Kumpel von euch?

Nee, das kann man so nicht sagen. Wir haben seine Musik gefeiert, weil er ein Urgestein des Hip-Hop ist, und waren halt auf seinem Konzert. Mehr steckt nicht dahinter.

Du sagst, dass du so gar nicht aus dem Hip-Hop kommst. Tatsächlich machst du im Wesentlichen Rockmusik. Woher hast du die Affinität dazu?

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Jadu bezeichnet ihre Musik selbst als "Military Dream Pop".

(Foto: I AM Johannes)

Ich höre persönlich einfach viel Rockmusik. Das war schon in meiner Kindheit so. Rammstein ist meine Lieblingsband. Und ich mag Slipknot und Marilyn Manson. Wenn man mich sieht, finden das manche jedoch eher untypisch. Wegen meiner Hautfarbe wird von mir erwartet, eben just aus dem Hip-Hop-Bereich zu kommen.

Apropos Rammstein: Ich habe bei Youtube einen Kommentar zu einem deiner Videos gelesen, der lautete in etwa: "die weibliche Version von Rammstein". Kannst du dich damit identifizieren?

Das ist erstmal ein großes Kompliment! Rammstein sind ja eine sehr einzigartige Band mit einem sehr einzigartigen Sound. Aber letztendlich ist unsere Musik dann doch sehr unterschiedlich. Ich mache keinen Industrial-Rock. (lacht)

Du umschreibst deine Musik als "Military Dream Pop". Und du schreckst auch nicht vor einer martialischen Symbolik zurück - weder in deinen Texten noch bei deinem Auftreten. Was ist für dich daran Message und was ist Provokation?

Es ist eine Mischung aus beidem. Ich benutze bestimmte kämpferische und kriegerische Begriffe gern für eine Metaphorik, die sehr starke Bilder zeichnet. Ich finde, diese Begriffe passen sehr gut, wenn es um starke Gefühle geht. Was wiederum das Outfit angeht: Das bin einfach ich. Ich bin eigentlich schon immer mit uniformellen Jacken rumgelaufen. Ich mag einfach diesen Stil.  

Ich würde dich ganz und gar nicht in die rechte Ecke stellen wollen. Trotzdem spielst du auch mit Nazi-Themen und -Symbolen …

Für mich ist das einfach nur ein künstlerischer Umgang mit diesen Dingen. Mehr steckt nicht dahinter.

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Du hast Songs mit Titeln wie "Blitzkrieg" oder "Todesstreifen". In ihnen geht es dann aber um Themen wie Missbrauch oder Depressionen. Wie viel von dem, worüber du singst, ist autobiografisch und wie viel ist Fiktion?

So gut wie alles ist autobiografisch gefärbt. Manchmal ist es aber auch eine Mixtur aus Dingen, die ich selbst erlebt habe, und Dingen, die in meinem Freundes-, Bekannten- oder Familienkreis passiert sind und mich inspirieren. Was genau es ist, bleibt am Ende des Tages offen, aber ein Teil von mir steckt auf jeden Fall immer drin.

Dein Song "Friedliche Armee" klingt wie eine Hommage an die Demonstranten im Hambacher Forst. Aber tatsächlich hast du ihn schon vor zwei Jahren geschrieben. Ein Zufall also?

Ja, das ist tatsächlich Zufall. Aber der Song ist ja auch nicht wirklich auf die Demonstranten zugeschnitten, sondern auf die Bäume.

Trotzdem kommen Bilder aus dem Hambacher Forst in dem Video zu dem Song vor ...

Stimmt. Dadurch, dass ich die Auseinandersetzungen darum in den Medien verfolgt habe, bekam ich auch einen emotionalen Bezug dazu. Dann wollte ich dort hinfahren und mir das ansehen. Der Hambacher Forst steht jetzt sozusagen stellvertretend für alle Wälder oder Urwälder, in denen Zerstörung passiert, sei es in Brasilien oder anderswo. Aber ich bin der Fürsprecher der Natur, nicht der Menschen.

Kehren wir nochmal zu deiner Biografie zurück: Du bist in der Umgebung von Osnabrück aufgewachsen, mit 19 aber nach Berlin abgehauen. Was war an Osnabrück so schrecklich?

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Ach, so schlimm war das gar nicht. (lacht) Ich bin nicht durchgebrannt oder so. Aber ich interessiere mich halt sehr für Kunst - nicht nur für Musik, sondern auch viele andere Kunstbereiche. Ich habe immer davon geträumt, in einer großen Stadt zu sein, in der es viel zu entdecken gibt. Da geht nichts über Berlin und die Stadt war wie ein Magnet, der mich angezogen hat.

Du hast erklärt, du hättest dein bisheriges Leben "überwiegend als Kampf empfunden". Was für Kämpfe waren oder sind das?

Ganz verschiedene Kämpfe. Man kämpft sich durch die Schulzeit, aber man kämpft auch gegen Ausgrenzung und Vorurteile. Ich habe mich oft in einer Verteidigungsposition gefühlt. Es sind aber auch viele Kämpfe, die ich mit mir selbst auskämpfen muss - Kämpfe gegen depressive Phasen und Traurigkeit. Es ist besser, dagegen zu kämpfen, als sich darin zu verlieren und unterzugehen. Aber es gibt natürlich auch schöne Kämpfe, zum Beispiel den, seine Musik zu veröffentlichen und seinen Traum zu leben.  

Einen Kampf hast du bereits öffentlich angesprochen: den, in Deutschland ständig daran erinnert zu werden, "nicht weiß" zu sein. Wie stark erlebst du Rassismus?

Schlimm war das vor allem in der Schulzeit. Da wurde mir schon mal Kaugummi in die Locken geschmiert - und ich habe mir die Haare zusammengebunden, um nicht aufzufallen. Hier in Berlin ist es okay. Aber auch hier gibt es eben diese Momente, in denen ich zum Beispiel auf einem Rockkonzert angesprochen werde: "Krass, dass du solche Musik hörst!" Wenn ich dann nachfrage, heißt es: "Na ja, du siehst nicht so aus." Das ist der kleine Alltags-Rassismus, der den meisten Menschen gar nicht bewusst ist. Ich will das niemandem vorwerfen. Aber man wird dadurch daran erinnert, dass man nicht so aussieht wie die meisten anderen.

Du erscheinst wie eine Selfmade-Woman, von deinen individuellen Outfits bis zu deinen aufwendigen Videos. Aber auch deine eigene Plattenfirma hast du gegründet. Wie viel machst du tatsächlich selbst?

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Vielleicht kommt nach dem Krieg der Frieden - wer weiß das schon?

(Foto: I AM Johannes)

Ich habe auf jeden Fall überall meine Finger mit im Spiel. (lacht) Aber ganz ohne Hilfe geht es natürlich nicht. Eine meiner besten Freundinnen ist auch meine Managerin. Mit ihr habe ich das Label gegründet, um alles selbst machen zu können, aber auch, um mir nicht reinquatschen zu lassen. Das ist natürlich ein schwierigerer Weg, als bei einem großen Label zu sein. Aber am Ende des Tages macht man das für sich. Und das ist ein schönes Gefühl.

Nähst du dir deine Outfits auch selbst?

Nein, ich kann auf jeden Fall nicht wirklich mit einer Nähmaschine umgehen. Ich gehe viel in Second-Hand-Läden - und nähe dann an den Sachen ein wenig rum. (lacht)

Alles in allem wirkt das, was du dir bis zu deinem jetzt erschienenen Album "Nachricht vom Feind" erschaffen hast, wie ein in sich schlüssiges Konzept ...

Das ist ein Konzeptalbum, ja.

Ist es ein Konzeptalbum oder ein Konzept Jadu? Viele Künstler, zum Beispiel auch Marilyn Manson, haben sich ja immer mal wieder neu erfunden ...

In erster Linie bin schon ich es, die hinter diesem Konzept jetzt steht. Es steckt einfach sehr viel von mir selbst und meiner Persönlichkeit drin. Was danach kommt oder wie das nächste Album wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Vielleicht kommt nach dem Krieg der Frieden und alles ist wieder anders. (lacht)

Man trifft dich vielleicht im Second-Hand-Laden, vielleicht aber auch beim Angeln. Du bist Hobby-Anglerin. Was reizt dich daran?

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Nachricht vom Feind [Explicit]
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In erster Linie die Ruhe und die Flucht in die Natur. Beim Angeln geht es ja um mehr als nur darum, einen Fisch zu fangen. Man steht sehr früh auf, um 5.30 Uhr oder noch früher. Man bekommt den Sonnenaufgang mit, die Ruhe und das Erwachen, wenn die Vögel losfliegen. Das ist für mich total wichtig - um runterzukommen, aber auch fürs Songschreiben. Und ich mag es eben, Dinge selbst zu tun: den Fisch selbst zu fangen und am Abend zuzubereiten. Das sind schöne, achtsame Momente.

Was war der dickste Fisch, den du bisher geangelt hast?

(überlegt) Bestimmt ein großer Hecht. Einen 1-Meter-Hecht habe ich noch nicht geschafft, aber es waren schon über 90 Zentimeter. (lacht)

Übertragen auf deine Karriere: Von welchen dicken Fischen träumst du als Musikerin?

Oh, von sehr dicken. (lacht) Das Schönste wäre es, das ganze Album "Nachricht vom Feind" auf eine Theaterbühne zu bringen. Die Musik käme von einem Orchester, aber es gäbe auch ein Stück dazu, denn ich denke, dass es eine von Anfang bis Ende erzählbare Geschichte ist. Da ich mich auch sehr für Theater und Schauspielerei interessiere, wäre das ein absoluter Traum für mich.

Mit Jadu sprach Volker Probst

Quelle: n-tv.de

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