Musik

Darauf hat die Welt gewartet Jetzt ABBA!

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Ihr Comeback ist zweifelsohne spektakulär: ABBA.

(Foto: picture alliance / Photoshot)

Beinahe 40 Jahre lang wurden sie bekniet. Doch ABBA blieben stur. Nun aber lässt die Kultband dann doch endlich den langgehegten Traum eines Comebacks wahr werden. Dass das genau jetzt passiert, hat auch mit Eitelkeit zu tun. Und mit der Hoffnung, der Ruhm der Schweden möge ewig währen.

An welche Popstars unserer Zeit wird man sich in 100 Jahren noch erinnern? Wer hat wirklich das Zeug, als ein Beethoven oder Mozart der Moderne in die Geschichte einzugehen? Die Beatles? Michael Jackson? Oder vielleicht sogar Madonna?

Die Chancen für einen die Jahrhunderte überdauernden Ruhm stehen für die heutigen Stars schlecht. Michael-Jackson-Fans werden gegen diese Behauptung wahrscheinlich Sturm laufen, in der Annahme, ihr Idol werde auch in 500 Jahren noch als "King of Pop" verehrt.

Doch man muss sich nur vergegenwärtigen, was aus dem ersten und eigentlichen "King" der Unterhaltungsmusik geworden ist. Wenn Elvis Presley seine Hüften schwang, fielen in den 50er- und 60er-Jahren die Menschen reihenweise in Ohnmacht. Fragen Sie heute, keine 50 Jahre nach Presleys Tod, mal bei pubertierenden Jugendlichen nach - Sie werden beim Namen Elvis von vielen nur noch ein ratloses Achselzucken ernten.

Das Phänomen ABBA

Was das alles mit ABBA zu tun hat? Nun, das Schweden-Quartett fällt zweifelsohne in die Kategorie der Popstars mit dem Potenzial zur Unsterblichkeit. Und das ist nicht nur das Blabla gewiefter Marketing-Experten, die in den vergangenen knapp vier Jahrzehnten, seit ABBA 1982 offiziell eine "Pause" eingelegt haben, weiter Kapital aus der Gruppe schlagen wollten. Nun gut, die gab es auch. Allen voran die Mitglieder der Band selbst. Daran, dass ihr Œuvre in Filmen, einem Musical und sogar einem Museum in Stockholm weiter kräftig nachhallt, haben sie schließlich selbst fleißig mitgewirkt.

Doch allein damit lässt sich das Phänomen ABBA nicht erklären. Zahlreiche weitere Faktoren kommen hinzu, um nur einige zu nennen: ihr Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC) 1974, in einer Zeit der drei Fernsehprogramme, als der Wettbewerb noch eine wirkliche Bedeutung hatte. Ihre musikalische Scharnier-Funktion zwischen dem Rock der 70er- und dem aufkeimenden Pop der 80er-Jahre. Ihre Verwurzelung in einer Ära, in der scheinbar weitestgehend gesellschaftliche Sorglosigkeit waltete. Ihre tragische Verknüpfung von glanzvoller Karriere und gescheitertem Privatleben, in dem die Ehen von Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus beziehungsweise Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson vor aller Augen vor die Wand fuhren.

Nicht zuletzt und zuvorderst ist es jedoch das Ausnahmetalent von Ulvaeus und Andersson als Songwriter, das sich schlicht nicht wegdiskutieren lässt. Zwischen 1974 und 1982 produzierten sie Hits in Serie. Allein in Deutschland schafften es in dieser Zeit ganze 20 ABBA-Songs in die Top Ten. Mit "Dancing Queen" gelang der Band das, was nur wenigen Europäern vergönnt ist - ein Nummer-1-Hit in den USA. Dass Lieder von ABBA - anders sogar als die von Elvis - so zeitlos sind, dass sie heute noch im Radio, auf Hochzeiten oder gar Abi-Bällen laufen, hat schon auch was mit Qualität zu tun. Ulvaeus und Andersson haben durchaus ein Händchen dafür, Pop-Perlen - scheinbar - für die Ewigkeit aus dem Ärmel zu schütteln.

Geschirrabwasch statt Luxus-Suite

Dass Andersson, etwa in einem ntv Interview von 2017, erklärt, er wisse gar nicht mehr, wie man in der heutigen Zeit einen Hit schreiben könne, ist von daher auch Koketterie. Er wird ganz sicher auch 2021 seine Hörer und Hörerinnen finden, auch wenn heutzutage Sound, Produktion und die Drakes, Kanye Wests und Lady Gagas dieser Welt das musikalische Geschehen zu dominieren scheinen. Oder zweifelt irgendjemand ernsthaft daran, dass das Comeback-Album "Voyage", dessen Veröffentlichung ABBA am Donnerstag für den 5. November angekündigt haben, schnurstracks auf die 1 gehen wird? Und zwar mutmaßlich weltweit.

Womit wir bei der spektakulären, von vielen nicht mehr für möglich gehaltenen und von allen ABBA-Fans mit Schnappatmung begleiteten Rückkehr der schwedischen Ikonen wären. Die geht nicht nur mit bereits zwei veröffentlichten neuen Songs und dem angekündigten Album einher, sondern auch mit der Eröffnung einer ausschließlich der Gruppe gewidmeten Show in London, in der künftig digitale Abbilder den Ruhm der Band für - scheinbar - alle Zeiten zementieren sollen.

Nahezu 40 Jahre lang wurde das Quartett in seiner "Pause" bekniet, doch noch einmal ins Scheinwerferlicht zurückzukehren. Doch stets lautete die Antwort: "Nein." Oder zumindest: "Nicht jetzt." Warum auch? Fältskög zum Beispiel war mit ihrem Leben in der Popstar-Rente an sich zufrieden, wie sie etwa 2014 in einem Interview verriet: "Von der Luxus-Suite bin ich zurück zum Geschirrabwasch, und ich finde, das war ziemlich schön." Andersson und Ulvaeus wiederum litten nicht gerade an Unterbeschäftigung oder zu wenig Aufmerksamkeit - als Produzenten, als Honoratioren an der Uni, als Lobbyisten für das Urheberrecht und sogar auch als Musiker. "Benny Anderssons Orkester" räumt seit 20 Jahren mit traditioneller Volksmusik wenigstens in Schweden weiter ab.

Den Nachruhm im Blick

An passenden Gelegenheiten für ein Comeback hätte es ABBA wirklich nicht gemangelt. An jedem runden Jahrestag nach ihrer inoffiziellen Auflösung - 10 Jahre danach, 20 oder 30. Begleitend zu der Veröffentlichung des "Mamma Mia!"-Musicals 1999 oder der gleichnamigen Filme 2008 und 2018. Oder aber 1985, 1992, 2000, 2013 und 2016, als der ESC jeweils in ihrem Heimatland stattfand.

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Warum erfolgt die Rückkehr von A, B, B und A aber genau jetzt - fast 40 Jahre nach dem Beginn ihrer "Pause", durchgängig mit über 70 Jahren auf dem Buckel, inmitten einer Pandemie? Das dürfte durchaus mit Eitelkeit zu tun haben. Eine Show wie die, die das Quartett nun in London auf die Beine stellt, wäre bis vor Kurzem noch an die Grenzen der technischen Machbarkeit gestoßen. Darunter hätten es die Perfektionisten Andersson und Ulvaeus aber schlicht nicht gemacht.

Doch auch eine Erklärung, die die beiden scheinbar scherzhaft bei der Verkündung ihres Comebacks am Donnerstag vortrugen, ist vielsagend. Man sollte so etwas machen, bevor man tot sei, meinten sie da. Auch weil man so Sorge dafür tragen könne, dass alles akkurat sei. ABBA haben ihren Nachruhm fest im Blick. Ob er die Jahrhunderte überdauern wird, wird die Geschichte zeigen. Und wir alle, die wir heute über den Planeten wandeln und uns am Comeback der schwedischen Fab Four erfreuen, werden es nie erfahren.

Quelle: ntv.de

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