Musik

Vom "Rooftop" an die Spitze Nico Santos dreht voll auf

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Senkrechtstarter, aber nur gefühlt: Nico Santos.

(Foto: Universal Music)

Seit seinem Hit "Rooftop" kommt an Nico Santos niemand mehr vorbei. Seine Songs laufen im Radio in Dauerschleife. Mit ntv.de spricht er nicht nur über sein bevorstehendes zweites Album, sondern auch über seinen Corona-Alltag, seinen bekannten Vater und über Zeiten, in denen er jung war und Geld brauchte.

ntv.de: Wir führen dieses Interview am Telefon. Generell feiert das Telefon in Zeiten der Corona-Krise ein ungeahntes Comeback, erst recht, wenn man wie du etwas über neue Musik zu erzählen hat. Wie viel Zeit verbringst du aktuell täglich mit Telefonieren?

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Die Corona-Krise beschert ihm früher Urlaub als gedacht.

(Foto: Universal Musik)

Nico Santos: Leider viel. Aber das Schöne ist, dass ich auch viel Zeit habe, um sie mit der Familie zu verbringen - zum Beispiel via Facetime. So viel wie jetzt habe ich schon super lange nicht mehr mit meiner Familie gesprochen.

Wie sieht dein Corona-Alltag sonst so aus?

Einerseits ist es natürlich schade, dass man nicht so viel rausgehen und keine Freunde besuchen kann. Andererseits wäre ich genau jetzt eigentlich von meiner dreiwöchigen Tour zurückgekommen und hätte direkt wieder Promo für mein Album gemacht. Im Dezember habe ich mir ab und an Sorgen gemacht, ob es mir in nächster Zeit nicht zu viel werden würde. Jetzt merke ich, wie entspannt ich werde und wie gut mir das auch irgendwie tut.

Wenn auch nicht ganz freiwillig ...

Ja, ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, 2021 Urlaub zu machen. (lacht) Gezwungenermaßen habe ich den Urlaub aber schon jetzt.

Eine sinnvolle Beschäftigung hast du in jedem Fall schon mal gefunden. Du hast am 22. März ein "Wir bleiben zu Hause"-Festival auf Instagram organisiert, an dem sich unter anderem auch Michael Schulte, Max Giesinger oder Johannes Oerding beteiligt haben. Wie kam es dazu?

Meine Schwester hatte mich auf die Idee gebracht. Sie sagte mir, in Spanien würden viele Künstler online auftreten. Da kam mir der Gedanke: "Wie geil wäre es, wenn man eine Art Festival organisieren würde!" Dann habe ich einfach Max und Johannes gefragt, ob sie auch Bock hätten. Max wiederum hat Michael Schulte gefragt. Und ich noch Lea ... So kam das innerhalb von zwei Tagen relativ spontan zustande. Dass es dann auch sehr stark viral ging, war natürlich cool.

Künstler sind durch Konzertabsagen und Auftrittsverbote ja auch stark von der Corona-Krise betroffen. Es heißt, bei manchen ginge es durchaus an die Existenz. Wie erlebst du das selbst und in deinem Umfeld?

Für mich persönlich geht das noch. Ich kann jetzt Songs schreiben, ins Studio gehen und weiter Material veröffentlichen. Am meisten schmerzt es mich gerade für meine Band. Sie zählt eigentlich auf das, was jetzt im Jahr kommen und passieren soll und ist darauf angewiesen, auf der Bühne zu stehen. Das kann sie aber gerade weder mit mir noch irgendeinem anderen Künstler. Es gibt ja noch nicht mal Hochzeiten oder irgendwelche anderen Veranstaltungen, bei denen man als Bandmitglied Geld verdienen könnte. Das ist wirklich hart.

Du bist tatsächlich schon ziemlich lange im Musik-Geschäft unterwegs. Als du Ende 2017 mit deinem Song "Rooftop" groß herauskamst, hatte man von außen dennoch den Eindruck, du würdest einen regelrechten Senkrechtstart hinlegen. Hat es sich für dich auch so angefühlt?

Nein, für mich war es wirklich ein schöner Übergang, weil ich zuvor schon so viele tolle Erfahrungen mit anderen Künstlern sammeln konnte. Das hat mir sehr geholfen, gut zurechtzukommen und mich zurechtzufinden. Aber natürlich hat das öffentliche Interesse noch einmal deutlich zugenommen, spätestens seit ich bei "The Voice of Germany" als Coach mitgewirkt habe.

Nervt dich der Rummel manchmal schon?

Nein! Ich bin super glücklich.

Wie äußert sich deine Bekanntheit inzwischen im Alltag? Wirst du auf der Straße erkannt oder warten vor deinen Konzerten Groupies auf dich?

(lacht) Ja, das sind schon die Sachen, die sich geändert haben, seit ich viel im Fernsehen zu sehen bin. Früher war das entspannter, auch wenn Songs von mir schon im Radio liefen. Da kannte man zwar den Namen, aber nicht so sehr die Person dahinter. 

Deine Karriere als Sänger ist das eine. Zugleich bist du aber auch Produzent und Songwriter. Dabei hast du mit diversen Rap-Stars wie Bushido oder Capital Bra ebenso schon gearbeitet wie mit Pop-Größen wie Lena oder Schlagerstars wie Helene Fischer. Woher nimmst du die Bandbreite?

Von meinen Eltern. Sie waren beide Musiker. Mein Papa war Jazzmusiker, meine Mama Rockgitarristin in einer Grunge-Band. Am liebsten mag ich zwar natürlich Soul und die alten Motown-R'n'B-Klassiker. Aber Ich höre privat jede Art von Musik. Mir gefällt auch die Herausforderung, sehr viel damit zu spielen. So wird es nie langweilig.

Wo fühlst du dich musikalisch am ehesten zu Hause? Ist das die Musik, die du für dich selbst schreibst?

Ja, schon. Zugleich bin ich da auch am kritischsten.

Du giltst als einer der aktuell meistgespielten Künstler im Radio hierzulande. Weißt du noch, wann du dich das erste Mal selbst im Radio gehört hast?

Das allererste Mal war das auf Mallorca (Santos wuchs hier auf, Anm. d. Red.). Da gab es ein deutsches Radio namens "Inselradio". Dass sie etwas von mir gespielt haben, war aber ein Gefallen. Das erste Mal richtig war es dann 2015 mit "Home". Viele Kumpel hatten mir erzählt, den Song schon im Radio gehört zu haben - und ich wollte ihn auch endlich hören. Als es dann so weit war, lief das Radio gerade nur ganz leise im Auto. Ich dachte mir: "Die Stimme kenne ich doch?!" Ich habe nur noch die Fenster runtergekurbelt und voll aufgedreht. (lacht) Ich wollte, dass jeder den Song hört.

Wie ist das inzwischen? Drehst du immer noch lauter oder denkst du dir: "Ach, lass mal"?

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Einem "Wer wird Millionär?"-Kandidaten brachte er nicht so viel Glück.

(Foto: Universal Music)

Ehrlich gesagt: Ich mache immer noch lauter. Ich glaube, das wird sich niemals ändern. Jedes Mal, wenn ein neuer Song rauskommt, freue ich mich wie ein kleines Kind, wenn er im Radio gespielt wird.

Es gibt so ein paar Fun Facts über dich, die vielleicht nicht jeder weiß. Zum Beispiel hattest du auch mal Schauspielambitionen und hast in einigen Folgen von "Rote Rosen" mitgewirkt ...

Oh ja, ich war jung und brauchte das Geld.

Das wäre also keine weitere Karriereoption für dich?

Nullkommanull. Ich bin ein ganz schlechter Schauspieler. Zu der Zeit war ich krass im Minus, weil ich alles auf die Musik gesetzt habe. Dann kam die Anfrage ... Das war eher notgedrungen. (lacht)

Du hast bereits deinen Vater Egon Wellenbrink angesprochen. Er hat auch als Schauspieler gearbeitet - und als Werbegesicht. Viele etwas ältere Semester kennen ihn noch als "Melitta-Mann" in den 90er-Jahren. Du kennst ihn so aber wahrscheinlich nur aus Erzählungen ...

Ja, auch weil wir auf Mallorca waren. Dort war er ja nicht so bekannt, auch nicht bei mir in der Schule. Zum allerersten Mal richtig bewusst wurde es mir, als ich nach Deutschland gezogen bin und als Kellner gearbeitet habe. Ich trug so einen Button, auf dem "Herr Wellenbrink" stand. Darauf wurde ich echt oft angesprochen, zumal ich meinem Vater relativ ähnlich sehe, auch wenn er 50 Jahre älter ist.

Einige der Werbe-Clips von damals gibt es auch auf Youtube zum Beispiel. Hast du sie dir mal angesehen?

Ja, auf jeden Fall! Ich kenne sie alle! Das ist schon verrückt. Vor Kurzem lautete auch bei "Wer wird Millionär?" die 32.000-Euro-Frage: "Welche Werbeikone ist der Papa von Nico Santos?" Ich habe noch nie in meinem Leben so viele WhatsApp-Nachrichten bekommen wie da.

Konnte der Kandidat die Frage beantworten?

Nein. Er ist an der 32.000-Euro-Frage gescheitert - wegen mir. (lacht)

Vielleicht lautet demnächst ja die Frage mal, wie dein neuer Song heißt. Wir können sie schon beantworten: "Like I love You". Nach "Home" ist das deine zweite Kollaboration mit Topic. Seid ihr Kumpel?

Ja, wir sind supergute Kumpel. Uns verbindet, dass "Home" unser Startschuss war. Coolerweise hat er auch genau jetzt seinen bisher größten Peak erreicht. Mit "Breaking Me" hat er einen Welthit. Auf Spotify belegt er derzeit Platz 60 weltweit. In 40 Ländern ist er in den Charts. Das freut mich total. Noch kurz bevor das losging, habe ich ihn angesprochen: "Hey, 'Home' ist schon wieder fünf Jahre her. Wollen wir nicht mal wieder einen Song machen?" Ich hatte schon eine Gitarren-Idee, die etwas emo-mäßig war und wollte, dass sie moderner klingt. Da hat er sich dann drangesetzt - und ich bin total happy mit dem Song.

Im Pressetext zu dem Lied heißt es: "Hier geht es um die Vorstellung, wie es sich anfühlen würde, wenn die verflossene Liebe plötzlich einen Neuen hätte." Die Frage drängt sich natürlich auf: Ist das autobiografisch?

Ja, ist es. Ich war jetzt viereinhalb Jahre in einer Beziehung. Seit Januar ist das beendet und der Song ist in dieser Phase entstanden. Ich beginne Songs normalerweise nicht mit einer Text-Idee, sondern mit der Melodie. Meistens sitze ich am Klavier und gucke, wohin mich die Reise bringt. In dem Fall war aber die Geschichte zuerst da. Ich finde, dass sie den Song am besten beschreibt.

Das Lied ist Teil deines kommenden zweiten Albums. Wie leicht oder schwer ist dir die Arbeit an dem Album nach deinem Debüt "Streets of Gold" gefallen?

Ich wollte mich nicht zu sehr unter Druck setzen, sondern mit Spaß und spielerisch an die Sache herangehen. Ich habe mir die Frage gestellt:  "Was würde ich gerne hören, wenn ich Fan von mir selbst wäre?"

Und was ist dabei herausgekommen?

Ganz unterschiedliche Dinge. Bei einem Song habe ich mich zum Beispiel das erste Mal getraut, sehr persönlich zu sein - in ihm geht es um meinen verstorbenen besten Kumpel. Beim Song "Change" dagegen hat mein Papa am Ende mit 75 noch sein 80er-Jahre-Saxophonsolo. (lacht) Das finde ich richtig geil! Und bei "Seven Days" singe ich zum allerersten Mal auch auf Spanisch. Der Chorus ist angelehnt an ein Schlaflied, das mir meine Mama als Baby immer vorgesungen hat.

Auf dem Album kooperierst du neben Topic noch mit mehren anderen Kollegen. Mit Lena etwa hast du den Song "Better" aufgenommen. Aber auch Kool Savas oder Alvaro Soler sind bei den Bonus-Tracks mit von der Partie. Was machen Kooperationen für dich aus?

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Richtig viel Spaß! Es ist toll, wenn man Musik teilen kann. Ich bin ja auch Fan anderer Künstler und dachte mir, ich frage einfach mal ein paar an, die ich feiere und die passen könnten. Zumal ich auf meinem ersten Album keine einzige Kooperation hatte.

Gibt es noch jemanden, mit wem du gern mal einen Song machen würdest oder waren jetzt schon alle dabei?

Nein, mein Lieblingskünstler ist Herbert Grönemeyer. Ein Song zusammen mit ihm wäre natürlich großartig.

Die Veröffentlichung des Albums wurde durch die Corona-Krise verzögert. Wann kommt es raus?

Es erscheint am 8. Mai.

Ebenfalls im Mai startet bei Vox eine neue Staffel von "Sing meinen Song". Du warst diesmal bei der Aufzeichnung in Südafrika mit dabei. Wie war es?

Das letzte Wort der Macher war, dass es die vielleicht lustigste Staffel war, die sie je gemacht haben. Ich denke, das sagt schon sehr viel. Wir haben uns so gut verstanden, dass es irgendwann wirklich fast wie eine Familie war. Für mich war es mit Abstand die emotionalste, verrückteste und schönste Zeit meines Lebens.

Mit Nico Santos sprach Volker Probst.

Quelle: ntv.de