Politik

Intervention in Syrien und im Irak Ankara macht Außenpolitik mit der Haubitze

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Präsident Erdogan (l.) und Ministerpräsident Yildirim begehen den türkischen Nationalfeiertag in Anitkabir. Doch Grenzen der Republik, die vor rund 100 Jahren durch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs gezogen wurden, bewerten sie kritisch.

(Foto: REUTERS)

Die Türkei zeigt immer stärker militärische Präsenz im Nahen Osten. Erst mit Bodentruppen in Syrien, dann mit kämpfenden Soldaten im Irak – und nun auch mit mehr Panzern an der Grenze zum Zweistromland. Wie weit geht Erdogan?

Eine Kolonne Sattelschlepper rollt von Ankara in Richtung Silopi, einem türkischer Ort an der Grenze zum Irak. Auf den Ladeflächen: Panzer, Panzerwagen und Ausrüstung der 28. Infanterie-Brigade. "Wir müssen uns für jede Eventualität wappnen", kommentiert Verteidigungsminister Fikri Isik die Bilder, die sich am Dienstag verbreiten, während eines Live-Auftritts im Fernsehen. Etwas nebulös spricht er von "bedeutsamen Entwicklungen" auf der anderen Seite der Grenze.

Für Eingeweihte sind diese Entwicklungen alles andere als nebulös: Mit rund 170 Kilometern Entfernung gibt es keinen anderen türkischen Ort, der näher an der irakischen Stadt Tal Afar läge als Silopi. Tal Afar ist die Stadt, auf die im Rahmen der Mossul-Offensive seit dem Wochenende ein Sturm der Haschid-Schaabi-Milizen läuft, einer Dachorganisation schiitischer Kämpfer, die vom Iran mit Geld, Waffen und Expertise unterstützt werden.

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In sozialen Netzwerken kursierten am Dienstag Bilder, die angeblich die Verlegung von Panzern und anderem militärischen Gerät an die irakische Grenze zeigen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte die Verlegung der Panzer zudem schon Tage zuvor an, sagte unverblümt: "Wenn Haschid-Schaabi die Menschen dort terrorisiert, werden wir andere Saiten aufziehen." In Tal Afar leben überwiegend sunnitische Turkmenen, für deren Schutz sich Ankara verantwortlich fühlt. Außerdem fürchtet die sunnitische Staatsführung der Türkei ein Erstarken des schiitischen Irans in der Region über Stellvertreter wie die Haschid-Schaabi-Milizen.

Die Stationierung der Panzer ist nur ein Beispiel: Die Türkei stellt gerade klar, dass sie bereit ist, ihre Einflusssphäre in der Region zu sichern – zur Not auch militärisch.

Mit Bodentruppen in zwei Staaten

Rund 100 Kilometer entfernt von Tal Afar , auf der anderen Seite Mossuls, sind türkische Truppen im Militärcamp Baschika bereits auf irakischem Boden stationiert und unterstützen kurdische Peshmerga beim Angriff auf Mossul – obwohl der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi diese Präsenz mittlerweile als feindlichen Akt bewertet und mit einem "regionalen Krieg" droht.

Erdogan forderte bereits, dass in Mossul nach der Befreiung vom IS nur sunnitische Turkmenen, Araber und Kurden leben sollen. Obendrein unterstützt die Türkei die "Wächter von Niniveh", eine sunnitische Miliz des früheren Gouverneurs von Mossul. Und der plant rund um Mossul eine autonome Region wie jene von Kurdistan – einen Quasi-Staat also mit besten Beziehungen zu Ankara.

Auch in den Norden Syriens hat Ankara Bodentruppen, Panzer und Artillerie geschickt. In der Mission "Schutzschild Euphrat" kämpfen sie zusammen mit vertrauten Kräften der Freien Syrischen Armee (FSA) gegen den IS, aber mindestens genauso engagiert für ein zweites Ziel: Es geht darum, zu verhindern, dass die (anders als die kooperierenden irakischen Kurden) von Erdogan verhassten syrischen Kurden eine Schneise in ihre westlichste Provinz Afrin freikämpfen oder gar ein zusammenhängendes Kurdengebiet entlang der türkischen Grenze aufbauen. Auch hier riskierte Ankara militärischen Widerstand. Das Regime von Baschar al-Assad verurteilte, aber duldete die Offensive anfangs zwar. Mittlerweile häufen sich aber die Berichte, dass die syrische Luftabwehr sich darauf einstellt, türkische Jets abzuschießen, wenn diese sich daran machen, die türkischen Bodentruppen zu unterstützen.

Wie weit ist Erdogan bereit zu gehen? Regierungstreue Medien stilisieren die Interventionen als wegweisende Schlacht, in der es um Aufstieg oder Fall der Republik gehe. Im Blatt "Yeni Safak" etwa ist von einer "Terrorachse Mossul-Tal Afar-Aleppo" die Rede, von einer "Belagerung" eines internationalen Komplotts, an dem der schiitische Iran und seine Stellvertreter in der Region genauso wie die amerikanische CIA beteiligt sind, und deren Ziel darin bestehe, Ankara zu schwächen. Auch der Putschversuch im Sommer gehöre zu diesem Komplett fremder Mächte. Die Türkei wird in derartigen Darstellungen zugleich als Schutzpatron der sunnitischen Zivilisten in Syrien und dem Irak dargestellt, samt historischen Bezügen etwa auf die Zeit der Seldschuken. In sozialen Netzwerken, mitunter aber auch in journalistischen Medien kursieren parallel dazu Karten, die die Türkei in den Grenzen des frühen 20. Jahrhunderts zeigen – also bevor die Siegermächte des Ersten Weltkriegs das Osmanische Reich zerlegten.

Dahinter verbirgt sich offenbar der Wunsch, dass die Staatsführung die Gelegenheit der Unruhe und der geschwächten Regierungen in Damaskus und Bagdad nutzt, um nicht nur politisch, sondern auch territorial zu alter Größe zurückzukehren. Präsident Erdogan befeuert derartige Fantasien: "Wir haben unsere aktuellen Grenzen nicht freiwillig hingenommen", sagte er kürzlich in einer Rede. Und er verwies auf die "Gründungsväter" der Türken, die jenseits der derzeitigen Grenzen des Landes zur Welt gekommen seien.

Aufbau starker Stellvertreter

Diese Worten dürften allerdings vor allem innenpolitischen Interessen folgen, nicht dem Wunsch, im Nahen Osten tatsächlich neue Grenzen zu ziehen. Denn die Probleme, die sich die Türkei damit einverleiben würde, wären überwältigend. Schon jetzt führt Ankara im Osten der Türkei einen Bürgerkrieg – mit den Kurden im eigenen Land. Zugleich binden die Ermittlungen wegen des Putschversuches die Kapazitäten der Verwaltung. Wirtschaftlich war die Türkei auch schon in besserer Verfassung. Erklärtes Ziel Erdogans ist es, in der Türkei ein Präsidialsystem zu etablieren. Dafür kann er osmanische Fantasien als öffentlichkeitswirksame Machtdemonstration nutzen. Diese umzusetzen, dürfte seinem Ziel wohl aber eher schaden.

Eine territoriale Expansion wäre ein immenser Kraftakt, obwohl die Türkei über die zweitgrößte Streitkraft der Nato verfügt. Vermutlich würden große Teile der Bevölkerung in Syrien und im Irak gegen Ankara aufbegehren. Die Türkei würde zudem nicht nur Damaskus und Bagdad, sondern weitere regionale Mächte, die USA und die EU gegen sich aufbringen. Und so ist solch ein Schritt eigentlich undenkbar. Wohl auch in diesem Bewusstsein versicherte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim, dass sein Land "keine expansionistische Politik" betreibe, sondern nur in der Region helfen wolle. Die Sorge, dass es beim Sturm auf Mossul zu Racheakten von Schiiten an Sunniten kommt, ist real. Und doch handelt es sich bei Ankaras Intervention nicht um selbstlose Hilfe. Ankaras aggressive Außenpolitik soll vor allem verhindern, dass sich andere Kräfte das Chaos im Nahen Osten zunutze zu machen. Im Idealfall, so dürfte die Strategie sein, gelingt es dabei, den eigenen Einfluss in Syrien und dem Irak über Stellvertreter zu erhöhen.

Quelle: n-tv.de

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