Politik

"Fleischwolf"-Taktik der Ukraine Darum wird seit Monaten um Bachmut gekämpft

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Seit Monaten werden an der Soledar-Bachmut-Front Unmengen an Munition abgefeuert, hier ukrainische Artillerie-Soldaten.

(Foto: REUTERS)

Seit einem halben Jahr kämpfen Russland und die Ukraine um Bachmut. Unerbittlich attackieren vor allem die Söldner der Wagner-Gruppe die einstige 70.000-Einwohner-Stadt. Tausende Soldaten auf beiden Seiten sterben - ohne dass sich die Frontlage großartig verändert. Was steckt dahinter?

Zum ersten Mal seit einem halben Jahr hat Russland eine ukrainische Stadt vollständig erobert. Soledar ist nach monatelanger Schlacht gefallen. Das hat der Kommandeur einer ukrainischen Drohneneinheit am vergangenen Wochenende bekannt gegeben. Für die Russen dürfte das nächste Ziel nun die Einkreisung Bachmuts sein.

Bachmut liegt 20 Kilometer südlich von Soledar, hatte vor dem russischen Angriffskrieg rund 70.000 Einwohner, jetzt sind laut Selenskyj nur noch "ein paar Zivilisten übrig". Momentan sollen nur noch 7000 Menschen in der Stadt leben.

Seit gut sechs Monaten versucht Russland, Bachmut zu erobern. Bisher ohne Erfolg. Das Ergebnis sind tausende tote Soldaten auf beiden Seiten. Kaum eine Schlacht in dem mittlerweile schon fast einjährigen Krieg ist so blutig. Von einer "erbitterten Pattsituation, die den Rhythmus eines Schwergewichtskampfes" angenommen habe, schreibt die "New York Times" in einer Reportage über die Kämpfe um Bachmut.

Die ukrainischen Soldaten an der Front berichten, sie hätten das schlechtere Material, seien aber "viel flexibler" als die russischen Angreifer. "Das hat damit zu tun, dass sich die ukrainischen Streitkräfte in den letzten Jahren vor allem im Donbass sehr tief und umfangreich eingegraben haben. Es gibt also, grob gesprochen, drei tief gestaffelte Verteidigungslinien", sagt Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer ntv. "Es ist den Russen gelungen, an mehreren Stellen die erste Verteidigungslinie zu durchbrechen. Und Bachmut ist jetzt die nächste Verteidigungslinie. Es ist ein massiver Stützpunkt, die Ukrainer nennen es Festung."

Tausende tote Wagner-Soldaten

Die Russen wollen die Festung Bachmut mit aller Gewalt einnehmen, um sich weiter Richtung Landesinnere zu bewegen. "Die russische Seite versucht, die Ukraine anzusaugen, in die Reichweite ihrer Artillerie zu bringen und sie dann zu zerstören. Darum wird hier so verbissen gekämpft", erklärt Reisner.

Für die ukrainische Armee gehe es wiederum darum, die russischen Angreifer an der zweiten Verteidigungslinie aufzuhalten und in monatelangen Kämpfen aufzureiben. Das hat in der Anfangsphase des Krieges schon einmal geklappt. Damals hatten die ukrainischen Soldaten auch dann noch erbittert um die Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk gekämpft, als diese schon längst zerstört waren."

Im Nachhinein hat sich herausgestellt, wie wertvoll dieser Kampfeswille der Ukrainer war. Das Foreign Policy Research Institute hat vor Kurzem analysiert, dass die zermürbenden Kämpfe um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk die russische Armee extrem geschwächt hätten. Dadurch seien die erfolgreichen Gegenangriffe der Ukraine im Herbst überhaupt erst möglich geworden, urteilen die Analysten Rob Lee und Michael Kofmann.

Die Russen verloren so viele Soldaten und Material, dass die Strategie der Ukrainer von Militärbeobachtern in Anlehnung an die Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg als "Fleischwolf" bezeichnet wurde. An der Soledar-Bachmut-Front sind laut Schätzungen der US-Geheimdienste 4000 Wagner-Soldaten getötet und 10.000 verletzt worden.

Soledar könnte russischer Pyrrhussieg werden

Die Ukraine fährt diese Strategie in Bachmut derzeit womöglich ein zweites Mal. Die Eroberung von Soledar könnte für die Russen zu einem weiteren Pyrrhussieg werden. "Moskaus Einnahme von Soledar - und möglicherweise auch von Bachmut - könnte weniger ins Gewicht fallen als die Verluste, die den russischen Streitkräften in diesem Kampf zugefügt wurden", spekuliert etwa die "Financial Times".

Ob die Strategie, eine nach langer Schlacht erlittene Niederlage nachträglich in einen Sieg zu verwandeln, auch diesmal klappt, hängt laut Reisner vor allem davon ab, wie viele Waffen die Ukraine von den westlichen Ländern bekommt. Und wie viele neue, frische Soldaten Russland an die Front schicken kann. Zumal auch viele ukrainische Soldaten an der Soledar-Bachmut-Front gefallen sind.

Derzeit versuche die Ukraine, "sich neu aufzufrischen, um im Frühjahr in die Offensive zu gehen", analysiert Reisner. Das sei das beste Szenario aus Kiews Sicht, wird Militärexperte Anthony King von der britischen Warwick-Universität von der "Financial Times" zitiert. "Im Idealfall wird die Ukraine in der Lage sein, die Frontlinie um Bachmut mit minimalen Kräften zu halten. Aber es könnte sein, dass die ukrainischen Streitkräfte stattdessen festgesetzt werden", warnt King. "Russlands Strategie ist vielleicht gar nicht so dumm, wie es aussieht." Russland versuche derzeit, das Gelände zu halten und zu verstärken, "um im Frühjahr in einer besseren Position zu sein", ergänzt Reisner bei ntv.

"Entscheidend wäre Kramatorsk"

Für die Ukraine ist Bachmut unterdessen längst zu einem weiteren Symbol für den Widerstand eines ganzen Volkes geworden. Für Russland geht es schlichtweg um den wichtigsten Kriegserfolg seit Monaten. Für seine Propaganda braucht Präsident Wladimir Putin unbedingt gute Nachrichten. Und die kleine Stadt wäre gewissermaßen das Einfallstor für Russland, um den Rest der illegal annektierten Region Donezk zu erobern.

Oberstleutnant Michael Karl vom Thinktank GIDS sieht in Soledar und Bachmut strategisch bedeutsame Orte auf dem Weg zur noch viel wichtigeren Stadt Kramatorsk. "Soledar und Bachmut sind wichtige Positionen am sogenannten ukrainischen Wallriegel auf dem Weg ins zentrale Gebiet der Ukraine. Entscheidend wäre da die Stadt Kramatorsk."

Die einstige 170.000-Einwohner-Stadt Kramatorsk ist ein wichtiger Knotenpunkt in der Donezk-Region, etwa 35 Kilometer Luftlinie von Bachmut entfernt. "Deshalb sind Soledar und Bachmut so wichtig", sagt Karl bei ntv. Würden Kiews Truppen nach Soledar auch die Kontrolle über Bachmut verlieren, wäre die Frontlinie in der Region Donezk "eingedellt", so Karl. Der Experte sieht allerdings selbst in diesem Szenario noch Möglichkeiten, ein Fortschreiten nach Kramatorsk zu verhindern, weil die Ukraine weitere Verteidigungslinien zwischen Bachmut und Kramatorsk aufgebaut habe.

Wagner-Chef hat Interesse an Tunnelanlagen

Ein anderer Grund für Russlands monatelange Schlacht um Soledar und Bachmut könnten die Salzminen und Tunnelanlagen in der Region sein. Soledar heißt auf Russisch "Salz" und "Geschenk". Ein einziges Salzförder-Unternehmen aus Soledar hat vor dem Krieg 90 Prozent des ukrainischen Salzbedarfs abgedeckt. Seit Russlands Einmarsch liegt die Produktion brach, die Ukraine muss ihr Salz importieren. Auch Bachmut ist für seine unterirdischen Tunnelanlagen bekannt. Hier werden rund 70 Meter unter der Erde Schaumweine in ehemaligen Gipsminen hergestellt. Artwinery, der größte Sekthersteller Osteuropas, hat vor dem russischen Einmarsch rund 25 Millionen Flaschen pro Jahr abgefüllt.

Offenbar will sich jetzt Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldnergruppe Wagner und als "Putins Koch" bekannt, die Salz- und Gipsminen unter den Nagel reißen. Aus US-Geheimdienstkreisen heißt es, Prigoschin habe vor allem ein kommerzielles Interesse. Der Wagner-Chef selbst bezeichnete das Tunnelsystem unter Soledar und Bachmut bei Telegram als "das Sahnehäubchen obendrauf". Es biete die Möglichkeit, "Menschen in einer Tiefe von 80 bis 100 Metern" aufzunehmen und es könnten sich darin sogar "Panzer und Schützenpanzer bewegen", so Prigoschin.

Es waren Prigoschins Wagner-Kämpfer, die Soledar in den vergangenen Monaten aus der Luft und per Artillerie bombardiert und jetzt eingenommen haben. Die reguläre russische Armee hatte das nicht geschafft. Die Wagner-Truppe opferte tausende Soldaten wortwörtlich als Kanonenfutter. "Die Absicht war, die ukrainischen Kräfte zu binden, näher heranzuführen, um sie dann mit der Artillerie zu beschießen", erklärt Reisner.

Die Truppen der Wagner-Gruppe stehen im Ukraine-Krieg gewissermaßen in Konkurrenz zur regulären russischen Armee. Prigoschin kritisiert immer wieder die Militärführung in Moskau, gleichzeitig lobt er seine Kämpfer überschwänglich. Als die russische Führung die Einnahme Soledars verkündete, wurden die Wagner-Söldner nicht erwähnt. Daraufhin meckerte Prigoschin, es werde "ständig versucht, die Siege" seiner Gruppe zu "stehlen". In der Folge veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium eine Erklärung, die den "Mut" der Wagner-Kämpfer in Soledar lobte.

Prigoschin könnte Putin gefährlich werden

Der Vorgang zeigt, wie selbstbewusst Prigoschin geworden ist. Und wie er den Kampf um Soledar und Bachmut vielleicht auch nutzt, um sich in Stellung für höhere Aufgaben zu bringen. "Wir sehen ganz klar, dass Wagner eine immer größere Rolle spielt. Und Prigoschin fordert seinen Platz am Tisch ein, weil er aus seiner Sicht ganz wesentlich dazu beiträgt, dass Russland diesen Krieg weiterführen kann", sagt Markus Reisner.

Manche Experten und Beobachter sagen Prigoschin sogar nach, er wolle eines Tages Putin als russischer Präsident beerben. "Wenn es der Wagner-Gruppe zum Beispiel gelingen sollte, Bachmut einzuschließen, und Prigoschin dieses Ergebnis dem Präsidenten präsentieren könnte, würde das seine Position natürlich weiter stärken. Dann wäre die Frage zu stellen, ob möglicherweise Putin selbst in Gefahr sein könnte", so Reisner. Der Experte gibt aber auch zu bedenken, dass die Frage über einen möglichen Putin-Nachfolger derzeit noch nicht ernsthaft beantwortet werden könne.

Zumal die Wagner-Soldaten trotz der Eroberung von Soledar noch weit davon entfernt sind, Bachmut einzuschließen, wie eine Analyse des US-amerikanischen "Institute for the Study of War" zeigt. Demnach müsste Russland zunächst mindestens zwei Autobahnen westlich von Soledar kontrollieren, um die ukrainische Versorgungslinie nach Bachmut abzuschneiden. Und die Ukraine verfüge selbst dann noch über andere Logistikrouten, um ihre Soldaten in Bachmut zu versorgen. Die blutige Schlacht um Bachmut dürfte also noch lange andauern.

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Quelle: ntv.de

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