Wirtschaft

Dubiose Methoden der Luftfahrt Piloten, die ihren Job selbst bezahlen

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Der Pilotenberuf ist für viele Flugkapitäne kein Traumjob mehr.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Viele träumen schon als Kind davon, einmal ein Flugzeug zu steuern. Doch der Kampf um einen Platz im Cockpit wird immer härter. Hunderte Piloten sind arbeitslos, einige Airlines arbeiten mit dubiosen Beschäftigungsmodellen - die Corona-Krise tut ihr Übriges.

Piloten haben einen Traumberuf: Sie sehen viel von der Welt, verdienen überdurchschnittlich gut und steuern mehrere Hundert Tonnen schwere Flugzeuge durch die Luft. Doch immer häufiger sieht die Realität anders aus, der Pilotenjob verliert an Glanz.

Die Branche ist besonders heftig von der Corona-Krise betroffen. Viele Piloten sind von Arbeitslosigkeit bedroht, prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, manche junge Flugkapitäne bekommen für ihre Arbeit überhaupt kein Geld mehr, sondern müssen sogar noch dafür bezahlen, dass sie eine Boeing oder einen Airbus steuern dürfen. Das Prinzip nennt sich "Pay-to-Fly": "Ein Pilot, der keine Anstellung hat und seine Position verbessern möchte, bezahlt bei gewissen Fluggesellschaften, die so etwas anbieten, eine bestimmte Summe und wird als Gegenleistung dann als Pilot oder Co-Pilot eingesetzt", erklärt Janis Schmitt, Pilot und Vorstandsmitglied der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Wer zu wenige Flugstunden vorweisen kann, hat kaum eine Chance auf einen Job bei einer renommierten Airline. Die Anbieter der dubiosen Modelle argumentieren deshalb, dass Nachwuchs-Piloten auf diese Weise wertvolle Flugerfahrung sammeln und in ihre eigene Zukunft investieren können. "Das ist so, als würdest Du als junger Arzt im Krankenhaus erstmal dafür bezahlen, dass Du Leute behandeln und Erfahrung sammeln darfst, bevor Du in ein, zwei Jahren eine bezahlte Festanstellung findest", kritisiert der Cockpit-Sprecher, der das Modell zudem als ungerecht empfindet. Denn auf "Pay-to-Fly" würden entweder angehende Piloten eingehen, die viel Geld haben oder diejenigen, die keinen anderen Ausweg finden. "So nutzt man deren Situation aus."

Bis zu 50.000 Euro für ein Cockpit

Junge Piloten können auf diese Weise schnell in eine Schuldenfalle geraten. Für ein Cockpit zahlen sie 30.000 bis 50.000 Euro. Dazu kommt die Pilotenlizenz: 50.000 bis 100.000 Euro kostet die Ausbildung. "Das muss aus eigener Tasche finanziert werden, es sei denn man bekommt eine Art Stipendium oder eine Vorfinanzierung durch die Airline", erklärt Schmitt. Da sich die Berufsaussichten für junge Piloten aufgrund der Corona-Krise verschlechtert hätten, besteht laut Cockpit die Gefahr, dass unsichere Beschäftigungsverhältnisse in der Branche zunehmen. "Die Airlines möchten und müssen natürlich Geld sparen und stellen dann günstigeres Personal ein. Und wenn es dann sogar Firmen gibt, die 'Pay-to-Fly' anbieten, ist das natürlich wunderbar."

2015 hat die belgische Universität Gent eine Studie zu den Beschäftigungsverhältnissen der Luftfahrtbranche veröffentlicht. Befragt wurden damals etwa 6.600 europäische Piloten. Herausgekommen ist, dass mehr als jeder Sechste von ihnen in einem sogenannten atypischen Arbeitsverhältnis beschäftigt war. Die meisten hatten Zeitverträge abgeschlossen, waren also nicht direkt bei einer Airline angestellt, sondern bei einer Zeitarbeitsfirma ohne Kündigungsschutz. Im Extremfall wurden sie mit "Pay to Fly"-Angeboten von Vermittlungsfirmen an kleinere Airlines oder Billigfluggesellschaften vermietet. Die Piloten verdienen in so einem Fall Geld, müssen das aber an ihre "Vermieter" abdrücken.

Daraufhin habe sich die Situation in der Branche etwas verbessert, erzählt Schmitt. "In der Zwischenzeit war es für uns im Berufsverband weniger ein Thema. Wir haben weniger Zuschriften von betroffenen Personen bekommen." Doch seit Beginn der Corona-Krise habe sich die Lage verändert, entsprechende Angebote seien zurückgekommen, "weil viele Fluggesellschaften ihr Personal freisetzen mussten".

Immer mehr arbeitslose Piloten

Knapp über 22.400 Piloten und anderes fliegendes Personal wie Flugtechniker waren im vergangenen Jahr vom Luftfahrt-Bundesamt lizenziert. Mittlerweile sind das angesichts von Reise- und Tourismus-Beschränkungen viel zu viele. Der neue Hauptstadtflughafen in Berlin zählt derzeit zum Beispiel nur 6000 Fluggäste täglich. "Aktuell haben wir allein in Deutschland schon über 1000 arbeitslose Berufspiloten, und die werden durch die Pandemie nicht besser dastehen", mahnt Gewerkschafter Schmitt und verweist unter anderem auf die Stellenstreichungen bei Tuifly und der Lufthansa-Gruppe.

Problematisch ist die Situation für arbeitslose Piloten vor allem deshalb, weil sie sehr speziell ausgebildet sind. Finden sie keinen neuen Job im Cockpit, fällt ihnen die Umorientierung auf dem Arbeitsmarkt oft schwer. Nur wenige könnten in anderen Branchen sofort Fuß fassen, sagt Schmitt und gibt einen Tipp: Junge Menschen mit dem Berufswunsch "Pilot" sollten ihren Traum nicht aufgeben, aber vor der Pilotenschule ein Studium oder eine Ausbildung absolvieren. "Wenn man dann mal arbeitslos wird, hat man ein zweites Standbein und kommt in Krisenzeiten deutlich besser über die Runden als die arbeitslosen Piloten zurzeit."

Der Pilotenjob hat an Glanz verloren. Die Airlines stehen unter Druck, Umweltschutz-Debatten und jetzt die Corona-Krise setzen der gesamten Branche zu. Und wann wieder geflogen wird wie früher, ist offen.

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Quelle: ntv.de