Politik

Katholiken gegen Protestanten Das steckt hinter den Krawallen in Nordirland

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Randalierer haben in Belfast einen Bus gekapert und anschließend angezündet.

(Foto: REUTERS)

Straßenblockaden, brennende Autos, Attacken auf Polizisten. Nach Jahren der Beruhigung im Nordirlandkonflikt liefern sich Jugendliche auf den Straßen von Belfast und Derry wieder regelrechte Schlachten mit der Polizei. Warum flammt der Konflikt wieder auf?

Es sind Szenen, die an die dunkelsten Zeiten Nordirlands erinnern. In den Straßen von Belfast und Derry gibt es seit einigen Wochen schwere Ausschreitungen, vor allem jugendliche Nordiren legen sich mit der Polizei an. Die Randalierer werfen Molotowcocktails, zünden Autos und sogar einen Doppeldeckerbus an. Dutzende Polizisten werden verletzt, die Einsatzkräfte reagieren mit Wasserwerfern und Plastikgeschossen.

Hinter den Angriffen stecken laut Sicherheitsbehörden unter anderem militante protestantische Gruppen. Als Auslöser der aktuellen Gewaltausbrüche gilt der Umgang der Staatsanwaltschaft mit Politikern der Partei Sinn Féin, die sich für eine Wiedervereinigung von Irland und Nordirland einsetzt. Hochrangige Mitglieder der katholischen Partei hatten ohne Achtung der Corona-Regeln an einer Beerdigung eines ehemaligen Terroristen der Irish Republican Army (IRA) teilgenommen, waren für die Verstöße aber nicht belangt worden.

"Wir sehen ja in einigen europäischen Ländern auch Proteste gegen Corona-Auflagen, da könnten sich einige Dinge vermischen. Diese nationalistischen Konflikte sind vielleicht noch nicht der treibende Faktor, aber wenn sich die Dinge zuspitzen und die Konfliktparteien darin eine Chance sehen, ihre Positionen durchzusetzen, könnte daraus eine gewisse Dynamik entstehen." So schätzt Großbritannien-Experte Stefan Schieren, Professor für Politikwissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die Situation im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" ein.

Spaltung seit Jahrhunderten

Die Wurzeln dieses Konflikts liegen ziemlich weit in der Vergangenheit. Ausgangspunkt der Streitigkeiten "waren die Bemühungen Englands im 12. Jahrhundert, Irland zu unterwerfen", erklärt Schieren. England hatte damals ein Auge auf das fruchtbare und an landwirtschaftlichen Flächen reiche Irland geworfen. Über Jahrhunderte hinweg versuchen die Engländer fortan immer und immer wieder, die Insel an sich zu reißen. Weil das aber nicht klappt, wird die Strategie gewechselt. Im 17. Jahrhundert siedeln sich Engländer und vor allem Schotten in der Provinz Ulster im Norden der irischen Insel an, um das Land durch Besiedlung peu a peu zu übernehmen.

Das gelingt aber nur bedingt, weil Schätzungen zufolge lediglich etwa 20.000 Menschen umsiedeln. Zu wenige, um Irland einzunehmen. "Das waren aber, und das ist für den heutigen Konflikt von großer Bedeutung, keine Katholiken, sondern Protestanten. Im heutigen Nordirland haben sich Protestanten angesiedelt, während der Rest des Landes katholisch geblieben ist." Das deute bereits auf die heutige Spaltung hin, betont Schieren.

Beim Blick in die Vergangenheit sei zudem die militärische Unterwerfung Irlands durch König Wilhelm von Oranien Ende des 17. Jahrhunderts wichtig. "Der hat nämlich das ganze Land unter den eigenen Gefolgsleuten verteilt. Es hat also massenhaft Enteignungen gegeben. Der Besitz von Grund und Eigentum war in den Händen einer sehr kleinen englischen, protestantischen Oberschicht", erklärt Schieren im Podcast. Ende des 17. Jahrhunderts waren laut Schätzungen 70 Prozent Irlands in den Händen von gerade einmal 2000 zumeist protestantischen Großgrundbesitzern aus Großbritannien. Es gibt in Irland zu dem Zeitpunkt also eine politisch und ökonomisch unterdrückte katholische Mehrheit auf der einen Seite, eine herrschende protestantische Minderheit auf der anderen Seite.

Verbitterung durch Hungersnot

Im Jahr 1800 wird der Act of Union beschlossen, das britische und das mit Protestanten besetzte irische Parlament stimmen für die Vereinigung Irlands mit Großbritannien. Von 1801 an gehören Großbritannien und Irland zusammen. Daraufhin beruhigt sich die Lage bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Das ändert sich allerdings schlagartig, "als eine Hungerkatastrophe aufgrund der Kartoffelseuche ausbricht", berichtet Experte Schieren. "Das Mutterland zeigte sich komplett uninteressiert am Schicksal der Iren. Das hat zu sehr viel Verbitterung beigetragen." Dies mündete in mehreren kleineren, jedoch erfolglosen, Aufständen.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts lenkt London ein. Die britische Regierung beginnt, die besondere Situation der Iren zu berücksichtigen. In dieser Zeit macht sich die sogenannte Home-Rule-Bewegung für Irlands Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich stark. Das Vorhaben scheitert zunächst zweimal im britischen Parlament. Als das Gesetz im dritten Anlauf 1914 schließlich doch noch das Parlament passiert, bricht der Erste Weltkrieg aus. Das Gesetz bleibt deshalb in der Schublade. Zumal die radikalen protestantischen Gegner der Home-Rule-Bewegung zu dem Zeitpunkt drohen, Irland in einen Bürgerkrieg zu stürzen, sollte sich das Land von Großbritannien lösen.

"Dann hat es 1916 den Osteraufstand der irischen Nationalisten gegeben, der ebenfalls zu viel Verbitterung geführt hat, weil er von beiden Seiten mit großer Brutalität ausgetragen worden ist." Und weil die harten Auseinandersetzungen fortan nicht aufhören, veranlasst der damalige britische Regierungschef David Lloyd George eine Teilung Irlands in den protestantischen Norden und den katholischen Süden. 1921 wird durch Irland eine Grenze gezogen. Der Süden erhält den Status eines Freistaats innerhalb des Commonwealth, im Norden werden sechs der neun Grafschaften der Provinz Ulster zu Nordirland, das ein eigenes Parlament bekommt.

Der Süden betrachtet das zunächst nur als vorübergehende Teilung, einige Jahre später wird man aber de facto vor vollendete Tatsachen gestellt. Als Irland 1949 aus dem Commonwealth entlassen und zur Republik Irland wird, erklärt der damalige britische Regierungschef Clement Attlee, dass es über die Köpfe der Nordiren hinweg keine Wiedervereinigung mit der Republik Irland geben könne. Der protestantische Norden müsse dem im Rahmen einer Volksabstimmung zustimmen.

Weil das zu dem Zeitpunkt aufgrund der eindeutigen Mehrheitsverhältnisse vollkommen undenkbar ist, schäumen die Katholiken im Süden vor Wut. "Die haben sich gesagt: Wir können machen und tun, was wir wollen, zu einer Einigung wird es nicht kommen."

Eskalation am "Bloody Sunday"

Das Resultat sind schwere Ausschreitungen, vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren. Damals "gibt es auch aufgrund von Polizeigewalt heftige Gegenreaktionen", blickt Schieren auf die sogenannten "Troubles" zurück. Harte Straßenschlachten sind an der Tagesordnung, die britische Regierung schickt deshalb das Militär nach Nordirland. Doch eine Befriedung tritt nicht ein, im Gegenteil: Der 30. Januar 1972 geht als Blutsonntag in die Geschichte ein. Bei Ausschreitungen am Rande einer Demonstration im nordirischen Derry werden 13 unbewaffnete Iren von Fallschirmjägern des britischen Militärs erschossen.

Der "Bloody Sunday" markiert die endgültige Eskalation des Konflikts. Die Jahre danach sind gekennzeichnet von blutigen Anschlägen. Schätzungsweise mehr als 3.000 Menschen fallen Terrorakten der verfeindeten paramilitärischen Gruppen zum Opfer.

Frieden bringt erst das Karfreitagsabkommen im Jahr 1998. Darin erklären die paramilitärischen Truppen ihre Bereitschaft zur Entwaffnung, Großbritannien reduziert seine Truppen in Nordirland und die Republik Irland verzichtet auf ihre Forderung nach einer irischen Wiedervereinigung. Das "Good Friday Agreement" sieht auch eine Teilung der Regierungsgewalt in Nordirland vor. "Es muss immer eine Beteiligung beider Lager geben, also von Protestanten und Katholiken", erklärt Schieren. Eine Politik nach dem Mehrheitsprinzip, wie ansonsten in Großbritannien üblich, ist in Nordirland nicht mehr möglich.

Durch das Karfreitagsabkommen wird der Konflikt deutlich entschärft. Einzelne Gewalttaten gibt es zwar noch, Eskalationen aber bleiben aus. Dann stört das Brexit-Referendum im Sommer 2016 die neue Ruhe. Die Europäische Union habe mit ihrem Binnenmarkt eine wirtschaftliche Integration der beiden Teile befördert, so Schieren. "Die Grenze ist ja praktisch weggefallen, was offenbar zur Befriedung der Situation beigetragen hat."

Die Protestanten sind "nervös"

Die innerirische Grenze wird zum Streitfall bei den Brexit-Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Das sogenannte Nordirland-Protokoll soll sicherstellen, dass es keine harte Außengrenze der EU zwischen Irland und Nordirland gibt. Stattdessen existiert nun aber de facto eine Zollgrenze innerhalb des Vereinigten Königreichs, also zwischen Großbritannien und Nordirland in der irischen See. Das stört die Protestanten in Nordirland, die darin einen Fingerzeig für eine mögliche Loslösung vom Vereinigten Königreich sehen.

Stefan Schieren sieht konkret zwei Dinge, die die Protestanten "nervös" machen. Bei der britischen Unterhauswahl 2019 haben die nationalistischen Parteien in Nordirland erstmals mehr Mandate gewonnen als die Protestanten. "Das liegt daran, dass die Katholiken eine höhere Geburtenrate haben und sich die Mehrheitsverhältnisse demografisch zu verändern beginnen."

Der zweite Punkt, der für eine weitere Zuspitzung des Nordirlandkonflikts spricht, seien die Schotten. "Ihnen wurde 2014 ein Unabhängigkeits-Referendum zugebilligt. Und jetzt guckt man sehr genau, was nach der Schottland-Wahl 2021 passiert, und ob es ein zweites Referendum gibt. Wenn das passiert, werden sich die Dinge in Nordirland kritisch zuspitzen. Dann könnte eine Forderung der katholischen Mehrheit nach einem Referendum in Nordirland kaum mehr zurückgewiesen werden."

Quelle: ntv.de

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