Politik

Mordanklage gegen Soldaten? Das späte Finale des "Bloody Sunday"

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Londonderry am 30. Januar 1972.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Inmitten der Brexit-Wirren steht das nordirische Derry vor einer wegweisenden Entscheidung. Die Staatsanwaltschaft befindet darüber, ob sie britische Ex-Soldaten anklagt, die vor fast fünf Jahrzehnten unbewaffnete Demonstranten erschossen haben.

Paul Doherty ist sichtlich gut gelaunt an diesem Vormittag. Auf den Stufen des Rathauses im nordirischen Londonderry verkündet er freudestrahlend, dass dies "eine der wichtigsten Wochen meines Lebens" sei. Im Gegensatz zu vielen anderen Nordiren dieser Tage spricht er nicht vom Brexit, sondern von der Aufarbeitung des "Bloody Sunday". An diesem Donnerstag entscheidet die nordirische Staatsanwaltschaft, ob sich ehemalige britische Soldaten vor Gericht für die Tötung von Zivilisten verantworten müssen.

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Paul Doherty hat am Bloody Sunday seinen Vater verloren.

(Foto: Christoph Rieke)

Fast ein halbes Jahrhundert ist dieser Sonntag bereits her. Am 30. Januar 1972 kam es in der Stadt zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der britischen Armee. Mehrere Soldaten eines Fallschirmjäger-Regiments gingen dabei mit äußerster Brutalität gegen die mehrheitlich katholischen Demonstranten vor. 13 Menschen wurden erschossen, darunter auch Paul Dohertys Vater Patrick. Sechs von ihnen waren noch nicht einmal 18 Jahre alt. Ein 14. Opfer starb im Juni 1972.

"Der Bloody Sunday hat unserer Community das Herz herausgerissen", sagt Doherty. Das spätestens seit dem gleichnamigen Song der irischen Band U2 bekannte Ereignis avancierte zum Inbegriff britischer Gewaltherrschaft und löste in Nordirlands katholischer Minderheit ein Trauma aus. Selbst der Name der Stadt ist umkämpft: Offiziell heißt sie Londonderry, doch die Katholiken nennen sie meist nur Derry. Auf Schildern, die den Weg dorthin weisen, ist "London" gelegentlich übermalt.

Als sein Vater von "Soldat F", wie er ihn stets nennt, erschossen wurde, war Paul knapp acht Jahre alt - die britischen Behörden halten die Identität der Täter bis heute geheim. Heute gibt Doherty Stadtführungen durch den pro-irisch geprägten Stadtteil Bogside, in dem der Bloody Sunday passierte, um über dieses dunkle Kapitel britisch-irischer Geschichte zu berichten. "Es lief alles nach Plan", sagt er. Sein Ton ist noch immer fassungslos. Dennoch spricht Doherty mit fester Stimme. "Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit für die Angehörigen der Opfer."

Die Gräben sind noch tief

47 Jahre nach dem Bloody Sunday könnten Paul Doherty und seine Mitstreiter diesem Ziel näherkommen. Im Rathaus zu Derry will die nordirische Staatsanwaltschaft heute verkünden, ob sie nach Sichtung von 125.000 Seiten Aktenmaterial Anklage wegen Mordes erheben wird. Auch zwei mutmaßliche ehemalige IRA-Mitglieder könnten angeklagt werden.

Angestoßen wurden die Untersuchungen der nordirischen Staatsanwaltschaft vom sogenannten Saville-Report im Jahr 2010. Eine Kommission unter dem früheren Verfassungsrichter Mark Saville hatte in zwölf Jahren Arbeit ermittelt, dass keines der Opfer eine Bedrohung für die Soldaten dargestellt hatte. Als Täter wurden 22 Soldaten identifiziert. 17 von ihnen sind heute noch am Leben, darunter "Sergeant O", der unlängst im Interview mit der BBC erklärte, er habe keine Schuldgefühle und würde heute genauso handeln.

Für Paul ist das Ergebnis bereits klar: "Sie müssen verurteilt werden", sagt er vor einem der berühmten Wandgemälde, die die Gräuel von 1972 dokumentieren und gleichzeitig den bewaffneten Kampf für ein vereintes Irland propagieren. An den gegenüberliegenden Hügeln leuchten die Narzissen in der Frühlingssonne. "Es steht fest, dass Soldat F unschuldige Menschen erschossen hat", sagt Paul und erinnert daran, dass der Mörder seines Vaters laut Saville-Report drei weitere Menschen getötet hat. Der "Belfast Telegraph" berichtete 2010, Soldat F habe die Armee 1988 verlassen, lebe außerhalb des Vereinigten Königreichs und sei angeblich krank.

Nach Erscheinen des Saville-Reports hatte sich der damalige britische Premier David Cameron im Unterhaus bei den Katholiken Nordirlands offiziell für das "ungerechtfertigte und nicht zu rechtfertigende" Vorgehen der Soldaten entschuldigt. "Wir haben das begrüßt und akzeptiert", sagt Paul. Doch während seiner Tour durch die Bogside wird deutlich, dass ihm Worte nicht genügen. Auch 21 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen sind die Wunden des Nordirlandkonflikts noch frisch - und die Gräben zwischen vielen pro-irischen Katholiken und pro-britischen Protestanten tief. Nicht nur der Brexit, auch die Entscheidung der Staatsanwaltschaft - egal wie sie ausfällt - droht diese Gräben noch zu vertiefen. Was die katholischen Nordiren besonders empört: Das britische Verteidigungsministerium hat bereits angekündigt, im Falle einer Anklage die Gerichtskosten für die Soldaten zu übernehmen.

Dieser Text entstand im Rahmen einer Recherchereise mit dem Journalists Network.

Quelle: n-tv.de

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