Politik

Lockerungsstreit bei "Anne Will" Die Angst, alles zu verspielen

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Anne Will diskutierte mit ihren Gästen die Frage, ob Deutschland die Corona-Maßnahmen "zu forsch" lockert.

(Foto: © NDR/Wolfgang Borrs)

Für die eine ist es "zu forsch", für den anderen muss der Schutz des Lebens auch einmal untergeordnet werden. Um das Wie und Wann der Corona-Lockerungen ist eine heftige Debatte entbrannt. Auch die Diskutanten bei "Anne Will" stehen sich in zwei Blöcken unversöhnlich gegenüber.

Die Kennwerte sind vielversprechend. Die Zahl der Neuinfektionen steigt verhältnismäßig langsam. Die Reproduktionszahl ist unter eins. Die Verdopplungszeit liegt bei mehr als 55 Tagen. In der Corona-Krise rückt nun das Leben der anderen in den Vordergrund. Das Leben derjenigen, die nicht medizinisch betreut werden müssen, sondern darauf warten, dass sie wieder an die Arbeit gehen, dass sie ihre Kinder in die Kita bringen, dass sie ihre Freunde treffen können. Wie kann das Leben dieser Menschen erleichtert werden? Welche Maßnahmen können gelockert werden, ohne dass eine zweite Infektionswelle riskiert wird?

Mit diesen Fragen befasst sich die Talkrunde bei "Anne Will". Den Anfang macht einer, der gar nicht geladen ist: Wolfgang Schäuble. Moderatorin Anne Will zitiert die Aussagen des Bundestagspräsidenten, die er am Wochenende in einem Zeitungsinterview getätigt hat. Der Christdemokrat vertritt die Meinung, dass der Schutz des Lebens nicht vor alles andere trete. Er plädiert dafür, ökonomische, soziale, psychologische und andere Folgen des Lockdowns stärker in den Blick zu nehmen. Diesen Anspruch haben auch die geladenen Diskutanten - doch die Studio-Gäste arbeiten sich während der 60-minütigen Sendezeit konkret nur an zwei mehr oder weniger relevanten Gesellschaftsbereichen ab: Bildung und Fußball.

Bei der Coronavirus-Pandemie geht es nach wie vor um Leben und Tod. Das stellt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet unmissverständlich fest. Es müsse abgewogen werden, welche Schäden die strengen Kontaktsperren anrichten - etwa wenn ein Kind wochenlang nicht mehr in die Kita gehen kann. Oder wenn Menschen aus Angst vor einer Ansteckung bei Notfällen nicht mehr die Ambulanz aufsuchen. Dabei seien 40 Prozent der intensivmedizinischen Plätze in seinem Bundesland gerade frei, so Laschet. "Die Diskussion, die muss stattfinden und die ist nicht forsch, sondern die ist angemessen", sagt Laschet beim Thema Kita-Öffnung und macht sogleich klar, dass er die Ansicht von Kanzlerin Angela Merkel, die manchen Bundesländern jüngst ein zu forsches Vorgehen in Sachen Lockerungen unterstellte, nicht teilt.

FDP-Chef Christian Lindner sieht es ähnlich. Überhaupt strahlen er und Laschet, der in Nordrhein-Westfalen zusammen mit den Liberalen regiert, eine beständige Einigkeit - inklusive eifrigem Kopfnicken, wenn der andere gerade etwas sagt - aus. Er sei von der jetzigen Krisenstrategie nicht mehr überzeugt, sagt Lindner. Man dürfe die Lockerungen nicht an einzelnen Sparten orientieren oder sich an wahllosen Quadratmeter-Beschränkungen aufhalten, sondern müsse darauf schauen, ob es ein ausreichendes Hygiene-Konzept gibt. Zudem komme es auf die regionalen Unterschiede an. Ein Hotel in Leverkusen sollte nicht schließen müssen, weil es in Passau einen Corona-Fall gibt. "Ich glaube, zum jetzigen Zeitpunkt können wir unter den richtigen Voraussetzungen mehr öffnen als bisher und dafür gibt es auch seriöse Stimmen aus der Wissenschaft, die das nahelegen."

Baerbock steht zwischen den Stühlen

Einer, der seinen wissenschaftlichen Hintergrund als Epidemiologe betont, widerspricht. Covid-19 sei nach wie vor die größte Bedrohung, mahnt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Laschets Hinweis auf genügend Intensivplätze sei keine Verheißung für jemanden, der beatmet werden muss. Zum einen, weil ein beträchtlicher Teil dieser Patienten stirbt und zum anderen, weil Überlebende bleibende Schäden davontragen - ältere Menschen haben zum Beispiel dadurch ein höheres Risiko, später an Demenz zu erkranken. Man könne davon ausgehen, dass erst ein bis zwei Prozent der Bevölkerung von dem Coronavirus betroffen waren oder sind. 98 Prozent stehe das noch bevor. Insofern habe Merkel recht, dass zu weite Lockerungen gerade nicht angemessen sind.

"Ich teile die Ansicht der Kanzlerin", sagt auch Christina Berndt. Die Biochemikerin und Wissenschaftsredakteurin bei der "Süddeutschen Zeitung" ist aus München zugeschaltet. Sicherlich müsse den Menschen eine Perspektive gegeben werden, aber die Bundesrepublik habe die Epidemie noch nicht im Griff. "Deutschland ist gerade Weltspitze in der Bekämpfung des Infektionsgeschehens", sagt Berndt. "Es ist jetzt schon traurig zu sehen, wie wir das so leichtfertig verspielen." Selbst wenn die Reproduktionszahl bei eins liege - also ein Infizierter einen weiteren Menschen ansteckt - verbreite sich das Virus ungebrochen weiter. Ein exponentielles Wachstum sei bei einer Steigerung der Neuinfektionen durch zu weitgehende Lockerungen wieder möglich.

Grünen-Chefin Annalena Baerbock steht quasi zwischen den beiden unversöhnlichen Blöcken. Für sie sind Lockerungen kein Selbstzweck. Es müsse klar der Fokus auf die gesellschaftlichen Bereiche gelegt werden, wo andernfalls großer Schaden angerichtet wird. Das gelte beispielsweise für Kinder, die gefährdet sind. Diesen Kindern müsse der Kontakt zu Erziehern oder Lehrern ermöglicht werden, damit potenzielle Sorgen und Nöte erkannt werden. Es müsse auf diejenigen geschaut werden, die schutzbedürftig sind.

An der Frage der Schulöffnungen entzündet sich eine hitzige Debatte über die Versäumnisse der vergangenen Wochen. Viele Einrichtungen hätten es nicht geschafft, sich auf die Wiedereröffnung vorzubereiten. Ministerpräsident Laschet teilt die Verwunderung von Moderatorin Will und Grünen-Chefin Baerbock, dass entsprechende Hygiene-Konzepte nicht vorbereitet wurden, es etwa an Desinfektionsmitteln fehle. Er schiebt die Verantwortung dafür auf die eigentlichen Schulträger - die jeweiligen Gemeinden - deren Aufgabe die Beschaffung solcher Mittel sei. Will findet es "furchtbar" und "bitter", dass so etwas nicht anders gelöst wird. Laschet lässt den Vorwurf, er sei schließlich Regierungschef und damit in der Verantwortung, nicht auf sich sitzen. Schließlich habe sich die Bildungsministerin doch noch ausnahmsweise eingeschaltet und geholfen.

"80 Prozent waren Glück"

Eine weitere Spaltung vollzieht die Talkrunde, als es um die Frage geht, ob der Spielbetrieb in der Bundesliga wieder aufgenommen werden sollte. Baerbock - nach eigenem Bekunden großer Fußballfan - kann es nicht verstehen, dass sich die Deutsche Fußball Liga mit ihren Interessen durchsetzen kann, wo die gesamte Gesellschaft unter größten Anstrengungen Entbehrungen hinnehmen muss. Wie solle man erklären, dass die Profis Fußball spielen dürfen, aber ein 14-Jähriger den Bolzplatz nicht betreten darf? Der soziale Zusammenhalt stünde auf dem Spiel. Sie plädiert dafür, Ressourcen wie das Personal aus Gesundheitsämtern oder die Polizei, die Stadien vor einem etwaigen Fan-Ansturm absichert, da einzusetzen, wo sie gebraucht werden. Laschet entgegnet: Es ist keine Kita weniger offen, wenn die Bundesliga den Betrieb wieder aufnimmt.

Streit ist möglich, auch beim heiklen Thema Coronavirus, freut sich Moderatorin Will. Dank SPD-Politiker Lauterbach wird in dem Talk zudem das eigentliche Ziel und damit auch das Leben der Betroffenen - sei es Arzt, Pfleger oder Infizierter - nicht aus den Augen verloren: Das deutsche Gesundheitssystem soll durch die Pandemie nicht so überlastet werden, wie es in anderen Ländern wie Italien der Fall war. Die jetzige Situation verdanke Deutschland zu 20 Prozent den Maßnahmen, die getroffen wurden. "80 Prozent waren Glück", sagt Lauterbach. "Wir hatten das Glück, dass wir die furchtbaren Bilder aus Italien sehen mussten, zu einem Zeitpunkt, wo die Bevölkerung sofort reagiert hat."

Jetzt gehe es darum, eine zweite und wahrscheinlich nicht so einfach zu beherrschende Welle mit einer flächenmäßigen Ausbreitung in ganz Deutschland zu verhindern. Dabei komme es auf drei Dinge an, so Lauterbach. Erstens müsse jeder eine gute Maske haben. Am besten OP-Masken aus Vlies, die einen selbst ein bisschen und andere gut schützen. Zweitens brauche es die Tracing-App, die derzeit in Arbeit ist. Drittens müssen die Behörden in der Lage sein, jeden mit Kontakt zu einem Infizierten zu testen. Das bedeute schätzungsweise zwei Millionen Tests pro Woche. Kurz gesagt: Es gibt noch viel zu tun.

Quelle: ntv.de

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