Politik

Großes Ansehen in der Welt Elizabeth II. - die Königin von Generationen

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Elizabeth II. (1926-2022)

(Foto: AP)

Mehr als sieben Jahrzehnte lang saß Elizabeth II. auf dem britischen Thron. Die große Mehrheit der Menschheit kennt nur sie als Repräsentantin des Vereinigten Königreichs. Ihr unermesslicher Fundus an politischer Erfahrung machte sie zu einer wichtigen Ratgeberin.

Die Königin ist tot, es lebe der König! Das für viele Menschen Unfassbare ist geschehen - Queen Elizabeth II., seit Februar 1952 auf dem britischen Thron und damit das am längsten amtierende Staatsoberhaupt der Welt, ist tot. Die "ewige Königin" wurde sie genannt, die meisten Erdenbürger kennen nur Elizabeth als Regentin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland. Die Zahl der Briten, die ihren Vater Georg VI. noch erlebt haben, ist überschaubar, zumal zum Zeitpunkt ihrer Thronbesteigung nur etwas mehr als 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde lebten. Heute sind es mehr als 7,8 Milliarden. Der Spruch, dass mit dem Ableben der Königin eine Ära zu Ende geht, ist wahrlich nicht übertrieben.

Eingefleischten Royalisten ist das aber zu wenig: Sie sprechen vom "Zweiten Elisabethanischen Zeitalter" und vergleichen die verstorbene Windsor-Monarchin mit der von 1558 bis 1603 absolut regierenden Tudor-Königin Elizabeth I. Ein Vergleich, der hinkt, denn die zweite Elizabeth war nicht mit der Machtfülle ausgestattet wie ihre Vorgängerin aus dem 16. Jahrhundert, die sich anschickte, England zur Seemacht Nummer eins zu machen. Elizabeth II. war eine konstitutionelle Monarchin - ein Ergebnis der Glorious Revolution von 1642 bis 1649, bei der mit der Durchsetzung der Bill of Rights die Grundlage für das bis heute existierende parlamentarische System Großbritanniens, auch Westminster-Demokratie genannt, geschaffen wurde.

Es zeugt von der starken Persönlichkeit der Queen, dass ihr Tod ein großer Verlust für die internationale Politik ist, obwohl sie jahrzehntelang nur repräsentative Aufgaben wahrnehmen durfte. Mit ihr geht ein großer Erfahrungsschatz, ein Fundus an politischem Wissen, der für die jeweilige Regierung Ihrer Majestät von großem Wert war.

Durch den Zweiten Weltkrieg geprägt

Während ihrer Zeit als britisches Staatsoberhaupt hat die Queen elf Premierminister - von Churchill bis Brown - in ihr Amt eingeführt. (Foto: Mit Tony Blair)

Die Queen mit Tony Blair, der Großbritannien von 1997 bis 2007 regierte.

Für die jüngeren Premierminister waren die wöchentlichen Audienzen bei der Queen im Buckingham Palace auch Unterrichtsstunden in Geschichte und Lebenserfahrung. Der von 1997 bis 2007 amtierende Labour-Premier Tony Blair, zu Beginn seiner Amtszeit noch sehr forsch, musste bei seiner ersten Unterredung mit der Königin erkennen, wie viel ihm zu einem großen und erfahrenen Politiker noch fehlt: "Sie sagte zu mir: 'Mein erster Premierminister war Winston Churchill, da waren Sie noch nicht geboren'", erinnerte sich Blair später. Es war eine elegante, aber konsequente Einnordung des Premiers, der die politische Macht inne hat, durch die eigentlich machtlose Regentin. Das war nicht verwerflich, denn als Elizabeth II. den Thron bestieg, regierte Kriegspremier Churchill in ihrem Land, Harry S. Truman in den USA, Josef Stalin in der Sowjetunion und Mao Zedong in China. Länder wie Ägypten und der Irak waren noch Königreiche.

Obwohl auch Dauergast in den bunten Blättern, war Elizabeth stets eine sehr politische Königin. Als Teenager erlebte sie den Zweiten Weltkrieg und sah die deutschen Bomber, die ihre tödliche Last über London, Coventry und anderen englischen Städten abwarfen. Das verheerende Ergebnis der Angriffe der Göring-Luftwaffe sah die damalige Kronprinzessin mit eigenen Augen.

Auch die Qualität des politischen "Unterrichts", den die damals 25-jährige junge Königin bei Winston Churchill erfuhr, prägte sie nachhaltig. Sie wurde Königin zu einer Zeit, in der Großbritannien, obwohl eine der Siegermächte des bislang schrecklichsten Krieges der Weltgeschichte, einen gravierenden Machtverlust erfuhr. Das riesige Kolonialreich gehörte recht bald der Vergangenheit an. An seine Stelle trat das Commonwealth of Nations - eine lose Verbindung von souveränen Staaten, die Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen hatte. Die Pflege des Commonwealth lag Elizabeth bis zu ihrem Lebensende am Herzen. Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass es nach ihrem Tod zerfällt.

Pflege der Freundschaft mit den USA

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Zu Besuch bei US-Präsident George W. Bush.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Der britische Bedeutungsverlust in den 1950er- und 60er-Jahren war groß. Die Königin ging jedoch souverän damit um. Sie war in den meisten Staaten ein gern gesehener Gast, ihre (nicht öffentlich) geäußerte Meinung hatte bei den ausländischen Staats- und Regierungschefs Gewicht. Sogar die gegenüber ihrer alten Kolonialmacht renitenten US-Amerikaner machten bei der Königin eine Ausnahme und schlossen sie in ihr Herz.

Andererseits pflegte die Queen mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln das besondere anglo-amerikanische Verhältnis. "Ich bin in dem Wissen aufgewachsen, dass das Überleben Großbritanniens im Krieg von dem Bündnis abhing, das Winston Churchill mit Präsident Roosevelt abgeschlossen hat", sagte sie 2007 auf einem Bankett im Weißen Haus, das Präsident George W. Bush ihr zu Ehren gab. Hinter diesem Satz steckte eine tiefe Wahrheit: Großbritannien braucht die Vereinigten Staaten mehr als die USA das Vereinigte Königreich. Dennoch gab es auch Missstimmungen: So war sie Präsident Ronald Reagan regelrecht böse, als er 1983 die US-Invasion in Grenada befahl.

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung des Westens und die parlamentarische Demokratie waren für die Queen der Kompass ihres Handelns auf internationalem Parkett, dazu natürlich auch die Durchsetzung britischer Interessen. Die Königin wurde von britischen Premierministern als eine Art Geheimwaffe zur Lösung schwieriger politischer Probleme eingesetzt. Etwa bei ihrem Staatsbesuch in Irland 2011, der als Normalisierung der britisch-irischen Beziehungen gewertet wurde.

Die Queen und Deutschland

Eine wichtige Rolle kam der Queen auch bei der Entwicklung der Beziehungen zum ehemaligen Kriegsgegner Deutschland zu. Nach zwei Weltkriegen, in denen Deutschland und Großbritannien gegeneinander gekämpft hatten, galt es, die tiefen Wunden heilen zu lassen. Erst 1965 sollte Elizabeth II., die selbst deutsche Wurzeln besitzt, die Bundesrepublik zum ersten Mal offiziell als Staatsoberhaupt besuchen - für gleich elf Tage. Bundespräsident Heinrich Lübke würdigte die königliche Visite bei einem Empfang im Brühler Schloss Augustusburg entsprechend: "Ihren Besuch, Majestät, verstehen wir als Zeichen des wachsenden Vertrauens zu unserem Volk."

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Deutschland-Besuch 1965.

(Foto: picture alliance / Kurt Rohwedder)

Der erste Queen-Besuch im wiedervereinigten Deutschland - er fand im Oktober 1992 statt - war schwierig. Nicht nur, weil sich Premierministerin Margaret Thatcher vehement gegen die Einheit Deutschlands wehrte. "Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen. Jetzt sind sie wieder da", sagte sie. Die Queen stattete auch Dresden, das im Februar 1945 von anglo-amerikanischen Bombern schwer zerstört worden war und Tausende Tote zu beklagen hatte, einen Besuch ab. Dabei wurde die Queen auch ausgepfiffen. Doch nicht nur angesichts der Tatsache, dass Großbritannien als Zeichen der Versöhnung ein goldenes Kreuz für die Kuppel der später wieder aufgebauten Frauenkirche schenkte, war der Besuch in Sachsens Landeshauptstadt ein großer Erfolg. Wichtig war auch, dass sich die deutsch-britischen Beziehungen weiter entkrampften.

Dies traf hinsichtlich des Verhältnisses der Queen zu Diktatoren nicht zu. Diese verabscheute Elizabeth. So empfing sie 1978 Rumäniens Staats- und KP-Chef Nicolae Ceausescu und dessen Frau Elena nur sehr widerwillig - auf Druck der damaligen Labour-Regierung von Premierminister James Callaghan. Ihre Abscheu gegenüber dem "Conducator" aus Bukarest soll so groß gewesen sein, dass sie sich während eines Spaziergangs im Garten des Buckingham Palace hinter einem Gebüsch versteckt haben soll, um einer Begegnung mit ihm zu entgehen.

Seitenhiebe gegen Thatcher

Über Elizabeths Verhältnis zu den Hausherren von Number 10 Downing Street wurde über die Jahrzehnte viel geschrieben und spekuliert. Die Liste ist lang: Während Elizabeths Regentschaft amtierten die Konservativen Churchill, Anthony Eden, Harold Macmillan, Alec Douglas-Home, Edward Heath, Margaret Thatcher, John Major, David Cameron, Theresa May, Boris Johnson und Liz Truss sowie die Labour-Politiker Harold Wilson, James Callaghan, Tony Blair und Gordon Brown. Besonders eng war ihr Verhältnis zu "Lehrmeister" Churchill. Auch die Chemie zum "Roten" Wilson soll nach dessen Aussagen gestimmt haben - ein Zeichen für die politische Neutralität der Queen.

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Die Queen mit Margaret Thatcher.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Als konstitutionelle Monarchin war es Elizabeth lediglich vergönnt, zur Parlamentseröffnung das jeweilige Regierungsprogramm der Premierminister zu verlesen. Sie tat dies mit der gebotenen königlichen Souveränität. Dennoch sickerte durch, dass sich die Queen an der Wirtschaftspolitik von Thatcher rieb und sich in dem ihr gegebenen engen politischen Spielraum besorgt über die wachsenden sozialen Gegensätze und die hohe Arbeitslosigkeit im Großbritannien der 80er-Jahre äußerte. Auch kritisierte die Königin Thatchers Weigerung, Sanktionen gegen das Apartheid-Regime in Südafrika anzuordnen. Den Falklandkrieg gegen Argentinien 1982 dagegen billigte sie. Ihr zweitältester Sohn Andrew nahm an Bord des Flugzeugträgers "HMS Invincible" an den Kampfhandlungen teil.

Hinsichtlich des schwierigen Verhältnisses der Briten zu Europa hielt sich die Queen stets bedeckt. Der Biograf Robert Lacey behauptete einmal, Elizabeth habe bei einem Dinner anlässlich ihres 90. Geburtstages ihre Gäste aufgefordert, "drei gute Gründe" zu nennen, warum Großbritannien ein Teil Europas sein sollte. Das Boulevardblatt "Sun" berichtete gar, die Monarchin sei für den Brexit. Der Hof ließ dies umgehend dementieren und betonte dabei die politische Neutralität der Königin. Auch nach der knappen Entscheidung im Juni 2016 für das Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union gab es keine seriöse Aussage der Queen zu dem Thema.

Für den Erhalt Großbritanniens

Ohne Zweifel war die Engländerin durch und durch Britin. Nachdem sich die Mehrheit der Schotten im September 2014 für einen Verbleib im britischen Staatsverband entschieden hatte, lehnte sich Elizabeth in einer Erklärung für ihre Verhältnisse weit aus dem Fenster. Sie habe keine Zweifel, dass die Schotten "in einem Geist von gegenseitigem Respekt und Unterstützung" zusammenfinden könnten, um konstruktiv an der Zukunft Schottlands und allen Teilen Großbritanniens zu arbeiten, hieß es. "Meine Familie und ich werden tun, was wir können, um Ihnen bei dieser wichtigen Aufgabe zu helfen und Sie zu unterstützen." Es war Elizabeth schlichtweg ein Gräuel, dass nach dem Zerfall des Empires kurz nach ihrer Thronbesteigung nun auch Großbritannien das Zeitliche segnen könnte.

Ganz ist die Gefahr der Abspaltung des europafreundlichen Schottlands nicht gebannt, in Edinburgh wird bereits ein zweites Referendum angestrebt. Dabei hat die königliche Familie bekanntlich ein Faible für den nördlichen britischen Landesteil. Die Queen verbrachte gemeinsam mit dem im April 2021 gestorbenen Prinz Philip den Sommerurlaub stets auf Schloss Balmoral. Unklar ist, ob diese Tradition der Windsor-Familie auch aufrechterhalten wird, sollte Schottland bei einem Referendum für eine Abspaltung von Großbritannien stimmen. Klar ist: Für den Nachfolger der Queen wird die Erhaltung der Einheit des Vereinigten Königreichs eine wichtige Aufgabe sein.

Eine so lange Regentschaft wie die von Elizabeth wird ihrem Sohn Charles aber schon aus Altersgründen nicht vergönnt sein. Zudem wird Elizabeth für geraume Zeit die letzte Frau sein, die das Zepter trägt. Nach ihrem Tod wird Großbritannien in den kommenden Jahrzehnten von männlichen Monarchen repräsentiert. Die Nationalhymne beginnt dann mit "God Save the King". Und nach dem Tod von Charles, dem sein Sohn William auf den Thron folgt, wird es heißen: Der König ist tot, es lebe der König!

Quelle: ntv.de

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