Unterhaltung

Großbritanniens Dauer-Königin Elizabeth II. überholt Victoria

Caprivi.jpg

Victoria und Eliabeth II. kommen zusammen auf eine Regentschaftszeit von mehr als 127 Jahren.

(Foto: picture alliance / dpa)

63 Jahre und 218 Tage: Elizabeth II. hat es geschafft. Niemand saß länger auf dem britischen Thron als die 89-Jährige. Damit fällt der alte Rekord von Queen Victoria. Die überwiegende Mehrheit der Briten kennt nur Elizabeth als Königin.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Briten ein feierfreudiges Volk sind und zudem Traditionen mit Hingabe pflegen. Sie haben das Glück, eine Institution die ihrige zu nennen, die in der Lage ist, beide Punkte miteinander zu verknüpfen: das Königshaus. Mehr als 1000 Jahre ist die britische Monarchie alt. Weit mehr Männer als Frauen saßen auf dem Thron. Dennoch sind es zwei Frauen, die die längste Regentschaft aufweisen: Victoria und Elizabeth II. Lange Zeit schien es undenkbar, dass ein anderer Monarch es schaffen könnte, überhaupt in die Nähe des Rekordes der alten Queen Victoria, auch Großmutter Europas genannt, zu kommen.

Doch nun ist es so weit: Ab dem 9. September 2015 ist es Elizabeth, die am längsten auf dem Thron sitzt. Seit nunmehr 63 Jahren und 218 Tagen ist Victorias Ururenkelin britisches Staatsoberhaupt. Eine erstaunlich lange Zeit für die Frau, die eigentlich nur durch besondere Umstände zur Königswürde kam. Aber das Leben ist unberechenbar: Elizabeths Onkel Edward VIII. entschied sich, die geschiedene US-Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten und dankte am 11. Dezember 1936 ab. Nur dadurch kam sein jüngerer Bruder Albert als Georg VI. auf den Thron. Elizabeths Vater starb bereits früh, so dass sie am 6. Februar 1952 Königin wurde - im Alter von 25 Jahren.

Victoria und Elizabeth: Beiden stehen zu Beginn ihrer Regentschaft erfahrene Premierminister zur Seite. Für Victoria, die zum Zeitpunkt ihrer Geburt am 24. Mai 1819 nur an fünfter Stelle der britischen Thronfolge stand, ist die Freundschaft zu Lord Melbourne politisch sehr wichtig. Sie ist zum Zeitpunkt ihrer Thronbesteigung am 20. Juni 1837 - sie folgt ihrem Onkel Wilhelm IV. - erst 18 Jahre alt und dementsprechend unerfahren. Victoria ist konstitutionelle Monarchin in einer Zeit, in der Großbritannien ein Weltreich ist und seinen Einfluss noch weiter ausbaut. Über mehr als ein Fünftel der Erde ist Victoria pro forma Herrscherin. 1876 wird ihr noch der Titel Kaiserin von Indien verliehen. Nach ihrem Tod 1901 wird rückblickend vom Victorianischen Zeitalter gesprochen - dieses gilt als Blütezeit der britischen Geschichte. Als Elizabeth (ihr steht zu Beginn Winston Churchill zur Seite) mehr als ein halbes Jahrhundert später den Thron besteigt, ist vom britischen Empire nicht mehr viel übrig.

Caprivi.jpg

In der Zeit von Queen Victoria ist Großbritannien eine Weltmacht.

(Foto: imago stock&people)

Eine Gemeinsamkeit zwischen Europas Großmutter und ihrer Ururenkelin sind die deutschen Wurzeln. Während Victoria - sie entstammte einer im Odenwald geschlossenen Ehe von Prinz Eduard August von Kent und der verwitweten Herzogin Victoria von Leiningen - stolz auf diese war, will Elizabeth II. damit nicht in Verbindung gebracht werden. Für Victoria, die ihren deutschen Mann Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha innig geliebt hat, wurde dessen Geburtsschloss Rosenau im Coburger Land zum Lieblingsort. Ihre Tochter Victoria heiratete den späteren deutschen Kurzzeit-Kaiser Friedrich III. Deren Sohn Wilhelm II., von seiner Mutter nicht sonderlich geliebt, wurde der letzte deutsche Kaiser. Elizabeth betont dagegen das Britische in ihrer Familie und stattet im Gegensatz zu Victoria Deutschland nur in größeren Zeitabständen Besuche ab.

Zweiter Weltkrieg prägt Elizabeth

Es waren die beiden Weltkriege, die das britische Königshaus auf Distanz zu den Deutschen gebracht hat. 1917, während des Ersten Weltkrieges, änderte Elizabeths Großvater, König Georg V., den bereits anglisierten deutschen Namen Saxe-Coburg and Gotha für die Dynastie in Windsor. Er beugte sich innenpolitischem Druck, standen sich doch britische und deutsche Soldaten an der Front gegenüber.

Die junge Elizabeth prägte der Zweite Weltkrieg, in dem Großbritannien zeitweise durch das nationalsozialistische Deutschland tödlich bedroht war. Das Völkergemetzel sorgte für ein abruptes Ende einer bislang relativ unbeschwerten Kindheit. 14 Jahre ist die Prinzessin gerade einmal alt, als sie in der BBC ihre erste Rundfunkansprache hält. Sie wendet sich an die aus den Städten evakuierten Kinder. Mit 16 absolviert sie 1942 ihren ersten öffentlichen Auftritt bei den Grenadier Guards. König Georg VI. lehnt es ab, seine Kinder nach Kanada in Sicherheit zu bringen. "Die Kinder werden nicht ohne mich gehen. Ich werde nicht ohne den König gehen. Und der König wird niemals gehen", sagt seine Frau Elizabeth, die spätere Queen Mum. Ihre Tochter leistet Dienst an der Heimatfront und wird zur Lkw-Fahrerin und Mechanikerin ausgebildet.

Caprivi.jpg

Prinzessin Elizabeth mit ihren Eltern im Jahr 1944.

(Foto: imago stock&people)

Die Windsors demonstrieren in den schwersten Stunden der Nation Volksnähe. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Britanniens Monarchen hinter dicken Palastmauern verschanzen. Leben und Wirken der Familie Windsor werden zu einem öffentlichen Ereignis. So auch die 1947 stattfindende Hochzeit der Thronfolgerin mit Prinz Philip von Griechenland und Dänemark, der ebenfalls deutsche Wurzeln hat. Das ist noch ein Politikum, denn der Krieg gegen Hitlerdeutschland ist gerade einmal zwei Jahre vorbei. Mütterlicherseits dem hessischen Hause Battenberg entstammend, nimmt Philip den Namen Mountbatten an. Im Gegensatz zu seiner Frau ist Philip in der Folgezeit öfter in der Bundesrepublik zu Besuch.

Mit der Aufzeichnung von Elizabeths Krönung 1953 wird königlicher Pomp in die Kinos und Wohnzimmer übertragen. Dennoch ist die junge Königin Staatsoberhaupt eines Landes, das trotz eines gewonnenen Krieges massiv an Einfluss verliert. Elizabeth II. steht nur noch einem losen Zusammenschluss ehemaliger britischer Kolonien, dem Commonwealth, vor. Um dieses kümmert sich die Königin aber intensiv. Ansonsten ist ihre politische Gestaltungsmöglichkeit deutlich geringer als die Victorias. Unter Elizabeth sind die Windsors weniger auf den politischen Seiten der Zeitungen präsent, ihre Bilder zieren die bunten Blätter - ein Schicksal für konstitutionelle Monarchen im Zeitalter der Medien.

Zwölf Premierminister

Caprivi.jpg

Die junge Königin mit dem alten Premier Winston Churchill.

(Foto: imago stock&people)

Dennoch gibt es Ähnlichkeiten zur Victorianischen Regentschaft: Wie ihre große Vorgängerin ist auch Elizabeth stets bemüht, die britische Monarchie unverzichtbar für das Land zu machen. Aufgrund der massiven Medienpräsenz ist das für sie aber ungleich schwieriger als im 19. Jahrhundert. Wie Elizabeth hatte es Victoria ebenfalls mit verschiedenen Premierministern zu tun, auch zu ihrer Zeit wehte mitunter ein rauer Wind aus Westminister in Richtung Palast. Sie war aber nicht immer für die Regierenden da: Nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes Albert Ende 1861 befand sich Victoria in einer permanenten Trauerzeit, in ihren 40 Witwenjahren war sie nur sieben Mal bei der Parlamentseröffnung zugegen - bei ihrer pflichtbewussten Ururenkelin wäre dies undenkbar.

Elizabeth hatte es bislang mit zwölf Premierministern zu tun. Bei den Regierungschefs ist ihr Rat gefragt, denn die Königin ist ein Fundus an politischem Wissen und diplomatischer Erfahrung. Der von 1997 bis 2007 amtierende Labour-Premier Tony Blair schilderte einmal seine erste Audienz bei der Queen: "Sie sagte zu mir: 'Mein erster Premierminister war Winston Churchill, da waren Sie noch nicht geboren'". Jahrzehnte britischer Geschichte stehen vor dem 1953 geborenen Regierungschef. Ohne viele Worte und große Gesten sorgt die Queen für Respekt bei ihren Gesprächspartnern. So machte die "eiserne Lady" Margaret Thatcher einen besonders tiefen Knicks vor der Königin.

Familiäre Turbulenzen

Blair ist der Premierminister, der Elizabeth hilft, die Monarchie durch gefährliche Untiefen zu führen. Ihr Verhalten nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana 1997 bringt die Windsors in arge Bedrängnis. Blair drängt die Queen regelrecht, aus dem Urlaub in Schottland nach London zurückzukehren und sich dem Volk zu zeigen. Elizabeth schafft mit einer Live-Ansprache einen Stimmungsumschwung.

Caprivi.jpg

Die Windsors sind für die überwiegende Mehrheit der Briten unverzichtbar.

(Foto: imago/i Images)

Die Turbulenzen innerhalb der königlichen Familie beschäftigen die Königin jahrelang. Die Ehen von drei ihrer vier Kinder - Charles, Anne und Andrew - werden geschieden. Es gibt mitunter peinliche Enthüllungen, wie zum Beispiel Charles' schlüpfriges Telefonat mit seiner damaligen Freundin und jetzigen Frau Camilla. Auch die Enkel sind im Visier der Medien, die Eskapaden des pubertären Prinzen Harry bestimmen die Schlagzeilen. Eine Zeit lang hat es den Anschein, als seien Krethi und Plethi im Buckingham Palace. Wichtige Staatsreisen der Königin mit Ehemann Philip geraten in den Hintergrund.

Elizabeth II. besitzt aber eine Eigenschaft von unschätzbarem Wert: Sie ist auch als ältere Frau lernfähig. Nach der großen Krise ist die Dauer-Königin bei offiziellen Auftritten lockerer. Ihren Enkeln William und Harry gewährt sie mehr Freiräume als früher ihren Kindern. Große Volksfeste umrahmen Thronjubiläen oder wichtige Geburtstage. Elizabeths Ältester Charles spricht seine Mutter in Ansprachen nicht mehr nur mit "Her Majesty", sondern auch mit "Mummy" an. Er darf nach der unglücklichen Ehe mit Diana seine langjährige Geliebte Camilla heiraten. Es menschelt bei den Windsors - ein brauchbares Mittel, sie moderner erscheinen zu lassen.

Dabei bleibt Elizabeth im Gegensatz zu Victoria ein schwerer Schicksalsschlag erspart: der frühe Verlust des Ehemannes. Die Queen hat noch immer ihren Mann Philip, der mittlerweile 94 Jahre alt ist, an ihrer Seite beziehungsweise einen Schritt hinter ihr. Victorias Gatte Albert starb dagegen bereits im Alter von 42 Jahren. Zudem wirkt Elizabeth trotz ihrer mittlerweile 89 Lebensjahre für ihr Alter noch sehr rüstig. Victoria litt mit Mitte 70 schwer an Arthritis und starb im Alter von 81 Jahren.

Der Queen könnten noch einige Jahre auf dem Thron bevorstehen, ihre Mutter wurde 101 Jahre alt. Historiker sprechen in Anspielung auf die von 1558 bis 1603 dauernde Regierungszeit von Elizabeth I. vom "zweiten elisabethanischen Zeitalter". Der Vergleich zwischen beiden Monarchinnen hinkt jedoch. Im Gegensatz zur absolut regierenden Tudor-Königin, unter der England zur Seemacht aufstieg, ist die Macht der Windsor-Queen zu gering, um ein Zeitalter prägen zu können. Die meisten Briten werden es womöglich anders sehen, denn sie haben nur Elizabeth II. als Königin erlebt.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema