Politik

Kriegstag im Überblick Kiew und Moskau tauschen Gefallene - Kiew will erst bei Erfolgen verhandeln

2022-06-02T220907Z_2065624574_RC2QJU973385_RTRMADP_3_UKRAINE-CRISIS-LUHANSK-REGION.JPG

Eine Freiwilligenbrigade meldete den Tod eines deutschen Kämpfers in der Ukraine.

(Foto: REUTERS)

101 Tage dauert der Krieg in der Ukraine. Russland versucht, mit schwerem Beschuss Geländegewinne im Süden und Osten zu erzielen und trifft vor allem in der Region um Sjewjerodonezk weiter erbitterten Widerstand. Derweil erteilt Kiew gegenwärtigen Verhandlungen ein Absage - und meldet erstmals einen toten deutschen Kämpfer.

101 Tage dauert der Krieg in der Ukraine. Russland versucht, mit schwerem Beschuss Geländegewinne im Süden und Osten zu erzielen und treffen vor allem in der Region um Sjewjerodonezk weiter erbitterten Widerstand. Derweil erteilt Kiew gegenwärtigen Verhandlungen ein Absage - und meldet erstmals einen toten deutschen Kämpfer.

Die Streitkräfte der Ukraine haben nach ukrainischen Angaben kleine Erfolge bei der Verteidigung der strategisch wichtigen Stadt Sjewjerodonezk im Osten des Landes erzielt. Russland werfe zwar sein "ganzes Gewicht und seine Reserven" in die Schlacht um die Stadt, erklärte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Gajdaj. Die ukrainischen Kräfte "drängen sie aber jetzt zurück". Eine ukrainische Freiwilligenbrigade meldete unterdessen den Tod eines deutschen Kämpfers in ihren Reihen.

Erbitterter Straßenkampf in Sjewjerodonezk

Um Sjewjerodonezk im Osten der Ukraine wird weiter erbittert gekämpft. Russland verstärke seine Truppen rund um die Industriestadt, teilte der ukrainische Generalstab mit. Bei den Angriffen werde Artillerie eingesetzt. Ukrainische Einheiten hielten weiterhin ihre Stellungen in der Stadt und drängten russische Soldaten an mehreren Stellen zurück, sagte der Gouverneur der ostukrainischen Region Luhansk, Serhij Gaidai, im Fernsehen. Russische Soldaten sprengten Brücken in Sjewjerodonezk, um zu verhindern, dass militärische Ausrüstung und Hilfe für die Zivilisten in die Stadt gebracht werden könnten.

Etwa ein Fünftel des an die russische Armee verlorenen Gebietes der Stadt sei wieder unter ukrainischer Kontrolle. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Gouverneur Gaidai sagte im ukrainischen Fernsehen zudem, es sei nicht realistisch, dass Sjewjerodonezk in den kommenden zwei Wochen fallen werde. "Sobald wir genügend westliche Langstreckenwaffen haben, werden wir ihre Artillerie von unseren Stellungen wegdrängen. Und dann, glauben Sie mir, die russische Infanterie, sie werden einfach rennen."

Im 80 Kilometer von Sjewjerodonezk entfernten Slowjansk hatte der Bürgermeister die Einwohner am Freitag aufgerufen, angesichts heftiger Bombardements ihre Häuser zu verlassen. Wasser- und Stromversorgung sind in der Stadt zusammengebrochen. Kämpfe wurden am heutigen Samstag von den ukrainischen Behörden auch aus dem Süden der Ukraine in der Region Cherson gemeldet sowie ein russischer Raketenangriff im Hafen von Odessa.

London: Schwerer Beschuss durch Russland

Nach Erkenntnissen des britischen Militärgeheimdienstes hält das russische Militär seine Artillerie- und Luftangriffe im Osten der Ukraine auf einem hohen Niveau. "Der verstärkte Einsatz von ungelenkter Munition hat zur großflächigen Zerstörung bebauter Gebiete im Donbass geführt und mit ziemlicher Sicherheit erhebliche Kollateralschäden und zivile Opfer verursacht", schrieb das Verteidigungsministerium unter Verweis auf den regelmäßigen Geheimdienstbericht auf Twitter. Russland habe seine taktischen Luftangriffe verstärkt, um den langsamen Vormarsch zu unterstützen. Zum Einsatz kämen Kampfflugzeuge und Artillerie.

Ukraine: Erst militärische Erfolge - dann Verhandlungen

Die Ukraine erklärt sich erst wieder zu Gesprächen mit Russland bereit, wenn sie in dem Krieg Boden gutgemacht hat. "Solange wir unsere Position nicht gestärkt haben und die russischen Truppen nicht so weit wie möglich zurückgedrängt wurden, ergeben Verhandlungen keinen Sinn", sagte der Präsidenten-Berater Mychailo Podoljak. Der ukrainische Unterhändler David Arachamia äußerte sich ähnlich. "Unsere Armee ist bereit, die neuen Waffen zu nutzen, und dann können wir aus einer gestärkten Position heraus eine neue Runde von Gesprächen angehen", sagte er.

Gespräche von ukrainischen und russischen Unterhändlern brachten bislang keine Ergebnisse. Im Kampf gegen die russischen Streitkräfte erhält die Ukraine immer mehr militärische Unterstützung aus den USA und EU-Ländern. So sagten die USA der Ukraine fortschrittliche Raketensysteme wie die M142 High Mobility Artillery Rocket (HIMARS) mit einer längeren Reichweite zu.

Macron: Russland nicht demütigen

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat erneut den Unmut der ukrainischen Regierung auf sich gezogen. In einem Interview mit mehreren Regionalzeitungen sagte er, Frankreich werde eine vermittelnde Rolle einnehmen. "Wir dürfen Russland nicht demütigen, damit wir an dem Tag, an dem die Kämpfe aufhören, mit diplomatischen Mitteln eine Startrampe bauen können." Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba twitterte, solche Aussagen könnten nur Frankreich demütigen oder jedes andere Land, das so etwas fordere. "Russland demütigt sich nämlich selbst. Wir sollten uns besser darauf konzentrieren, wie wir Russland in die Schranken weisen. Das bringt Frieden und schützt Leben."

Macron hat seit Beginn der russischen Invasion regelmäßig mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gesprochen, um einen Waffenstillstand zu erreichen und glaubwürdige Verhandlungen zwischen den Regierungen in Kiew und in Moskau aufzunehmen.

Moskau: Ukraine zieht Einheiten ab - Rakete trifft Ausbildungszentrum

Russland meldete derweil den Abzug ukrainischer Soldaten aus Sjewjerodonezk. "Einige Einheiten der ukrainischen Armee, die bei den Kämpfen um Sjewjerodonezk schwere Verluste (in einigen Einheiten bis zu 90 Prozent) erlitten haben, ziehen sich in Richtung Lyssytschansk zurück", teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte unterdessen, russische Kräfte hätten eine "Einsatzstelle für ausländische Söldner" im Dorf Datschne nahe Odessa getroffen. In der Region Sumy im Nordosten des Landes habe ein russischer Raketenangriff zudem ein "Trainingszentrum" getroffen, in dem ukrainische Soldaten von ausländischen Ausbildern an Haubitzen vom Typ M777 trainiert worden seien.

Ukraine und Russland tauschen Leichen von Soldaten aus

Nach Angaben aus Kiew haben die Ukraine und Russland einander jeweils 160 Leichen getöteter Kämpfer der jeweils anderen Seite übergeben. Der Austausch sei am 2. Juni entlang der Frontlinie im Gebiet Saporischschja erfolgt, teilte das ukrainische Ministerium für die Wiedereingliederung der vorübergehend besetzten Gebiete mit. Die Ukraine hatte Russland immer wieder aufgefordert, die getöteten Soldaten entgegenzunehmen, und der Führung in Moskau vorgeworfen, die eigenen Streitkräfte wie Kanonenfutter zu behandeln und sich nicht um eine würdige Beerdigung zu kümmern.

An dem Austausch seien ukrainische Geheimdienste und der Generalstab der Streitkräfte sowie weitere Sicherheitsstrukturen beteiligt gewesen, hieß es. Nach ukrainischen Angaben laufen auch weiter Verhandlungen über den Austausch von Kriegsgefangenen auf beiden Seiten. In russischer Gewalt sind Tausende ukrainische Kämpfer, darunter die Verteidiger von Mariupol, die dort im Stahlwerk Azovstal die Stellung gehalten hatten, bis Kiew die Stadt im Mai aufgab.

Deutscher Kämpfer getötet

Nach Angaben einer Freiwilligenbrigade namens Internationale Verteidigungslegion der Ukraine sind vier ausländische Freiwillige, die auf der Seite der Ukraine gekämpft hatten, ums Leben gekommen. Neben dem Deutschen seien drei Männer aus den Niederlanden, Frankreich und Australien getötet worden. Zu den Todesumständen oder dem Ort machte die Freiwilligenbrigade keine Angaben. Wo der Deutsche und der Australier getötet wurden, blieb zunächst unklar, der Franzose und der Niederländer waren offenbar in der Nähe von Charkiw im Nordosten ums Leben gekommen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte kurz nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine Ende Februar die Bildung einer internationalen Brigade aus Freiwilligen angekündigt. Nach ukrainischen Angaben meldeten sich daraufhin rund 20.000 Freiwillige aus aller Welt.

Weitere Artikel zum Ukraine-Krieg

Alle weiteren Entwicklungen können Sie in unserem Liveticker zum Ukraine-Krieg nachlesen.

Quelle: ntv.de, jwu/AFP/dpa/rts

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen