Politik

Alarm in Argentiniens Urwald Plötzlich war der Paraná verschwunden

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Der Paraná ist nach dem Amazonas der zweitwichtigste Fluss Südamerikas. Hier in Puerto Esperanza sank der Pegel um 13 Meter - ein Problem für Eduardo Raimondi, das Floß und die ganze Stadt.

(Foto: Roland Peters)

Jahrelange Trockenheit, versiegende Quellen sowie historisch niedrige Pegelstände am wichtigen Fluss Paraná: In Argentiniens subtropischem Norden ist der Klimawandel angekommen. Manche stemmen sich dagegen.

Zwei oberschenkeldicke Schläuche über hundert Meter und ein moderner Motor, aus Deutschland importiert. Diese Mittel bräuchte Eduardo Raimondi, um die 20.000 Einwohner im subtropischen Puerto Esperanza vor einer Katastrophe zu bewahren. Nebenbei schlüge er auch dem Klimawandel ein Schnippchen. Der 54-Jährige steht am Ufer des Flusses Paraná im Norden Argentiniens und zeigt auf das Floß des kommunalen Wasserversorgers: "Jeder muss mit den Mitteln zurechtkommen, die er hat", sagt er. "Wir haben kaum welche."

Vom vertäuten Floß tönen vier alte Motoren hinauf, die Flusswasser absaugen. Über mehrere Kilometer wird es durch ein großes Stahlrohr an den höchsten Punkt der Mittelstadt gepumpt, dort geklärt und an die Haushalte verteilt. Ein einfaches, noch immer funktionierendes System, weil Eduardo Raimondi und seine Kollegen im vergangenen Jahr geistesgegenwärtig reagierten. Der Pegel war ungewöhnlich stark zurückgegangen, sie konnten deshalb ein neues Rohr installieren, das viel weiter in Richtung Flussbettmitte reicht. Sinkt der Pegel, schlägt die Familie des Floßwächters Alarm, die einsam am Ufer lebt, den Flusslauf immer im Blick und das Motorenbrummen im Ohr hat.

Lebensader und Verkehrsweg

Der Paraná ist nach dem Amazonas der zweitwichtigste Fluss Südamerikas. Er ist nicht nur Lebensader für Pflanze, Mensch und Tier, sondern ist auch ein Verkehrsweg mit enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Für das Binnenland Paraguay ist es der einzige Zugang zum Meer. Argentinien exportiert rund 80 Prozent seiner Ausfuhren über den Fluss, der Staat nimmt so Milliarden Dollar ein, über die er seinen Haushalt mitfinanziert. Sinkt der Pegel, können die Schiffe weniger laden, die Kosten steigen, Unternehmen und Staat brechen die Einnahmen weg. All das hängt vom Wasser ab. Bleibt es weg, ist das ein gigantisches Problem. Woran liegt es?

Die Antworten sind vielfältig und sind auch vor Ort zu finden. Darüber hinaus aber bringt der Klimawandel mehr Wetterextreme mit sich. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Dürren und Flutkatastrophen in der Region zunehmen werden. So befindet sich der Flusspegel schon seit zwei Jahren unter den zuvor regulären Ständen. Im Juni sank das Wasser des Paraná dann historisch tief und über Monate hinweg. In Häfen wurden auf Grund liegende Schiffswracks sichtbar, Sandbänke tauchten auf und in Videos hielten manche fest, wie sie die Grenze durch das trockene Flussbett zu Fuß überquerten. In Puerto Esperanza sank der Pegel von 15,50 Meter auf 2,50 Meter. Für die Entnahme braucht das Floß 1,50 Meter Wasser unter sich.

Die Regierung reagierte, rief den Wassernotstand in den nördlichen Provinzen Argentiniens aus und versprach ausreichende Finanzhilfen. Eduardo Raimondi aber wartet noch immer auf die Schläuche und den Motor. Dieser wiegt weniger und leistet mehr; installiert auf einem flacheren Floß könnte er auch bei niedrigsten Pegelständen die Stadt noch versorgen. "Wenn Du das Niedrigwasser siehst, das macht etwas mit Dir", sagt Eduardo Raimondi. Wer kein Geld für Vorsorgemaßnahmen hat, wird von den neuen Wetterextremen besonders hart getroffen werden.

Dürrejahr Drei

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Auch wenn es noch grünt, ist die Lage bedrohlich.

(Foto: Roland Peters)

Seit Juli 2019 schon sind die Niederschlagsmengen im subtropischen argentinischen Norden zu gering, die Trockenheit hat den angrenzenden Süden Brasiliens, Paraguay und Bolivien erfasst. Im vergangenen Jahr brannten 30 Prozent der Fläche im riesigen tropischen Feuchtgebiet Pantanal nieder, zehntausende Tiere verendeten oder verletzten sich schwer.

Am oberen Paraná sind die Pegel erst seit wenigen Wochen wieder im früheren Toleranzbereich. Jedoch bleibt die Lage auch in den kommenden Monaten kritisch, darin sind sich alle einig. Und ein bisschen Niederschlag beendet noch lange keine Dürre. In diesem Jahr hat es im Schnitt nur halb so viel geregnet wie zuvor. Aller Voraussicht nach wird sich das Wetterphänomen La Niña wiederholen, das vor allem Trockenheit bringt. In der subtropischen Provinz hat damit das dritte Dürrejahr in Folge begonnen.

Wissenschaftler und Experten beschreiben in Gesprächen eine fast perfekte Krise: Der Klimawandel verändert den kontinentalen Wasserkreislauf. Es regnet seltener, aber heftiger. Der Niederschlag trifft auf immer weniger aufnahmefähige Böden, das Wasser fließt deshalb schneller ab und verursacht Erosion. Auf Privatland verkleinern Menschen zudem nach und nach die Waldflächen. Letzteres klingt nicht dramatisch, aber selbst wenn jeder Besitzer nur einen Baum fällt, sind das in der Summe schon zu viele.

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Das Quellwasser ist trüb.

(Foto: Roland Peters)

Dazu sind Holz und Teeanbau die größten Geschäfte in Misiones. An der Schnellstraße parallel zum Paraná, von der Provinzhauptstadt Posadas bis nach Iguazú hinauf, reihen sich auf 300 Kilometern Sägewerke, Plantagen und Waldstücke aneinander. Nicht selten jedoch verbergen sich hinter einem Sichtschutz wilder Vegetation offene Wunden, Hektar über Hektar mit Baumstumpfwüsten. In der Summe bedeutet all das: weniger ergiebige Quellen, weniger Zufluss zum Paraná, weniger Wasser für Mensch und Natur.

Trübes Quellwasser

Vor vielen Generationen war Misiones noch größtenteils vom Atlantischem Regenwald bedeckt. Das Gebiet gehörte damals neben dem Amazonas zum zweiten großen Urwald des Kontinents. Heute ist es durch Rodungen und andere menschliche Eingriffe zu versprengten kleinen Inseln verkommen. Eine davon ist das Naturschutzgebiet Salto Encantado im Herzen der Provinz. In dessen Umgebung befinden sich die meisten Kommunen der indigenen Guaraní in Misiones, etwa 25 Siedlungen mit mehr als 3000 Menschen.

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Die Schnellstraße in Misiones.

(Foto: Roland Peters)

Einige von ihnen leben nahe einer Schnellstraße gegenüber des Naturschutzgebiets. Die wenige Meter entfernten Holzhütten von Roberto Benítez' Gemeinschaft sind rötlich getönt vom Grund, dazwischen sitzt seine Frau, seine jugendlichen Kinder langweilen sich am Handy, während Enkel, Hühner und Küken zwischen den Spielsachen hin und her laufen. Im Hintergrund erstreckt sich hügeliger Urwald. "Ich habe große Sorge", sagt Roberto Benítez, das Oberhaupt der indigenen Siedlung. Seit 20 Jahren sind sie hier ansässig, rund 50 Liter schöpfen sie jeden Tag aus ihrer Wasserstelle. Doch etwas stimmt nicht. Die Flüssigkeit ist trübe. Sämtliche Enkel haben Durchfall.

Roberto Benítez ringt mit sich. "Ich will hier nicht weg", sagt er auf die Frage, was er ohne Wasser machen würde. "Wir haben das Gemüsefeld, dort hinten ein weiteres", sagt er und deutet Richtung Wald, weg von der Straße. Mit seinem Vater ging der heute 58-Jährige früher regelmäßig in den "Monte", sammelte Früchte und jagte; sie aßen das Fleisch und verkauften die Felle. Seit Jahren schon war er nicht mehr dort. Seine Kinder interessieren sich dafür nicht, und die Parkwächter des Naturschutzgebietes brachten ihn irgendwann davon ab, den Tieren weiter nachzustellen.

Die Wächter kümmern sich um Wald, Wasser und Tiere nicht nur in offiziellen Schutzgebieten, sondern auch drumherum. Attraktion des Salto Encantado sind drei südamerikanische Jaguare, die Yaguareté, die durch die 13.000 Hektar streifen, sowie der eindrucksvolle Wasserfall. Dessen späterer Lauf und der eines weiteren kleinen Flusses versorgen die nahegelegene Stadt mit Trinkwasser. All dies ist durch die seit Jahren anhaltende Trockenheit in Gefahr. Im vergangenen Jahr verbrannten Tausende Bäume.

Ein Netzwerk aus Wissenschaftlern, Parkwächtern und Aktivisten setzte sich im Juni zum Ziel, innerhalb von zwei Jahren 10.000 neue Bäume zu pflanzen, um die Wassermenge für den Salto Encantado und damit die Trinkwasserversorgung und die Vegetation ein Stück weit zu stabilisieren. Schon jetzt sind 7000 davon gepflanzt. Bäume bedeuten Wasser: Ohne sie nimmt der Boden höchstens ein Sechstel so viel Regen auf, Quellen verschwinden, die Erosion beginnt. Deshalb reden die Netzwerkmitglieder mit den Menschen in ihrem Umkreis, überzeugen sie von der Bedeutung der Bäume und pflanzen mit ihnen Setzlinge.

"Lies es vor!"

Rund einen Kilometer weiter schreitet Agustín González' von seiner Hütte zu einer Pflanzung an der Straßenböschung. Für die kleine Siedlung mit acht Personen stehen hier ein paar Bananenstauden und Maispflanzen, Gartenzwiebeln und ein paar andere kleine Pflanzen. Ein Rinnsal fließt durch das Beet hinab, es kommt von der Wasserstelle oberhalb, über die ein kleines Stoffdach gespannt ist. "Den Wald dahinter werde ich nicht weiter roden, sonst gibt es kein Wasser mehr", sagt der 60-Jährige bestimmt. Dies habe ihm die Chefin des Netzwerks erklärt.

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Agustín González mit dem so wichtigen Dokument.

(Foto: Roland Peters)

Agustín González' Gesichtszüge sind vom Leben gezeichnet. Vor 50 Jahren lebte er schon einmal hier mit seinem Vater, da gab es die geteerte Straße noch nicht. Er zog in andere Siedlungen, wurde selbst Vater von zehn Kindern. Erst vor zwei Jahren kam er zurück. Die Quelle der vorherigen Siedlung war versiegt.

Irgendwann murmelt Agustín González etwas von einem Dokument und eilt zurück zur Hütte. Er kommt mit vier zusammengetackerten Seiten hervor, ausgestellt vor zwei Jahren und gezeichnet vom häufigen Gebrauch. Seine Augen sind schwach. "Lies es vor!", fordert er. Es ist eine Besitzurkunde für drei Gemeinschaften, die Hoffnung bedeutet: über mehr als 6000 Hektar, viele davon Urwald, ausgestellt 2019 nach zwölfjährigem juristischen Ringen. Manche Guaraní können damit einen kleinen Teil des Waldes für sich schützen. Und für andere gleich mit. Bald, sagt Agustín Gónzalez, will er neue Bäume neben seinen Hütten pflanzen.

Quelle: ntv.de

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