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Schönheit und Klimaschutz Die wahre Natur der Flüsse

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Der Gewässerökologe Josef H. Reichholf ist am Inn aufgewachsen.

(Foto: picture alliance / Alois Litzlbauer / picturedesk.com)

Ohne Flüsse wäre die menschliche Entwicklung vermutlich anders verlaufen. Doch irgendwann haben Menschen die Flüsse und ihr Wasser nicht nur genutzt, sondern versucht, sie zu beherrschen. Das rächt sich heute, aber es ist nicht unumkehrbar.

Bei Flüssen fallen einem die majestätischen Ströme dieser Welt ein, wie der Nil, der Amazonas, der Jangtsekiang. Oder auch das Flüsschen, das in der Nähe des Elternhauses floss. Vielleicht sogar der Bach, an dem man so gut angeln kann. So ähnlich ergeht es auch Josef H. Reichholf. Der Gewässerökologe "hatte das Glück, im niederbayerischen Inntal, ganz nahe am Inn, diesem wasserreichsten Alpenfluss, aufzuwachsen". So beschreibt er es in seinem gerade erschienenen Buch "Flussnatur".

Sein ganzes Leben hat er an Flüssen geforscht und gestaunt. "Man ist vom Wasser begeistert, von der Vielfältigkeit der Natur und als Evolutionsbiologe habe ich die starke Vermutung, dass das als uraltes Erbe in uns schlummert", sagt Reichholf ntv.de. Sauberes Wasser, wie es Flüsse normalerweise führen, sei für die menschliche Entwicklung lebenswichtig gewesen und ist es in gewisser Weise bis heute. "In stehenden Gewässern wie Tümpeln sammelt sich alles Mögliche, was uns nicht guttut." Ein Beispiel dafür seien Mückenlarven, die sich in stehendem Wasser entwickeln und zu Mücken werden, die wiederum lebensgefährliche Krankheiten übertragen.

Doch das allein meint Reichholf nicht mit Flussnatur. Es geht ihm vielmehr darum, Flüsse in ihrem Flusssein wieder zu verstehen. Es sei ein Fehler gewesen, Flüssen ihren Aktionsraum immer weiter einzuschränken, ihnen die Überflutungsbereiche an den Seiten oder in den Talweitungen zu nehmen, sie einzudeichen, zurückzudrängen und zu begradigen. Der zweite große Fehler sei die Annahme, "dass der Fluss möglichst immer beständig mit der gleichen Wassermenge daherkommen und damit all die Funktionen, die wir mit ihm verbinden möchten, erfüllen soll". Reichholf nennt das "einfach irreal".

Mittelwert ist die Ausnahme

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"Die Flüsse schwanken in ihrer Wasserführung von Natur aus, sie haben Hoch- und Niedrigwasserphasen. Der errechenbare Mittelwert ist ähnlich bedeutsam oder unbedeutend wie der Temperaturmittelwert eines Jahres." Auch wenn man diesen Mittelwert kenne, gebe es ja weiter die Hitze des Sommers und die Kälte des Winters. "Hinzu kommen alle möglichen Übergangsphasen. Das ist uns bei den Temperaturen vertrauter als bei den Flüssen, obwohl es da genauso ist", sagt der Wissenschaftler.

Inzwischen rächen sich die menschlichen Allmachtsfantasien an den Flüssen bitter. Hochwasser wie das im Ahrtal reißen Häuser weg und kosten sogar Menschenleben. Niedrigwasser lassen Flussabschnitte fast trocken fallen und machen beispielsweise die Binnenschifffahrt wochen- oder sogar monatelang unmöglich. Doch nicht jeder in der Vergangenheit gemachte Fehler lässt sich noch korrigieren. "Wenn eine Stadt bis dicht an die Flussufer gebaut ist, dann muss das Wasser eben hindurch, ohne, dass es die Stadt überflutet", sagt Reichholf. Das heißt aber nicht, dass man ohnmächtig zuschauen muss.

Moderne Gewässerökologie setzt nicht mehr darauf, alles Wasser möglichst schnell abfließen zu lassen. Denn das führt erkennbar zu heftigeren Hochwassern, weil das gesamte Schmelz- oder Regenwasser viel zu schnell in den Flüssen ankommt. Das schadet außerdem auch dem Land neben den Flüssen, das dann viel zu schnell Wasser verliert. Der Experte schlägt flussaufwärts ausreichende Speicher vor, mit denen Hochwasser abgefangen werden können. Und Überschwemmungsgelände und damit Hochwasserrückhalteflächen, wie weite Uferwiesen an den Flüssen.

Freiraum für die Flüsse

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Konflikte mit Landwirten, die dort derzeit oft noch wirtschaften, sind dabei seiner Ansicht nach kaum zu vermeiden. Für die Flüsse wäre es aus Reichholfs Sicht am besten, wenn "die Landwirtschaft wieder rausginge aus den Flächen, die man für sie mit öffentlichen Geldern trockengelegt hat". Damals sei es darum gegangen, die Felder maschinengerecht zu machen, jetzt müsse es darum gehen, die Flüsse wieder naturgerecht zu machen. Viele Argumente, die vielleicht einmal für die landwirtschaftliche Nutzung dieser Gebiete gesprochen haben, seien inzwischen ohnehin überholt. Als Beispiel nennt Reichholf die ausreichende Produktion von Nahrungsmitteln, die längst zur Überproduktion geworden ist. Neue Flurbereinigungsverfahren, mit denen der ländliche Grundbesitz neu geordnet werden kann, müssten das Ziel verfolgen, entlang der Flüsse Freiraum zu schaffen. "Dann tragen alle gleichermaßen in geringem Umfang zu dieser gesellschaftspolitisch wichtigen und ökologisch-unentbehrlichen Funktionsertüchtigung der Bäche und Flüsse bei, ohne dass Einzelne oder Wenige speziell betroffen sind."

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Der Gewässerökologe sieht keine Alternative zu Renaturierungsbemühungen, auch wenn wohl kaum ein Fluss wieder sein ursprüngliches Gesicht zurückbekommen werde. "Wenn Stauseen gebaut sind, sind sie gebaut. Die kann man ja nicht sprengen und sagen, so Fluss fließ und mach weiter wie einst vor 10.000 Jahren. Aber es gibt Flussstrecken, die sich in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen ließen. Und es gibt Bereiche an den allermeisten Flüssen, die sich so weit verändern ließen, dass zumindest Teile des früheren normalen Flussverhaltens, einschließlich der Hochwasserrückhaltung wieder funktionieren können", meint Reichholf. Das zeige beispielsweise die Renaturierung der Isar bis ins Münchner Stadtgebiet hinein.

Für den Wissenschaftler haben Flüsse nie an Schönheit und Faszination verloren. "Wir haben das ja in der Corona-Krise erlebt, als es die Menschen an die Seen und Flüsse gezogen hat und nicht in die Agrarlandschaft." Ein Eisvogel am Bach oder andere Wasservögel wie Silber- oder Seidenreiher, Huchen in der Isar oder Lachse im Rhein, sind für ihn nicht nur spannend zu beobachten, sondern auch wertvoll. Ebenso die vielen Insekten am Wasser, die nicht stechen, sondern sogar nützlich sind, weil sie das kleine Ungeziefer fangen, das man nicht haben will. "Das ist alles begeisternd schön." Nach der Lektüre von Reichholfs Buch sieht man die Flüsse jedenfalls mit anderen Augen.

Quelle: ntv.de

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