Panorama

Wasserschweine im Klassenkampf Nager plagen Argentiniens Reichenparadies

Der Distrikt Nordelta ist ein Refugium der argentinischen Oberschicht, hier reiht sich Villa an Garten an Jacht. Hunderte wilde Wasserschweine streifen nun wieder durch ihren früheren Lebensraum und haben in dem südamerikanischen Land eine politische Diskussion entfacht.

Nördlich der Hauptstadt Buenos Aires, am Flussdelta des Paraná, befindet sich eine der teuersten Wohngegenden Argentiniens. Private Investoren legten ein Feuchtgebiet teilweise trocken und neue Seen inmitten von einer Fantasielandschaft für Wohnanwesen an. Ein Haus dort kostet bis zu sechs Millionen US-Dollar. Nicht nur für argentinische Verhältnisse sind das Mondpreise, entsprechend abgeschottet leben die Zehntausenden Bewohner der Gemeinde.

Eine der angepriesenen Qualitäten des privaten Wohngebiets ist, doppelt eingezäunt zu sein und damit das Einbruchsrisiko von weniger gut betuchtem Klientel minimieren zu können. Hunderten Wasserschweinen sind diese Zäune ziemlich egal. Seit rund einer Woche finden sie sich deshalb mitten im medialen Klassenkampf der stark polarisierten Gesellschaft Argentiniens wieder.

In den vergangenen zwei Jahren hat die Zahl der bis zu 1,30 Meter langen und 55 Kilogramm schweren Tiere in Nordelta deutlich zugenommen. Sie fressen das Gras der Gärten, hinterlassen ihre Exkremente, inspizieren Häuser und spazieren in Gruppen durchs Wohngebiet. Die größten Nagetiere der Welt - in Südamerika heißen sie Capybaras oder Carpinchos - machen nach Ansicht der Anwohner die Gemeinde unsicher, sie fühlen sich im wahrsten Sinne des Wortes angegriffen. Denn als zuletzt ein Hund im Garten sein Geschäft verrichtete, soll ihn ein Wasserschwein attackiert haben. Der Zorn aus der reichen Oberschicht - samt eines Fotos des verletzten weißen Schnauzers - entlud sich daraufhin bis in die Medien.

"Front Carpincho für die Befreiung"

Nun findet eine öffentliche Auseinandersetzung statt. Die argentinische Oberschicht ist überwiegend konservativ und marktliberal, an der Macht sind aber die als progressiver geltenden Peronisten, die unter Präsident Alberto Fernández und seiner Vize Cristina Kirchner die Regierung stellen. Konservative Medien transportieren deshalb die Sorgen der Anwohner. Manche von ihnen befürchten, bei der tierischen "Invasion" könnten die Wasserschweine sogar ihre Kinder angreifen. Im Fernsehen liefen tagelang in Dauerschleife Aufnahmen davon, wie Carpinchos durch Gärten streifen und einen Motorradfahrer zu Fall bringen.

Die andere Seite betont hingegen den Schaden, den die Wohlhabenden an der Natur verüben. Der Paraná ist Südamerikas zweitwichtigster Fluss nach dem Amazonas. Umweltschützer kritisieren das künstlich geschaffene Nordelta schon lange, zu radikal seien die Eingriffe in die Natur gewesen; weniger reiche Gegenden würden wegen fehlender Wasseraufnahme häufiger überschwemmt, der Fauna sei der natürliche Lebensraum genommen worden. "Es ist paradox", sagt Ruben Quintana, der Gründer der Stiftung "Fundación Humedales": "Die Menschen wollen dort leben wegen der Natur, aber wenn die sich regt, beschweren sie sich." Der Biologe kämpft seit mehr als zehn Jahren für ein Gesetz, das die Feuchtgebiete vor Urbanisierung und anderer Nutzung schützen soll.

Das Nordelta-Projekt ist seit dem Jahr 2000 auf mehr als 40.000 Bewohner angewachsen. Tenor der Kritiker ist: Nicht etwa haben Carpinchos die Gemeinde überrollt, sondern die rücksichtslosen Reichen den Lebensraum der Wasserschweine eingenommen. In den sozialen Netzwerken kursieren nun Memes mit "revolutionären" Carpinchos, die Marx' "Das Kapital" lesen und am für die Region typischen Mate-Tee schlürfen, samt Schnellfeuergewehr das Logo der "Front Carpincho für die Befreiung des Nordelta" verzieren, oder in einer Reihe mit Lenin und Mao als gerechter Streiter der Feuchtgebiete in die Ferne blicken.

Wasserschweine sind reine Pflanzenfresser und leben in Gruppen von 10 bis 20 Tieren. Ein ausgewachsenes Carpincho frisst abends und nachts bis zu 3,6 Kilogramm täglich, es bevorzugt kurzes Gras, wie es in den Gärten der Wohlhabenden und Anlagen wächst. Geschätzt leben mehrere Hundert von ihnen in Nordelta, die sich wegen fehlender natürlicher Feinde prächtig vermehren. Im weitläufigen Flussdelta würden viele Flächen für Landwirtschaft und Urbanisierung trockengelegt, sagt Quintana: "Die Stadt breitet sich vor allem dorthin aus, weil das Land billiger ist." Die Feuchtgebiete schrumpfen permanent, in den vergangenen Jahrzehnten um hunderttausende Hektar.

Ministerin auf Seite der Tiere

"Wir alle wissen, welchen Umweltschaden solche Immobilienprojekte verursachen", sagte die argentinische Sicherheitsministerin Sabina Frederic zu den Ängsten der Anwohner ungerührt: "Das ist auf eine Weise die Rechnung. (...) Die Natur gibt den Schaden, den sie erlitten hat, an die Menschen zurück." Die gut betuchten Einwohner von Nordelta forderte sie auf, sich nicht über die Wasserschweine aufzuregen, sondern über eine mögliche Wiedergutmachung für die Tiere nachzudenken. Auch einer der Unternehmer, die Nordelta gründeten, schlug sich auf die Seite der Nager. "Die Carpinchos sind wehrlose Wesen, die unser aller Schutz brauchen", schrieb er.

Das Nordelta nördlich von Buenos Aires gehört zur Stadt Tigre.

Das Nordelta nördlich von Buenos Aires gehört zur Stadt Tigre.

(Foto: Screenshot / Promo)

Als sich Juan Grabois, einer der wichtigsten argentinischen Bürgerrechtler unterer Einkommensschichten und Verbündeter der aktuellen Regierung, mit den Tieren solidarisierte, erreichte die Diskussion ihren Höhepunkt: "Mit den Carpinchos, immer weiter bis zum Sieg" ("hasta la victoria, siempre"), twitterte Grabois eine bekannte linke Phrase. Auch deshalb warnte am Tag danach ein Kolumnist von "La Nación", der bekanntesten konservativen Zeitung Argentiniens, vor einer gefährlichen politischen Instrumentalisierung der Wasserschweine. Gefährlich sei diese, weil schon die Argumentation von Ministerin Frederic "grundsätzlich die angebliche Selbstjustiz" gelobt habe. Die Politiker sollten sich stattdessen ein Beispiel an der Genügsamkeit der Tiere nehmen.

Die Privatverwaltung des Nordelta teilte mit, in den vergangenen zwei Jahren habe sich eine "Überbevölkerung" von Carpinchos gebildet. Es werde nun gemeinsam mit Behörden und Experten untersucht, wie ein "harmonisches Zusammenleben" möglich sei. Ein Vorschlag ist, die Tiere in eigenen Bereichen unterzubringen. In der Gemeinde gibt es aber auch eine organisierte Opposition: Die "Kommission Gleichgewicht Carpinchos Nordelta" teilte mit, ihre Mitglieder wollten auf keinen Fall die Tiere entfernt sehen. "Wir lieben die Wasserscheine, wir haben mit ihnen seit zehn Jahren in Gleichklang gelebt."

Quelle: ntv.de

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