Politik

Mann in Berlin erschossen Russland steht offiziell unter Mordverdacht

Der Mord an einem Tschetschenen am hellichten Tag in Berlin wird zur schweren Belastung für die deutsch-russischen Beziehungen. Der Generalbundesanwalt verdächtigt staatliche Stellen Russlands. Die Bundesregierung weist deshalb zwei russische Diplomaten aus. Der Kreml kündigt eine Reaktion an.

Der Generalbundesanwalt übernimmt die Ermittlungen zu dem mutmaßlichen Auftragsmord an einem Georgier in Berlin. "Es bestehen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass die Tötung von Tornike K. entweder im Auftrag von staatlichen Stellen der Russischen Föderation oder solchen der Autonomen Tschetschenischen Republik als Teil der Russischen Föderation erfolgt ist", erklärte die Bundesanwaltschaft am Mittwoch. Der russische Staatsangehörige Vadim K. alias Vadim S. stehe nach wie vor unter dringendem Tatverdacht.

Die Bundesregierung reagierte ihrerseits umgehend auf die Ermittlungen und weist zwei russische Diplomaten aus. Sie seien mit sofortiger Wirkung zu unerwünschten Personen erklärt worden, teilte das Auswärtige Amt mit. Die russischen Behörden hätten "trotz wiederholter hochrangiger und nachdrücklicher Aufforderungen nicht hinreichend bei der Aufklärung des Mordes" mitgewirkt, erklärte das Ministerium. Bei den Ausgewiesenen handele es sich um zwei Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes GRU, berichten NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung".

Das Auswärtige Amt schloss zusätzliche Reaktionen nicht aus: "Weitere Schritte in dieser Angelegenheit behält sich die Bundesregierung im Licht der Ermittlungen vor", hieß es. Russland kündigte an, auf die Ausweisungen reagieren zu wollen. Das Vorgehen Deutschlands sei unfreundlich und unbegründet, hieß es im russischen Außenministerium am Mittwoch in Moskau der staatlichen Agentur Tass zufolge.

Russland weist Vorwürfe zurück

Die russische Regierung wies jedwede mögliche Verwicklungen in den Mord als absurd zurück. "Es gibt überhaupt keinen ernstzunehmenden Verdacht, und den kann es auch nicht geben", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow in Sotschi. Die Vermutung, es könne eine Verbindung zu den russischen Behörden geben, sei absolut unbegründet. Dies werde lediglich von deutschen Medien hochgespielt. "Das heißt aber nicht, dass es wirklich so ist", sagte Peskow russischen Agenturen zufolge.

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Bisher hatte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen geführt. Wegen einer möglichen Verstrickung Russlands hatte es früh Forderungen nach einer Einschaltung des Generalbundesanwalts gegeben. Die Erkenntnisse der Ermittler hatten für eine Übernahme des Falls aber nicht ausgereicht. Die Bundesanwaltschaft ist nur zuständig, wenn es zumindest einen Anfangsverdacht gibt, dass der Geheimdienst eines ausländischen Staates hinter einer Tat stehen könnte.

Am 23. August war ein 40 Jahre alter Tschetschene mit georgischer Staatsangehörigkeit in einem kleinen Park in Berlin-Moabit von hinten erschossen worden. Sein Mörder hatte sich ihm am helllichten Tag auf einem Fahrrad genähert und auf Rücken und Kopf gezielt. Der mutmaßliche Täter, ein 49 Jahre alter Mann mit russischem Pass, war kurz nach der Tat gefasst worden. Seit seiner Festnahme schweigt er.

Peskow erinnert an Ukraine-Gipfel

Der in Untersuchungshaft sitzende Verdächtige habe als mutmaßlicher Mörder eines russischen Geschäftsmanns im Jahr 2013 identifiziert werden können, hatte am Dienstag der "Spiegel" berichtet. Behörden sollen demnach eine Strafe für die damalige Tat verhindert haben. Die Herkunft seines falschen Passes führe ebenfalls zu staatlichen Stellen, hieß es weiter. Die Identität des Verdächtigen, der seit seiner Festnahme schwieg, ließ sich monatelang nicht klären. Bekannt wurde, dass er mit einem russischen Pass unterwegs war, nach dem er 49 Jahre alt sein soll.

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Dieser Mann wird des Mordes an dem Tschetschenen verdächtigt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Mann aus Tschetschenien war in einem kleinen Park in Berlin-Moabit von hinten erschossen worden. Sein Mörder hatte sich ihm auf einem Fahrrad genähert und auf Rücken und Kopf gezielt. Das Mordopfer hatte nach verschiedenen Medienberichten Anfang der 2000er-Jahre auf der Seite muslimischer Tschetschenen gegen Russland gekämpft. Auf den Mann soll es im Mai 2015 in der georgischen Hauptstadt Tiflis schon einmal einen Mordanschlag gegeben haben, den er verletzt überlebte. Nach seiner Flucht aus Georgien stellte der Mann in Deutschland einen Asylantrag. Dort lebte er seit 2016.

Putin-Sprecher Peskow hatte vor Bekanntwerden der Ausweisungen erklärt, dass die Entwicklung in dem Mordfall den Ukraine-Gipfel in Paris am Montag zur Lösung des Konflikts im Donbass nicht überschatten solle. An dem Treffen werden auch Kremlchef Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, will die Bundesregierung im Laufe des Tages die Nato- und EU-Partner über die deutsche Entscheidung und ihre Hintergründe informieren.

Quelle: ntv.de, shu/dpa