Politik

Angriffe auf zivile Ziele Russlands neue Front

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Experten zufolge gibt es Hinweise, dass Russland die Angriffe auf zivile Ziele ohnehin plante, sie nur wegen der Explosion auf der Krim-Brücke vorgezogen hat.

(Foto: dpa)

Mit ihren Angriffen auf zivile Ziele, vor allem auf Stromkraftwerke, hat Russland eine neue Front im Krieg gegen die Ukraine eröffnet. Es geht dabei offenbar nicht nur um Rache für die Krim-Brücke. Rollende Stromausfälle beeinträchtigen bereits jetzt das öffentliche Leben.

Vor wenigen Wochen hat die US-amerikanische Schnellrestaurantkette McDonald's in Kiew wieder ihre Filialen eröffnet. Zum ersten Mal seit Beginn der großen russischen Invasion gab es dort wieder Pommes und Burger, wenn auch unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Als am Montag mehr als 80 russische Raketen über die Ukraine niedergingen, blieben die Restaurants den ganzen Tag geschlossen. Am Dienstag machten sie wieder auf, obwohl der Luftalarm am Morgen wie tags zuvor mehr als fünf Stunden gedauert hatte.

So tödlich die Raketenangriffe sind: Die unmittelbare Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist nicht das einzige Problem, das McDonald's - wie die gesamte Ukraine - damit hat. Am Mittwoch musste eine Filiale der Burgerkette im Norden von Kiew wegen der sogenannten rollenden Stromausfälle wieder schließen. Russland hatte bei seinen Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur auch zwei Kiewer Wärmekraftwerke beschädigt. Damit das Stromnetz nicht überlastet wird, musste der Betreiber den Strom in Teilen der Stadt abschalten. Es gibt einen Zeitplan, welche Stadtbezirke wann betroffen sein könnten. Umgesetzt wird der Plan allerdings nur, wenn es notwendig ist.

"Als wir nach Kriegsbeginn aufmachten, lief alles gut. Die Mechanismen, wie wir im Falle eines Luftalarms reagieren, wurden recht gut trainiert, auch wenn die Alarme natürlich nerven", erzählt Julia, die zum Management der betroffenen Filiale gehört. Als der Strom ausfiel, funktionierten jedoch mobiles Internet und Telefon nicht ordentlich. "Es war schon ziemlich chaotisch. Wir konnten vorerst weder mit unserer Zentrale noch mit unserem Lieferservice kommunizieren. Ich kann nur hoffen, dass die Probleme in den nächsten Tagen behoben werden - auf Dauer so zu arbeiten wäre schwierig."

Der Stromexport ist eingestellt

Insgesamt feuerte Russland am Montag und Dienstag mehr als 100 Raketen und einige Dutzende der iranischen Kamikaze-Drohnen ab, überwiegend auf Ziele der ukrainischen Energieinfrastruktur. Dem ukrainischen Energieministerium zufolge war rund 30 Prozent der Energieinfrastruktur von den Angriffen betroffen. Bemerkenswert ist dabei, dass am Dienstag zum Teil die gleichen Objekte angegriffen wurden wie bereits am Montag. So gab es weitere Anschläge gegen ein wichtiges Wärmekraftwerk im zentralukrainischen Bezirk Winnyzja, und im westukrainischen Lwiw wurden nach Angaben der lokalen Energieverwaltung zwei Umspannwerke vernichtet.

Neben den rollenden Stromausfällen sucht die Ukraine nach weiteren Wegen, um Strom zu sparen. So wird in vielen Regionen die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet, mehrere große Industrieunternehmen sind vorerst außer Betrieb und die Menschen werden aufgefordert, ihren Stromverbrauch insbesondere am Abend zwischen 17 und 23 Uhr zu reduzieren. Kiew verzichtet zudem vorerst auf den Stromexport, der eigentlich wichtig war, da viele frühere Einnahmequellen weggefallen sind. Den Stromexport in die EU hatte die Ukraine eigentlich sogar ausweiten wollen.

Das Stromdefizit dürfte im gesamten Land aktuell bei rund zwei Gigawatt liegen, was ziemlich viel ist. Deswegen ist in den nächsten Tagen in der ganzen Ukraine verstärkt mit rollenden Stromausfällen zu rechnen - nicht nur an Orten, die unmittelbar von den russischen Angriffen betroffen sind. Die Ukraine schafft es durchaus schnell, zerstörte Anlagen zu reparieren. Trotzdem, sagen ukrainische Experten, gibt es Szenarien, bei denen dem Land ein größerer Blackout droht.

"Russland benutzt terroristische Methoden"

Zwar generieren die angegriffenen Wärmekraftwerke nur 25 Prozent des ukrainischen Stroms, während auf die Atomkraftwerke rund 60 Prozent kommen. Sollten die Russen aber mehrere Blöcke gleichzeitig betriebsunfähig machen und den Hochspannungsleitungen größere Schäden zufügen, wäre die Ukraine auf den technisch schwierigen Stromimport angewiesen.

"Die Russen wollen den größten Städten der Ukraine den Strom abschalten und damit nicht nur das Verteidigungspotenzial unseres Landes schwächen, sondern auch den Widerstandswillen der Ukrainer brechen", schreibt der Präsident Wolodymyr Selenskyj nahestehende Politologe Wolodymyr Fessenko auf Facebook. "Laut unterschiedlichen Quellen wollten sie einen solchen Angriff eigentlich später durchführen - schon während der Heizsaison, kurz vor dem Winter oder zu dessen Beginn. Sie mussten sich jedoch wegen der Situation um die Krim-Brücke beeilen."

Fessenko nennt diese Angriffe "eine neue Taktik und eine neue Front gegen die Ukraine". Er betont, dass zum Teil die gleichen Objekte mehrmals angegriffen wurden: "Die russische Armee kann die ukrainischen Streitkräfte auf dem Schlachtfeld nicht besiegen und benutzt deshalb terroristische Methoden. Übrigens wird der Infrastrukturkrieg nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen den Westen geführt." Der Politikwissenschaftler hält es für teilweise vorteilhaft, dass die Angriffe jetzt und nicht später im Jahr erfolgten.

"Wir haben jetzt gemeinsam mit unseren internationalen Partnern die Zeit, um Widerstandsmethoden gegen diese terroristische Taktik Putins zu erarbeiten", meint Fessenko. "Und in erster Linie geht es hier darum, unsere Flugabwehrsysteme um Großstädte und kritische Infrastruktur zu verstärken." Tatsächlich wird es wohl vor allem von den Lieferungen moderner Flugabwehrsysteme abhängen, wie stabil die Ukraine den kommenden Winter überlebt. Julia, die McDonald's-Mitarbeiterin in Kiew, will sich von den Angriffen jedenfalls nicht aus der Ruhe bringen lassen. "Was auch immer Russland angreift, wir werden als Land unverändert weitermachen."

Quelle: ntv.de

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