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"Das ist ein Skandal" Bei Eis-Oldie Pechstein läuft die Wut mit

Claudia Pechstein ist selbst erstaunt: Die Eisschnellläuferin bestreitet ihre 44. Weltmeisterschaft. Und wenn ihr Rücken hält, ist sie durchaus konkurrenzfähig. Dafür erhält sie viel Lob anderer Trainer. Im eigenen Verband ist der Ton dagegen deutlich rauer, was auch an ihrem Lebensgefährten liegt.

Ältere Leute haben es ja öfter mal mit dem Kreuz. Ein Zipperlein hier, eins dort. Bei Claudia Pechstein ist es ebenfalls der Rücken, der Probleme bereitet. Er schmerzte so sehr, dass sie auf ihren Start bei der Einzelstrecken-WM im niederländischen Heerenveen über 3000 Meter verzichtete. 49 Jahre alt wird Pechstein am 22. Februar, als noch 48-Jährige könnten die meisten Konkurrentinnen längst ihre Töchter sein. Medaillen wird sie wahrscheinlich nicht mehr holen, doch konkurrenzfähig ist sie noch immer. Auch wenn der Rücken sie plagt. Ihre Lust am Sport ist ungebrochen. "Sport ist mein Leben, Eislaufen ist mein Leben", sagte sie im Interview mit RTL/ntv.

"Ich staune selbst ein bisschen: Es ist meine 44. WM insgesamt, meine 20. Einzelstrecken-WM. Es ist niemand am Start, der so viel vorweisen kann, was natürlich auch an meinem Alter liegt", so die Berlinerin, die zusätzlich bei 24 Mehrkampf-WMs an den Start gegangen ist. "Ich bin schon stolz darauf, dass ich in der Weltspitze noch halbwegs mithalten kann."

Und die WM soll nicht das Ende sein, Pechstein will nächstes Jahr noch einmal zu den Olympischen Spielen. Es wären ihre achten - so viele Teilnahmen kann noch keine vor ihr vorweisen. "Damit würde ich Geschichte schreiben. Das wäre natürlich cool. Olympia in Peking ist nah, dabei zu sein, wäre für mich schon wie ein Sieg. Und wenn ich das schaffe, nächstes Jahr im Februar, werde ich noch keine 50 sein", sagte sie lachend.

Knatsch im Verband

Unglaubliche 61 Medaillen (14 Gold/29 Silber/18 Bronze) bei Olympia, WM und EM erkämpfte Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin in ihrer mehr als drei Jahrzehnte währenden Karriere. Zu einer weiteren wird es vermutlich nicht mehr reichen, das weiß Pechstein selbst. "Ich bekomme international sehr viel Respekt von Athleten und Trainern. Die sagen immer: 'Wahnsinn, wie Du das schaffst.' Das ist für mich Motivation pur, das geht natürlich runter wie Öl."

"Dass ich jetzt nicht mehr um Medaillen mitlaufen kann, ist überhaupt nicht schlimm, und das war es noch nie. Wenn man sein Bestes gibt, ist alles gut, und wenn andere besser sind, dann ist das so. Du kannst keine Siege abonnieren, und es ist gut, dass das im Sport nicht funktioniert."

Mittlerweile geht es für Pechstein ohnehin um mehr in ihrem Sport. An ihrer Seite ist mit Lebensgefährte Matthias Große der amtierende DESG-Präsident. Seit Sommer 2020 bringt er die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft "wieder in die richtige Spur" - so sieht es zumindest Pechstein. Sie ist überzeugt: "Wäre er nicht Präsident geworden, hätte der Verband dichtmachen müssen. Wir haben wieder mehr Sponsoren und die Abstimmung mit den Bundesmittelgebern funktioniert wieder." Im Verband ist Bewegung, es geht kontrovers zu, Entlassungen des Bundestrainers sowie des Sportdirektors folgten. Dazu böse Worte, sogar von Drohungen und Einschüchterungsversuchen ist seitens einiger Sportler die Rede. Es ist so extrem, dass Sprinter Joel Dufter gar mit einem Verbandswechsel in die Niederlande liebäugelt. Auch die Nähe zu Pechstein, einer aktiven Athletin, ist nicht überall gern gesehen.

Kampf um Rehabilitation treibt sie an

Pechstein kennt sich lange damit aus, Gegenwind zu bekommen. Ihre zweijährige Dopingsperre von 2009 hat sie härter gemacht. "Ich habe schon damals gesagt: Wenn Ihr eine positive Dopingprobe von mir findet, höre ich sofort auf. Aber das ist nie passiert, weil ich nicht gedopt habe", erklärt sie. "Ich kämpfe seit 2009 gegen meine Unrechtssperre. Das ist ein Skandal." Der Deutsche Olympische Sportbund sprang Pechstein schon Anfang 2015 zur Seite: "Alle Gutachter kommen zum Schluss, dass anhand der Blutbildverläufe und Erythrozyten-Merkmale von Claudia Pechstein ein Doping-Nachweis nicht geführt werden kann", teilte Wolfgang Jelkmann, der Direktor des Instituts für Physiologie an der Universität zu Lübeck, dem DOSB-Präsident Alfons Hörmann mit.

"Die von uns um Rat gebetenen Experten kommen zu einem klaren Ergebnis. Danach gibt es die vielen Fragezeichen in der Causa Pechstein zu Recht", erklärte Hörmann dementsprechend der Öffentlichkeit. Pechstein jubelte: "Herr Hörmann hat sich im Namen des Deutschen Olympischen Sportbundes entschuldigt. Die medizinische Kommission hat festgestellt, dass ich Opfer bin - ich wusste es schon immer. Ich denke, dass ich jetzt auch vor dem deutschen Sport rehabilitiert bin."

Vor zwei Jahren scheiterte sie dennoch vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS, der ihre Rechtsmittel gegen das Urteil zurückwies. Pechstein gilt offiziell als Dopingsünderin, weil sie aufgrund von Indizien des Blutdopings überführt wurde. Die 48-Jährige argumentiert, sie habe eine Blutanomalie, die zu den kritischen Werten führt. "Es macht mich wütend, aber es ist auch Motivation. Ich kann immer noch meine Leistung abrufen, obwohl mir zwei Jahre gestohlen worden sind. Ich habe finanziell alles verloren, habe mir fast das Leben genommen, war am Nullpunkt. Ich musste Anwälte bezahlen, um meine Unschuld zu beweisen", erklärt sie ihren Kampf der vergangenen 13 Jahre.

"Es war mutig von Claudia"

Wenn sie bei dieser WM an den Start geht, rückt die Fehde in den Hintergrund. Ihr erster WM-Einsatz war 1992 - fast 30 Jahre sind seitdem vergangen. Damals wurde sie bei der Mehrkampf-WM Sechste, nun würde sie sich über eine ähnliche Platzierung sehr freuen. "Der Massenstart ist ein Lotterierennen, da hoffe ich, dass ich im richtigen Moment den Turbo zünden kann. Bei den 5000 Meter möchte ich gern die Top Ten laufen, das ist meine Paradestrecke, wenn denn der Rücken mitmacht."

In ihrem 55. Rennen bei einer Einzelstrecken-WM machte der Rücken aber erst mal nicht mit - und Pechstein erlebte einen Leistungseinbruch. In der Teamverfolgung konnte die Berlinerin am Mittag etwa 500 Meter vor dem Ziel nicht mehr mit ihren Teamgefährtinnen Mareike Thum und Josephine Heimerl mithalten und musste abreißen lassen. Somit reichte es für die Deutschen in der leeren Thialf-Arena in 3:17,10 Minuten nur zu dem achten und letzten Rang. "Die Frage war, wie lange hält der Rücken. Ohne einen gesunden Rücken kannst du nicht in der Weltspitze laufen", sagte die Berlinerin unter Tränen.

Vorwürfe gab es nicht, im Gegenteil: Teamgefährtin Mareike Thum dankte Pechstein dafür, dass diese sich trotz der gesundheitlichen Probleme der Aufgabe gestellt hatte. Und auch Cheftrainer Helge Jasch fand nur lobende Worte: "Ich finde es toll, dass sie die Verantwortung übernommen hat. Uns war bis unmittelbar vor dem Rennen klar, dass es problematisch wird. Es war mutig von Claudia, diesen Schritt zu gehen", sagte Jasch. Wie es weiter geht, ist derzeit unklar. Weitergehen wird es aber bestimmt.

Quelle: ntv.de, ara

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