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Kerber triumphiert in Wimbledon Ein Champion für die Ewigkeit

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Wimbledon-Champion - Kerbers Titel für die Ewigkeit.

(Foto: dpa)

Ein Sieg in Wimbledon ist für immer - er ist ein lang gehegter Traum, den sich Angelique Kerber im zweiten Anlauf erfüllt. Dabei hätte noch vor einem Jahr kaum einer geglaubt, dass die deutsche Tennisspielerin einmal in die Fußstapfen von Steffi Graf tritt.

Der Rasen von Wimbledon, vielleicht ist er wirklich ein heiliger Ort. Magisch ist sie in jedem Fall, die berühmteste Tennisanlage der Welt. Hier, wo der Geist von Legenden wie Boris Becker, Björn Borg oder Steffi Graf weht, werden Heldengeschichten geschrieben, hier werden Champions geboren. Angelique Kerber ist nun einer davon.

"Wenn man Wimbeldon gewinnt, ist man unsterblich", hatte Barbara Rittner, Chefin des deutschen Damentennis vor dem Finale gegen Serena Williams prophezeit. "Ein Traum wurde wahr", sagte Kerber selbst nach ihrem Triumph. Der Sieg auf dem Center Court der Anlage an der Londoner Church Road, er ist die Erfüllung eines Kindheitstraums. Aber er ist auch die finale Belohnung für das vergangene Jahr, das ziemlich sicher das schlimmste in ihrer bisherigen Profikarriere gewesen ist. Doch all das Drama, die Hindernisse und Widerstände aus 2017, waren in diesem Moment egal. Als die Deutsche um 17 Uhr und 18 Minuten Londoner Ortszeit ihren ersten Matchball gegen die frühere Weltranglistenerste Williams verwandelte, gehörte der Augenblick nur Kerber und ihrem ganz persönlichen Glück.

"Ich habe es geschafft"

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Als erste Deutsche seit Steffi Graf hält Kerber die Venus Rosewater Dish in den Händen.

(Foto: imago/Hasenkopf)

Schluchzend war die 30-Jährige zu Boden gesunken, wie vom Blitz getroffen. Als erste Deutsche seit Graf im Jahr 1996 reiht sich Kerber ein in die Liste derer, die das prestigeträchtigste Tennisturnier der Welt gewonnen haben. Ein Sieg für die Ewigkeit, ihr Name wird nun in goldenen Lettern die heilige Tafel der Champions zieren. "Was will man mehr, ich habe es geschafft. Ich habe meinen Lebenstraum erreicht. Ich kann jetzt immer sagen, dass ich Wimbledon-Champion bin", sagte Kerber, als sie gut zehn Minuten nach ihrem 6:3, 6:3-Erfolg die begehrte Venus Rosewater Dish in den Händen hielt. Sie habe jede Sekunde der letzten zwei Wochen genossen. "Angelique ist eine unglaubliche Person und eine hochverdiente Siegerin. Ich gönne es ihr von Herzen", würdigte auch Williams die Leistung.

In der Tat war es ein bisschen unglaublich, mit welcher Souveränität die deutsche Nummer eins in der Neuauflage des Wimbledon-Finales von 2016 agierte. Völlig unbeeindruckt von der gigantischen Kulisse mit 14.979 Zuschauern dominierte die Linkshänderin das Duell von Beginn an. Immer wieder zwang Kerber ihre Gegnerin in lange Ballwechsel, brachte fast jeden Angriffsball zurück. Einfache Punkte? Die gab es für Williams fast nicht. Weil da eben immer wieder Kerber war, die über den Platz jagte und in beeindruckender Weise demonstrierte, warum sie derzeit die vielleicht beste Defensivspielerin im Damentennis ist. "Serena hat Respekt vor Angie. Angie muss von Anfang an mental da sein und dagegenhalten", hatte Rittner vor dem Match dem TV-Sender Sky gesagt. Und wie Kerber dagegenhielt.

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Auch Williams hat in London Unglaubliches vollbracht.

(Foto: AP)

Es schien an diesem sonnigen Nachmittag in Wimbledon mitunter, als könne Kerber nichts falsch machen. Als würde sie ihren vorher zurechtgelegten Matchplan 1:1 in die Tat umsetzen. Die Deutsche ergriff immer wieder selbst die Initiative und konterte aus der Defensive, streute Stops ein und brachte Williams zunehmend zur Verzweiflung. Der 36-Jährigen, die vor gerade einmal zehn Monaten ihr erstes Kind mit dem Internet-Unternehmer Alexis Ohanian zur Welt gebracht hatte, unterliefen zahlreiche Fehler, Williams fand nie zu der überragenden Leistung, die ihr den Finaleinzug gegen die zweite deutsche Halbfinalistin Julia Görges beschert hatte. Kaum überraschend, der Weg zum Comeback war für Williams ein langer, unfassbar beschwerlich dazu. Erst mit Turnierbeginn vor zwei Wochen hatte die junge Mutter offenbart, dass sie bei der Geburt ihrer Tochter Olympia fast gestorben wäre, eine Notoperation rettete ihr das Leben. Dass sie nun im Finale eines Grand-Slams stand, grenzt an ein Wunder. "Es war so ein erstaunliches Turnier für mich. Ich hatte wirklich gehofft, so weit zu kommen", sagte die ebenfalls zu Tränen gerührte Williams, die durch ihre Babypause auf Platz 181 der Welt abgerutscht ist. Auch das ist eine dieser Heldengeschichten, die Wimbledon schreibt.

Ein Erfolg, noch wertvoller als der Titel

"Ich sehe einen Champion", hatte Kerber vor dem Finale über die 24-fache Major-Siegerin gesagt. Wohl in dem Wissen, was es bedeutet, sich zurück an die Weltspitze zu kämpfen. Wie wertvoll allein die Finalteilnahme für die 30-Jährige war, hatte sie schon vor dem Match offenbart: "Das Finale bedeutet mir viel", so Kerber, "gerade nach dem letzten Jahr." Denn noch vor zwölf Monaten hätte ihr diesen Triumph niemand zugetraut, am wenigsten wohl sie selbst. Auf ihr überragendes Tennisjahr 2016 mit den Titeln bei den Australian und US Open war ein außergewöhnlicher Absturz gefolgt. Eine Phase, in der der Kampf auf dem Platz zum Krampf geworden war. Das Hadern mit sich selbst, die negativen Gedanken, all das war plötzlich wieder da. Und Angelique Kerber, die Nummer eins der Welt, Deutschlands Sportlerin des Jahres abgetaucht. Ein Schatten ihrer selbst, verzweifelt und vereinnahmt von ihrem eigenen Absturz. Doch sie hat es Ende des vergangenen Jahres geschafft, sich selbst aus diesem Loch zu hieven. Ein Erfolg, der vielleicht noch kostbarer ist als der Titel von Wimbledon.

Wieviel Kraft das Auseinandersetzen mit dem eigenen Scheitern gekostet hat, weiß wohl nur sie selbst. Das Loslassen von ihrem langjährigen Trainer Torben Beltz, das Trennen von Bewährtem – all das kostet mentale Stärke, die Kerber trotz ihrer vielen Tiefschläge gefunden hat. Sie hat sich neu sortiert und aufgestellt, die Lust am Tennis wiedergefunden – genau wie den Glauben an die eigene Stärke. "Das war nicht so einfach", hatte die Deutsche nach ihrem Halbfinalsieg gegen die junge Lettin Jelena Ostapenko eingeräumt. Einfach nicht, aber erfolgreich. Mit ihrem neuen Coach, dem Belgier Wim Fissette, kamen frische Impulse und kritische Analysen dazu. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Zweifeln stand damals am Beginn der Zusammenarbeit, erst dann kam das Sportliche. All das waren Bausteine auf dem Weg, der schnell erahnen ließ, dass er der richtige ist.

Keine Spielerin war in diesem Jahr so konstant wie Kerber. Sie ist die einzige, die bei allen drei Major-Turnieren in Melbourne, Paris und London die zweite Woche erreicht hat. Während die gesamte Top Ten der Weltrangliste in Wimbledon aus dem Turnier ausschied, blieb Kerber einfach cool, bewahrte Ruhe. Auch wenn es sportlich nicht immer überragend lief, wie in der zweiten Runde gegen den US-Teenie Claire Liu. "Gut spielen kann man nicht immer, kämpfen schon. Das hat sie getan", hatte ihr Coach anschließend gesagt. In dem Wissen, dass das Spielerische schon von selbst kommt. Den Nachweis hat sie dann an diesem magischen Nachmittag in Wimbledon geliefert.

Quelle: ntv.de