Sport

Der FC Sheriff aus Transnistrien Separatisten-Klub in der Champions League

imago1005810301h.jpg

Sheriff Tiraspol (in schwarz) hat in der Champions-League-Quali unter anderem Dinamo Zagreb besiegt.

(Foto: imago images/Pixsell)

Einer der größten Außenseiter aller Zeiten startet ins Abenteuer Champions League: Sheriff Tiraspol ist erstmals für die Gruppenphase der Königsklasse qualifiziert. Der Verein wird von einem Großkonzern finanziert, der zugleich die Politik in der Separatisten-Region Transnistrien kontrolliert.

Schachtar Donezk, Inter Mailand und Real Madrid müssen in dieser Champions-League-Saison nach Tiraspol reisen. In Vorrundengruppe D tummeln sich nicht nur drei Stammgäste der Königsklasse, sondern mit dem FC Sheriff auch der Meister der Republik Moldau. Aus dem kleinen Land zwischen der Ukraine und Rumänien hat es noch nie zuvor ein Fußballklub so weit gebracht. Und genauer gesagt, stammt Sheriff Tiraspol auch nur formal aus der Republik Moldau.

Seine Heimat hat der Klub in einem De-facto-Staat, der sich über etwa zehn Prozent der Fläche Moldaus erstreckt. Ein 200 Kilometer langer und nur 2 bis 20 Kilometer breiter Streifen, vom Nordosten bis Südosten der Republik Moldau, östlich des Flusses Dnister - willkommen in Transnistrien.

"Ein De-facto-Staat hat ähnlich wie ein De-jure-Staat ein Territorium und eine Bevölkerung, die durch eine Regierung kontrolliert und regiert wird. Der Unterschied ist, dass De-facto-Staaten international nicht anerkannt werden", erklärt Sabine von Löwis, die am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien den Forschungsschwerpunkt Konfliktdynamiken und Grenzregionen leitet, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Die Ursache für die fehlende Anerkennung von Staaten liege häufig in der Art der Abspaltung begründet, führt die Geographin aus. "Das entspricht häufig nicht den Erwartungen der internationalen Staatengemeinschaft. Oder man hat sich eben auch nicht im gegenseitigen Einvernehmen getrennt."

Eingefrorener Konflikt

Der Pseudostaat auf dem Gebiet der Republik Moldau ist vor gut 30 Jahren entstanden, als die Sowjetunion zerfallen ist. Moldau hatte sich im August 1991 für unabhängig erklärt, sich von der Kontrolle aus Moskau gelöst und sich stattdessen nach Rumänien orientiert. Rumänisch wurde zur offiziellen und einzigen Amtssprache erklärt. Das wollten die Menschen in Transnistrien aber nicht mitmachen - sie haben sich von der Republik Moldau abgespalten.

Initiiert worden sei die Abspaltung von der "politisch-ökonomischen Elite, mit Unterstützung der Arbeiterschaft", beschreibt Expertin von Löwis. "Dadurch konnte diese Protestbewegung sehr gut organisiert und den Romanisierungstendenzen in Moldau etwas entgegengesetzt werden."

Die Protestete mündeten 1992 in einer militärischen Auseinandersetzung. Die Republik Moldau versuchte, die Region mit Gewalt an sich zu binden. "Das ist aber nicht gelungen, weil auch die russische Armee dort eingegriffen hat", berichtet Sabine von Löwis. Schließlich wurde 1992 ein Waffenstillstandsabkommen vereinbart, welches bis heute hält.

Die transnistrische Bevölkerung lebt unter schwierigen Bedingungen, die meisten Menschen sind arm. Das durchschnittliche Einkommen liegt bei umgerechnet etwa 200 Euro im Monat. Das sind noch einmal rund 100 Euro weniger, als die Menschen in Moldau durchschnittlich verdienen. Auch deshalb verlassen viele Menschen das Land. Die Bevölkerungszahl ist seit dem Ende der Sowjetunion stark gesunken. Anfang der 1990er Jahre lebten noch etwa 700.000 Menschen in Transnistrien, heute sind es offiziell nur noch 460.000.

Kostenloses Gas aus Russland

Transnistrien ist seit fast 30 Jahren faktisch von Moldau unabhängig, es hat auch eine eigene Regierung und ein eigenes Parlament. Völkerrechtlich ist das Land aber weiter Teil von Moldau, weil kein Staat Transnistrien als eigenständig anerkennt.

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Auch Russland nicht, obwohl es Transnistrien umsonst mit Gas beliefert und auch Soldaten stationiert hat. "Russland stellt auf diese Weise eine andauernde Instabilität in der Region her. Dadurch wird sich Moldau über kurz oder lang, auch wenn es möchte, nicht in die EU integrieren können. Russland hat somit Einfluss am Rande Europas," erklärt Expertin von Löwis.

Großen Einfluss in Transnistrien hat neben Russland aber vor allem ein großer Konzern: Sheriff. Das mit riesigem Abstand größte Unternehmen Transnistriens kontrolliert 60 Prozent der Wirtschaft des Landes. Sheriff betreibt sämtliche Tankstellen, hat einen Mobilfunkkonzern, einen Spirituosenhersteller, eine eigene Bank, eine Supermarktkette und eben einen Fußballverein, der jetzt in der Champions League spielt.

Enge Beziehungen zwischen Politik und Konzern

Gegründet wurde Sheriff 1993 von Wiktor Guschan und Ilja Kasmaly. Der ungewöhnliche Name geht auf das ursprüngliche Unternehmenskonzept zurück. "Sie haben eine Art Sicherheitsfirma für Angehörige von Polizeifamilien gegründet und dann nach und nach angefangen, verschiedene legale und illegale Handelssysteme zu kontrollieren. Ursprünglich ging es mal um Zigaretten. Später haben sie verschiedene andere lukrative Handelsgeschäfte übernommen und sind dann immer größer geworden", berichtet Sabine von Löwis.

Dem Konzern werden enge Beziehungen in die Politik nachgesagt - vor allem zum langjährigen Präsidenten Igor Smirnow, der Transnistrien von 1991 bis 2011 mit harter Hand regierte und dem Sheriff-Konzern Steuer- und Zollvorteile verschafft hat. Im Gegenzug hat Sheriff die Politik der Regierung unterstützt - auch finanziell. So sind gegenseitige Abhängigkeiten entstanden.

Wie eng verzahnt Sheriff mit der Politik ist, zeigen mehrere Beispiele: Co-Gründer Kasmaly saß einige Zeit als Abgeordneter im transnistrischen Parlament, mittlerweile hat der Sohn von Wiktor Guschan einen Sitz in der Volksvertretung.

Ohne Sheriff läuft nichts in Transnistrien, das wird angesichts dieser Verquickungen sofort deutlich. Zumal der Konzern eben auch den Sport an der Leine hat. Sheriff ist Hauptsponsor, Namensgeber und Besitzer des Vereins FC Sheriff Tiraspol. Wiktor Guschan, einer der beiden Unternehmensgründer, ist zugleich Präsident des Fußballvereins.

Der Verein biete zudem jungen Fußballspielern kostenfreies Training an, erzählt Sabine von Löwis im "Wieder was gelernt"-Podcast. "Junge Männer aus dem ganzen Land können dort aktiv werden. Ich weiß nicht, ob man das schon Sportswashing nennen kann, wenn Sheriff damit versucht, irgendwie gut dazustehen, während es unheimlich viel Profite in Transnistrien erzielt auf mehr oder weniger legale Weise."

Aus Transnistrien für Moldau in die Königsklasse

Gleichzeitig bildet der FC Sheriff sozusagen die direkte Brücke hinüber zum Mutterstaat. Denn der Verein spielt in der Fußball-Liga der Republik Moldau, der Divizia Națională. Hier ist Sheriff Dauer-Meister, hat 19 der letzten 21 Meisterschaften gewonnen. Und international vertritt der Verein somit offiziell den moldauischen Fußball.

"Im Unterschied zu den anderen postsowjetischen De-facto-Staaten ist der Kontakt zwischen Transnistrien und Moldau nach wie vor sehr stark, zumindest unterhalb der politischen Ebene, wo es immer nur um die Frage geht: Anerkennung oder Nichtanerkennung, beziehungsweise Integration oder Unabhängigkeit", so von Löwis.

Fußball als verbindendes Element - das wird auch die UEFA hervorheben, falls es im Zuge der erstmaligen Champions League-Teilnahme des FC Sheriff Tiraspol unangenehme Fragen gibt. Fragen nach der politischen und oder wirtschaftlichen Verzahnung von Verein und Konzern. Aber da hat die UEFA bekanntlich Erfahrung: Manchester City wird aus dem Emirat Abu Dhabi gesteuert, Paris Saint-Germain gehört dem Emirat Katar, die Champions-League-Klubs aus Salzburg und Leipzig einem österreichischen Energy-Drink-Hersteller - und Sheriff Tiraspol einem Monopolisten aus dem De-facto-Staat Transnistrien. Willkommen in der Fußballwelt 2021.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.