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Waffengewalt, Netflix, Federer Wunderkind Gauff, die stürmische Revolution

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Coco Gauff hat auf und neben dem Tennisplatz noch viel vor.

(Foto: REUTERS)

Tennis-Teenie Coco Gauff ist eine Kämpferin. Auf und neben dem Platz. Ein Superstar ohne Grand-Slam-Titel. Während sie sich für Gleichberechtigung und gegen Waffengewalt in den USA einsetzt, treibt sie eine kleine Revolution voran. Vor Wimbledon ist da dann noch dieser eine große Traum.

Auf der Stelle trippelnd federn die Füße leicht ab vom bereits etwas abgenutzten Gras. Kraftvoll schwingt die doppelhändige Rückhand nach vorne durch. Cori Gauff verzieht keine Miene. Die 18-jährige Teenie-Sensation aus den USA, von allen nur Coco genannt, schlägt sich ein beim neuen Berliner Rasenturnier. In der landesweiten Hitzewelle bei knapp 30 Grad Celsius trägt sie dabei eine schwarze Sportjacke über ihrem Outfit, während ihre Gegnerin schon in leichter Tennisbekleidung schwitzt.

Schon in dieser Szene wird deutlich: Gauff ist anders als all die andern anderen. Sie macht ihr Ding. Furchtlos. Und auf lange Sicht werden nur wenige sie auf dem Court aufhalten können. Dabei ist für Gauff der Tennisplatz nur einer von vielen Orten, an denen sie kämpft. Denn diese Teenagerin ist schon jetzt eine kleine Revolution. Ein Superstar, auch ohne Grand-Slam-Titel.

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In Berlin musste sich Gauff erstmal wieder an den Rasen gewöhnen.

(Foto: IMAGO/Nordphoto)

Berlin. Nach der Sandsaison muss sich Gauff erst einmal umstellen. Das Gras bekommt ihr nicht sofort, in der ersten Partie stürzt sie sogar. Nur wenige Tage ist ihr Finaleinzug in Paris bei den French Open her. Nach der Endspiel-Pleite weint sie bittere Tränen. "Als ich hier anfing, dachte ich, dass ich furchtbar spielen würde", sagt sie in Berlin gegenüber ntv.de.

Zugpferd auf Durchreise

Doch Gauff hat so viel Talent und Willenskraft, dass sie sich den Begebenheiten anpasst. Im Achtelfinale folgt auf die komplizierte Auftaktpartie eine Lehrstunde für Xinyu Wang aus China. Mit 6:0, 6:4 fegt die erst seit zwei Monaten Volljährige ihre Gegnerin vom Platz. Nur 20 Minuten dauert der erste Satz. Gauff bringt fast jeden Ball zurück. Ihr enormes Bewegungstalent, ihre dynamische Beinarbeit kombiniert mit ihrer schieren Power und Präzision in den Schlägen prädestinieren sie für den baldigen Gewinn eines Grand-Slam-Turniers.

Dann wartet im Viertelfinale mit Karolina Pliskova eine Rasen-Spezialistin und die ehemalige Nummer eins der Welt. 2021 steht sie im Wimbledon-Finale. Genau gegen diese Großen der Tenniswelt muss sich Gauff noch behaupten, um ganz nach vorne in der Weltrangliste zu kommen. Seit dem 20. Juni wird sie dort als Zwölfte geführt. Ihre beste Platzierung bisher.

Es wird ein weitaus härterer Kampf als gegen Wang. Doch eines wird allen Zuschauern in Berlin schnell klar: Wenn Gauff eines kann, neben ihren präzisen Powerschlägen, dann kämpfen. Nachdem die Teenagerin beim Stand von 4:5 vier Satzbälle gegen sich abwehrt, breakt sie im nächsten Spiel Pliskova und holt sich den ersten Satz mit 7:5. Die tschechische Rasen-Expertin staunt. Aufschläge mit bis zu 203 Kilometern pro Stunde sausen auf sie zu. In der Geschichte der Tenniswelt liegt bei den Damen der Rekord bei 211 Kilometern pro Stunde, aufgestellt von der Deutschen Sabine Lisicki. Immer wieder haut Gauff ihren Paradeschlag, Rückhand die Linie runter, raus, der technisch nicht sauberer zu spielen ist. Immer wieder serviert die 175 Zentimeter große Gauff mit Slice nach außen, um dann direkt kraftvoll angreifen zu können. Über 80 Prozent der ersten Aufschläge landen im zweiten Satz, den sie mit 6:4 für sich zu Ende kämpft, im Feld.

Für das Turnier in der Hauptstadt, welches 2021 zum ersten Mal stattfand und an die ruhmreichen "German Open" (damals auf Sand) der 80er und 90er Jahre mit der neunfachen Siegerin Steffi Graf anknüpfen soll, ist die junge Gauff eine Art Zugpferd, nachdem die Weltranglistenerste und French-Open-Siegerin Iga Swiatek und die viermalige Grand-Slam-Gewinnerin Naomi Osaka absagten. Für den Publikumsliebling aber ist es nur eine Zwischenstation. Es geht der Teenagerin längst um mehr. Um die ganz großen Turniere. Obwohl sie erst zwei WTA-Titel gewonnen hat, gilt sie nach ihrem Final-Einzug bei den French Open als eine Mitfavoritin auf den Titel in Wimbledon. Das renommierteste Turnier des Tenniskalender startet am morgigen Montag.

Selbst Federer zurechtgewiesen

Umso mehr freut sich Gauf, in Berlin ihr erstes Halbfinale auf Rasen überhaupt zu erreichen. Dort ist zwar gegen die topgesetzte und spätere Turniersiegerin Ons Jabeur Schluss, aber London soll der nächste große Schritt für die Kämpferin werden. "In Wimbledon will ich den Titel gewinnen", sagt sie in Berlin gegenüber ntv.de selbstbewusst. Sie wisse, dass das schwer würde, aber: "Das ist meine größte Hoffnung."

2019 gelingt Gauff in Wimbledon mit gerade einmal 15 Jahren ihr Durchbruch auf der Profitour. Als Qualifikantin besiegt sie in Venus Williams eines ihrer Vorbilder und wird erst im Achtelfinale durch die spätere Siegerin Simona Halep gestoppt. Die Tenniswelt ist außer sich. Zwar muss Gauff noch an ihrer Vorhand feilen und ihr Spiel ist noch etwas zu berechenbar, doch die Teenagerin hat sich seit 2019 enorm verbessert. Möglicherweise so weit, dass sie sich zu ihrem ersten Grand Slam kämpfen kann.

Weil sie aber ebenfalls offen, lautstark und konsequent gegen Missstände kämpft, ist Gauff auch abseits des Tennis-Courts ein Vorbild und eine Inspiration für viele. Gerade für junge Schwarze, insbesondere Frauen und Mädchen. Gauff spricht stets sehr offen und direkt und macht Mädchen und Frauen of Color Mut, zu sich zu stehen, lautstark voranzugehen und für Gerechtigkeit zu kämpfen. Die personifizierte "female Empowerment", die weibliche Ermächtigung. Immer wieder kämpft die Teenagerin gegen Rassismus und für Black Lives Matter und Gerechtigkeit. Sie weiß genau um ihre Plattform und nutzt diese kraftvoll. Und das schon als 15- oder 16-Jährige.

Vor zwei Jahren weist sie sogar die Tennis-Legende Roger Federer zurecht und hängt, nachdem der 20-fache Grand-Slam-Champion lediglich ein schwarzes Quadrat zur Unterstützung der Black Lives Matter-Proteste getwittert hatte, einen Beitrag mit einer detaillierten Liste an, wie die Menschen die Sache konkret unterstützen können. Die Miniaturansicht des Links enthält eine wichtige Botschaft: "Wenn Sie fertig sind: Bilden Sie sich weiter. Das verschwindet nicht, sobald das Thema nicht mehr 'trending' ist".

"Das ist verrückt!"

In einer Gesellschaft, die sich immer noch weigert, den vollen Wert Schwarzer Frauen anzuerkennen, ist Gauff stark und selbstbewusst und hat keine Scheu, sich für sich selbst und ihre Interessen einzusetzen. Das ist im Sport immer noch nicht selbstverständlich - vor allem im weißen Tennissport nicht. Tennis wurde zwar durch Gauffs Vorbilder Serena und Venus Williams stark verändert, wird aber nach wie vor überwiegend von Weißen betrieben.

Gauff kämpft nun die Revolution weiter, die die Williams-Schwestern gestartet haben. Momentan dreht sich in ihrer Heimat nach verheerenden Massakern vieles um Waffengewalt und -gesetze. Auch dieses Thema ist eines, das mit Rassismus zu tun hat, denn Schwarze in den Staaten haben ein zehnmal höheres Risiko, durch eine Schusswaffe zu sterben als weiße US-Amerikaner.

Und natürlich schweigt Gauff auch an dieser Stelle nicht, schließlich wächst sie im US-Bundesstaat Georgia auf und hat mittlerweile ihren Lebensmittelpunkt in Florida. Beide Staaten sind bekannt für laxe Waffengesetze. Gegenüber ntv.de spricht sie sich für härtere Waffengesetze in ihrer Heimat aus: "Ich bin 18 Jahre alt und für mich ist viel schwieriger, ein Bier zu kaufen oder ein Auto zu leihen als eine Waffe zu kaufen. Das ist verrückt!" Jeder würde ihr sagen, sie wäre reif für ihr Alter, aber "ich glaube nicht, dass ich mit dem Besitz einer Waffe umgehen könnte". In größeren Städten in den USA habe sie es "definitiv im Hinterkopf", dass ein Schusswaffen-Massaker ausbrechen könne. Ihre 9- und 14-jährigen Brüder besuchten reguläre Schulen und es sei "wahnsinnig", dass sie ihnen etwa vor einem Kino-Besuch erklären müsse, wie sie sich im Falle eines Angriffs zu verhalten hätten. Offene Worte, die von so oft in Floskeln verfallende Sportlerinnen und Sportler äußerst selten äußern.

Netflix oder Bett

Gauff ist eine kleine Revolution. Auf und neben dem Platz. In Berlin gesteht sie ein, dass sie manchmal etwas neidisch auf die Leben ihrer Freunde schaut. "Manchmal frage ich mich, wie mein Leben wäre, würde ich kein Tennis spielen", erklärt die Teenagerin nachdenklich. "Aber Tennis macht mir einfach sehr viel Spaß. Wenn ich irgendwann nicht mehr spielen will, dann höre ich einfach auf. Egal, wie früh oder spät in meiner Karriere das ist. Ich glaube jedoch nicht, dass ich in nächster Zeit aufhören werde."

Im Gespräch blitzt aber auch das Teenager-Dasein der 18-Jährigen häufig durch. Die US-Amerikanerin mit neongrünen Fingernägeln lacht viel und scherzt. Im Anschluss an eines ihrer Matches in Berlin verrät sie, dass sie nach ihren Spielen eigentlich immer nur Netflix - sie empfiehlt "Stranger Things" und "Haus des Geldes" - guckt oder direkt ins Bett geht.

Auch auf Twitter sorgt sie für Schmunzler, als sie jüngst einen Mixed-Partner für Wimbledon sucht. "10 bis 15 ernste Zuschriften habe ich bekommen", grinst sie. Wer sollte mit der offenen, sich für Gerechtigkeit einsetzenden und vielleicht baldigen Weltranglistenersten auch nicht zusammenspielen wollen?

Quelle: ntv.de

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