Fußball-WM

Das Tagebuch zur WM in Katar Riesige Empörung über Aufhebung der Klassentrennung

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Willkommen in der U-Bahn.

(Foto: IMAGO/Matthias Koch)

Die WM in Katar hat ihre erste Sensation. Auf dem Platz lässt sich Argentinien von Saudi-Arabien demütigen. Abseits des Platzes lebt das Turnier weiter von der Skandalmaschine FIFA und dem Einknicken der Verbände. Die Besucher bekommen davon wenig mit. Die Locals haben ganze andere Probleme.

Es ist voll geworden in Doha. Rund um den Souq Waqif im Herzen der Stadt kommt so etwas wie WM-Stimmung auf. Saudis und Tunesier, Frauen und Männer, singen und tanzen gemeinsam und ein Kind im Ronaldo-Trikot spielt mit einem anderen im Neymar-Trikot Fußball. Glückliche Katarer erzählen, dass sie so etwas noch nie erlebt haben und berichten von ihrem weltoffenen Land. Denn so sehen sie sich im Emirat, das ein internationaler Hotspot sein will. Eine Mutter in Burka, mit fein geschminktem Gesicht und trendigen Nike-Sneakern, präsentiert stolz ihre zwei kleinen Kinder im Komplett-Outfit der katarischen Nationalmannschaft. Einer Fotoanfrage willigt sie sofort in sehr gutem Englisch ein und fragt direkt im Gegenzug: "Wann erscheint das Bild bei Instagram?"

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Früh übt sich, wer ein richtiger Fan werden will.

(Foto: David Bedürftig)

Die harsche Kritik aus dem Westen halten viele für überzogen. Es sind Welten, die aufeinandertreffen. Es sind Welten, die auf anderen Kontinenten weniger interessieren. In jedem Laden kennt jemand mindestens Manuel Neuer und ist großer Anhänger der DFB-Elf, die meistens gleichbedeutend mit dem FC Bayern München ist. Der Rekordmeister prägt das Bild des deutschen Fußballs. Ob er die "One Love"-Binde trägt, interessiert in Doha nicht.

Deutsche Fans sind im Straßenbild weiterhin wenig präsent. Beim Jahrhundert-Spiel Argentinien gegen Saudi-Arabien laufen vorher zwei mit den obligatorischen Seppelhüten durchs Bild. Bald verschwinden sie im Meer der Messi-Trikots. Auch tief im Souq-Markt haben sich drei im DFB-Shirt von der WM 2018 verirrt. Anders sieht es mit den Farben des FC Bayern München aus. Immer wieder tauchen sie urplötzlich auf, sind auch in den Shops des Souqs zu kaufen. Und immer wieder richtet sich der Blick auf den Ärmel mit der Werbung für Qatar Airways. Der Rekordmeister reist seit Jahren hierhin, der Rekordmeister kassiert seit Jahren dickes Geld aus Katar.

Bald stehen sie vor der Entscheidung: Verlängern oder nicht verlängern? Von den eigenen Fans stark kritisiert, von der breiten Öffentlichkeit jedoch selten beachtet. Das Geld, heißt es immer wieder aus München, sei lebensnotwendig, um in dem brutalen Wettrennen mit den anderen Superklubs mitzuhalten. Uli Hoeneß ruft sogar im Sport1-"Doppelpass" an, kann dort seine wilden Attacken gegen die Katar-Kritiker fahren. Beide Seiten hören, heißt es dann.

Was passiert nach dem Ende der WM?

Aber der September ist im November schon zwei Monate her und wer erinnert sich noch daran, oder daran, wie die plötzlich zu einem Symbol des Widerstands erhobene "One Love"-Binde bei ihrer Vorstellung im Herbst als Zeichen der Schwäche bezeichnet wurde? Und wer wird sich an all die Toten auf den Baustellen erinnern, wenn dieses Turnier einmal gespielt ist? Im Gespräch mit ntv.de erklärte die Menschenrechtsorganisation Equidem gerade erst, wie auch in der Spielstätte der ersten DFB-Partie, dem Khalifa Internation Stadium, massive Menschenrechtsverstöße stattgefunden haben.

Was passiert, wenn die Empörungsmaschine der WM vor Erschöpfung kollabiert und das Turnier als die "WM der Schande" in die Geschichtsbücher eingegangen ist? Es wird weitergehen, weil es immer weitergeht. Schon Anfang Januar wird Bayern München wieder präsent sein in Doha. Der Rekordmeister reist gleich mit beiden Profi-Fußballmannschaften an. Sowohl die Frauen als auch die Männer bereiten sich im Emirat auf die Rückrunde vor. Das Klima ist wunderbar, das Hotel exzellent und die Trainingsbedingungen sind traumhaft. Der Boulevard schwelgt bereits in Vorfreude. "Bayern-Frauen bekommen in Katar das coolere Hotel", schreibt die "Bild"-Zeitung und gerät regelrecht ins Schwärmen über die sensationelle Ausstattung der Edelherberge. Ein paar Klicks weiter regiert die Wut über die skandalöse Organisation der WM.

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Der Sieg der Saudis wird wild gefeiert.

(Foto: David Bedürftig)

Aber den Fans und Beobachtern aus nicht-europäischen Ländern sind eben andere Themen wichtig. Ein Saudi kann sein Glück nach dem Sieg über Argentinien gar nicht fassen. Keiner seiner Freunde und Familienangehörigen hätte an den Erfolg geglaubt, eigentlich sollte es erst im nächsten Spiel ernst werden. "Wir sind nur zum Spaß zum Argentinien-Spiel gegangen - und auf einmal haben wir, Allah sei Dank, drei Punkte." Mit dem Auto ist er nur zwei Stunden aus seiner Heimat nach Katar gebrettert. "Einmal durch die Wüste", grinst er. Nächste Woche kommt er vielleicht wieder. Aber vorher geht's noch schnell zur Partie Frankreich gegen Australien - er will scouten, auf wen seine Nationalelf im Achtelfinale treffen könnte.

Ein Inder im Argentiniendress verfolgt die Unterhaltung erfreut. Er ist ein Goldschmied, spricht aber kaum Englisch und kann seine Liebe zur Messi-Mannschaft deshalb auch nicht genau darlegen. Doch er lächelt, macht ein Gruppenfoto und postet es direkt stolz auf Facebook. Diese WM macht auch viele Menschen glücklich.

Der große Doha-Aufreger

In der Tat entsteht immer wieder das Gefühl, dass sich der Gastgeber mit dem Turnier übernommen hat. Zu viele Menschen auf einen Platz. Fans und die Presse müssen teilweise bangen, wegen langer Schlagen noch rechtzeitig ins Stadion zu gelangen.

Abstrus wird es auf der Rückfahrt vom Frankreich-Spiel. Der Medienbus schmeißt einen Haufen von Journalisten mitten auf der dreispurigen Autobahn raus, weil er einen U-Bahnhof in der Nähe wähnt. Ängstlich hasten die Presseleute über die voll befahrene Straße und rennen vor den heranrasenden Autolichtern weg. Zum Glück verletzt sich niemand, doch auf der anderen Straßenseite folgt die Ernüchterung: Keine U-Bahnen fahren, es gibt hier nicht mal einen U-Bahnhof. Kopfschüttelnd bestellen die Journalisten ein Uber. Der Fahrer aus Ägypten liebt Katar, "weil es jedem eine Chance bietet, ohne dass sich das Land in dein Leben einmischt". Seine Rückbank ziert eine feuchte und stinkende Urin-Lache - ob von Mensch oder Tier, ist nicht klar.

In der für die WM gebaute, fahrerlose U-Bahn, die in zwei Klassen eingeteilt ist, gibt es oft wenig Platz. Die Gold-Klasse ist mit luxuriösen Sitzen ausgestattet, hat eine Mittelinsel für den kurzen Plausch im Stehen und blickdichte Türen. Auch die Standardklasse ist weit über dem, was die Verkehrsbetriebe in deutschen Städten anbieten können. Während der WM gibt es keine Gold Class, keine Standardklasse. Alle sind gleich. Und so sitzen traditionell gekleidete Katarer neben singenden Argentiniern. Gemeinsam blicken sie auf tanzende Tunesier.

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Einer der großen Aufreger vor der WM ist in Doha selbst eben das Ende der Klassengesellschaft. Nicht jeder ist damit einverstanden. In den sozialen Netzwerken kommt es zu wilden Diskussionen. Während der WM kommt es nun in den Bahnen zu Verbrüderungsszenen, von dort wird die WM-Stimmung in die Spielorte getragen.

In der Nähe des National-Museums schläft ein Mann. Er hat sich vor dem Eingang eines Bürogebäudes zusammengekauert. Er trägt kein Trikot.

Quelle: ntv.de

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