Fußball-WM

Katar und FIFA die Stirn bieten? Manuel Neuer steht vor der Chance seines Lebens

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Augen zu und durch?

(Foto: IMAGO/Laci Perenyi)

Ein Torhüter steht vor der größten Entscheidung seines Lebens: Wird Manuel Neuer doch noch auf die Strafe pfeifen und ein One-Love-Zeichen senden? Schließlich geht es um viel mehr als Fußball. Die ganze DFB-Elf hat die Chance, Autokraten, Katar und der FIFA den imaginären Mittelfinger zu zeigen.

Manuel Neuer hat viel gewonnen in seinem Fußballer-Leben. Meisterschaften, Pokale, Champions-League-Titel, eine Weltmeisterschaft. Doch so viel stand für ihn noch nie auf dem Spiel, nie war Pott mit Gold am Ende des Regenbogens größer. Wortspiel beabsichtigt. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft steht am Mittwoch vor der größten Entscheidung seiner Karriere. Und vor der Chance seines Lebens.

Denn wenn Neuer in der Aufwärmjacke über dem Trikot auflaufen und trotz aller Drohungen kurz vor der Nationalhymne sein Trikot samt "One Love"-Binde entblößen sollte. Wenn alle TV-Kameras der Erde diesen Moment, dieses wichtige Zeichen für Menschenrechte und gegen Ausgrenzung, einmal um den Planeten senden würden. Wenn der Keeper sich dann stolz und erhobenen Hauptes die dafür fällige Gelbe Karte abholen würde. Was würde die Welt staunen. Was würden Katar und FIFA zürnen.

Niemals sonst hätte Neuer die Chance, solch einen monumentalen Sieg einzufahren. Einen Sieg, der weit über Fußball hinaus geht. Einen Sieg, der Autokraten, Despoten und Machtgeiern à la Gianni Infantino die Stirn bietet und manchem die Augen öffnet. Einen Sieg der Menschlichkeit.

Es geht ja gar nicht um die Armbinde

Wer die mutigen iranischen Fans gesehen hat, die gegen das Regime in der Heimat protestierten und weitaus härtere Strafen, Prügel und sogar den Tod in Kauf nahmen. Wer die iranische Nationalelf bestaunte, wie sie ihre Chance des Lebens nutzten und konsequent schwiegen bei der Nationalhymne, um ein Zeichen der Solidarität an die Demonstranten auf den Straßen ihres Landes zu schicken. Der weiß, dass es bei dieser absurden Weltmeisterschaft um viel mehr als Fußball geht. Und dass elementare Signale auch im Wüstenstaat und sogar gegen das brutale Regime des Iran gesandt werden können.

Es geht auch nicht um die Armbinde. Dass gerade ein Fetzen aus Stoff (wofür stand die Binde genau? LGBTQ+ Rechte wohl, aber auch für Antirassismus, Gleichberechtigung der Geschlechter, Rechte für Menschen mit Behinderung und für Gastarbeiterinnen und -arbeiter in Katar?) zum riesigen Symbol für Inklusion, Gleichheit, Freiheit und Menschenrechte geworden ist, passt zu der Absurdität des Turniers in Katar, wo vieles aufgebauscht wird. Vor allem, weil es sich dabei ja kaum um ein politisches Statement handelt, sondern um Werte, mit denen jeder Mensch auf der Welt behandelt werden möchte, die jeder Mensch auf der Welt als Normalität betrachten sollte.

Es geht auch nicht um Manuel Neuer. Man sollte nicht auf den Torhüter einprügeln, man darf ruhig auch Mitgefühl mit ihm haben, schließlich steckt er in einem Dilemma. Er wollte die Armbinde unbedingt tragen, nun darf er nicht. Auch weil der DFB sagt, er könne keine Sanktionen für die Spieler riskieren.

Wahrscheinlich passiert nichts

Es ist unklar, wie viel eigenen Spielraum der Torhüter bei der Entscheidung hat, ob er die Binde nicht doch trägt. Allerdings ist der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft alles andere als ein Mensch ohne Macht. Alle DFB-Kicker sind das. Man stelle sich vor, sie liefen morgen mit in Regenbogenfarben gefärbten Haaren oder Augenbrauen auf. Oder mit speziellen Fingernägeln (außer Neuer), wie es eine iranische Anhängerin mit Symbolen für Frauen, Leben und Freiheit (der Schlachtruf der Protestierenden) beim Spiel gegen England vormachte. Man stelle sich vor, sie würden einfach nicht vor den noch Mächtigeren einknicken. Was würde die Welt staunen, wenn sich die DFB-Elf das traut.

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Sehr wahrscheinlich wird das alles nicht passieren. Sehr wahrscheinlich wird ein Torhüter ohne "One Love"-Binde die Nationalelf gegen Japan anführen. Sehr wahrscheinlich werden die Scheichs in Katar und die Bürokraten in Zürich ihren Willen durchsetzen. Es wäre ein weiteres trauriges Kapitel dieser WM. Aber man könnte es Manuel Neuer, dem Sportler, auch nicht verübeln.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Besonders, wenn es um Menschlichkeit geht. Möglicherweise, ganz vielleicht, grätscht Neuer, der Mensch, dazwischen. Vielleicht setzt er ein weltweites Zeichen der Liebe, der Gleichberechtigung. Vielleicht bietet er der FIFA und Katar die Stirn, wenn es sonst niemand tut. Vielleicht nutzt er die Chance seines Lebens.

Quelle: ntv.de

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