Fußball-WM

WM-Rekord, Spektakel, Neymar Verrückte Zauber-Brasilianer, was macht ihr nur mit uns?

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Diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit: Neymar.

(Foto: IMAGO/Sports Press Photo)

Katar erlebt die besten 45 Minuten der WM-Geschichte seit dem 7:1 der DFB-Elf. Doch diesmal sorgen die Brasilianer für eine irre Show. Ein Spiel wie ein eisgekühlter Caipi an der Copacabana, Joga Bonito in Reinform, einfach wow.

Lieber Fußball, liebe Brasilianer,

was habt ihr mit uns da nur angerichtet? Wie sehr wollt ihr uns noch verzaubern?

Es gibt diese Fußballspiele, die nur alle paar Jahre um die Ecke kommen. Vielleicht nur alle Jahrzehnte. Bei einer WM noch seltener. An diesem Montagabend in Doha ist es mal wieder so weit. Es entfaltet sich eine Partie, die die ganze Schönheit dieses Sports auf spektakuläre Weise auf den Rasen bringt. Wer nicht vor dem 4:0 der Brasilianer gegen Südkorea noch nichts von Joga Bonito gehört hat, der lernt es hier mit den eigenen Augen und Ohren. Der spürt es am ganzen Körper.

Ach Neymar da Silva Santos Júnior, was haben Dich die Menschen, Medien und Gegner schon gescholten. Teilweise zurecht, teilweise zu hart. Aber Du bist zurück in der brasilianischen Startelf. Dein Fuß der leidenden Nation in der Heimat ist wieder fit. Er sah auf Bilder vor einer Woche noch arg zermatscht aus, aber das ist heute egal. Heute ist Feiertag, bei einer guten Party bist Du ja immer dabei. Und auch mit einem halben rechten Fußgelenk bist Du noch agiler als 99,9 Prozent der Fußballer auf diesem Planeten. Quatsch, bei diesem Turnier.

Neymar, Du Zauberer vom Zuckerhut, Du weißt schon vor dem Spiel, was für eine Show deine Mannschaft gleich abreißen wird, als du als letzter mit konzentriertem Blick und wasserstoffblonden Haaren in den Spielertunnel schreitest. Lässig Kaugummi kauend, von einem Bein aufs andere tänzelnd. Selbst das sieht schon fast nach Joga Bonito aus. Du wechselst ein paar Worte mit dem Balljungen an der Hand, betrittst als letzter das Feld, bekreuzigst dich und schickst ein paar Grußworte an den Allmächtigen oder die Allmächtige - sicherlich auch für Deinen Matsch-Knöchel - gen Abendhimmel. Eine lange Umarmung mit Heung-Min Son und ein paar High Fives für die Ballkinder später geht es dann auch endlich los.

Nach sieben Minuten schockverliebt

Der nächste Herz geht raus an Dich, Raphinha. Was Du da auf der rechten Seite mit dem Spielgerät veranstaltest, zaubert allen Bällen der Welt ein Lächeln aufs Rund. Wie du deinen Gegenspieler mit einer derart gemeinen und unrealistischen Finte ins Leere laufen lässt, dass sie in jeder Zaubershow verboten würde, und Rechtsaußen nach deinem Wahnsinnslauf auf Neymar passt, der knapp verpasst. Aber weil sich die gesamte Hintermannschaft Südkoreas nur auf Neymar konzentriert, hat der dahinter lauernde Vinicius Junior so viel Zeit und Platz, dass er überlegt ins rechte obere Toreck zum 1:0 schlenzen kann.

Schockverliebt nach sieben Minuten. Genauer gesagt: Liebe auf den ersten Schlenz. Natürlich folgt das brasilianische Jubeltänzchen im Kreis und noch eine kleine extra Sambaeinlage. Ein Tanz genau wie das Spiel. Ein Spiel wie ein Caipiroska de Maracujá (Caipirinha ist etwas für Anfänger) auf einer Straßenparty in Rio in einer lauen Sommernacht. Wie ein eisgekühltes Brahma am Strand auf der Ilha Grande. Wie eine tiefrote Moqueca am Mittagstisch mit Fremden, die schnell zu Freunden werden.

Weil wenig später Richarlison im Strafraum gelegt wird, gibt es Elfmeter. Und natürlich tritt der Fuß der Nation an. Ach Neymar, Du küsst den Ball so zärtlich, bevor Du ihn sorgfältig auf den Punkt legst, dass die Herzen deiner Verehrerinnen und Verehrer möglicherweise einen Schlag lang aussetzen. Das Psychospielchen von Keeper Seung-Gyu Kim, der sich ganz links ins Toreck stellt und auf und ab hampelt, lässt Dich völlig kalt. Denn Du hast nur Samba im Kopf und schiebst nach einem Tanzanlauf (Zweivierteltakt, fließende Bewegung über den Rasen) und mit nur auf den Keeper gerichteten Augen locker zu 2:0 ein. Dein Clown-Jubel und der nächste Reigen, heute kann man da aber auch gar nichts dran aussetzen. 12 Minuten und 18 Sekunden benötigen die Männer in Gelb für ihre zwei Tore. In den 113 WM-Spielen, die Brasilien seit 1930 bestritten hat, hat das Team noch nie so schnell zwei Treffer erzielt. Doch absurd: Der Rekord wird nicht gebrochen, sondern nur egalisiert. Ronaldo schoss 2002 in der Gruppenphase der WM in Japan und Südkorea das zweite Tor seines Doppelpacks gegen Costa Rica ebenfalls genau nach 12 Minuten und 18 Sekunden.

Mit dem Fenômeno wird der neuen Stürmer bei der Seleção mit der Nummer Neun, dessen Name ebenfalls mit einer R beginnt, noch während des Spiels vom offiziellen FIFA-Kanal verglichen. Auf Instagram ist ein Bild Richarlisons zu sehen, auf dem seine Haare digital bearbeitet wurden, um Ronaldos Frisur von der WM 2002 nachzubilden, bei der Brasilien seinen fünften WM-Titel gewann. "Er kanalisiert seinen inneren R9", steht darübergeschrieben.

Also auch ein großes Obrigado an Dich, Richarlison. Deinen Tanz mit dem Ball gibt es sonst nur in der Mittagssonne der Copacabana oder in Youtube-Trickser-Videos zu bestaunen. Gleich dreimal lässt Du die Kugel mit fast inniger Zuneigung auf dem Kopf abtropfen, jonglierst sie, fängst sie dabei fast mit der Stirn, um sie dann noch einmal mit dem Fuß, ohne dass sie den Boden berührt, mitzunehmen. Himmel!

Ein Spiel wie ein Best-Of-Video

Anschließend geht alles viel zu schnell für die Südkoreaner, die vielleicht auch denken, sie befänden sich in einem Best-Of-Clip. Richarlison bildet mit Marquinhos und Thiago Silva ein One-Touch-Dreieck, der durchstartende Stürmer erhält den Ball postwendend zurück und trifft eiskalt ins linke Eck. Er dreht ab mit einer Mimik à la "Was für ein Tor, was für eine geile Mannschaft". Es ist sein dritter Treffer bei dieser WM. Sogar Trainer Tite tanzt nun mit. Herrlich.

Das ist Joga Bonito in Reinkultur. Das Herz pocht. Selbst im Sitzen werden die Beine schwach. Und dennoch möchte jede Zuschauerin und jeder Zuschauer genau in diesem Moment am brasilianischen Strand kicken, lachen, feiern.

Auch wenn Südkorea mit ein paar starken Distanzschüssen antwortet, warten alle im Stadion eigentlich nur auf das nächste Traumtor. Als Neymar mit einer Zidane-Drehung zwei Südkoreaner und sogar den Schiedsrichter ausspielt, wissen alle, dass hier die Strand-Party im vollen Gange ist. Brasilien zaubert. Die Zuschauer liegen auf Strandtüchern, der Grill brutzelt neben den gekühlten Brahma-Sixpacks. Aber Brasilien macht auch ernst und untermauert den Status als einer der großen Favoriten auf den WM-Titel.

Und Neymar, Du zeigst mit deinen mittlerweile 30 Jahren Deinen Wert für dieses junge Team, wenn du mannschaftsdienlich zauberst. Wie Du den Ball immer wieder in Bewegung bringst und die talentierten Jungs neben Dir unterstützt. Zwar lauerst Du (oder sollte man sagen: gaunerst?) bei Ecken Südkoreas allein an der Mittellinie. Doch kommt ein Ball in Deine Nähe, dann geht es ab.

Wie beim Gedicht eines Bilderbuch-Konters zum 4:0, den Paulo Coelho nicht hätte kitschiger entwerfen können. Von Richarlison erhält Neymar den Ball, treibt ihn über den Platz und nimmt den links durchspurtenden Vinicius Junior mit. Es sieht aus wie ein aggressiver Schwarm Hornissen, als die Brasilianer im Affenzahn ausscheren. Und gleichzeitig so einfach und so malerisch. Der Mann von Real Madrid chipt die Kugel technisch wunderschön mit dem Außenrist auf den ganz weit hinten heranrauschenden Lucas Paqueta, der volley ins Tor trifft. Seufz.

Der Halbzeitstand ist historisch

Alles in einem Guss, flüssig und traumhaft anzusehen. Die Samba-Party artet nun völlig aus, auf den Rängen und auf dem Feld. Neymar macht den Taktgeber im Tänzchen-Kreis. Vier Schüsse, vier Tore. Effektive Killer paaren sich mit eleganten Schönspielern. Noch viele weitere, herrlich herausgespielte Angriffswellen samt Großchancen rollen auf den Kasten Südkoreas zu, die leider keinen Platz in diesem Text finden können. Zur Halbzeit hätte es 6:0 oder 7:0 stehen müssen. Doch auch das 4:0 ist denkwürdig, denn nur 1954 gelangen der Selecao gegen Mexiko vier WM-Tore nach 45 Minuten. Der Halbzeitstand ist auch historisch - so viele Treffer vor der Pause gab es erst einmal in der WM-Geschichte in einem K.o.-Spiel. Beim denkwürdigen 7:1 der DFB-Elf 2014.

Doch diesmal seid ihr die lachenden Sieger: Wer soll euch, liebe Brasilianer, nur aufhalten? Vor allem, weil eure Defensive in diesen wohl besten 45 Minuten der WM-Geschichte so gar nichts zulässt. Resolut wird verteidigt, eiskalt der Gegner abgegrätscht und natürlich wird auch mal mit der Hacke herausgespielt, damit die Samba-Party nicht aufhört. Im Mittelfeld gehen Casemiro und Paqueta so resolut dazwischen, dass Joshua Kimmich, Ilkay Gündogan und Leon Goretzka vor dem Fernseher möglicherweise Notizen machen.

Nach der Pause geht es direkt weiter, aber das 5:0 will trotz bester Möglichkeiten nicht fallen. Macht nichts. Ihr beiden Trickser, Neymar und Raphinha, bedient das Publikum trotzdem weiter mit Momenten der absoluten Glückseligkeit. Eure Zaubertricks am und im Strafraum - sind sie zu viel des Guten? Verhöhnen sie vielleicht sogar den Gegner? Sind die Tanzeinlangen nach den Toren respektlos? Egal! Heute ist Joga Bonito. Heute ist alles erlaubt. Heute gehen alle Besucherinnen und Besucher im Stadion und auch die Deutschen am TV mit Sambaschritten und Rhythmus im Blut ins Bett. Zu umwerfend ist das, was ihr Männer in Gelb auf den Platz zaubert.

Dann hämmern die Südkoreaner noch einen wunderschönen Fernschuss zum 1:4-Ehrentreffer ins Tor. Ein kitschiges Ende dieses Fußball-Spektakels. Jede Ballberührung ist ein Fest der Sinne. Jede Stafette ein Traum, der in keinem Lehrbuch zu finden ist. Jedes Tor ein eisgekühlter Caipiroska am Strand.

Ihr Brasilianer, vielen Dank für diese Show. Oh, König Fußball, schön, dass man Dich in solchen Momenten einfach mal liebhaben darf. Dich und Dein Joga Bonito. Seufz.

Quelle: ntv.de

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