Fußball

Das Werder-Wunder Pizarro geht Adiós Claudio, du Schlitzohr!

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Die Mannschaft von Werder Bremen ließ Claudio Pizarro nach seinem letzten Spiel hochleben.

(Foto: Pressefoto Rudel/gumzmedia/nordp)

Claudio Pizarro beendet seine Karriere - ohne in seinem letzten Spiel nur eine Minute auf dem Platz zu stehen. Doch das Vermächtnis der Bundesliga-Legende lebt weiter, vor allem weil Pizarro so viel mehr ist als seine Tore: ein Lebemann, der mit seiner Fröhlichkeit zeigte, was wirklich wichtig ist.

Als Baby fiel der damals noch winzige Claudio Pizarro aus seinem Kinderbett. Vier Wochen musste er von einer Ziehmutter aufgepäppelt werden, so schlecht ging es ihm. Glücklicherweise landete der kleine Claudio damals bei dem Sturz, wie der Zufall es so wollte, genau vor dem Weserstadion. Zehn Zentimeter maß er gerade einmal - und war nicht der, aus dem später einmal Werder Bremens Wunderstürmer werden sollte, sondern ein Eichhörnchen, das im März 2019 aus seinem Nest am Stadion gefallen war und von der Bremer Eichhörnchen Nothilfe auf den Peruaner getauft und großgezogen wurde.

Die mancherorts vielleicht belächelte Geschichte sagt viel aus über die Verbindung des Vereins der ganzen Hansestadt zu ihrem Liebling. Keinen wollten sie in Bremen jemals so beschützen, niemanden wollten sie lieben wie ihren großgewachsenen Torjäger. "Es gibt in der 120-jährigen Geschichte von Werder Bremen keinen wichtigeren Spieler als Claudio Pizarro", sagte Jürgen Born mal über den Peruaner, den er aus Lima nach Bremen holte, indem er sich in dem Andenland mit dem Stürmer betrank und per Handshake den Deal festmachte. Er wurde in Bremen zur Legende, zum personifizierten Wunder von der Weser. Jetzt beendete er mit 41 Jahre seine Karriere nach 490 Bundesliga-Spielen.

"Immer dieselbe Fresse, die da lacht"

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Naldo und Pizarro verpassen Trainer Schaaf eine Bierdusche nach dem Pokalsieg 2009.

(Foto: imago sportfotodienst)

Klar, Pizarro schoss Tor um Tor, 197 waren es in der Liga insgesamt, wie kann man ihn da nicht lieben? Aber all die Treffer sind gar nicht sein eigentliches Bremer Vermächtnis. All die Vorlagen, all die Schüsse, all die Kopfbälle, all die Dribblings sind eigentlich nur eine Randnotiz. Denn Pizarro war schon immer mehr als ein Fußballspieler für Bremen. Seine herzliche Art und sein Lächeln auf den Lippen lockerten die sonst eher kühle Hansestadt auf. Der brummige Trainer Thomas Schaaf und jeder Werder-Fan erlag seit 1999 Pizarros charmanter Art, seinem unbändigen Optimismus und seinem guten Herzen. Und der Stürmer liebte die Hansestadt genauso zurück, spielte an der Weser von 1999 bis 2001, von 2008 bis 2012, von 2015 bis 2017 und von 2018 - bis gestern. Eigentlich musste er nur einmal sein freches Grinsen aufsetzen - und schon flogen ihm die Herzen der Bremer zu, bald auch die der Münchner und irgendwann die der gesamten Republik.

Torsten Frings sagte einmal über seinen ehemaligen Mitspieler: "Mit seiner fröhlichen Art kann er Kollegen nicht nur in guten Momenten mitreißen, sondern auch durch schlechte Phasen helfen." Pizarro personifizierte stets ein einfaches Lebensrezept, das in der deutschen Leistungsgesellschaft ungern akzeptiert wird und das manch einem Nordlicht vor der Ära Pizarro fremd vorgekommen sein mag: Fröhlichkeit macht viele Dinge leichter im Leben. Immer wieder sollte der Torjäger mit diesem Optimismus die Bremer zu Erfolgen führen oder vor Misserfolgen wie dem Abstieg retten. Wie auch in diesem Seuchenjahr wieder, denn der Peruaner strahlte auch als Bankdrücker in der Saison 2019/20 stets Zuversicht aus.

Nach dem erfolgreich abgewehrten Abstieg erzählte Trainer Florian Kohfeldt, wie er im Trainerteam letztens Videos geschaut hätte, "aus den 90ern, 2000ern und jetzt 2010ern". Einer war einfach immer dabei: Pizarro. "Ich habe zum Co-Trainer gesagt: Es ist immer dieselbe Fresse, die da lacht", so Kohfeldt. "Und das zeigt einfach, welche Freude er den Werder-Fans gegeben hat, wie viel Bedeutung er für diesen Verein hat. Ich kann meinen Hut nicht tiefer ziehen und mich nicht tiefer verbeugen vor Claudio Pizarro und dem, was er für Werder Bremen, für die Bundesliga geleistet hat. Und ich bin heilfroh, dass wir dieses Kapitel in der Bundesliga beenden konnten."

"Wir haben Party gemacht, aber professionell"

Zwar gewann Pizarro mit Werder nie eine Meisterschaft, aber seine "Fresse, die da lacht" gab Bremen so viel mehr. Und eine Hand am letzten Ligatitel der Bremer hatte er trotz allem. Ohne den Peruaner hätte sein kongenialer Sturmkollege Ailton den Klub 1999 verlassen, weil er unter Schaaf-Vorgänger Felix Magath nur auf der Bank schmorte. Und ohne Ailtons Tore wäre Bremen in der Saison 2003/04 niemals Meister geworden. Mit dem Brasilianer baute Pizarro eine Verbindung auf - nicht nur auf dem Platz. Beide gingen gerne gemeinsam essen, bestellten aufgrund von mangelnden Deutschkenntnissen meist das Falsche, aber lachten drüber und aßen die Teller trotzdem leer. Und die Verbindung auf dem Rasen bekam sogar einen eigenen Namen: "Pizza-Toni" lieferte Tore am Fließband aus.

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Ailton und Pizarro lieferten als "Pizza-Toni" aus.

Manchmal schlugen die beiden Südamerikaner auch über die Strenge, aber niemand in Bremen konnte ihnen nicht verzeihen. Im Interview mit dem "Tagesspiegel" erzählte Ailton über die gemeinsame Zeit: "Ein Latino ohne Party, das geht nicht. Nur Fußball und nur Arbeit, das geht nicht. Manchmal haben Claudio und ich ein bisschen Party gemacht. Wir brauchten das ab und zu. Wir haben Party gemacht, aber professionell." Wenn schon, dann richtig und mit ganzem Herzen. Genau dafür wird Pizarro verehrt.

Vor allem menschlich der Beste

Aber Pizarro reifte in seiner Karriere, wurde zum Führungsspieler, der nicht nur mit Toren glänzte. Dass der Stürmer absolut professionell mit seinem Körper umgegangen ist, weiß man schon, weil er mit 41 Jahren immer noch in einer der besten Fußballligen der Welt mitspielen konnte. "Ich habe ihn als ungemein angenehmen Menschen kennen und schätzen gelernt", sagte sein ehemaliger Trainer bei Bayern München, Jupp Heynckes einmal über ihn. "Und er ist ein Schlitzohr, aber immer professionell." Der Stürmer war und blieb eben immer auch ein professioneller Lebemann. Diesen Typus gibt es mittlerweile in der Bundesliga gar nicht mehr. Durch die Nachwuchsleistungszentren glatt geschmiedet kommen die Jungtalente meist daher. Schlitzohrfaktor gleich null. Auch im Vergleich zur perfekten Maschine Robert Lewandowski, der Pizarro als bester ausländischer Stürmer in der Bundesliga ablöste, wird dieser Unterschied deutlich. Pizarro hatte immer schon Makel, das machte ihn menschlich und liebenswert.

Nun geht auch das letzte Mosaiksteinchen aus der erfolgreichen Werder-Ära, die Pizarro mit Ailton, Johan Micoud, Diego und Co. in Bremen von 1999 bis 2009 prägte. Die heutige Realität beim SV Werder ist grau, auch wenn der Abstieg gerade noch abgewendet wurde. Es kommt einem so vor, als wäre der Verein gemeinsam mit Pizarro gealtert und so passt es, dass es der Peruaner nach diesem Werderaner Seuchenjahr die Kariere endgültig beendet. Ohne in seiner letzten Partie eine einzige Minute auf dem Platz gestanden zu haben. Kohfeldt entschuldigte sich dafür bei ihm. Der Lebemann will selbst aber nun kein Trainer werden, wie er im "Socrates-Magazin" verriet. Auch das passt. "Jeden Tag Fußball, von morgens bis abends. Aufwachen mit Fußball, ins Bett gehen mit Fußball. Das wäre mir zu viel", sagt Pizarro. "Später möchte ich mehr Zeit für meine Familie haben. Und für mich."

Schlitzohr, Optimist, Lebemann. Der Peruaner hatte stets mehr zu bieten als seine Tore und Rekorde. Nicht nur sein Nest in Bremen, das er mit seiner Fröhlichkeit nachhaltig verändert hat, vermisst ihn jetzt schon. Der Mensch Pizarro wird noch viel länger nachwirken als der Spieler mit dem gleichen Namen. "Ich habe immer versucht, beim Fußball der Beste zu sein, beim Partymachen der Beste zu sein, bei der Familie auch der Beste zu sein", sagt Pizarro selbst. Vor allem menschlich war er einer der Besten, die die Bundesliga je hatte. Danke, Claudio.

Quelle: ntv.de