Fußball

Herr Belamigovic liebt die 90er Als der Fußball noch nach Hansa Rostock roch

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Kult-Fußballer aus den 90ern: Der Rostocker Mike Werner.

(Foto: picture alliance / augenklick/firo Sportphoto)

Die Fußballwelt dreht sich immer schneller, wird immer gigantischer. Doch viele Fans wollen diesem Tempo der Macher nicht mehr folgen, die Sehnsucht nach der alten Zeit wächst. Herr Belamigovic hat seinen Weg "zurück" gefunden und begeistert die Menschen.

Ein Mensch, der morgens nach dem Aufstehen direkt an Bachirou Salou denkt, der muss ein hemmungsloser Fußball-Romantiker sein. Ein Mensch, mit dem man sich dringend unterhalten muss. Die Twitter-Ikone Herr Belamigovic ist so einer. Sein Vorname: Vertragsamateur (mehr dazu später im Text). Und damit beginnt in Wanne-Eickel, einem Stadtteil von Herne, eine sentimentale Reise in die 90er- und frühen 2000er-Jahre. Erste Station: das Frankfurter Waldstadion, ein Samstagnachmittag im April. Bayern Münchens italienischer Startrainer Giovanni Trappatoni lässt Alain Sutter, Michael Sternkopf und Dietmar Hamann warmlaufen. Der letztgenannte wird um 16.57 Uhr eingewechselt, als vierter Vertragsamateur (!) - ein Fauxpas. Nur drei Spieler mit diesem Status sind auf dem Platz in der Bundesliga erlaubt. Statt (sportlich) mit 5:2 zu gewinnen, verliert der FC Bayern 0:2 am Grünen Tisch. Die Saison endet katastrophal für die Münchner, die sich mit Oliver Kahn und Jean-Pierre Papin (Schapapapa gesprochen) verstärkt hatten: Platz sechs. Trappatoni hatte zum ersten Mal fertig.

Herr Belamigovic, der in Wahrheit ganz anders heißt, hat mit dem Fußball damals noch nix "am Kopp", wie man hier sagt. Seine Reise beginnt erst zwei Spielzeiten später. Am 5. Oktober 1996 betritt er mit seinem Vater das Parkstadion in Gelsenkirchen. Als Herner, pardon, Wanner-Eickler muss das so. Herne, pardon, Wanne-Eickel ist Schalker Land. Der Verein wird von BVB-Fans auch als Herne-West bezeichnet. Eine Höflichkeit soll das nicht sein. Gerecht wird das der Stadt nicht. Egal. Das mittlerweile abgerissene Rund ist nur halb gefüllt. Viele Fans sind sauer, der Klub hat Trainer-Legende Jörg Berger zwei Tage vorher entlassen. Er hatte den Verein nach Jahren der Dürre am Ende der Saison 1995/96 in den UEFA-Cup geführt – und dort triumphierte die Mannschaft dann in der Folgespielzeit sensationell. In der ersten Runde noch mit Berger, danach ohne ihn. Huub Stevens hatte übernommen. Die legendären "Eurofighter" werden geboren. Eine der bis heute verehrtesten Generation der "Königsblauen". In der verhassten Nachbarstadt feiert der BVB wenig später den Triumph in der Champions League, dank Lars Ricken. Was da noch Großes in Gelsenkirchen kommen würde, das konnte Herr Belamigovic an diesem Samstag nicht ahnen. Er erlebte einen tristen Tag im Stadion und verlor sein Herz. Die kriselnden Schalker verloren gegen den Karlsruher SC mit 0:1.

Wenn das Geld für Ordenewitz fehlt ...

Viel ist dem Stadiondebütanten nicht in Erinnerung geblieben. Die Frisur von Kulttrainer Winnie Schäfer und der Torschütze Sean Dundee. Auch so ein Spontan-Held der 90er-Jahre. Und der wohl größte "Transfercoup" beim "Kicker"-Managerspiel. Für 500.000 Mark ist er vor der Saison 1995/96 zu haben, einer der billigsten Stürmer überhaupt, eine Kaderergänzung, mehr nicht. Andere Kandidaten in dieser Preisklasse: unter anderem David Wagner, Angelo Vier, Arie van Lent, Holger Gaißmayer und Helgi Sigurdsson. Der alte Frank Ordenewitz ist 300.000 Mark teurer. Der spätere A2-Nationalspieler Markus Schroth indes kostet nur die Hälfte.

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Herr Belamigovic designt Shirts für den guten Zweck.

Der teuerste Stürmer damals ist Jürgen Klinsmann. Der Münchner, der später, ausgewechselt für den Vertragsamateur (!) Carsten Lakies, eine Werbetonne zertritt, kostet in der "Kicker"-Welt 15 Millionen Mark, fast doppelt so viel wie Ulf Kirsten und Stephané Chapuisat. Doch wer auf Dundee setzt, wird belohnt. 16 Tore macht der Südafrikaner, der von den Turn- und Sportfreunden Ditzingen kam, dann und wird später Nationalspieler. Er "behebt" die Stürmernot. Ebenso wie der Brasilianer Paulo Rink, kuriose deutsche Fußballgeschichte. Aber eben auch eine, die bei den Menschen für Herzenswärme sorgt. Nicht nur musikalisch – Grunge und Eurodance sind die Stichworte - werden die 90er-Jahre in der Generation der 30- bis 50-Jährigen heroisiert, auch fußballerisch.

Ganz besonders in der Gegenwart voller Gigantismus und einer Zukunft, für die der oberste Hüter des Fußballs (hüstel) Gianni Infantino sehr gerne noch superlativere Superlative erschaffen möchte. Die Klub-WM mit 32 Teams und die nächste Weltmeisterschaft 2026 mit 48 Nationen sind die aktuell größten Auswüchse. In dieser Welt findet eine Rückbesinnung statt. Als das Turnier in Katar lief, erfreuten sich unterklassige Vereine einem überraschend großen Zuschauerzuspruch. In dieser teurer-schneller-größer-Welt wächst die Sehnsucht nach vertrauten Dingen, nach back to the basics. Jede Generation blickt gerne auf das zurück, auf das was war. Und dennoch nehmen die 90er einen besonderen Platz ein. Durchaus skurril: Schon damals wurde die Fußball-Welt gigantischer. Mit mehr Spielen, mehr Sendungen, mit Pay-TV und Internationalisierung. Doch der Blick zurück verklärt die 90er wie ein Blick aus den 90ern auf eine 70er-Jahre Schlagershow mit Jürgen Drews im Kornfeld. Ein wenig fassungslos, aber glücklich für immer ein Teil davon zu sein. Im Rahmen des Zumutbaren war eben noch Platz und das Bedürfnis nach mehr.

Jörg Böhme? Eine Legende!

Das ist mittlerweile gestillt, auch bei Herrn Belamigovic. An der WM 2022 hatte er kaum noch Interesse. So wenig Spiele wie nie hat er im Frühwinter des vergangenen Jahres verfolgt. Seit 1998 ist er aktiv dabei. Das verrückte Viertelfinal-Duell zwischen Argentinien und den Niederlanden hat ihn dennoch gepackt. Dafür ist er dann doch zu sehr Fußball-Fan. Es war für ihn auch eine Reise zurück zu seinen Fan-Ursprüngen, denn auch damals begeisterte er sich vor allem für den Kampf der beiden Fußball-Riesen. "Dennis Bergkamp, der war schon überragend", sagt Herr Belamigovic. Ein erster Held war geboren. Auch Gabriel Batistuta reihte sich ein. In der "Bravo Sport" gab es Poster von den Stars. Sie hingen in fast jedem Kinderzimmer. Vor allem deswegen las er das poppige Magazin.

Helden näher an der Heimat Herne waren für Herrn Belamigovic andere: Jörg Böhme, von dessen linken Fuß, mit "dem er alles konnte" (unter anderem physikalisch kaum erklärbare Freistöße schießen), schwärmt er bis heute. Ebenso von Nebojša Krupniković. Der Spielmacher fühlte sich einst von Ralf Rangnick ignoriert, weil er bei Hannover 96 keine Freistöße schießen durfte. Jiri Stajner war Mann der Wahl, doch der hämmerte die Bälle immer kniehoch in die Mauer, wie Krupniković befand. Rangnick setzte ihn daraufhin im nächsten Spiel gegen Werder Bremen zunächst auf die Bank. Als er eingewechselt worden war, legte er sich nach vier Minuten den Ball zurecht und hämmerte einen Freistoß aus 30 Metern ins Tor, aus dem Stand. Der junge Tim Wiese staunte. Ein Statement. Ein Typ. Wie einst Janusz Góra. Dessen "Skandal"-Ausruf ist zum Kulturgut des deutschen Fußballs geworden. Seine Ulmer, jaja, die waren damals Bundesligist, hatten viermal Rot gegen Rostock gesehen.

Kultige Trikots, kultige Type, kultige TV-Formate

Die 90er-Jahre, auch noch die frühen 2000er stehen für eine Zeit im Fußball, in der vieles noch in Ordnung war (oder schien), auch wenn das Übel der Kommerzialisierung genau in hier seinen Ursprung hatte und tüchtig Fahrt aufnahm. Über die Einführung der Champions League floss immer mehr Geld in den Fußball, in den Spitzenfußball. Die Kluft zwischen den Reichen und weniger Reichen begann rasant zu wachsen, doch noch bot sich der skurrilen Steilmann-Dynastie in Wattenscheid ein Schaufenster. Mit der Zeit manifestieren sich die Machtverhältnisse immer mehr. Doch der Blick zurück in diese Zeit richtet sich nicht auf das Monster, das da erschaffen worden war, sondern auch kultige Trikots, kultige Typen und kultige TV-Formate. Die Melodien von "ran" und "ranissimo" klingen noch in den Ohren. Ebenso die Hymne der Bundesliga und die der Managerspiele der Zeit. Bundesliga Manager Professionell von Software 2000 etwa, ein Spiel für die Sehnsucht.

Warum diese Zeit, in der es noch Sonnenkönige (eigentlich natürlich nur einen, Günter Eichberg) und gnadenlose Schleifer gab, in der brasilanische Neuzugänge noch spektakuläre Ereignisse waren, so verehrt wird, das weiß auch Herr Belamigovic nicht. Klar, es ist die Zeit der eigenen Sozialisierung. Mit dem Vater ins Stadion zu gehen, das prägt. Aber erklärt sich damit diese heldenhafte Romantisierung? Eher nicht. In Wanne-Eickel wird der Taxi-Teller serviert. Kleiner kulinarischer Exkurs für Ortsunkundige: Der Taxi-Teller setzt sich zusammen aus Gyros, Currywurst, Pommes, Zaziki, Zwiebel und Mayo. Muss man mögen. Getoppt wird das nur durch den Turbo-Teller, dem noch eine Frikadelle beigelegt wird. Starker Tobak für jeden Magen, keine Frage. Herr Belamigovic beginnt seine Geschichte zu erzählen, die einer Twitterikone, auch wenn er das gar nicht gerne hören mag, geboren aus Langeweile. Während einer Länderspielpause 2017 teilte er seine Liebe zu den Fußball-Classics und lud bei Twitter erste Bilder von Ikonen dieser Zeit hoch. Seine Follower, am Anfang gerade einmal 100, sprangen voll drauf an. Es wurden mehr und mehr. Immer mehr. Nächster Step: Tor-Clips, ausgeschnitten von VHS-Kassetten. Aus dem eigenen Bestand und dem seines Vaters.

Belamigovic wie Koslosowski oder Dembowski

Die Auswahl? "Einfach random", sagt Herr Belamigovic, so wie die Entstehung seines Twitternamens. Ein Name, so passend für den Pott wie Koslowski, Dembowski, Aydin oder Müller. Und Vorname Vertragsamateur? Auch "einfach random". Aber auch einfach passend, 90er-Fußball eben. Random, ein Wort, das so gar nicht zu den verklärten Jahren passen will. Aber ein Äquivalent dafür? Nicht bekannt. In Wanne-Eickel, wo der große Fußball (2. Bundesliga) des DSC mit Anfang der 80er starb, dreht sich die Welt nun um Hansa Rostock. Auch so ein Phänomen der 90er. Hier, tief im Westen, zwischen den Metropolen, ist kein Platz für eine Fan-Exklave der Kogge, hier geht es um den VfL Bochum, den FC Schalke 04, um Borussia Dortmund und manchen hier geht es um den DSC und Westfalia Herne, auch ein Verein mit großer Tradition. Und dennoch ist Hansa auch hier ein Sinnbild für die Liebe zu den 90ern. "Ich kenne aus den Mannschaften von Rostock damals mehr Spieler als aktuell von RB Leipzig", sagt Herr Belamigovic, ganz schnell ist man bei den großen Klassikern: Steffen Baumgart, Sergej Barbarez, Paule Beinlich, Matthias Breitkreutz, Perry Bräutigam, Mike Werner oder Olaf Holetschek. Herr Belamigovic hat aber einen anderen Favoriten: Igor Pamic.

Pamic, ein glatzköpfiger Hüne. Eine Sturmkante. 1,91 Meter groß, robust, torgefährlich, aber auch bissig. In 47 Spielen für Hansa sah er achtmal Gelb, einmal Gelb-Rot, einmal glatt Rot. Ein Gentleman auf dem Feld, nein, das war er nicht. Anders René Eijkelkamp, im Alter von 33 Jahren wechselte er zu den beseelten Eurofightern nach Schalke. "Was für ein Stürmer, groß, technisch super, torgefährlich", schwärmt Herr Belamigovic. Leider aber mit Knieproblemen. Stürmer, das war eine kultige Sache damals. Unter anderem beim FC Bayern: Sie hatten klangvolle Namen: Radmilo Mihajlović, Alan McInally (Mic und Mac!), Ruggiero Rizzitelli, Emil Kostadinow, Schapapapa oder "El Tren" Adolfo Valencia. Eine andere Kante: Valdas Ivanauskas, der Mann mit dem markanten Bürstenschnitt, berühmt geworden beim HSV und später für so klangvolle Namen wie SV Wilhelsmhaven und BV Cloppenburg aktiv. Von ihm wurde die Twitter-Ikone einst überrascht, der Litauer fragte an, ob es noch mehr Tore von ihm gebe. Nicht die einzige prominente Anfrage. Auch die Bochumer Legende Peter Peschel wollte ein paar Highlights abgreifen.

145.000 Menschen sehen Farfans Traumlauf

Knapp 18.000 Follower hat er mittlerweile auf seinem Account. Unter dem Hashtag #BelaLiga hat sich eine treue Community gebildet. Und für den guten Zweck gibt es sogar Legenden-Shirts als "Merch". Manche Videos werden bis zu 30.000 Mal und mehr angesehen. Und kommentiert. Mit Liebe. Wer, wann und was kommt? Random halt. Die Kriterien sind einfach: möglichst viel Variation und das Tor, egal wie spektakulär oder auch nicht, muss mindestens älter sein als zehn Jahre. Am Tag nach Salou durfte Igli Tare vorspielen. Ein Kopfballtor für den 1. FC Kaiserslautern. Nichts Besonderes, anders als ein Kracher von Thorsten Fink, damals noch für Karlsruher SC aktiv.

Herr Belamigovic will nicht an die großen Stars erinnern, jeder darf mal ran. Per Datenbank gibt es eine gerechte Rotation und Erinnerungen an Namen, die jeder kennt, die aber längst vergessen sind: Darlington Omodiagbe, Abdelaziz Ahanfouf, Sixten Veit oder Mehdi Ben Slimane. Auch so ein Fußballer, der im Gedächtnis größere Spuren hinterlassen hat als auf dem Feld. Überhaupt Freiburg, auch so ein typisches Hansa-Phänomen-Dingen. Vom Kult-Team um Uwe Wassmer, Uwe Spies, Jörg Heinrich, Rodolfo Cardoso, Jens Todt und Maximilian Heidenreich über den Tunesien-Express mit Zoubeir Baya, Ben Slimane, Marouen Guezmir und Adel Sellimi, die Kultfrisuren-Truppe mit Sutter, Harry Decheiver und Nikola Jurcevic bis zur Willi-sierung.

Und so überrascht es nicht, dass das erfolgreichste jemals hochgeladene Video von einem erzählt, der auch längst in Vergessenheit geraten war: Jefferson Farfan. 145.000 Views hatte der Clip. Legendär. Zwei Tore werden die Fans von Vertragsamateur Belamigovic übrigens nie sehen: Den Freistoß von Bayerns Patrick Andersson 2001, der Schalke aus allen Titelträumen riss. Und das Tor von des Dortmunders Ebi Smolarek, das den Königsblauen sechs Jahre später im Derby erneut die Meisterschaft vermasselte. Romantik hat eben auch Grenzen. Ob die aktuelle Zeit in 25 Jahren in der griechischen Grillstube in Wanne-Eickel auch mal so heroisiert wird? Ob Sergio Ramos dann der Olaf Holetschek, ob Neymar dann der Alan McInally der jungen Generation werden? Spannende Frage. Herr Belamigovic hat auch keine Antwort - er sammelt aber vorsichtshalber mal Material.

Quelle: ntv.de

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