Fußball

Fehleinschätzung des Vereins? Asamoah schildert Schalker Gewalt-Horror

Erst steigt die Mannschaft des FC Schalke 04 ab, dann wird sie von den Fans attackiert. Zunächst verbal, dann körperlich. Eine unvorstellbare Eskalation der Gewalt, die so leicht niemand vergisst. Aber es werden auch Vorwürfe gegen den Klub laut.

Die Szenen der Dienstagnacht bekommt Gerald Asamoah noch immer nicht verarbeitet. Die Gewalt einiger Fans gegen die Mannschaft des zuvor nach einer bitteren 0:1-Niederlage bei Arminia Bielefeld in die 2. Bundesliga abgestiegenen FC Schalke 04 setzen der Klublegende auch zwei Tage später noch zu. In einer kleinen Runde mit ausgewählten Journalisten, aus der unter anderem Sport1 berichtet, erklärte der 42-Jährige am Mittag offenbar emotional immer noch sehr angefasst: "Mir geht es immer noch nicht so gut. Ich habe verschiedene Bilder im Kopf: Ein Mitarbeiter lag auf dem Boden und wurde getreten."

Es war eine Eskalation der Gewalt, die Asamoah selbst nie für möglich gehalten hätte. "Wir haben auf dem Rastplatz mit dem Trainerteam und den Kapitänen entschieden, dass wir dort hinfahren. Ich war von der ersten Minute überzeugt, dass hier nichts passiert. Ich kenne die Fans. Es war viel Polizei da, das hat mir Sicherheit gegeben." Die hatte sich aber zunächst im Hintergrund gehalten und war beim Zusammentreffen zwischen Fans und Mannschaft an der heimischen Arena nicht dabei. Und das wohl auf den ausdrücklichen Wunsch des Vereins, wie ein Sprecher der Polizei erklärte. Die Beamten hätten erst zugegriffen, als die Stimmung kippte. Sie verhinderten laut eigenen Angaben so eine weitere Eskalation. Danach habe sich die Situation rasch aufgelöst.

Harit "eine Bombe gezogen"

Doch was in den Minuten dazwischen passiert war, das ist schockierend. In einem Video, das im Internet kursiert, sind Szenen einer Hetzjagd am Stadion zu sehen. Das Video ist verifiziert. Es stammt tatsächlich aus der Nacht. Unklar ist nur, welcher Spieler (es soll ja einer gewesen sein) da tatsächlich von dem wütenden Mob verfolgt worden ist. In einem Instagram-Chat, der ntv.de vorliegt, aber nicht verifiziert ist, brüstet sich ein angeblich Beteiligter damit, dem Spieler Amine Harit "eine Bombe gezogen" zu haben, ihn also heftig geschlagen haben will. Warum genau es zur Eskalation kam, dass muss nun die Polizei aufklären. Offenbar ging es aber nach einem explodierten Böller richtig los.

Ein Spieler, der anonym bleiben will, schilderte Sport1 die Momente der Eskalation: "Die Fans sind dann auf uns losgegangen. Wir sind ab dann nur noch gerannt. Das war Angst, pure Angst! Ich bin nur noch gerannt. Einige von uns haben Tritte und Schläge abbekommen. Ich bin schockiert und weiß nicht, wie wir die nächsten Spiele noch bestreiten sollen." Vier Spiele sind es in dieser Saison noch. Dann beginnt auf Schalke der komplette Neuaufbau. Sehr viele Fußballer werden den Klub verlassen. Und manche, die vielleicht noch unentschieden waren, werden nach dieser prägenden Nacht ins Grübeln kommen. Wie aggressiv und entschlossen die Stimmung der Fans, die die Polizei auf etwa 500 bis 600 schätzt, gewesen sein muss, schildert noch einmal Asamoah: "Bujos (Anmerk. d. Red.: Co-Trainer Mike Büskens) Angst in den Augen werde ich nicht vergessen."

"... und dann kommt noch was"

Bereits am Tag nach den Ausschreitungen hatte Sportvorstand Peter Knäbel gesprochen. Er nannte es "desaströs, wenn man sich um Leib und Leben unserer Mitarbeiter fürchten muss. Was Staff und Spieler da erleben mussten, hat mit unserem Leitbild überhaupt nichts zu tun. Man hat immer das Gefühl, es geht nicht noch schlimmer - und dann kommt noch was."

Laut Medien-Berichten wurde ein Spieler später bei der Heimfahrt im Auto verfolgt. Vor seiner Wohnung sollen Anhänger auf ihn gewartet haben. Er soll dann anderswo übernachtet haben, berichtete Sport1. Außerdem wurde laut "Bild"-Zeitung das Auto eines weiteren Profis demoliert. Auch habe es Faustschläge gegeben und Flaschen seien geflogen. Einige Spieler hätten im Hotel übernachtet, berichtete die "WAZ".

Aber wäre die Eskalation zu verhindern gewesen? Offenbar schon, wie unser Reporter Uli Klose berichtet. Demnach haben der Sicherheitsdienst der Schalker trotz eindringlichster Warnungen von szenekundigen Beamten der Polizei auf die Fahrt zum eigenen Stadion bestanden. Eine fatale Fehleinschätzung der gefährlichen Lage, die ihnen aufgezeichnet worden war. Demnach habe man im Klub auch wenige Kilometer vor der Ankunft bereits gewusst, dass sich Fans bereits gewaltsam Zutritt zum Stadiongelände verschafft haben und dort auch randaliert hätten. Der Schalker Ansatz der Deeskalation, ein Zusammentreffen zwischen Fans und Mannschaft ohne Polizei, war eine weitere fatale Fehleinschätzung.

Wie es nun weitergeht? Die Gelsenkirchener Polizei will mit einer Ermittlungskommission die Ereignisse in der Abstiegsnacht untersuchen. "Es geht darum, die Vorfälle lückenlos aufzuklären", sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag. Strafanzeigen von möglichen Opfern seien bislang allerdings noch nicht eingegangen.

Quelle: ntv.de, tno

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