Fußball

Erst Abstieg, dann Hetzjagd Schalke zwischen Hass, Angst und Wut

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Stimmungsbild.

(Foto: Nordmann)

Der FC Schalke 04 steigt aus der Bundesliga ab. Der Revierklub macht das mit einer Pleite in Bielefeld perfekt. Die Stimmung gegen die Mannschaft eskaliert in der Nacht. Eine Stadt zwischen Hass, Frust und Gleichgültigkeit.

"Hömma, gib' mir mal die Zeitung."

"Willse die Scheiße echt lesen?" (Anmerk. d. Red.: Den Text zum Abstieg des FC Schalke 04)

"Ne, kommt aufs Archiv"

Dialog in einem Zeitschriftenladen am legendären Schalker Markt. Mittwochmorgen, gegen 8 Uhr. Kaffee und Kippe, dann die Aufarbeitung vom Dienstagabend.

"Tja, ist scheiße ne."

"Aber war es ja die ganze Zeit doch schon."

"Stimmt."

"Haste heute frei?"

"Ne, muss gleich hin."

Gelsenkirchen, nirgendwo in Deutschland ist der Fußball wohl mehr sinnstiftend als in dieser alten Industriestadt mitten im Ruhrgebiet. Eingebettet zwischen fünf Autobahnen, schwer gezeichnet von der Maloche. Nirgendwo in Deutschland hat der Fußball die Menschen in den vergangenen 16 Monaten mehr gequält als in Gelsenkirchen. Wann dieser Horror bei nur zwei Siegen in den vergangenen 15 Monaten seinen Tiefpunkt erreicht hat, niemand kann es wohl ganz genau sagen. Zumindest nicht sportlich. Nur wann es zu Ende ging, das ist lässt sich ganz einfach terminieren: Am Dienstagabend wurde der vierte Abstieg der Vereinsgeschichte und der erste seit 33 Jahren durch eine 0:1-Niederlage gegen Aufsteiger Arminia besiegelt. Das jämmerliche Ende einer jämmerlichen (steigern Sie gerne selbst) Saison. "Tut noch mehr weh als erwartet. Scheiße!", twitterte der Klub nach Abpfiff.

Der schlimmste Horror offenbarte sich derweil in der Nacht zu Mittwoch. Nach der Rückkehr des Teams aus Bielefeld kam es an der Schalker Arena zur Eskalation. Eine Aussprache zwischen Spielern und Fans endete mit tätlichen Attacken auf die seit Monaten verspotteten und gedemütigten Profis. Nicht alle aufgebrachten Fans am Stadion sollen indes in die Angriffe verwickelt gewesen sein. In einem nicht verifizierten Instagram-Chatverlauf, der bei WhatsApp kursiert, brüstet sich einer, einem Spieler "eine Bombe gezogen" zu haben.

Die Polizei spricht von "massiven Aggressionen", mit denen die Spieler konfrontiert gewesen seien. "Es sind Spieler weggerannt", erklärte ein Sprecher. Es sei nicht bekannt, dass Spieler verletzt worden seien. Eine Hundertschaft der Polizei sei eingeschritten. Zudem sollen zwei Profis getreten worden sein. Dies sei aber nicht bestätigt. Ein erschreckendes Video, das im Internet kursiert und eine entsprechende Fluchtszene vor der Arena zeigen soll, sei der Polizei bekannt. Es könne nicht gesagt werden, wer darauf zu sehen sei, so der Sprecher. In den sozialen Medien ist die Rede von Mark Uth. So oder so: Die Szenen sind unerträglich. Es sind Szenen einer Hetzjagd. Widerlich. Mindestens.

Ein fassungslos machender Wahnsinn, den der so zerrissene und geplagte Klub in den Stunden danach kaum verarbeitet bekommt: "Bei allem verständlichen Frust und aller nachvollziehbaren Wut über den Abstieg in die 2. Bundesliga: Der Verein wird es niemals akzeptieren, wenn die körperliche Unversehrtheit seiner Spieler und Mitarbeiter gefährdet wird. Genau das ist in der vergangenen Nacht aber durch die Handlungen von Einzelpersonen geschehen", hieß es in einem Statement. Die Grenzen hätten einzelne und bislang "nicht zuzuordnende Personen" überschritten. Dieses Verhalten verurteile der Klub "aufs Schärfste und stellt sich selbstverständlich vor seine Mitarbeiter".

Am frühen Mittwochmorgen sind diese Szenen kein Thema an der Arena. Die Nachricht der nächtlichen Eskalation (noch) nicht bekannt. Zwei ältere Frauen gehen mit ihren Hunden spazieren.

"Schlimme Sache."

"Ja, ich hoffe dat wird wieder."

"Drücke die Daumen."

Geht's um Schalke?

"Ne, um Werner (Anmerk. d. Red.: Name geändert), dem geht's richtig scheiße. Is' im Krankenhaus. Aber nicht lebensbedrohlich. Immerhin."

Die Hunde setzen sich auf die kleine Wiese am Kassenhäuschen. Schalke? Naja, scheiß(t) der Hund drauf. Wenige Meter weiter am Reha-Zentrum direkt neben dem alten Parkstadion. Sportliche Geschäftigkeit. Schalke? Klar, ist Thema. Aber was soll man denn sagen: "Dat die den Klassenerhalt noch schaffen, war doch eh weniger wahrscheinlich, als dat ich nochmal 'nen Hundertmeter-Rennen gewinne." Der Mann ist "um die 80", läuft an Krücken, "Knie is' wech."

Weiter zur Arena. Durch Straßen, die den Namen der großen Legenden tragen: Ernst Kuzorra, Stan Libuda, Rudi Assauer, Ötte Tibulsky, Berni Klodt oder Herbert Burdenski. Kaum jemand da. Auch an der Geschäftsstelle. Ein Ordner passt auf. Aber worauf eigentlich? Leere auf Schalke. Die Aufarbeitung des Dramas findet nicht im Kollektiv statt. Nicht für die Spieler, die an diesem Tag frei haben. Nicht für die Fans, die zu großen Teilen Schicht schieben.

In der Ruhe hängen geblieben sind die Worte von Gerald Asamoah. Unter Tränen verkündete er am Abend der Endgültigkeit: "Ich kann mir vorstellen, wie viele Schalker Fans zu Hause vor dem Fernseher sitzen und weinen. Wir haben alle enttäuscht. Das Emblem von Schalke zu tragen, bedeutet sehr viel und die Frage stellt sich, ob alle das verstanden hat. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er alles dafür getan hat, den Verein am Leben zu halten." Es gehört nicht viel Fantasie dazu, dass damit auch die Spieler gemeint sind. Ein wenig unglücklich kommt dann auch daher, dass Nationalspieler Suat Serdar in der aktuellen "Sport Bild" bei all dem glaubhaft erklärten Leiden seiner Situation auf Schalke auch davon spricht, dass er regelmäßig in der Champions League spielen und Titel gewinnen will.

Es sind Sätze, die Asamoahs Charakterfrage vom späten Dienstagabend nur noch einmal eindringlicher werden lassen. Besonders bei einer Mannschaft, die seit Monaten vom Vorwurf begleitet wird, eine seelenlose zu sein. "Wenn du Tabellenletzter bist und 13 Punkte hast - und einer sagt, er hätte alles gegeben, dann weiß ich nicht, was ich mit dem machen würde. Die Farben von Schalke zu tragen, bedeutet viel, und es stellt sich die Frage, ob das alle verstanden haben." Auch Trainer Dimitrios Grammozis, der fünfte in der laufenden Saison, der bislang immer seine Spieler in Schutz genommen hatte, kritisierte erstmals deren Einstellung - wenn auch nur indirekt. "Wir müssen schauen, dass wir wieder Jungs für den Verein gewinnen, die das Emblem würdig tragen", sagte er. Jungs, "die wissen, was Schalke ist, worauf sie sich einlassen und was die Anforderungen sind." Er wolle "eine Mannschaft auf den Platz stellen, auf die die Fans wieder stolz sein können".

Es sind Sätze, die sie in Gelsenkirchen sicher gerne hören. Weil sie anders sind als Sätze von großen Träumen inmitten des großen Dramas. Grammozis kann man wohl die wenigsten Vorwürfe machen - er bekam ohnehin viel mehr die Aufgabe, den Abstieg professionell zu begleiten. (Was ihm auch nur leidlich gelungen ist.) Zurück zur Trinkhalle am Schalker Markt. "Ker, wenn ich so wat lese, dann, dann… ach is' auch egal. Ich geh arbeiten."

In der Nacht war die Gefühlslage eine andere. Keine gleichgültige, eine explosive. Ein Profi, der anonym bleiben will, berichtet bei Sport1, wie er die Eskalation erlebt hat: "Uns wurde laut und deutlich mitgeteilt, dass wir uns schämen sollen und sich alle Spieler ab sofort verpissen sollen, die im nächsten Jahr nicht mehr hier sein werden. Passiert das nicht, würde uns das Leben richtig zur Hölle gemacht. Anschließend wurden wir mit Eiern beworfen. Dann ist ein Böller hochgegangen und die Situation eskalierte völlig. Die Fans sind auf uns losgegangen. Wir sind ab dann nur noch gerannt. Das war Angst, pure Angst! Ich bin nur noch gerannt. Einige von uns haben Tritte und Schläge abbekommen. Ich bin schockiert und weiß nicht, wie wir die nächsten Spiele noch bestreiten sollen."

Nur wenige Meter hinter der Arena ist Schalke plötzlich grün. Felder. Höfe. Eine andere Welt. Immer noch Ruhrgebiet. Die Stadt der tausend Feuer, sie ist nur einen kleinen Horizont weit weg. In der Straße Ellinghorst ist der Klub so präsent wie in kaum einer anderen Straße hier. Die Balkone, ein kleines Museum in königsblau. Mag hier jemand reden? "Nur, wenne den Weg wissen willst." Ne, über Schalke. "Ne, is' nich. Is' scheiße." Nicht weit weg ist jetzt auch die Schalker Meile. Ein Hauptstraßen-Unikat. Mehr blau-weißes Bekenntnis auf engstem Raum zum Fußball, zum Klub - das geht nicht. Fahrschule, Polsterei, Fan-Initiativen und überall Fotos von Legenden: Neben den ganz alten auch Ebbe Sand, Jiri Nemec, Martin Max. Eurofighter und Torjäger mit Klub-DNA. Ein Spieler aus dem aktuellen Aufgebot wird hier sicher nie von den Gebäudewänden grüßen. An einem Haus direkt gegenüber der Haltestelle Schalker Meile steht: "Vorstände, Spieler und Trainer gehen, nur Fans sind immer da." Alles stimmt. Auch in Liga zwei. Ganz sicher.

Besuch beim Bäcker. "Watt woll'n se?"

"Käffchen mit Milch."

"Noch watt?"

"Was sagen Sie zu Schalke?"

"Junge, wat soll ich sagen: kacke. Aber wir kommen wieder."

Aufgeben, das kennen sie auf Schalke nicht. Egal, wie schlimm die Lage ist: Abstiege, Betrug, Skandale, existenzbedrohende Lage. Königsblau kämpft. "Bitte, bitte kommt ganz schnell wieder zurück", twitterte Mesut Özil, der in Gelsenkirchen geboren ist und seine Profi-Karriere auf Schalke begann. "Wir kommen zurück!" schrieb Julian Draxler, geboren im benachbarten Gladbeck. Und ebenfalls ein Schalker Fußball-Junge. Mut machende Grüße gab es auch aus Spanien. Der FC Sevilla twitterte auf - grammatikalisch nicht ganz korrektem - Deutsch: "Besonders in dunklen Zeiten muss man zusammenhalten. Kumpels, fahrt bald aus der Schacht aus. GLÜCK AUF!"

Welche Spieler künftig den Klub aus dem Schacht fahren sollen? Völlig unklar, fast der gesamte Kader steht zur Diskussion. Ein paar Talente werden sicher bleiben, eventuell auch noch ein Ralf Fährmann. Aber sonst? Kaum jemand hat für sich geworben. Was auch eine große Zukunft bei anderen Klubs schwierig machen könnte. Zum Vergleich: Nach einer Horror-Rückrunde 2020 startete Mannschaft mit einem Marktwert von 160 Millionen Euro in die Saison, aktuell steht er laut Transfermarkt.de bei gut 108 Millionen. Bedeutet: 52 Millionen (so viel sind gerade ein David Alaba oder ein Ousmane Dembélé wert) haben die Gelsenkirchener Fußballer hergespielt…

Ein Getränkemarkt auf dem Weg ins Stadtzentrum. Wenig Besucher, viele Bierkästen. Plötzlich ruft einer: "Haben sie auch Champagner?"

"Hast du sie noch alle? Schalke ist abgestiegen. [Pause] Aber guck ma, vorne links, da isser."

Quelle: ntv.de

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