Fußball

Confed-Combo in der Einzelkritik DFB-Chefchen und Wagner'sche Wucht

Na, das ist doch gar nicht mal so schlecht. Die deutschen Sommerfußballer retten in Dänemark ein Remis und deuten an, was in ihnen steckt. Gut, einer steht kurz neben sich. Dafür reüssiert ein anderer als Akrobat. Schön!

Was soll dabei schon herauskommen? Drei Debütanten stellte Joachim Löw in die Startelf, drei wechselte der Bundestrainer im Laufe der Partie ein, und die Besten fehlen ohnehin, weil sie verletzt sind oder sich einfach mal ausruhen dürfen. Nun, zunächst einmal ein 1:1 (0:1) im Testländerspiel vor 15.488 Zuschauern im nicht annähernd ausverkauften Bröndby-Stadion zu Kopenhagen gegen Dänemark. Aber auch, und das überraschte bei dieser deutschen Nationalmannschaft, die vor diesem Dienstagabend nur einmal miteinander trainiert hatte, dann doch: durchaus guter Fußball. Und so durfte Löw unwidersprochen resümieren: "Es gab mehr Plus als Minus heute. Das war eine gute Standortbestimmung." Und die Spieler haben ja noch ein bisschen Zeit, sich näher kennenzulernen. Am Samstag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) geht’s in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2018 in Nürnberg gegen San Marino. Und am 19. Juni beginnt für die DFB-Elf in Sotschi mit dem Spiel gegen Australien der Confed Cup. "Das Engagement war von allen sehr gut, an der Abstimmung können wir in den nächsten Tagen noch arbeiten." Die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Kevin Trapp: In seinem allerersten Länderspiel kassierte der 26 Jahre alte Saarländer in Diensten des Paris Saint-Germain Football Club gleich seinen allerersten Gegentreffer. Er hatte beim durchaus harten Schuss des dänischen Kapitäns Kapitän Christian Eriksen zwar noch die Fingerspitzen am Ball, mehr allerdings auch nicht. Was für ihn mutmaßlich ärgerlich war, aber nicht sein Verschulden. Dieses Tor ging auf die Kappen der Kollegen Matthias Ginter und Antonio Rüdiger. Drei Minuten zuvor - eine Viertelstunde war gespielt - hatte er allerdings zeigen können, was er draufhat. Nach einem Freistoß eben jenes Eriksen hatte der Mönchengladbacher Jannik Vestergaard aus fünf Metern den Ball mit dem Innenrist aufs Tor befördert, doch Trapp rettete mit einem Reflex der spektakuläreren Art. Nach der Pause durfte er sich dann ein wenig ausruhen, wenn er aber gefragt war, war er zur Stelle: nach 54 Minuten, als Jonas Hector den Leipziger Yussuf Poulsen anschoss und der Ball aufs Tor flog, Trapp ihn aber an die Latte lenkte; und kurz vor dem Abpfiff, als Kasper Dolberg es aus spitzem Winkel versuchte. Kurzum: Es war ein Debüt, mit dem er zufrieden sein kann. Das sah auch Löw so: "Den Kevin fand ich sehr gut, weil er einige Bälle sehr gut pariert hat."

Joshua Kimmich: Bei so vielen Neulingen auf dem Platz gehörte der 22 Jahre alte Münchner in seinem 14. Länderspiel und der Erfahrung von immerhin einer Europameisterschaft fast schon zu den Etablierten. Und das nicht nur, weil er mit seinem zweiten Länderspieltor in der 88. Minute sich, seinem Trainer und vor allem seiner sichtlich um guten Fußball bemühten Mannschaft das verdiente Unentschieden rettete. Der Mann, der in der kommenden Saison beim FC Bayern den Job von Philipp Lahm auf der rechten Abwehrseite übernehmen soll, ist beim Bundestrainer ähnlich wie der Kollege Jonas Hector auf der anderen Seite so gut wie gesetzt. Und er bemühte sich redlich, diesem Status gerecht zu werden, wobei er, da Löw auf eine Dreierkette mit Niklas Süle, Antonio Rüdiger und Matthias Ginter setzte, meist im Mittelfeld zu finden war. Das sollte ihm eigentlich liegen, da die Defensivarbeit nicht seine große Stärke ist, dafür verliert er - zumindest war das an diesem Abend so - noch zu viele Zweikämpfe. Aber auch beim Spiel nach vorne war er ab und an zu ungenau. Was dann allerdings prima passte, war sein Fallrückzieher zum 1:1. Das wirkte schon sehr akrobatisch. Der Kunstschütze selbst aber wollte hinterher kein großes Aufheben darum machen. Ob ihm jemals zuvor so ein Treffer gelungen sei? "Ich glaube in der E-Jugend." Ansonsten habe er das Tor noch gar nicht gesehen. "Von daher weiß ich auch nicht, wie es aussah. Gut war, dass wir heute nicht verloren haben und dass wir mit dem Tor noch ein Unentschieden rausgeholt haben. Ich denke, dass das auch absolut verdient war."

Niklas Süle: Der 21 Jahre alte Hoffenheimer spielt ja ab der nächsten Saison mit Kimmich beim FC Bayern. Wobei: Ob er sich dort als Innenverteidiger gegen Mats Hummels und Jérôme Boateng durchsetzen kann, bleibt dann mal abzuwarten. Gegen die Dänen jedenfalls wirkte er, so kopfballstark er auch ist,  in der Dreierkette in seinem zweiten Länderspiel nicht so souverän, wie er und der Bundestrainer sich das wohl gewünscht hätten. Vor allem mit dem nicht gerade langsamen Martin Braithwaite hatte er so seine Probleme. In der 59. Minute verzeichnete er immerhin vor des Gegners Tor eine Kopfballchance. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass es der Bundestrainer im nächsten Spiel mal mit Shkodran Mustafi vom FC Arsenal in der Innenverteidigung versucht.

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Rüdiger macht das alles gut, ist aber auch noch jung.

(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Antonio Rüdiger: Zum ersten Mal fiel der 24 Jahre alte Innenverteidiger der Associazione Sportiva Roma als zentraler Abwehrspieler in seinem 13. Länderspiel nach 18 Minuten auf. Nachdem der Kollege Matthias Ginter ihn mit einem Pass im eigenen Strafraum doch etwas in Verlegenheit gebracht hatte, wusste sich Rüdiger nicht anders zu helfen, als den Ball per Kopf dem dänischen Kapitän Christian Eriksen vor die Füße zu spielen. Der dachte nicht lange nach, sondern schoss - und es stand 1:0. Ansonsten gilt für ihn, was auch auf Süle zutrifft: Er machte das alles ganz ordentlich, übermäßig souverän wirkte das nicht, auch nicht im Spielaufbau. Für beide gilt aber auch: Sie sind ja noch jung. Und solange Hummels und Boateng nicht dabei sind, sollen sie ruhig lernen.

Matthias Ginter: Der 23 Jahre alte Dortmunder firmiert ja immer noch unter dem Label Weltmeister, auch wenn er beim Titelgewinn 2014 keine Minute spielte. Aber bei diesem Confed-Cup-Sommerkader des DFB darf das ruhig noch einmal erwähnt werden. Schließlich ist das beinahe ein Alleinstellungsmerkmal, nur Julian Draxler, der beim legendären 7:1 im Halbfinale gegen die Gastgeber die letzte Viertelstunde mitmachen durfte, und Shkodran Mustafi, der auf drei WM-Einsätze und 132 Minuten auf dem Rasen kam, waren in Brasilien ebenfalls dabei. Ginter war in seinem zehnten Länderspiel als dritter Innenverteidiger in der Zentrale eingeteilt - und maßgeblich am Gegentor beteiligt. Sein nicht so schlauer Rückpass nötigte den Kollegen Rüdiger zu einer nicht so schlauen Kopfballaktion. Nun ja, passiert halt. Nach einer knappen Stunde hingegen glänzte Ginter in der Offensive und hätte tatsächlich beinahe nach einer Ecke von Julian Draxler mit einem satten Kopfball den Ausgleich erzielt, doch Dänemarks Frederik Rönnow parierte famos. Sechs Minuten später war die Partie für ihn vorbei. Es kam der 23 Jahre alte Amin Younes von Ajax Amsterdam ins Spiel - noch ein Debütant. Der wirbelte auf dem linken Flügel so, wie sie es sich von ihm versprochen hatten und war zumindest indirekt am Ausgleichstreffer beteiligt. Vorschlag zur Güte: Demnächst darf er mal von Beginn an ran.

Jonas Hector: Seitdem der Bundestrainer den 27 Jahre alten Kölner, der übrigens wie Torwächter Trapp aus dem Saarland stammt, für sich und seine Auswahl entdeckt hat, darf Hector ein Abonnement auf den Job des linken Außenverteidigers sein Eigen nennen. In Bröndby agierte er in seinem 28. Länderspiel (doppelt so viele wie Kimmich) etwas offensiver und ließ sich nur im Falle der Verteidigung wie sein Pendant Kimmich auf der rechten Seite zurückfallen, sodass aus der Dreierkette flugs eine Fünferkette wurde. Seine große Stärke ist, dass er kaum etwas falsch macht, taktisch sehr klug spielt und enorm fleißig ist, auch wenn er in der Offensive eher unauffällig agierte und sich gegen die Dänen wieder einmal nicht für den Flankengott-Award bewarb. Kurz vor dem Ende der Partie lag Hector dann am Boden - ein Krampf plagte ihn. So wechselte der Bundestrainer fix noch den 25 Jahre alten Berliner Marvin Plattenhardt ein - und mithin den sechsten Debütanten. Dufte!

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Goretzka und Ginter überzeugen.

(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Leon Goretzka: Der 22 Jahre alte Schalker war in seinem vierten Länderspiel als besserer und offensiverer Teil der Doppelsechs mit seiner Dynamik, seinem Gespür für den freien Raum und seinem Zug zum Tor einer der Stärksten seiner Mannschaft. Aber das kennt er ja aus Gelsenkirchen. Zirkelte nach einer guten halben Stunde den Ball gekonnt in die Richtung der linken oberen Ecke des dänischen Tores - und nötigte den dänischen Torhüter Frederik Rönnow zu einer Glanzparade. "Es war eine suboptimale Vorbereitung. Wir haben nur einmal zusammen trainiert. Wir hätten gern gewonnen. Aber wenn man so spät den Ausgleich macht, muss man mit dem Remis leben. Die Vorfreude auf den Confed Cup ist groß. Es ist eine gute Gelegenheit, sich zu beweisen." In der 78. Minute hatte der ehemalige Bochumer Feierabend, der 23 Jahre alte Hoffenheimer Kerem Demirbay kam ins Spiel. Und was sollen wir sagen: ein Debüt, ein Debüt!

Sebastian Rudy: Wie sein Vereinskollege Süle wechselt der 27 Jahre alte Mittelfeldspieler zur neuen Saison aus dem Kraichgau nach München. In seinem 15. Länderspiel hielt er seinem Nebenmann Goretzka den Rücken frei, bewältigte er den defensiveren Part der Doppelsechs unauffällig und ohne große Fehler, ohne sich allzu aufdringlich am Aufbau des Spiels zu beteiligen. Sein Volleyschuss zwei Minuten nach der Pause sah gut aus, brachte aber nichts, weil der Ball das gegnerische Tor dann doch klar verfehlte. Nach 59 Minuten hatte der Bundestrainer genug gesehen, für Rudy kam der 23 Jahre alte Emre Can vom FC Liverpool in die Partie und zu seinem neunten Länderspiel.

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Julian Draxler: Confed Cup könnte sein Turnier werden.

(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Julian Draxler: Löw hatte dem 23 Jahre alten Mittelfeldspieler von Paris St. Germain in seinem 29. Länderspiel die Kapitänsbinde anvertraut. Und der Bundestrainer versicherte hinterher, dass der ehemalige Schalker und Wolfsburger die auch in diesem Sommer behalten darf - "wenn er spielt". Das Ziel ist klar: Hier soll einer vom Chefchen zum Chef aufgebaut werden. Und, wie machte er sich? Draxler versuchte durchaus, mit bisweilen gar nicht so unklugen Pässen, dass Spiel der DFB-Elf zu ordnen und ein wenig mehr in die Richtung des dänischen Tores zu lenken. Nach 35 Minuten versuchte er es von der linken Ecke des Strafraums mit einem schönen Schlenzer. Das alles hatte durchaus Leitwolfqualität, wenn auch bisweilen eher der Fleiß und weniger die Brillanz im Vordergrund stand. Sein Kommentar: "Abgesehen von dem unnötigen Gegentor hatten wir schon in der ersten Halbzeit gute Chancen. Wir haben es nicht schlecht gemacht und uns im Endeffekt das Unentschieden verdient. Es ist eine große Ehre, dass ich Kapitän sein durfte. Ich weiß aber auch, dass einige gefehlt haben. Ich nehme den Confed Cup als Chance, mich auch als Führungsspieler zu beweisen." Hört, hört.

Lars Stindl: Der 28 Jahre alte Mönchengladbacher hing in seinem allerersten Länderspiel zwar nicht in der Luft, aber bisweilen irgendwo zwischen Mittelfeld und Angriff. Das ist an sich keine schlechte Idee, nur war es an diesem windigen und verregneten Abend bei allem Einsatz letztlich nicht von Erfolg gekrönt. Noch nicht einmal die ihm sonst eigene Torgefahr strahlte er aus. Allerdings hatte er es gegen seine Klubkollegen Andreas Christensen und Yannik Vestergaard auch wirklich nicht leicht. Löw sah das allerdings nicht so eng: "Stindl hat das Gefühl für den freien Raum, die Gabe, zwischen den Linien zu spielen. Er spielt klare Bälle, behandelt den Ball sicher und findet gute Lösungen."

Sandro Wagner: Der Hoffenheimer ist mit seinen 29 Jahren der älteste Spieler im Kader - und dennoch ein Debütant. Dementsprechend engagiert hängte der Angreifer sich mit der ganzen Wucht seines Körpers rein. Köpfte fünf Minuten vor der Pause den Ball knapp an des Gegners Tor vorbei. Bis zur 67. Minute dufte er sich um sein erstes Länderspieltor bemühen, dann nahm Löw ihn raus und schickte den 21 Jahre alten Leverkusener Julian Brand ins Rennen, der so zu seinem sechsten Einsatz im Trikot des DFB kam. Das heißt aber nicht, dass der Trainer unzufrieden war: "Wagner hat vorne viel gearbeitet, die Gegner gebunden und beschäftigt. Die Innenverteidiger mussten Acht geben, weil er sehr präsent ist." Und was sagt Wagner? "Ich denke, das war ganz ordentlich. Wir sind mehr oder weniger vom Strand hergekommen. Nach nur einer Trainingseinheit haben wir das ganz gut gemacht. Das 1:1 ist ein gerechtes Ergebnis."

Quelle: n-tv.de

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