Fußball

Flicks verschworener FC Bayern Der Zerfall eines besonderen Teams

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Besonderer Moment einer besonderen Mannschaft.

(Foto: Peter Schatz / Pool)

Der FC Bayern ist Deutscher Meister. Zum neunten Mal in Serie. Eine Überraschung? Natürlich nicht, aber irgendwie auch schon. Dass sich die Münchner wieder einmal durchgesetzt haben, sagt viel über die Beziehung zwischen Team und Trainer aus.

Jérôme Boateng muss den FC Bayern in diesem Sommer verlassen. Das haben die Bosse so entschieden. David Alaba verlässt den Klub ebenfalls. Das hat sein Berater zu verantworten. Und auch Javi Martínez hat keine Zukunft in München. Nach neun Jahren der körperlichen Schwerstarbeit endet zum Juli hin sein langer Auftrag beim Rekordmeister. Dass der 32 Jahre alte Baske die beiden bislang einzigen Triple der Klubhistorie gewonnen hat, das erste sogar als Stoppschild-Protagonist, es wird manchmal vergessen. So wie Javi Martínez mittlerweile oft vergessen wird. Drei Identifikationsfiguren - weg.

Und dann ist da ja noch Hansi Flick. Der Erfolgstrainer. Auch er geht. Zermürbt im Machtkampf mit Sportvorstand Hasan Salihamidžić, aber mit einem siebten Titel. Eine solche Dichte an Triumphen in so kurzer Zeit hat vor ihm in München niemand gewonnen. Es waren anderthalb Jahre für den Cheftrainer Flick, der erst im Herbst 2019 den völlig ausgelaugten Niko Kovac ersetzt hatte (er war vorher sein Co-Trainer).

Auch der Kroate hatte sich wiederholt an Salihamidžić und den Machtstrukturen bei der Kaderplanung abgearbeitet. Allerdings waren es doch eher sportliche Gründe, die sein Ende verantwortet hatten. Er hatte den Kulturkampf zwischen Handwerk (das wollte er) und Kunst (das wollte der Klub) hart verloren. Ebenso wie Teile der Mannschaft. Unter anderem Thomas Müller, der für den Trainer nur noch ein Notnagel war und Boateng, der fußballerisch steil auf die endgültige Bedeutungslosigkeit zusteuerte.

Flick hatte dieses desorientierte und völlig verunsicherte Ensemble übernommen. Er machte aus einer Mannschaft, die ihren Schrecken verloren hatte, eine Mannschaft, die umso erschreckender zurückkam. Je länger die vergangene Saison dauerte, desto unerbittlicher, unangreifbarer und unbesiegbarer wurde sie. Mit einem sensationellen Robert Lewandowski, mit einem überragenden Müller, mit einem auch überragenden Boateng, mit einem alles richtig machenden Flick, der nach dem mühsamen Aufstieg zum Chef (auch weil keine andere, überzeugende Lösung parat stand), über mehrere Phasen des Interims, auch nach immer mehr Macht strebte.

Und zwar bei der Planung des Kaders. Dass ihm dieser Wunsch verwehrt bleibt, es ist die große Geschichte seiner Zeit in München. Neben den Erfolgen freilich. Es ist der zu seinen Ungunsten entschiedene Machtkampf, der ihn aufgeben lässt. Auch wenn er die Gründe für den Abschied noch nicht öffentlich erklärt hat.

Das emotionale Ende gegen Gladbach

Nun, an diesem Samstagabend, als er seine letzte Mission in München dank einer aberwitzigen Meister-Gala gegen Borussia Mönchengladbach (die Meisterschaft war bereits am Nachmittag durch den Sieg des BVB gegen RB Leipzig entschieden) erfolgreich abgearbeitet hatte, da nahm er sich richtig viel Zeit für seine Spieler. Jeden Einzelnen der dabei sein konnte, drückte er fest an sich. Manche etwas länger, manche etwas kürzer. Einer, der länger gedrückt wurde, war Lewandowski, der gegen die Borussia drei der sechs Tore erzielt (aktuell 39 Treffer) hatte und seine unerbittliche Jagd auf den ewigen Rekord von Gerd Müller (40 Treffer) fortsetzte. Flick lachte, die Spieler auch. Im Erfolg keine Überraschung. Und irgendwie doch.

Denn trotz all der Feuer, die um die Mannschaft herum gezündet wurden, viele auch vom über Personalentscheidungen klagenden Flick, erwiesen sich Spieler und Trainer als eine robuste, nicht zu durchdringende Einheit gegen jedwede Unruhe und Attacken. Immer wieder hatte der Trainer den besonderen Spirit seiner Fußballer gelobt, hatte betont, wie "geil" dieses Team ist, wie viel Spaß diese Arbeit mache. Auch wenn der Kader, so sagte er, nicht die Qualität habe, wie in der vergangenen Saison. Auch wenn diese Saison längst nicht so erfolgreich war.

Aber was sollen sich die Münchner vorwerfen? Klar, gegen Zweitligist Holstein Kiel in der 2. Runde des DFB-Pokals auszuscheiden, das ist eine Blamage. Die Niederlage kassierten die Münchner in einer Phase der Saison, als sie mit gewaltigen Abwehrproblemen zu tun hatten. Meist konnten sie den Schaden dank Torwart Manuel Neuer, dank Robert Lewandowski und auch dank ihrer überragenden Mentalität noch irgendwie abwehren.

Nur an diesem Abend nicht. Der FC Bayern, er war in dieser Saison eben nicht mehr die erdrückte und zermürbende Macht. Der FC Bayern war in dieser Saison in längeren Phasen einer, der für seinen Erfolg leiden musste. Körperlich und mental. Mit schwer erkämpften Siegen, mit ein paar (wenigen) bitteren Pleiten.

So auch im Viertelfinale der Champions League gegen Paris St. Germain. Ein klassisches Wäre-wäre-Fahrradkette-Spiel. Wären Lewandowski und Serge Gnabry einsatzfähig gewesen, ja, dann hätte es diesen unerträglichen Chancenwucher womöglich nicht gegeben. Dann wäre man vielleicht tatsächlich ins Halbfinale eingezogen. So war’s aber eben nicht. Und so wurde der Wucher von wehrhaften Parisern um den erstaunlichen Kylian Mbappé und den ebenfalls sehr erstaunlichen Neymar (trotz aberwitzigem Alu-Pech) knapp bestraft.

Der "Fall Boateng" entschied den Machtkampf

Dass Boateng vor allem im Rückspiel ein Wahnsinnsspiel machte, es ist einer der bittersten Ironie-Momente der Saison, des Machtkampfs zwischen Trainer und Sportvorstand. Flick hätte seinen Innenverteidiger gerne noch ein weiteres Jahr behalten. Ebenso wie er sehr gerne noch länger mit David Alaba zusammengearbeitet hätte. Dessen Poker mit dem Klub ging aber tüchtig in die Binsen und so war bereits früh klar: Alaba geht (wahrscheinlich zu Real Madrid).

Um Boateng aber gab es ein furioses und wildes Gänseblümchenspiel: Er bleibt, er geht, er bleibt, er geht. So entschied es am Ende Salihamidžić. Diese Entscheidung war wohl der endgültige Genickbruch für den Trainer, der schon vergangene Saison Thiago und Ivan Perišić ungern verloren hatte.

An Boateng hatte sich die Lage aber endgültig und unerträglich zugespitzt. Flicks Satz übers "Schauspielern" als Trainer war einer, der alles vernichtete, was eine weitere Zusammenarbeit mit dem Sportvorstand möglich gemacht hätte. Weil Flick klagte und Salihamidžić schwieg, wurden die Rollen in diesem Schauspiel, was sich von Beginn bis Ende der Zusammenarbeit konsequent aufführte, immer stärker manifestiert. Hansi Flick, der Gute. Hasan Salihamidžić, der nicht so Gute. Auch das gepflegte und institutionalisierte Erfolgsmodell der Münchner mit überragend starken Funktionären und deutlich weniger starken Trainern in der Gestaltungsmacht wurde öffentlich zur Diskussion gestellt. Wegen Flick.

Dieser offenbar nie ergebnisoffene Machtkampf kulminierte gerade erst in einer Petition gegen den 44-Jährigen. Die Wut auf den Sportvorstand, der den beliebten Trainer in den Rückzug getrieben hatte (so die verbreitete Lesart), mündete in Hass und Hetze. Flick stellte sich hernach erstmals offensiv an die Seite des Bosniers und hielt ein flammendes und emotionales Plädoyer. "Da wurden Grenzen überschritten. Das ist eine Sache, die ich absolut missbillige, das geht überhaupt nicht! Bei allen Dingen, die Brazzo und ich hatten, sind wir nie ins Persönliche gegangen, mir ging es immer um den Weg."

Nur Nübel sorgt für interne Attacken

Und dieser Weg hatte eben sehr viele Stolpersteine (in Stichworten): neuer, wettkampftauglicher Rechtsverteidiger, Thiago, Perišić, Alaba, Boateng und Alexander Nübel. Der im Sommer vom FC Schalke 04 gekommene Ersatztorwart kam zwar als Auszubildender, soll aber auch mit der Aussicht auf Einsätze geködert worden sein. Die verwehrte ihm Flick aber fast immer. Eine Personalie mit erstaunlicher Wucht, die ebenfalls seit Amtsbeginn für Unruhe sorgt. Nübel und dessen Berater waren indes die einzigen, die für interne Attacken sorgten.

Immer wieder wurde die Situation beklagt und der Druck erhöht, dass sich etwas für das Top-Talent ändern müsse. Sonst aber war die Stimmung im Kader bemerkenswert ruhig, trotz Verlierern. Spieler wie Niklas Süle (Stichwort Fitness-Posse) oder Lucas Hernández, die bis heute nicht die Stammrolle innehaben, die sie für sich beanspruchen, nahmen klaglos hin, wenn sie häufiger nicht spielten. Auch Nationalspieler Leroy Sané entfachte nach seiner "Höchststrafe" kurz vor Weihnachten - er war erst ein- und dann wieder ausgewechselt worden - keinen Streit.

Dass auch die kaum berücksichtigten Last-Minute-Einkäufe des Sportvorstands um Marc Roca, Bouna Sarr und Doulgas Costa nie öffentlich klagten, es sagt sehr viel darüber aus, wie Flick diese Mannschaft geführt hat. Wie er die Schlüsselspieler um Müller, um Joshua Kimmich, um Lewandowski, Alaba, Boateng und Neuer hinter sich brachte. Er entwickelte eine starke Kader-Hierarchie, die alles dem Erfolg untergeordnet hatte. Und sieben von neun möglichen Titeln sind dann das bemerkenswerte Ergebnis dieses besonderen Teams, dass nun aber eben in den relevantesten Teilen auseinanderfällt.

"Es war ein Genuss, mit dieser Mannschaft arbeiten zu dürfen", bekannte Flick zum Ende seiner letzten Mission.

Quelle: ntv.de

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