Fußball

Der böse Bube beim FC Bayern? Alle gegen Salihamidžić

imago1000481435h.jpg

Seit 2017 ist der Ex-Profi Sportdirektor des FC Bayern.

(Foto: Groothuis/Witters/Pool/Witters via Christopher Neundorf/Kirchner-Media)

Im Machtkampf beim FC Bayern konzentriert sich alles auf die Frage, ob Hansi Flick Trainer in München bleibt. Ein Abgang seines "Kontrahenten" Hasan Salihamidžić scheint dagegen ausgeschlossen. Trotz immer unfairer Lobbyarbeit gegen ihn.

Umfragen sind ja immer gerne genommen. Je mehr Erregungspotenzial das Thema hat, desto heftiger rattert der Klick-Zähler. Jede Menge Erregungspotenzial hat der FC Bayern. Und das sowieso immer. In diesen Tagen aber wieder einmal deutlich mehr, als in ruhigeren Zeiten. An diese können sich derzeit aber wohl nur Menschen erinnern, die noch wissen, wer Jupp Heynckes eigentlich ist.

Jupp Heynckes - kleine Erklärung für alle, die nicht wissen, wer das ist - war viermal Trainer des FC Bayern. Und er hat es zum "Heiligen Josef" geschafft. Zum ersten Triple-Trainer der Klubgeschichte. Zum Retter nach einer missverständlichen Episode mit dem gemütlichen Carlo Ancelotti. Ja, die ruhigeren Zeiten, die sind schon 'ne Weile her.

Nun, das Erregungspotenzial in diesen Tagen ist deswegen so hoch, weil in München ein Machtkampf zwischen Trainer Hansi Flick und Sportvorstand Hasan Salihamidžić tobt, in dem die Rollen ziemlich klar verteilt scheinen: Hansi Flick, der Gute. Hasan Salihamidžić, der Andere. Der halt nicht ganz so Gute. Das lässt sich prima in eine Umfrage gießen. Man muss nicht direkt fragen, wer doof ist und wer nicht. Um ein Ergebnis in diese Richtung zu bekommen, reicht es ja bereits zu fragen, wer für den FC Bayern verzichtbarer ist: Flick oder Salihamidžić. Und so wird's dann gemacht. Zwar variieren die Prozente je nach Auftraggeber, die Stimmung aber ist eindeutig: Flick ist unverzichtbar. Salihamidžić nicht. Die Zustimmung erreicht Werte wie bei Präsidentschaftswahlen in Diktaturen.

Nicht falsch verstehen: Hansi Flick kann rein gar nichts dafür. Er ist der Manipulation völlig unverdächtig. Nicht aber des Wahlkampfs. Für sein Anliegen. Das ist die Qualität der Mannschaft. Und die ist in dieser Saison, der Saison nach dem zweiten Triple der Vereins-Historie, nicht mehr so hoch wie in der Spielzeit zuvor. Das hat Flick exakt so gesagt. Es ist ein Satz, der in seiner Deutlichkeit nur einen Empfänger kennt: Hasan Salihamidžić.

Erfolg liegt auch an seinen Transfers

Auch alle Versuche, den Satz im Nachgang wieder einzufangen und umzudeuten, schlugen fehl. Hängen blieb: Der Sportvorstand hat dem Trainer nicht erfüllt, was er sich gewünscht hatte. Wieder einmal. Der Zwist begann im Winter 2020, als Flick noch Interimstrainer war und wartet immer noch auf einen stabilen Frieden. Der zuletzt verkündete war schneller aufgekündigt, als Linksverteidiger Alphonso Davies sprinten kann. Und der Kenner weiß: Dieser Davies, der ist wirklich unfassbar fix.

Aufgekündigt war er von Flick. Gegen die Mahnung von Klubboss Karl-Heinz Rummenigge, dessen Rolle in diesem Machtkampf ebenso unklar ist, wie die seines kommenden Nachfolgers Oliver Kahn. Flick hatte den Frieden aufgekündigt mit einem Satz, der alles vernichtete, der eine gemeinsame Zukunft der Beiden eigentlich völlig unmöglich machte. Es war ein Satz über "schauspielern" des Trainers als Kommentar zu Transfer-Entscheidungen. Während Flick immer wieder öffentlich klagte, schweigt Salihamidžić seit Wochen zu diesem Konflikt. Wie aber kommt es, dass er dennoch irgendwie in der Rolle des "bösen Buben" beim FC Bayern gelandet ist? Ist das fair? Nun, womöglich, weil er ein klares Bekenntnis zur Zukunft des erfolgreichen und beliebten Trainers verweigert? Was der Trainer gegenüber dem Klub öffentlich indes auch tut.

Das Wirken des Sportvorstands wird öffentlich äußerst kritisch betrachtet. Die allerknappste Lesart ist so: Obwohl er die Transfers tätigt, ist der Klub erfolgreich. Das ist natürlich Unfug. Vergessen wird dabei, dass er bei der Verpflichtung von Leon Goretzka aktiv beteiligt war und bei der von Benjamin Pavard. Goretzka ist unbestritten ein Mega-Transfer. Pavard ein sehr guter. Die Transfers von Lucas Hernández und Alphonso Davies werden Salihamidžić alleine zugeschrieben.

Hernández deutet immer wieder an, warum er ein Coup sein könnte. Auf ihm lasten höchste Erwartungen wegen der höchsten Ablöse der Vereinsgeschichte. Erfüllen konnte er sie wegen der immer wiederkehrenden Verletzungen (noch) nicht. Ganz anders Davies, der die Fußballwelt besonders vergangene Saison massiv verzückte. Auch Philippe Coutinho und Ivan Perišić laufen unter "vernünftige Transfers" durch.

Zu wenig Möglichkeiten für eine echte Bewertung

Der Vorwurf einer schwachen Kaderpolitik rührt eher aus den vergangenen drei Transfer-Phasen. Aus den Phasen also, in denen Flick Trainer war. Dort liest sich die Bilanz wirklich eher mau: Rechtsverteidiger Álvaro Odriozola spielte keine Rolle und ist schon wieder weg. Torwart Alexander Nübel sorgt für mehr Theater als für gute Leistungen (er bekommt aber auch kaum Chancen). Königstransfer Leroy Sané etabliert sich immer mehr, ist aber noch nicht der Unterschiedsspieler, der er sein soll.

Eric-Maxim Choupo-Moting ist Backup von Robert Lewandowski und füllt die Rolle solide aus. Marc Roca hat Potenzial, aber keine Einsätze. Bouna Sarr und Douglas Costa sind große Enttäuschungen, haben aber ebenfalls kaum Chancen erhalten. Die Talente Tanguy Nianzou (fast immer verletzt) und Tiago Dantas (Wunschspieler von Flick) sind nicht zu bewerten. Sie spielen kaum bis nie.

In der Summe klingt das tatsächlich so: Flick muss einen Qualitätsmangel verwalten. Was er trotz Pokalblamage gegen Holstein Kiel und Champions-League-Knockout gegen Paris St. Germain sehr vernünftig macht. Aber ist das wirklich so einfach? Kann eine Kaderpolitik so zerrissen werden, wenn die Spieler sich nicht beweisen können? Wäre mal ein Thema für 'ne Umfrage. Wobei, eigentlich nicht. Viel zu oberflächlich, viel zu tendenziös.

Flick verbittet sich die Einmischung

Das Problem der "Rolle" von Salihamidžić ist vielmehr das Kompetenzgerangel. Und da wird es wirklich kompliziert. Beim FC Bayern ist es seit Ewigkeiten so, dass nicht der Trainer der Entscheider war, sondern die Bosse um Uli Hoeneß (Fürsprecher und Mentor von Salihamidžić übrigens). Sie bauten den Kader. Eine Politik, die dem Klub Titel um Titel eingebracht. National. International. Wer also mag anzweifeln, dass dieser Ansatz richtig ist? Man könnte aber hinterfragen, ob er noch zeitgemäß ist. Das Spiel wird immer komplexer, die Profile der benötigten Spieler immer spezieller.

Ein Trainer, der sein Spiel durchsetzen will, der braucht auch "seine Spieler". Ein Argument also für mehr Macht. Mehr Macht für Flick. Nun ist es aber auch so: Der Trainer, in diesem Fall Flick, beansprucht die Hoheit über sportliche Belange des Teams für sich. In der Diskussion um Einsätze für Ersatzkeeper Nübel verbat er sich jede Einmischung. Auch von Salihamidžić.

Wie unlösbar dieses Dilemma scheint, zeigen die Fälle David Alaba und Jérôme Boateng. Die beiden Leistungsträger und Vertrauten des Trainers werden von Salihamidžić ziehen gelassen. Es gibt gute Argumente dafür, völlig klar. Das stärkste: finanzielle Vernunft in Pandemie-Zeiten. Aber es gibt eben auch sehr gute Argumente dagegen. Das stärkste: Der Wunsch des Trainers, weiter auf die Qualitäten der Defensivspieler zu setzen. Der Verlust zeigt, wie die Gewichte liegen.

Vor allem im Fall Boateng, wo es in der Entscheidungsfindung wohl tatsächlich einen knallharten Alleingang gegeben haben soll. Intern soll das durchaus kritisch bewertet worden sein. Und das auch nicht zum ersten Mal. Öffentlich geäußerte Kritik gab es indes nicht. Hasan, der Starke. Hansi, der Geschlagene. Dass der sich nun nach dem Königsklassen-Knockout minutenlang die Gefühle von der Seele redete, dass er damit seinen Abschied aus München quasi vorbereitete, dass Salihamidžić darauf bislang nicht reagierte, es wirkte wie ein kalter Sieg des Sportvorstands.

Dass nun auch noch Niko Kovač, der Ex-Trainer des FC Bayern und ebenfalls ein sehr verbitterter Kontrahent von Salihamidžić, wortreich nachlegte und den Entscheidungs-Absolutismus des Bosniers kritisierte, es manifestiert die Rolle des weiter schweigenden Vorstands. Das ist oftmals ein kluger Weg. In diesen Tagen aber nicht. Es wirkt hart. Es wirkt kühl. Es wirkt kompromisslos. Es wirkt eben nicht wie der Gute in diesem Film.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.