Redelings Nachspielzeit

Scherbenhaufen FC Bayern Das fatale Erbe des Uli Hoeneß

Die Posse um Hansi Flick und Hasan Salihamidžić ist ganz offensichtlich nur die Spitze des Eisbergs. Im Innengefüge des FC Bayern scheint etwas außer Kontrolle geraten zu sein. Und dafür ist auch ein Mann maßgeblich verantwortlich: Uli Hoeneß!

Das Desaster war abzusehen. Als Uli Hoeneß im Sommer 2019 verkündete, er werde zum Ende des Jahres seine Posten als Präsident des Vereins und als Vorsitzender des Aufsichtsrats des FC Bayern niederlegen, war der Klub von der Säbener Straße bereits von seinem Weg abgekommen. Vierzig Jahre hatte Uli Hoeneß den FC Bayern München fast im Alleingang äußerst erfolgreich geführt, doch die Entwicklung seit 2013 hin zu einem ganz normalen Allerweltsklub – mit Zuständen wie bei 90 Prozent aller Vereine in der Liga – hatte er nicht aufhalten können. Nein, mehr noch. Es sind maßgeblich seine Entscheidungen bei der Übergabe des Vereins an eine neue Generation, an seine Nachfolger gewesen, die den aktuellen Scherbenhaufen zu verantworten haben.

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Die Zukunft des gesamten Vereins, so nüchtern wie dramatisch muss man die Lage beurteilen, steht in diesen Tagen auf dem Spiel. Denn ohne die festen, langjährigen Grundpfeiler Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge wackelt es nicht nur an der Oberfläche. Das ist allein die Spitze des berühmten Eisbergs. Aktuell ist auch das Fundament des FC Bayern München in Gefahr. Denn die Frage muss erlaubt sein: Über welche (funktionierende) Basis reden wir in diesen Tagen überhaupt noch?

Die Posse um Hansi Flick und Hasan Salihamidžić hat schonungslos aufgezeigt, dass es im Innengefüge des Rekordmeisters nicht nur kräftig kracht, sondern von vorne bis hinten nicht stimmt. Wochenlang ließ man Hansi Flick quasi schutzlos im medialen Gewitter stehen. Ein für den FC Bayern München seit 1979, als Uli Hoeneß den Verein übernahm, einmaliges und entwürdigendes Schauspiel.

Klassisches Führungsversagen

Ob Oliver Kahn als auserkorener Nachfolger von Karl-Heinz Rummenigge und Herbert Hainer als Präsident des FC Bayern nicht konnten oder wollten, ist an dieser Stelle völlig egal. Wichtig ist allein eins: Sie taten nichts, um die vor aller Augen eskalierende Situation einzufangen und möglichst geräuschlos aus der Welt zu schaffen. Das ist klassisches Führungsversagen! Nichts anderes. Und das wirft ein desaströses Bild auf den Zustand des FC Bayern München im Jahr 2021 – und auf Uli Hoeneß. Denn ganz offensichtlich ist es dem verdienten Ex-Manager und weitgehenden Alleinherrscher des Klubs von der Säbener Straße nicht gelungen, seine Nachfolge erfolgreich zu regeln.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Angefangen hat das Desaster spätestens im Sommer 2017 mit der Verpflichtung von Hasan Salihamidžić. Bis heute hat der Champions League Sieger von 2001 noch in keiner Phase auch nur annähernd unter Beweis stellen können, dass er der hohen Reputation seines Amtes gewachsen ist. Es ist schon bezeichnend, dass Salihamidžić in der Vergangenheit immer wieder die öffentliche Unterstützung von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge brauchte, um aus kniffeligen Situationen medial heil herauszukommen.

Und nun also diese in der Klubhistorie beispiellose Eskalation der Ereignisse rund um Trainer Hansi Flick. Die Führung des FC Bayern muss schon alle Augen und Ohren verschließen, wenn sie immer noch davon ausgeht, dass dieser Hasan Salihamidžić die Zukunft des Vereins ist. Er ist es nicht! Und im Interesse des Klubs sollten sich dies möglichst zeitnah auch die Führungskräfte endgültig eingestehen. Sonst fährt man den Verein bei vollem Bewusstsein gegen die Wand.

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Und ob Oliver Kahn noch einmal die Fähigkeiten und auch die Leidenschaft an den Tag legen wird, die man in seiner Position braucht, darf wenigstens bezweifelt werden. Eins ist aber jetzt schon – spätestens nach den jüngsten, kritischen und distanzierenden Äußerungen von Mehmet Scholl über Oliver Kahn – klar: Es wird viel vom ehemaligen "Familienklub", der seinen früheren, verdienten Mitstreitern gerne die berühmte "Carte blanche der Hilfe" (Uli Hoeneß) für Notsituationen ausstellte, verloren gehen.

Uli Hoeneß kann man natürlich nicht die Alleinschuld an der aktuellen Situation und wie sich der FC Bayern München in diesen Tagen präsentiert, geben. Doch sein erster Versuch einer erfolgreichen Übergabe (gemeinsam mit Karl-Heinz Rummenigge) ist gescheitert. Nun liegt es insbesondere auch an ihm selbst, wie der Klub ab dem 1. Januar 2022 aussehen wird. Ob Uli Hoeneß dafür besser den Verein ganz verlassen oder lieber noch einmal tatkräftig in den Vordergrund rücken sollte, muss man sehen. Denn eins ist in den letzten Jahren auch deutlich geworden: Die natürliche Intuition, die Uli Hoeneß häufig die richtigen Entscheidungen fällen ließ, scheint ihm mittlerweile (etwas) abhandengekommen zu sein. Und auch das ist Teil der Wahrheit des FC Bayern München im April 2021.

Quelle: ntv.de

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