Werder gewinnt wüstes DerbyEtas historisches Debüt geht schief, FC Bayern ist praktisch Meister

Am 30. Spieltag der Fußball-Bundesliga sendet der VfL Wolfsburg ein Lebenssignal im Abstiegskampf, Marie-Louise Eta kann den Abwärtstrend von Union Berlin nicht stoppen. Die TSG Hoffenheim macht den FC Bayern praktisch zum Meister.
Union Berlin - VfL Wolfsburg 1:2 (0:1)
Trainer-Pionierin Marie-Louise Eta hat bei ihrem historischen Debüt für Union Berlin einen bitteren Dämpfer kassiert. Im ersten Bundesliga-Spiel eines weiblichen Chefcoaches verloren die Eisernen gegen den schwer kriselnden VfL Wolfsburg mit 1:2 (0:1). Nach der Pleite muss sich Union im Abstiegskampf wieder ernsthaft nach unten orientieren, während der VfL nach langer Zeit Hoffnung im Kampf um den Klassenerhalt schöpfte.
Die Wolfsburger Patrick Wimmer (11.) und Dzenan Pejcinovic (46.) brachten Union die Niederlage mit zwei schönen Distanzschüssen bei - und bescherten ihrem Trainer Dieter Hecking den ersten Dreier im fünften Anlauf. Die Berliner kamen durch Oliver Burke (86.) nur zum Anschluss und stehen nun sechs Punkte vor Relegationsrang 16, den der FC St. Pauli belegt. Die Wolfsburger auf Abstiegsrang 17 rückten durch den ersten Erfolg nach zwölf Spielen ohne Sieg bis auf zwei Punkte an die Kiezkicker heran.
Die Berufung der U19-Trainerin Eta zur Nachfolgerin des am vorigen Wochenende entlassenen Steffen Baumgart hatte im Vorfeld überall in Europa hohe Wellen geschlagen. Auch vor Anpfiff am Samstag waren alle Augen auf die Interimstrainerin gerichtet, die ab Sommer Unions Frauenteam übernehmen soll. Fotografen folgten Eta bei den Interviews auf Schritt und Tritt; bei der Mannschaftsaufstellung empfingen die rund 20.000 Union-Fans die 34-Jährige als "Fußballgöttin".
Zu Beginn sah Eta, die an der Seitenlinie in schwarzer Trainingsjacke ihre Mannschaft aktiv antrieb, dass Union wie so oft in dieser Saison offensiv Probleme hatte. Zunächst taten die Gäste etwas mehr für das Spiel – und wurden dafür belohnt. Wimmer streichelte den Ball nach einer ansehnlichen Kombination von der Strafraumkante mit dem Außenrist ins Netz.
Für einen Moment wurde es leise in der sonst so lauten Försterei. Union ließ sich durch den Rückschlag aber nicht beirren und drückte stärker auf den Ausgleich. Erst scheiterte Ilyas Ansah (15.) nach einem Freistoß an VfL-Torwart Kamil Grabara, dann verzog der Stürmer (20.) per Kopf. Im Anschluss flachte die Partie ab, die Teams wurden vor allem über Standards gefährlich.
Wolfsburgs Aaron Zehnter (38.) prüfte Union-Keeper Frederik Rönnow nach einer Ecke aus spitzem Winkel, zwei Minuten später schoss Unions Leopold Querfeld volley über das Tor. Ein Distanzschuss von Ansah rauschte in der Nachspielzeit nur knapp vorbei. Als der Halbzeitpfiff ertönte, klatschte Eta ihre Spieler aufmunternd ab.
Den Start in den zweiten Abschnitt verschliefen die Köpenicker jedoch komplett. 29 Sekunden nach Wiederbeginn schoss Pejcinovic nach einem Unioner Ballverlust aus 16 Metern völlig frei ein. Analog zur ersten Hälfte bauten die Gastgeber nach dem Gegentor umgehend mehr Druck auf. Grabara parierte einmal mehr einen Versuch von Ansah (50.), Danilho Doekhi (52.) verstolperte im Getümmel vor dem Tor und Andrej Ilic (57.) köpfte den Ball an den Pfosten.
Erst Burke schaffte es nach einem Konter, den starken VfL-Torhüter zu überwinden. Grabara rettete in der Nachspielzeit überragend gegen Doekhi.
SV Werder Bremen - Hamburger SV 3:1 (1:1)
Platzverweis für den HSV, drei Punkte für Grün-Weiß: Ausgerechnet im brisanten Nordderby gegen den Erzrivalen hat Werder Bremen den sehnsüchtig erwarteten Befreiungsschlag im Abstiegskampf gelandet. Die Mannschaft von Trainer Daniel Thioune besiegte den Hamburger SV dank eines Doppelpacks von Jens Stage mit 3:1 (1:1) und schloss nach Punkten zum ungeliebten Rivalen auf.
Zum Derbyhelden avancierte der Doppeltorschütze Stage. Der Däne traf in der ersten Halbzeit wunderschön per Kopf (37.), dann im zweiten Abschnitt traumhaft aus rund 20 Metern unter die Latte mit dem Fuß (57.) - und sorgte damit für den ersten Bremer Heimsieg gegen die Hamburger seit über acht Jahren. Cameron Puertas erhöhte in der Nachspielzeit auf 3:1 (90.+1).
Robert Glatzel hatte vor 41.800 Zuschauern im ausverkauften Weserstadion zuvor mit einem ebenso sehenswerten Treffer den zwischenzeitlichen Ausgleich (41.) markiert. Philip Otele sah in der Schlussphase eines hitzigen Nordduells wegen groben Foulspiels die Rote Karte. Ein weiterer Platzverweis gegen Bakery Jatta wurde nach Ansicht der Videobilder wieder zurückgenommen (85.). Zudem gab es in der Nachspielzeit Rote Karten für die Co-Trainer Jan Hoepner (Werder) und Loic Favé (HSV).
Mit je 31 Zählern beträgt der Vorsprung beider Teams auf den Relegationsplatz nun fünf Punkte, zum ersten direkten Abstiegsplatz sind es vier Spieltage vor dem Saisonende jeweils sieben. Während die Grün-Weißen nach zuletzt zwei Niederlagen wieder einen Dreier einfuhren, wartet der HSV inzwischen seit fünf Spielen auf einen Sieg. Das Team von Trainer Merlin Polzin hat die Frühlings-Flatter, gewann nur eines seiner letzten neun Spiele.
Bei aller Rivalität: Das erste Nordderby an der Weser nach 55 Monaten stand auch im Zeichen der Freundschaft - zumindest auf der Trainerbank. Jahrelang arbeiteten Thioune und Polzin Seite an Seite, erst ab 2014 beim VfL Osnabrück, dann bis 2021 in Hamburg. Thioune förderte seinen heutigen Kumpel, machte ihn zu seinem Assistenten. Am Samstag kam es nun zum ersten Trainerduell auf der großen Bühne.
Aufgepeitscht von einer Gänsehaut-Atmosphäre auf den Rängen legten beide Teams eine rasante Anfangsphase auf den Rasen. Während der HSV nach einem Freistoß durch einen Glatzel-Kopfball gleich Gefahr ausstrahlte (5.), suchte Werder konsequent den Weg nach vorn. Bei einem ersten Versuch von Justin Njinmah aus spitzem Winkel war Daniel Heuer Fernandes zur Stelle (7.), auch mit dem Schuss von Puertas von der Strafraumgrenze hatte der HSV-Keeper keine Probleme.
In der Folge verzeichneten die Gastgeber mehr Ballbesitz, zu Chancen kamen aber die Hamburger. Erst war es Ransford Königsdörffer, dessen Abschluss nach einem langen Ball knapp vorbei flog (26.). Eine Minute später prüfte Fabio Vieira den Bremer Schlussmann Mio Backhaus mit einem Schlenzer aus rund 20 Metern.
Gerade als sich das Geschehen vermeintlich beruhigte, schlug Werder zu. Nach punktgenauer Flanke von Yukinari Sugawara drückte Stage den Ball aus fünf Metern über die Linie. Nur vier Minuten die Antwort der Gäste: Nach einem weiteren Bremer Angriff schalteten die Hamburger blitzschnell um, Glatzel sprintete nach einem langen Ball von Nicolas Capaldo über das halbe Feld und jagte das Leder in den linken oberen Torwinkel.
Im zweiten Durchgang gewann die Partie weiter an Intensität. Während die Fans auf den Tribünen immer wieder Pyrotechnik abfackelten, lieferten sich die Spieler etliche (über-)harte Zweikämpfe. Der HSV warf nach dem abermaligen Rückstand durch den zweiten Stage-Treffer alles nach vorn, in Unterzahl gelang der Ausgleich aber nicht mehr. Im Gegenteil: Werder erhöhte sogar noch.
TSG Hoffenheim - Borussia Dortmund 2:1 (1:0)
Borussia Dortmund ist beim Endspurt in Richtung Champions League erneut gestolpert. Eine Woche nach der Niederlage gegen Bayer Leverkusen (0:1) verlor der BVB auch am 30. Spieltag der Fußball-Bundesliga 1:2 (0:1) bei der TSG Hoffenheim. Durch die Niederlage des Tabellenzweiten kann Bayern München am Sonntag vorzeitig den Titelgewinn perfekt machen.
Andrej Kramarić traf zweimal per Handelfmeter (42./90.+8) für die Hoffenheimer, die sich nach zuvor vier Partien ohne Sieg im Kampf um den Einzug in Königsklasse zurückmeldeten. Der BVB ging nach zehn Auswärtsspielen ohne Niederlage wieder als Verlierer in der Fremde vom Platz, der zwischenzeitliche Ausgleich durch den eingewechselten Serhou Guirassy (87.) war zu wenig.
"Es ist ein extrem wichtiges Spiel, um das Ganze klar zu machen", sagte der Dortmunder Nationalspieler Nico Schlotterbeck, um dessen jüngste Vertragsverlängerung es jede Menge Rummel gab, kurz vor dem Anpfiff bei Sky: "Es ist wichtig, Mentalität zu beweisen. Das probieren wir heute."
Die 30.150 Zuschauer in der ausverkauften Sinsheimer Arena sahen bereits nach 14 Sekunden die erste gute Chance für die TSG durch Fisnik Asllani. Aber auch die Gäste, bei denen Karim Adeyemi, Emre Can und Felix Nmecha fehlten, gaben von Beginn an Gas. In den ersten Minuten ging es mit hohem Tempo hoch und runter.
Hoffenheim war in der 6. Minute der Führung nahe, Tim Lemperle traf per Direktabnahme die Latte. Auf der anderen Seite köpfte Daniel Svensson aus kurzer Distanz knapp über das Tor (13.). Danach beruhigte sich die Begegnung. Erst in der 26. Minute wurde es wieder gefährlich, TSG-Star Kramaric scheiterte am Dortmunder Torwart Gregor Kobel.
Kurz vor der Pause wurde es bitter für den BVB. Verteidiger Niklas Süle rutschte ohne Fremdeinwirkung aus, verletzte sich dabei und musste raus. Zu allem Überfluss spielte der Ex-Hoffenheimer in dieser Szene den Ball mit der Hand, Schiedsrichter Daniel Siebert (Berlin) entschied nach Ansicht der Videobilder auf Strafstoß. Kramaric ließ Kobel keine Chance.
Zu Beginn des zweiten Durchgangs erhöhten die Dortmunder die Schlagzahl. Die Mannschaft von Trainer Niko Kovac drängte die Gastgeber in die Defensive. Echte Torchancen konnten sich der BVB aber nicht erarbeiteten.
Nach einer knappen Stunde erlahmte der BVB-Elan wieder, Kovac brachte als Reaktion darauf den zuletzt angeschlagenen Torjäger Guirassy. Der Wechsel änderte zunächst allerdings nichts an der harmlosen Vorstellung der Dortmunder Offensive - bis Guirassy doch noch aus 18 Metern ins linke untere Eck traf. Das letzte Wort hatte aber Kramaric, der nach einem Handspiel von Ryerson tief in der Nachspielzeit vom Punkt traf.
Bayer Leverkusen - FC Augsburg 1:2 (1:1)
Bayer Leverkusen hat bei seiner Aufholjagd im Rennen um die Champions League einen heftigen Dämpfer kassiert und die Generalprobe für den Pokal-Kracher gegen den FC Bayern verpatzt. Die Werkself von Trainer Kasper Hjulmand unterlag gegen den FC Augsburg vor heimischer Kulisse trotz klarer Überlegenheit mit 1:2 (1:1) und verpasste es, die Konkurrenz unter Druck zu setzen.
Die Führung von Patrik Schick (12.) reichte den Rheinländern auch aufgrund des überragenden FCA-Keepers Finn Dahmen nicht für den dritten Sieg in Serie, stattdessen drehten Fabian Rieder (16.) und Fabian Rieder (90.+7, Foulelfmeter) das Spiel für Augsburg. Der Rückstand auf Tabellenplatz vier beträgt für Bayer dadurch weiter vier Zähler, RB Leipzig und der VfB Stuttgart können im Laufe des Wochenendes enteilen. Zudem kassierten die Leverkusener einen Rückschlag vor dem Halbfinale im DFB-Pokal am Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF und Sky) gegen den euphorisierten FC Bayern.
Die Augsburger hingegen müssen sich nach dem Coup keinerlei Sorgen mehr um den Abstieg machen, das Team von Trainer Manuel Baum rangiert im gesicherten Mittelfeld und hat einen Puffer von zehn Zählern auf den Relegationsplatz.
Hjulmand hatte vor der Partie angekündigt, die Konkurrenz mit Bayer zu "jagen", schließlich sei das Erreichen der Königsklasse "das ganz klare Ziel in der Mannschaft". Der Däne konnte in der Abwehr wieder auf den englischen Nationalspieler Jarell Quansah bauen und setzte dafür Kapitän Robert Andrich, Matchwinner beim 1:0 in Dortmund in der Vorwoche, auf die Bank.
Und Bayer begann dominant und ließ den Fuggerstädtern kaum Luft zum Atmen. Ibrahim Maza scheiterte schon in der zweiten Minute mit einem satten Abschluss an Dahmen. Die Werkself hatte viel Ballbesitz und suchte die Lücken, Schick traf dann nach einer Flanke von Edmond Tapsoba herrlich per Kopf. Doch die Gäste schlugen umgehend und aus dem Nichts zurück: Nach einer Ecke landete der Ball über Umwege bei Rieder, dessen abgefälschter Schuss im Tor einschlug.
Der Gegentreffer nahm den Leverkusenern etwas den Schwung, auch wenn die Werkself weiter gefährlich blieb. Nathan Tella (24.), Edmond Tapsoba (30.) und Alejandro Grimaldo (36.) verpassten aber die erneute Führung. Der FCA lauerte auf Konter, einen davon nutzte Rodrigo Ribeiro fast zum 2:1 aus Augsburger Sicht. Auf der Gegenseite vergaben Tella und Schick eine aussichtsreiche Doppelchance (45.+2), Dahmen parierte stark.
Nach dem Seitenwechsel entwickelte sich zunächst ein offener Schlagabtausch, Leverkusens Mark Flekken parierte stark gegen Ribeiro (51.). Auf der Gegenseite blieb Dahmen ein überragender Rückhalt der Augsburger und verhinderte gegen Tella aus kurzer Distanz (56.) den Rückstand. Wenig später parierte Dahmen mit dem Fuß gegen Maza (58.). Bayer rannte weiter an, betrieb aber Chancenwucher. Einen zunächst für Leverkusen gepfiffenen Elfmeter nach einem Handspiel von Cedric Zesiger nahm Schiedsrichter Benjamin Brand nach Ansicht der TV-Bilder zurück (84.). Tief in der Nachspielzeit traf dann Rieder vom Punkt zum Sieg.