Fußball

Gespenstische Stille bei Hertha Fans wehren sich gegen Generalverbot

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Die einzige "Tapete", die die Hertha-Ultras ins Stadion geschmuggelt hatten.

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Nach der Randale in Dortmund verbietet Hertha BSC seinen Fans die Banner im Stadion. Der Anhang reagiert mit einem Stimmungsboykott. Zweifelhafte Unterstützung kommt aus Leipzig: "Cops knüppeln, Fans büßen - gegen Polizeigewalt".

Die Ränge, auf denen die Hertha-Fans stehen und sitzen, waren bereits verwaist, da erreichte die Stimmung im Gästeblock ihren Höhepunkt. Wie bereits in den beiden Jahren zuvor feierten RB Leipzigs Fußballspieler nach einem rauschhaften Auswärtstriumph mit den knapp 5000 mitgereisten Fans, an diesem Samstagabend siegten die Rasenballsportler mit 3:0 (1:0). Sie hockten erst eingehüllt in dicke Jacken auf der Tartanbahn, lauschten der "UFFTA", die die Anhänger anstimmten, und tollten dann ausgelassen umher. Nach 4:1- und 6:2-Erfolgen in den vorherigen Spielzeiten ist Leipzigs Party in der Hauptstadt fast zum Ritual geworden.

Und auch zuvor während der 90 Minuten hatten die Leipziger nicht nur auf dem Rasen den Ton im Olympiastadion angegeben, sondern auch auf den Rängen. Das lag zum einen am lautstarken Support der Gästefans. Zum anderen waren die Leipziger so gut zu hören, weil die Hertha-Ultras in der Ostkurve zum Stimmungsboykott aufgerufen hatten. Gespenstisch still war es teilweise auf den Rängen; so richtig laut wurde es nur einmal kurzzeitig nach 65 Minuten, als die Berliner eine Drangphase hatten. Nicht nur akustisch, sondern auch optisch bot die Ostkurve ein befremdendes Bild. Bis auf ein einziges Banner hing kein einziges Plakat, auch keine Fanclub-Banner und Zaunfahnen, im Stadion. Auf der einzigen "Tapete", die die Hertha-Ultras ins Stadion geschmuggelt hatten, stand: "Gegen Kollektivstrafen".

Die fehlende Unterstützung war die Antwort der Fans auf das kurzfristig vom Verein verhängte Bannerverbot. Am Donnerstag hatte Hertha BSC als Reaktion auf die Krawalle in Dortmund "bis auf Weiteres" alle Blockbanner und Transparente verboten. Nur Zaunfahnen der Fanclubs waren erlaubt, wurden aber von den Anhängern ebenfalls nicht aufgehangen. "Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht einfach für Support sorgen und unseren Protest trotzdem zum Ausdruck bringen können. Deshalb wird es heute von unserer Seite aus keine organisierte Stimmung geben", hatte der Förderkreis Ostkurve mitgeteilt.

"Gefahr der Kollektivstrafe"

Manager Michael Preetz verteidigte im ZDF-Sportstudio das Vorgehen. "Wir sind diejenigen, die die Verantwortung dafür tragen, dass alle Zuschauer ein sicheres Stadionerlebnis haben", sagte er. "Nach den Ereignissen von Dortmund, die uns alle schockiert haben, haben wir uns zu diesen Maßnahmen gezwungen gefühlt." Eine Hertha-Ultragruppe hatte ihren Geburtstag beim Spiel gegen den BVB vor einer Woche mit Pyrotechnik im Stadion gefeiert und das mit einem Banner verdeckt. Als die Polizei im Block eingriff, wehrten sich die Ultras, schlugen teils brutal mit Stangen um sich und randalierten im Dortmunder Stadion.

Die Bilanz: sechs Beamte leicht verletzte Beamte, 45 verletzte Berliner Fans. "Wir haben gesehen, wofür Stangen und auch Banner eingesetzt wurden letzte Woche", rechtfertigte sich Preetz beim Bezahlsender Sky. Neutrale Beobachter wie Gerd Wagner von der auch von DFB und DFL finanzierten Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS), die deutschlandweit als Mittler zwischen Fanprojekten und Verbänden fungiert, kritisieren bei der Mitteldeutschen Zeitung, dass der Einsatz "sehr unglücklich" gelaufen sei: "Die Polizei ist ohne Absprache mit dem Fanprojekt und den Fanbeauftragten eingeschritten."

Dass Hertha nun mit Generalverboten arbeitet, werde "in der Szene höchst problematisch gesehen, die Gefahr der Kollektivstrafe steht im Raum", sagt Fanarbeiter Wagner. Erst im Sommer hatten sich DFB und Fanvertreter auf eine Aussetzung von Kollektivstrafen geeinigt. Hertha unterläuft das nun eigenmächtig. "Dieses Bannerverbot ist eine Alibi-Schnellreaktion des Vereins", schätzt Wagner ein. Aber das geht in eine verkehrte Richtung, denn das trägt nicht dazu bei, das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Fanszene und Verein zu verbessern."

Grundlage dafür ist das Hausrecht

Wagner argumentiert: "Banner sind - vorausgesetzt, es wird dadurch niemand geschädigt - Formen der freien Meinungsäußerung der Fans. Das einzuschränken ist kein geeignetes Mittel, um Gewalt zu verhindern." In der Vergangenheit hatten die Hertha-Fans meist kreativ Kritik am RB-Modell geübt, ein Banner hatte jedoch auch Trainer Ralf Rangnick heftig diffamiert. Aus juristischer Sicht ist die Maßnahme nach Einschätzung des Sportrechtlers Paul Lambertz in Ordnung. "Kein Klub ist gezwungen, dass seine Veranstaltung als Bühne benutzt wird." Grundlage dafür ist das Hausrecht. Das Recht auf freie Meinungsäußerung sei ein Grundrecht, das der Staat gewährleisten müsse, nicht aber ein privater Veranstalter wie Hertha BSC. Beim Verfolgerduell in Berlin nun waren es interessanterweise einige aktive Leipziger Fans, die sich mit den Hertha-Ultras solidarisierten.

Auch den Leipzigern war es gelungen, mehrere Transparente mit ins Stadion zu bringen. "Cops knüppeln, Fans büßen - gegen Polizeigewalt", stand auf einem. Und auf einem anderen: "Täter in Uniform." Ob den Hertha-Fans nun ausgerechnet von den sonst so gern geschmähten Leipzigern lieb ist, darf bezweifelt werden. Auch innerhalb der RB-Fanszene sorgt das für kontroverse Diskussionen.

Wie der Konflikt in Berlin gelöst werden kann, ist derzeit noch völlig unklar. "Die Geschäftsführung von Hertha BSC hatte von Anfang an kein Interesse daran, die Vorfälle in Dortmund von allen Seiten zu beleuchten. Der Polizei Dortmund wurde blind vertraut, ohne dass sich bis heute mit einem Vertreter von Herthas Fanszene ausgetauscht wurde", klagen die Ultras an. Ein für Donnerstag vereinbarter "Runder Tisch" habe nicht stattgefunden. Immerhin kündigte Preetz an: "Natürlich müssen wir an einen Tisch." Kein Dialog sei auch keine Lösung. Auch Herthas Trainer Pal Dardai strebt eine Lösung an. "Wir waren mental darauf vorbereitet, dass es ein stilles Stadion wird. Das ist kein Alibi", sagte er zwar, kündigte aber an: "Wir werden das mit dem Management analysieren und eine gute Entscheidung für die Hertha treffen."

Quelle: ntv.de

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