Fußball

Der Weg zum Restart im Mai Für die Bundesliga werden Fakten geschaffen

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Anpfiff? Bald.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Die Signale sind deutlich: Die Fußball-Bundesliga wird ihren Betrieb im Mai wieder aufnehmen. Der Neustart wird derzeit von der Politik anmoderiert, die 36 Klubs der obersten beiden Ligen schaffen dafür die Voraussetzungen. Ein Überblick zum Stand der Dinge.

Politik und Bundesliga-Bosse senden auffällig laut Signale - und die verheißen, dass sich die Vereine der obersten beiden Profiligen in Kürze auf ihre letzten Gefechte für diese Saison vorbereiten dürfen: Die Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und Bayern, Armin Laschet und Markus Söder, verkündeten gerade, dass sie sich eine Wiederaufnahme der Saison schon ab dem 9. Mai wieder vorstellen können.

Die in einer Livesendung der "Bild"-Zeitung zugeschalteten Karl-Heinz Rummenigge (FC Bayern) und Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund) jubilierten. Alles war eindeutig: Rund um die Bundesliga sollen gerade Fakten geschaffen werden. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn funkte gen DFL-Zentrale, dass "mit dem Gesamtkonzept Geisterspiele sicher wieder möglich" seien. Entscheidend sei, "dass so das Infektionsrisiko minimiert wird. Das wäre für Millionen Fans ab dem 9. Mai wieder ein Stück Normalität, wenn auch im leeren Stadion."

Die Sportministerinnen und -minister der Länder sind allerdings noch etwas vorsichtiger: In einer Telefonkonferenz einigte man sich darauf, Fußballspiele nach Möglichkeit "ab Mitte oder Ende Mai vor leeren Rängen wieder zu ermöglichen". Eine Entscheidung steht aber noch aus. Das Bundesinnenministerium ist sogar strikt dagegen, jetzt schon einen Termin für die Wiederaufnahme von Bundesliga-Spielen zu nennen. Das geht aus einem Schreiben des parlamentarischen Staatssekretärs Stephan Mayer (CSU) an die Vorsitzende der Sportministerkonferenz, die Bremer Senatorin Anja Stahmann, hervor, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium sei zwar bereit, "an konzeptionellen Überlegungen mitzuwirken". Angesichts der weiterhin schwierigen Pandemielage sollten aber derzeit noch keinerlei Öffnungen oder Lockerungen für den Sportbetrieb "zu einem konkreten Termin" in Aussicht gestellt werden. Vor einer Entscheidung über die Durchführung von sogenannten Geisterspielen seien erst "die weiteren Entwicklungen der Pandemie in Deutschland und die noch nicht bekannten Konzepte des Deutschen Fußball-Bundes e. V. (DFB) und der Deutschen Fußball Liga GmbH (DFL) abzuwarten".

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert jubiliert dennoch über die Beiträge der hochrangigen Verbündeten: "Das sind positive Signale, die ausgesendet wurden. Das gibt beiden Ligen eine wichtige Perspektive. Für die Fans aller Klubs eine ganz wichtige und positive Nachricht", sagte Seifert gegenüber der "Bild"-Zeitung und tat dabei sogar etwas überrascht von der offenbar wohlorchestrierten Verlautbarung. Es wird so kommen: Im Mai werden viele Schüler und Kindergartenkinder noch zu Hause bleiben müssen, in der Bundesliga wird der Ball aber wieder rollen.

Wie ist der Status quo?

Am 15. April einigten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder darauf, im Zuge der Corona-Pandemie Großveranstaltungen bundesweit bis mindestens zum 31. August zu verbieten. Auch wenn nicht verbindlich entschieden wurde, was "Großveranstaltungen" sind, ist klar: Bundesligaspiele mit Zuschauern gehören zweifelsfrei dazu. "Ich würde für dieses Jahr nichts mehr planen mit Publikum", sagte der Virologe Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Halle/Saale, im "Aktuellen Sportstudio". "Da wäre ich pessimistisch. Es sieht nicht so aus, als könnten wir dieses Jahr so etwas noch ernsthaft ins Auge fassen."

Die Bundesligaklubs wollen ihre Saison mit Geisterspielen retten, die Politik will dafür die Möglichkeiten schaffen. Ohne die Partien der neun noch verbleibenden Spieltage und die damit verbundenen TV-Einnahmen wären verschiedene Klubs in große finanzielle Not geraten. Die DFL hat aber bisher noch keine verbindliche Einigung über die Zahlung der vierten und letzten Rate von mehr als 300 Millionen Euro an die Vereine erzielt, wie sie am vergangenen Freitag mitgeteilt hatte.

Wie soll das Konzept zur Wiederaufnahme aussehen?

"Die Deutsche Fußball-Liga muss strengste hygienische und medizinische Voraussetzungen schaffen, durchsetzen und mit geeigneten Maßnahmen überprüfen", sagte Anja Stahmann, die Vorsitzende der Sportministerkonferenz (SMK). Die Fernsehproduktion bei den Spielen müsse "mit geringstmöglichem Personal und unter strengen hygienischen Auflagen" stattfinden. Die DFL sowie die Vereine müssten zudem ihren Beitrag zu leisten, dass sich bei Geisterspielen "auch im Umfeld der Stadien keine Fangruppen" sammeln.

"Das Konzept, das wir vorgelegt haben, beginnt bei den medizinischen Voraussetzungen. Eine medizinische Task Force hat ein Konzept entwickelt, angefangen vom Gruppen- bis Mannschaftstraining bis hin zum Spieltag. Nicht nur, was auf dem Platz, sondern auch daneben passiert", sagte Seifert. Am Spieltag selbst sollen sich nur 126 Personen im Innenraum der Stadien aufhalten, darunter die Spieler, Trainer und Betreuer der Mannschaften, das Schiedsrichter-Team, Ballkinder und das TV-Personal wie Kameramänner und Moderatoren. Auf den Rängen wird eine Minimalbesetzung an Journalisten Platz nehmen dürfen. Höchstens 239 Menschen sollen dann im Stadion sein.

Der Plan der Bundesliga, mithilfe von rund 20.000 Coronatests die Saison zu Ende zu bringen, sollte nicht an Engpässen scheitern. Davon geht zumindest Prof. Dr. Kai Gutensohn vom medizinisch-diagnostischen Dienstleister Amedes aus. "Ich würde vom Moment ausgehend sagen: Ja, wir können das leisten", sagte Gutensohn, der Anfragen von Bundesligisten bestätigte, der "Mitteldeutschen Zeitung". "Insbesondere an den Wochenenden, weil dann die Zusendungen aus dem ambulanten Bereich niedriger liegen"; erklärte der ärztliche Leiter.

Die Umsetzung der Tests ist dennoch eine Herkulesaufgabe. Da das Coronavirus erst zwei Tage nach einer Infektion nachweisbar ist, müssten sich die Teams 48 Stunden vor dem Anpfiff des Spiels isolieren. "Wenn alle in einer Art Glaskasten sitzen - und zwar getrennt voneinander - dann wäre das optimal", sagte Professor Uwe G. Liebert, Leiter des Instituts für Virologie der Universität Leipzig.

Rummenigge hatte zuvor in einem Interview der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" berichtet, dass die medizinische Task Force der Liga fortwährend in Kontakt mit der Politik stehe und auf ein korrektes Verhalten achte. Er sagte: "Zwei Mal pro Woche werden wir getestet." So könnten im Falle einer Erkrankung betroffene Spieler schnell isoliert werden. Die DFL muss glaubhaft vermitteln, dass durch die Ausführung der Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit keine Gefahren einer Ansteckung bestehen und dass es keinen negativen Effekt für die Allgemeinheit geben wird. Das Szenario für einen Wiederbeginn wird von der Taskforce unter Leitung von Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer erarbeitet.

Wie soll die Saison zu Ende gebracht werden?

Die "Bild"-Zeitung will erfahren haben, dass die Saison bei einer Wiederaufnahme mit den Spieltagen 33 und 34 fortgesetzt werden soll, die für den 9. und 16. Mai angesetzt waren. Anschließend sollen dann die fünf ausgefallenen Spieltage in ihrer ursprünglichen Reihenfolge nachgeholt werden. Das würde bedeuten, dass die Spielzeit unter anderem mit dem Topspiel RB Leipzig gegen Borussia Dortmund wieder aufgenommen wird, am neuen letzten Spieltag müsste der FC Bayern nach Bremen reisen, die Verfolger RB Leipzig und Borussia Dortmund empfangen Fortuna Düsseldorf und den FSV Mainz 05. Auch wenn die Voraussetzungen für eine Ausdehnung des Spielbetriebs über den 30. Juni hinaus geschaffen werden sollen, ist es das Ziel der Liga, Meister und Absteiger bis dahin ausgespielt zu haben. Die meisten Verträge in den großen europäischen Fußballligen laufen bis zum 30. Juni.

"Man müsste für sie selbst den Lockdown verlängern. Sie müssten privat unter besonderen Sicherheitsbedingungen weiterleben. Die ganze Mannschaft müsste in eine Art Spezialquarantäne. Außerdem müsste man sie vor jedem Spiel neu testen", sagte Kekulé außerdem im "Aktuellen Sportstudio". "Rein virologisch wäre das Problem lösbar. Aber nur, wenn man eine Art spezielle Blase für die Fußballspieler schafft."

Was sagt die Liga?

"Es ist wichtig, dass wir mit den rechtlichen und medizinischen Vorgaben der Politiker vorbildlich und sehr seriös umgehen, um das Gesundheitsrisiko zu minimieren", freute sich Rummenigge in einer ersten Stellungnahme - und versprach, auch vor dem Stadion für geregelte Abläufe sorgen zu können: "Ich bin überzeugt, dass man das verhindern kann. Das war in Gladbach eine besondere Situation. Ich denke, dass die Fans sich nicht noch einmal vor dem Stadion versammeln. Dazu werden wir aufrufen und das werden wir auch zu verhindern wissen." In Gladbach hatten sich während des ersten Geisterspiels der Bundesligageschichte im März mehrere hundert Fans versammelt.

"Man darf Geisterspiele nicht schöner reden als sie sind. Aber es ist die wirtschaftlich einzige Möglichkeit für die Bundesliga. Viele Klubs sind damit gerettet", warb Seifert wirtschaftlich für die angestrebte Lösung, andere Bundesliga-Gesichter greifen dagegen ganz tief in die prallgefüllte Pathoskiste: "Geisterspiele" nennt Rummenigge lieber "Fußball im Geiste unserer Fans". Alexander Wehrle, DFL-Präsidiumsmitglied und Geschäftsführer des 1. FC Köln, sieht die Bundesliga-Rückkehr als gesellschaftliches Signal: "Das ist wichtig, dass wir eine Perspektive haben! Ich glaube, das tut allen in unserer Gesellschaft gut, ein kleines Stückchen Normalität wieder zurück zu bekommen." Und Watzke wiederum ordnet die Bedeutung der Bundesliga selbstbewusst ein: "Ein ganz entscheidender Punkt ist, dass bei Millionen Fans ein wenig Lebensfreude in die Wohnzimmer kommt", sagte der BVB-Boss. Quellen, dass Millionen Fans fieberhaft auf eine Fortführung der Bundesliga ohne Zuschauer gewartet hätten, brachten alle drei allerdings nicht bei.

Was gibt es zu kritisieren?

"Es ist falsch, Zehntausende Tests für Geisterspiele zu verbrauchen, während in den Pflegeheimen und bei Lehrern noch nicht ausreichend getestet werden kann", twitterte der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach. "Stellen Sie sich folgende katastrophale Situation vor. Wir lassen die Bundesliga wieder anrollen und es kommt wieder zu mehr Fällen", hatte Lauterbach zuletzt bereits im "Doppelpass" auf Sport1 zu bedenken gegeben: "Das wäre aus meiner Sicht nicht vertretbar, insbesondere nicht gegenüber den Unternehmen, die auch auf Lockerungen warten, die wir aber nicht in Aussicht stellen können." Aus dem Robert-Koch-Institut sind ähnliche Töne zu hören: "Ich denke, man sollte die Tests dort anwenden, wo es medizinisch sinnvoll ist", äußerte sich Vizepräsident Lars Schaade.

DFL-Boss Seifert versprach dagegen in der "New York Times", es werde "nicht der Fall sein, dass auch nur eine Ärztin, ein Arzt, eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger, die für das System wirklich relevant sind, nicht getestet werden kann, weil Fußballspieler getestet werden müssen." Dass "König" Fußball inmitten der Pandemie mithilfe von Tausenden Tests ab Mitte Mai die Austragung von Geisterspielen plant, während manche Olympiasportler zurzeit noch nicht einmal normal trainieren dürfen, wird in anderen Sportarten argwöhnisch verfolgt. "Wenn man dem Fußball entgegenkommt und es eine Lex Fußball gibt, ist das eine Sache. Aber die Politik muss sich dann auch Gedanken machen, wie sie den anderen Sportarten und auch der Kultur hilft", sagte Uwe Schwenker, Präsident der Handball-Bundesliga HBL, dem Sport-Informationsdienst (sid). Der "Sonderweg des Fußballs", wie es Schwenker ausdrückt, müsse weitere Hilfen aus der Politik für die anderen Sportarten nach sich ziehen.

Andere gehen sogar noch weiter, sollte nur der Fußball demnächst den Wettkampf wieder aufnehmen dürfen. "Falls wir keine Geisterspiele austragen dürfen, klagen wir", wird ein namentlich nicht genannter Manager eines "Ballsportklubs von Rang und Namen" in der FAZ zitiert: "Andernfalls, das ist doch klar, wird der gesamte deutsche Sport unterhalb des Fußballs ausradiert."

Auch Fan-Vertreter sehen die Wiederaufnahme des Bundesliga-Rennens kritisch: "Die Wiederaufnahme des Fußballs, auch in Form von Geisterspielen, ist in der aktuellen Situation nicht vertretbar - schon gar nicht unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung", hieß es in einer Erklärung des Zusammenschlusses "Fanszenen Deutschland". Geisterspiele wären "blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft" und "insbesondere all denjenigen, die sich in der Corona-Krise wirklich gesellschaftsdienlich engagieren. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne." Geisterspiele, so hieß es wörtlich, wären "keine Lösung".

"Pro Fans" mit seinen vielen Ultra-Anhängern hatte sich nicht mehr gegen Partien ohne Zuschauer ausgesprochen. "Das Verständnis für Geisterspiele hat sich weitgehend durchgesetzt in der Szene. Die Spiele würden - auch vor dem TV - bei Weitem nicht so attraktiv sein wie mit Publikum. Aber vielen Vereinen steht das Wasser bis zum Hals", sagte Sprecher Sig Zelt.

Wie geht es jetzt weiter?

Am Donnerstag tagen die 36 Klubs der 1. und 2. Bundesliga und werden dann die Möglichkeiten schaffen, den Spielbetrieb so schnell wie möglich wieder aufzunehmen. Mehr können sie nicht tun, entscheiden muss die Politik. Die Vorarbeit stimmte offenbar: "Ich darf mich bei der Geschäftsführung der DFL mit Christian Seifert an der Spitze für ein hervorragendes Konzept bedanken, das die organisatorischen und medizinischen Aspekte umfassend berücksichtigt", lobte Rummenigge. "Dieses Konzept ist die Basis für die positive und vertrauensvolle Einschätzung der Politik."

Ein Signal, ob der Ball wirklich vor leeren Rängen wieder rollen darf, kommt dann wohl am 30. April: Dann steht die nächste Runde von Merkel mit den Ministerpräsidenten an. Söder hatte außerdem betont, dass auch das die Regierung beratende Robert-Koch-Institut den Plänen zustimmen müsse. Klar ist aber auch Söder: "Sollten Spieler positiv getestet werden, kommt der Spielbetrieb wieder zum Erliegen."

Quelle: ntv.de, ter/dpa