Fußball

Klinsmann exklusiv zur DFB-Elf "Gnabry und Sané sind Mega-Spieler"

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Jürgen Klinsmann ist als RTL-Experte weiterhin ganz nah dran an der Nationalmannschaft.

(Foto: imago images/ActionPictures)

Die EM-Qualifikation meistert sie als Tabellenerster sehr souverän. Den Umbruch setzt sie trotz vieler Widrigkeiten fort: Das Jahr 2019 verbucht Jürgen Klinsmann für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Erfolg. Einen Wert für das EM-Jahr lässt sich aus den jüngsten Erfolgen aber nicht ableiten, sagt der ehemalige Bundestrainer. Aber anders als Joachim Löw ruft der 55-Jährige für das kommende Jahr den Titel aus. Warum das so sein muss, hat er im exklusiven Interview mit n-tv.de erläutert. Außerdem analysiert er, in welchen Mannschaftsteilen es Probleme oder gar Luxusprobleme gibt.

n-tv.de: Herr Klinsmann, als wir im März, kurz vor dem ersten Länderspiel der DFB-Elf nach dem total verkorksten Jahr 2018 miteinander gesprochen haben, haben Sie gesagt: Die Mannschaft müsse jetzt Signale setzen. In der Spielweise, in der Leidenschaft, im Engagement und im Tempo. Welche Signale haben Sie nun, wo das Jahr vorbei ist, wahrgenommen?

Jürgen Klinsmann: Es war das erste komplette Jahr des Umbruchs, des Neuanfangs. Aber es war eben auch ein Jahr der Wiedergutmachung, denn das Fiasko in Russland bei der Weltmeisterschaft war ja schon herb. Aber ich denke, dass vieles von dem, was sich Jogi und sein Team vorgenommen haben, auch umgesetzt wurde. Die Mannschaft wurde komplett verjüngt und mit den drei nun nicht mehr berücksichtigten Superstars wurden so auch Konsequenzen gezogen.

Reden wir aber über das Fußballerische. Welche Signale haben Sie auf dem Platz bei der Mannschaft wahrgenommen?

Zur Person

Jürgen Klinsmann (*1964) arbeitet als Experte für die Fußball-Nationalmannschaft bei RTL. Von 2004 bis 2006 war er Bundestrainer und führte die Mannschaft zum WM-Sommermärchen. Als Spieler bestritt er selbst 108 Länderspiele und schoss dabei 47 Tore. Seine Karriere führte ihn zum VfB Stuttgart, Inter Mailand, AS Monaco, Tottenham Hotspur und FC Bayern, bevor er sie in den USA ausklingen lies.

Die Mannschaft versucht ideenreich und temporeich zu spielen. Und Jogi versucht dabei, die richtige Mischung zu finden. Also würde ich sagen, dass 2019 schon ein erfolgreiches Jahr für das Team war. Auch wenn es natürlich noch viele Fragezeichen gibt. Aber das ist ja normal, es sind viele junge Spieler dazugekommen und da bildet sich nun eben eine neue Hierarchie raus.

Toni Kroos hat dem deutschen Länderspieljahr vor dem Duell mit Nordirland bereits die Note zwei bis drei gegeben. Gehen Sie da mit?

Der Toni hat vollkommen recht. Diese EM-Qualifikationsgruppen sind ja generell immer extrem schwer zu deuten. Das Leistungsgefälle ist einfach viel zu groß, um den eigenen Stand aktuell zu bewerten. Du erkennst das immer in der Spielweise. Die Top-Sechs-Nationen haben oft 75 Prozent Ballbesitz, die Außenseiter stellen sich hinten rein und warten auf diesen einen Konter. Das haben wir ja gegen Weißrussland gerade erst gesehen. Aber natürlich können sie dir damit auch wehtun. Manuel Neuer musste ja auch zweimal richtig eingreifen. Aus solchen Spielen kannst du also kaum etwas über deinen Leistungsstand mitnehmen. Niemand weiß in diesem Herbst, wo er steht. Selbst Weltmeister Frankreich nicht. Die genaue Positionierung gibt uns erst die Europameisterschaft.

Weil Sie es gerade angesprochen haben und der Bundestrainer bei der Bewertung der eigenen Einschätzung in den vergangenen Wochen sehr zurückhaltend ist: Sie halten Deutschland aber weiter für eine der Top-Sechs-Nationen?

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Manuel Neuer gehört zu den Leistungsträgern des DFB.

(Foto: dpa)

Absolut. Wir gehören in die Weltspitze. Wir gehören da automatisch rein. Durch unsere Liga. Durch unsere Kultur. Durch unsere Erfolge. Man kann jetzt die Erwartungen ein bisschen runterschrauben und sagen, wir gehören nicht zu den besten vier Nationen. Das ist nachvollziehbar im Moment. Aber ich sage dir ganz ehrlich: Du wirst keinen deutschen Spieler erleben, der in die EM geht und sagt, wenn wir ins Halbfinale kommen, bin ich happy. Das gibt es nicht. Jeder deutsche Spieler, jeder Trainer, jeder Fan startet mit dem Ziel in das Turnier, den Titel zu gewinnen. Das ist einfach in unserer DNA drin. Und wenn das Ding einmal angelaufen ist, dann gibt es eh kein Zurück mehr!

Der Bundestrainer lobt das Potenzial seiner Mannschaft bei jeder Gelegenheit. Er sagt aber auch, dass sich viele Spieler noch an das Niveau bei der DFB-Elf gewöhnen müssen. Können Sie das erklären? Schließlich wird auch im Verein oft auf Top-Niveau trainiert und gespielt.

Es geht da um die eigenen Qualitäten. Um dein eigenes Umfeld. Da geht es jetzt nicht um die Spiele gegen Weißrussland oder Estland. Du bist als junger Spieler bei der Nationalmannschaft einfach auch nervös, da ist eine andere Hierarchie. Auch ist eine Trainingseinheit auf diesem Niveau im Elf-gegen-Elf manchmal wichtiger als ein Spiel. Denn wir haben, bei allem Respekt, in unserer Quali-Gruppe mit Nordirland und den Niederlanden nur zwei ernstzunehmende Gegner gehabt.

Zwei Mannschaften, die körperlich sehr robuste Spielertypen haben. Und diese Robustheit hat Joachim Löw ja gerade erst zum großen Thema für sein Team gemacht. Liegt da noch das größte Potenzial?

Da hat Jogi schon recht. Denn mit Robustheit kannst du dir viel Respekt beim Gegner verschaffen. Wenn du dir den Virgil van Dijk anschaust oder die französischen Innenverteidiger, die haben eine unglaubliche Präsenz. Allein von ihrem Körper her. Wir hinken da tatsächlich ein wenig hinterher. Die körperliche Seite muss schon berücksichtigt werden. Wir sind ja 2014 auch nicht umsonst mit vier Innenverteidigern Weltmeister geworden. So eine Körperlichkeit, die schreckt ab. Da denke ich dann als Stürmer zweimal drüber nach, gehe ich da jetzt vorbei oder spiele ich nochmal ab.

Aber hat man diese Qualität nicht einfach? Oder kann man das noch lernen?

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Süle hat Präsenz - ist aber derzeit verletzt.

(Foto: imago images/MIS)

Klar, einen gewissen Teil bekommst du in der Ausbildung als Jugendspieler schon mit. Aber auch als Profi kannst du immer noch ein bestimmtes Level erreichen. Ein Kerl ist mit 18 oder 20 noch gar kein richtiger Mann. Und dann steht er dir zwei Jahre später gegenüber und ist ein echter Hüne. Das geht schon auch.

Gehen wir mal die einzelnen Mannschaftsteile durch. Im Tor gibt es mit Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen kein Problem, oder?

Nein, überhaupt kein Problem.

Im Gegensatz zur Abwehr, Stichwort "gestandene Profis".

Die Frage, ob Niklas Süle noch zurückkommt, ist sicherlich ein wichtiges Thema. Das beschäftigt dann auch die Medien bis zum Sommer. Schafft er's noch, kriegt er noch die Kurve? Ansonsten muss Löw halt Lösungen finden. Was sehr erschwerend war für den Trainerstab in diesem Jahr 2019, das waren die vielen Absagen. Da hoffe ich, dass schon im März die Zeichen auch kommen von allen Klubs: Wenn einer einigermaßen fit ist, dann kommt er auch zur Nationalmannschaft. Es gibt ja nur noch vier Vorbereitungsspiele. Die Abwehr ist sicherlich eine Baustelle, die wird spannend. Aber wir haben in diesem Jahr eine tolle Entwicklung der beiden Leipziger Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann gesehen. Das finde ich spannend. Da siehst du zumindest, da ist ein bisschen Stabilität reingekommen, auch mit Nico Schulz auf der linken Seite.

Was ist mit Mats Hummels?

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Mats Hummels ist nur einen Anruf entfernt - sagt Klinsmann.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Die Karte hat der Bundestrainer ja immer noch in der Hinterhand. Er kann jetzt alles so laufen, sich so entwickeln lassen bis zur Nominierung des Kaders im Mai. Das Thema Mats läuft ihm nicht davon. Wenn er ihn braucht: Das ist ein Anruf.

Und dann kommt Hummels auch, wenn er angerufen wird?

Das müssen die beiden unter sich ausmachen. Ich weiß ja nicht, was da war und was die Gründe für Jogis Entscheidung sind. Aber ich denke, die Möglichkeit gibt es immer noch. Bis dahin kann er sehen, wer entwickelt sich wohin? Wie findet sich das Ganze? Bevorzugt er eine Viererkette oder sogar eine Dreierkette? Das ist ja auch eine taktische Überlegung: Wie baue ich dann den Kader zusammen? Ja, das wird spannend. Das Thema Innenverteidigung wird uns noch das nächste halbe Jahr begleiten.

Sie haben es angesprochen: Dreier- oder Fünferkette? Das hat ja auch Auswirkungen aufs Mittelfeld. Wenn Joshua Kimmich und Toni Kroos als Führungsspieler gesetzt sind, bleibt ja noch die Frage: Ilkay Gündogan oder Kai Havertz. Wie kann man das Problem lösen?

Also eigentlich ist das gar kein Problem. Es ist eine tolle Komponente, mehrere Leute auf wirklich sehr, sehr hohem Niveau zu haben. Das Schöne an ihnen ist, vor allem an Havertz: Er kann nach vorne rücken und die offensivere Rolle spielen. Er kann aber auch ganz vorne mal reinrücken. Gündogan ist mehr der Spielgestalter, er lässt sich immer wieder fallen. Wie sie zuletzt gespielt haben, das ist allerhöchstes Niveau. Da musst du erst mal einen Gegner finden, der solch ein Mittelfeld hat. Da können wir ruhig mal schauen: Spanien, Frankreich, England - was haben die da zu bieten? Die Dreierachse mit Gündogan, Kroos und Kimmich ist Weltklasse. Und das Schöne ist, egal wo Havertz eingesetzt wird, ob im Mittelfeld oder vorne: Er ist ja noch in der Entwicklung.

Und der Angriff?

Mit Leroy Sané hast du einen Mega-Spieler. Es ist entscheidend, dass er zurückkommt. Es ist ja das Gleiche, wenn jetzt Kylian Mbappé verletzt ist. Dann hat Frankreich auch ein Problem. Wir haben ein Problem, wenn der Sané verletzt ist. Das ist doch normal. Wenn Kroos ausfällt, haben wir auch ein Problem. Wenn Paul Pogba bei Frankreich ausfällt, haben die eben ein Problem. Es gibt in jeder Mannschaft Schlüsselspieler. Frankreich wurde Weltmeister mit den Schlüsselspielern Pogba und Mbappé. Diese Achse hat sie groß gemacht, die Umsetzung hat es ausgemacht. Nimmst du einen weg, ist Frankreich auf einem ganz anderen Niveau. Dann werden sie nämlich nicht Weltmeister.

Noch im vergangenen Jahr war Sané weit weg davon, ein Schlüsselspieler zu sein ...

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Leroy Sané hat dazugelernt.

(Foto: imago images / Sportfoto Rudel)

Leroy war noch nicht reif genug für die WM. Es gibt ja Gründe, warum du einen Spieler nicht mitnimmst. Er war noch zu verspielt, er war vom Kopf her noch nicht so weit, wie es sein musste. Das weiß sicherlich der Jogi am besten. Er saß ja auch lange Zeit bei Pep Guardiola bei Manchester City auf der Bank. Und nach der WM hat er realisiert: Mensch, jetzt muss ich was tun. Das sind ja alles Lernphasen, Lernelemente für junge Spieler. Wir haben mit Serge Gnabry, der ein gigantisches Jahr hinter sich hat, und mit Sané zwei Mega-Offensivkräfte, um die sich alle reißen würden. Und dann hast du noch andere wie Havertz, wie Timo Werner und zwei, drei andere. Die sind ja auch mittendrin in dieser Entwicklung.

Reicht das schon für die EM?

Wie weit die Mannschaft dann im nächsten Sommer ist, das wird die Europameisterschaft zeigen. Vielleicht ist es zu früh. Aber dennoch, um auf die erste Frage zurückzukommen: Du musst in eine EM gehen mit der eigenen Erwartung "Ich will das Ding gewinnen". Egal ob du 19 Jahre alt bist oder 30. Manuel Neuer wird nicht in das Turnier gehen und sagen: Halbfinale wäre toll. Das geht halt nicht. Oder Kroos, oder Gündogan. Die sagen: Wir machen das Ding jetzt - und zack.

Wer ist denn der Spieler, der Sie im nächsten Jahr am meisten überraschen könnte?

Leroy hat uns vor seiner Verletzung komplett begeistert. Serge auch, das ist phänomenal, auf welchem Niveau sie in dem Alter schon ihre Leistungen abrufen. Das ist unglaublich. Aber da braucht es gleichzeitig das Verständnis, dass es nicht immer nur nach oben geht. Es kommt auch einmal eine Kurve nach unten oder eine Verletzung wie beim Leroy, was sich keiner wünscht. Das gehört auch zu einer Karriere. Da müssen wir jetzt nur hoffen, dass es keinen mehr vor der EM trifft, dass sie gesund bleiben. Und dann glaube ich: Sie können sich schon in eine Laune hineinspielen, wo es den Gegnern ein bisschen schwindelig werden kann.

Mit Jürgen Klinsmann sprachen Tobias Nordmann und Stefan Giannakoulis in Frankfurt am Main

Quelle: n-tv.de