Fußball

"Vollblutstürmer"-Pokalspektakel Haaland hadert, Selke stresst, beide knipsen

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Erling Haaland - nicht nur vor dem Tor ist er eine echte Erscheinung.

(Foto: dpa)

Im Pokal-Duell zwischen Werder Bremen und Borussia Dortmund stehen sich mit Erling Haaland und Davie Selke zwei echte Mittelstürmer gegenüber. Sie wühlen, lamentieren, treffen - und sind sich trotz unterschiedlichen Repertoires doch ähnlich.

Vor dem Pokalspiel zwischen Werder Bremen und Borussia Dortmund spielen die Kneipen in der Altstadt um das Stadion die Werder-Hymne "Lebenslang Grün-Weiß", die den 3:0-Sieg beim FC Bayern im Double-Jahr noch einmal aufleben lässt. "Hach ja 2004, das waren Zeiten", erinnert sich ein Bremer Fan an die besseren Jahre, als man mit dem grauen Tabellenkeller nichts am Hut hatte. Als ein Anhänger nebenan sich freut - "Gegen Dortmund wird's immer ein geiles Fußballspiel" - wird er direkt gekontert: "Na ja, ob das für Bremen jetzt so geil wird ...". Hoffnung auf einen Sieg herrscht vor dem Spiel in der Hansestadt bei fast niemandem, zu beeindruckend hatte das Offensivpowerhouse Borussia Dortmund zuletzt performt. Zu beeindruckend hat vor allem einer getroffen: Erling Haaland, 19 Jahre und Neu-Borusse.

Nach zwei Spieltagen ist er mit fünf Jokertoren bereits der Beste dieser Zunft in der Saison 2019/20. Fünf Tore in den ersten beiden Partien hatte gar noch niemand in der Bundesliga-Historie erzielt. Als Haaland in seinem dritten Spiel zwei weitere Treffer folgen ließ, sammelte er damit gleich den nächsten Rekord ein. Aber wer den egozentrischen Alt-und-neu-Bremer Davie Selke kennt, der weiß, dass ihn der geringe Glaube der Werder-Fans an einen Sieg und die unfassbare Quote seines Gegenübers nur anstacheln. Nur ein Treffer für Hertha BSC diese Saison vor seinem Wechsel? Egal. Selke lebt im Hier und Jetzt und will sein erstes Heimspiel gewinnen. Und so entwickelt sich beim 3:2 (2:0)-Pokalsieg von Werder gegen den BVB ein spannendes Stoßstürmer-Fernduell.

"Er löst immer Stress aus"

Bremen - Dortmund 3:2 (2:0)

Bremen: Pavlenka - Veljkovic, Vogt, Moisander - Bittencourt, Maximilian Eggestein, Klaassen, Friedl - Osako (89. Bartels), Selke (50. Sargent), Rashica (90.+5 Toprak). - Trainer: Kohfeldt
Dortmund: Hitz - Akanji, Hummels, Zagadou (66. Reyna) - Hakimi, Brandt, Witsel, Schulz - Sancho, Reus (89. Can), Hazard (46. Haaland). - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Guido Winkmann (Kerken)
Tore: 1:0 Selke (16.), 2:0 Bittencourt (30.), 2:1 Haaland (67.), 3:1 Rashica (70.), 3:2 Reyna (78.)
Zuschauer: 41.616
Gelbe Karten: Bittencourt, Moisander - Schulz (2), Reus, Reyna

Nur knapp 300 Sekunden stehen Haaland und Selke zusammen auf dem Platz. Der Bremer, der in der Startelf steht, muss in der 50. Minute verletzt runter, der Norweger wird erst zur Pause eingewechselt. Und so kann jeder eine Halbzeit lang zeigen, was ihn ausmacht. In den ersten zehn Minuten steht Werder tief und kompakt, hofft auf Konter. Selke läuft die Borussen unermüdlich an. Er kämpft und spurtet jedem langen Ball hinterher, hakelt sich hier ein, zieht dort mal am Trikot. "Er löst immer Stress aus", sagt Werder-Cheftrainer Florian Kohfeldt nach dem Sieg, "gerade gegen den Ball hat er sehr gut agiert".

Dann ist Selke an der ersten Werder-Chance beteiligt: In seiner ihm typischen, staksigen Art schirmt er den Ball am Fünfer gut ab, legt auf Maximilian Eggestein ab, dann haut Klaassen die Kugel übers Tor. Immer wieder suchen die Grün-Weißen den Stürmer mit langen Bällen, der sich fröhlich weiter mal mit dem Schiri kabbelt oder mal Hand fordert. Dann ist er aber genau da, wo eine Nummer neun stehen muss, und netzt locker zum 1:0 per Abstauber ein. "Er hat dieses besondere Näschen", sagt Frank Baumann im Anschluss. "Er ist ein Vollblutstürmer." Selke lässt sich auf seinen Knien rutschend feiern.

Oft übertreibt es Selke mit Aktionen, die überhaupt nicht zu seinem Repertoire passen. Etwa als er mit einem feinen Trick beim Konter an der Seitenlinie seinen Gegner aussteigen lässt, aber dann übermütig den Ball an Dan-Axel Zagadou vorbeilegen und ihn dabei überholen will (43.). Nur eine Minute später bricht der Stürmer aber dann wieder mit langen, etwas hölzernen Schritten gut durch und läuft auf einmal frei auf Marwin Hitz zu. Er schließt aber zu harmlos ab und übersieht dabei auch noch den besser postierten Milot Rashica. Aber das ist eben eine echte Nummer neun, nur Tore zählen für diese Spezies.

Haaland - athletisch und gierig

Keiner stellt das europaweit derzeit besser unter Beweis als Haaland, der zur Pause für Thorgan Hazard kommt. Wer den 19-Jährigen zum ersten Mal live im Stadion erlebt, wird schier umgehauen von der Naturgewalt des Stürmers. In jeder seiner Bewegungen spürt der Zuschauer seine unglaubliche Athletik und vor allem die Gier auf Tore. Sie ist es, die ihn mit Selke verbindet - auch wenn der Dortmunder weitaus mehr Stärken mitbringt. Durch ihn wirkt die Borussia wie eine neue Mannschaft, bei jeder Ballberührung, ja bei jeder seiner Bewegungen und Läufe strahlt er enorme Gefahr aus.

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Und schon wieder ein Tor.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

"Er ist schlichtweg ein überragender Spieler", erkennt auch Kohfeldt nach der Partie an. Der Werder-Coach gab vor, keine Tiefe hinter dem schnellen Haaland zuzulassen, ihn mannorientiert zu verteidigen und schon die Pässe auf ihn zu unterbinden. Das funktionierte aber nur bedingt, obwohl abwechselnd Niklas Moisand, Kevin Vogt und Milos Veljkovic den Norweger in Doppeldeckung nahmen. Mit seiner ersten Aktion holte Haaland einen gefährlichen Freistoß heraus, dann tauchte er blitzschnell vor Jiri Pavlenka auf, umkurvte den Torhüter, aber setzte - man mag es kaum glauben - den Ball daneben. Werder führte den Abstoß kurz aus und Haaland stürmte wie ein Berserker auf den ballführenden Vogt. Die Grün-Weißen zeigten sich beeindruckt ob seiner Präsenz und seines Einsatzes auf dem Platz.

"Er strahlt immer Torgefahr aus"

Mal leitete der Torjäger per Hacke auf Reus, mal machte Eggestein mit der Schrankwand Haaland Bekanntschaft und plumpste wie ein Sack nach hinten, während der bullige Angreifer einfach weiterlief. Moisander lobte nach dem Spiel: "Haaland ist physisch sehr stark, man spürt seine Athletik sofort, und er strahlt immer Torgefahr aus. Er hat eine große Zukunft." Nur zwei Minuten nachdem Eggenstein in die Haaland-Mauer lief, stach diese in bester Mittelstürmermanier zu. Julian Brandts Lupfer segelte aufs Bremer Tor zu und Haaland drückte die Kugel über die Linie (67.). Wieder ein Haaland-Tor, dafür klaute der Norweger auch schon mal seinem Teamkollegen die Lorbeeren, denn der Ball von Brandt wäre auch so ins Tor gefallen. Aber genau diese Tor-Gier zeichnet eben einen Stoßstürmer der Extraklasse aus. Doch im Spiel gegen Bremen bewies er auch, dass er ebenso gut auflegen kann. Mit dem Außenrist setzt er Sancho in Szene, der sich frei vor dem Tor den Ball zu weit vorlegt.

Eine letzte Großchance per Kopf ließ dann aber sogar Erling Haaland liegen. Pavlenka parierte kurz vor Schluss stark und der Neu-Borusse hämmerte mit den Fäusten auf den Boden. "Wir haben seine Torquote gesenkt", flachste Kohfeldt. Nach dem Abpfiff stapfte der Norweger frustriert in die Katakomben, als seine Mannschaftskameraden noch mit den Bremern abklatschen. Nur Gewinnen zählt. Davie Selke hätte es im umgekehrten Fall wohl genauso gemacht.

Quelle: ntv.de