Fußball

Russlands Fußball profitiert "Hat uns die WM denn gar nichts gelehrt?"

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Putin hoch, Putin quer, Putin für die Hosentasche - und Putin als WM-Gastgeber.

Katrin Scheib

Was bleibt von Russlands Sommermärchen? Drei Monate ist die WM nun her. Haben sich das Land und sein Fußball seitdem verändert? Maskottchen Sabiwaka ist weg, die Bettler sind wieder da, Putin ist eh überall. Und doch ist einiges anders.

Da hängt er also, der neue Putin-Kalender. Moskaus großer Buchladen Dom Knigi hat mehrere Varianten im Angebot: Putin hoch, Putin quer, Putin für die Hosentasche. Für 400 Rubel, knapp über fünf Euro, gibt es den Präsidenten zum Aufhängen, in zwölf bunten Motiven. So weit, so gewöhnlich - der Mitnehm-Putin ist ein Wiedergänger im russischen Kalendersortiment. Nur eines ist in diesem Jahr neu: Neben Outdoor-Putin oben ohne und Kuschelputin mit Hundebaby gibt es den präsidentiellen Posterboy nun auch in der Rolle, die er im Sommer 2018 vier Wochen lang ausfüllte: als WM-Gastgeber, den goldenen Pokal fest in beiden Händen.

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Wer in diesen Tagen in Moskau am Zebrastreifen wartet, sieht vor sich schon einmal Werbung für ein Fußballcamp für Kinder.

(Foto: Katrin Scheib)

Der Kalender mag ein neues Motiv haben, doch im Moskauer Stadtbild hat die Fußball-Weltmeisterschaft kaum Spuren hinterlassen. Die unzähligen Fahnen und Banner wurden abgehängt, die Fußball-Deko aus den Schaufenstern weggeräumt. Bettler und Obdachlose, während des Turniers aus dem Zentrum an den Stadtrand vertrieben, sitzen wieder an ihren Ecken. Der übergroße Fußball, der sich als Gruß an die Fans über einem Gebäude am Neuen Arbat drehte, ist nun wieder eine Weltkugel wie zuvor. Wer Sabiwaka, das vor drei Monaten allgegenwärtige Wolfsmaskottchen, kaufen will, der sucht am besten in einer der vielen Unterführungen, wo zwischen Strumpfhosen, Handyhüllen und Wollmützen auch die Merchandising-Restposten aus dem Sommer verkauft werden.

"Hat uns die WM denn gar nichts gelehrt?", fragte Anfang des Monats gar die Website "Sport-Express". Der Anlass: Beim Champions-League-Spiel zwischen ZSKA und Real Madrid steckten viele Fans lange fest, ehe sie das Luschniki-Stadion und sein Gelände verlassen konnten. Als das frisch WM-tauglich gemachte Stadion vor rund einem Jahr wiedereröffnet wurde, gab es ganz ähnliche Probleme - während des Turniers, als unzählige Freiwillige als Helfer und lebende Wegweiser im Einsatz waren, dagegen nicht. Auch wer am Tag der deutschen Einheit zum Schalker Spiel bei Lokomotive Moskau ging, vermisste angesichts maulfauler, desinteressierter Sicherheitskräfte vor dem Stadion die WM-Volunteers mit ihren Megaphonen und Schaumstoff-Winkehänden.

Ist nach der WM in Russland also vor der WM? Die Antwort ist nein, und man bekommt sie vor allem dann zu hören, wenn man bei russischen Fußballvereinen nachfragt. "Die Weltmeisterschaft hat dem gesamten russischen Fußball einen Schub gegeben, auf diesen Schwung wollen wir nun aufbauen", sagt beispielsweise Mark Bullen. Er gehört zum Team, das für Zenit St. Petersburg Öffentlichkeitsarbeit macht und sieht in den guten Besucherzahlen des aktuellen Tabellenersten auch Nachwirkungen der WM: "Vor kurzem kamen 50.193 Fans zu unserem Spiel gegen Lokomotive Moskau, im Vergleich zu 45.746 im vergangenen Jahr," rechnet Bullen vor. Vor allem bei Jugendlichen, Frauen und Ausländern - St. Petersburg gilt als Russlands weltoffenste Stadt - habe der Verein einen Zuwachs beobachtet: "Wenn heute Spieltag ist, sehen wir ein deutlich vielfältigeres Publikum."

"Mehr Kinder an unserer Fußballschule"

Besonders gut ist die Stimmung bei den Vereinen, die der Weltmeisterschaft ein neues oder zumindest von Grund auf renoviertes Stadion verdanken. Die Jekaterinburg-Arena zum Beispiel wurde für ihren Einsatz als WM-Austragungsort modernisiert und ausgebaut, um den Ansprüchen der Fifa zu genügen. Schon zu den Testspielen im Frühjahr seien im Schnitt 20.000 Besucher gekommen, sagt Nikita Medwedewskich, Sprecher des FK Ural - "dabei hatten wir früher in unserem anderen Stadion am Stadtrand nur 4000 bis 5000." Nach der WM habe man mit ähnlich hohen Zahlen gerechnet, aktuell pendle sich der Mittelwert aber eher bei 15.000 Gästen pro Spiel ein. Doch auch das, betont Medwedewskich, sei ja ein deutliches Plus. Und noch etwas ist in Jekaterinburg aufgefallen, so der Vereinssprecher "Wir sehen, dass sich mehr Kinder an unserer Fußballschule anmelden wollen - und überhaupt haben bei uns in der Stadt viele private Fußballschulen neu eröffnet."

Ähnlich positiv klingt die Bilanz in Saransk. In der neuen Mordwinien-Arena, in der es Cristiano Ronaldo diesen Sommer nicht schaffte, einen Elfmeter gegen den Iran zu verwandeln, spielt heute der FK Mordowija - ein Verein aus der Ersten Division, Russlands zweithöchster Liga. Auch für ihn war der WM-Effekt bei den Besuchern vor allem zu spüren, solange das Sommerwetter noch anhielt: "Nach dem Ende der Weltmeisterschaft stieg die Zuschauerzahl bei Heimspielen deutlich an und lag in den Sommermonaten bei 20.000," heißt es aus der Pressestelle. Dass es derzeit nur noch etwa 10.000 pro Match sind, liege wohl unter anderem am Wetter.

Wie lang dieser Trend trägt? Ob er auch dann noch spürbar sein wird, wenn an der Wand der Kalender für 2019 hängt und Outdoorputin, Kuschelputin und Fußballputin einander nach und nach ablösen? Zu dieser Frage wagt sich bei den Vereinssprechern keiner so recht aus der Deckung - mal abwarten, hört man hier wie dort. Nur so viel: Für die echten Optimisten gibt es im Moskauer Buchladen auch einen WM-Kalender 2019 zu kaufen, mit Image-Plakaten aus allen Gastgeberstädten. Damit Russlands Sommermärchen zumindest in den eigenen vier Wänden auch im kommenden Jahr stets präsent ist.

Quelle: n-tv.de

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