Fußball

Türsteher und Buchhalter Komplettpaket Klostermann drängt in DFB-Elf

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Lukas Klostermann hat sich unter Rangnick im Spiel nach vorn entwickelt.

(Foto: imago images / Chai v.d. Laage)

Lukas Klostermann hat nach der U21-EM gute Chancen, sich in der Fußball-Nationalmannschaft festzuspielen. Joachim Löw könnte er wie einst Peter Neururer mit seiner Zuverlässigkeit überzeugen. RB Leipzig versucht, den Vertrag mit dem Abwehrmann vorzeitig zu verlängern.

Peter Neururer hat nicht viel Zeit. Der 64-Jährige absolviert gerade eine Runde auf dem Golfplatz. Und dort ist Telefonieren verboten. Doch um über Lukas Klostermann zu sprechen, macht Neururer eine Ausnahme. Die Trainerlegende war schließlich Klostermanns erster Proficoach; im zarten Alter von 17 Jahren, acht Monaten und 15 Tagen gab der Junge aus dem 30.000-Einwohner-Ruhrgebietsstädtchen Gevelsberg unter Neururer im März 2014 sein Profidebüt für den VfL Bochum. 16 Minuten Spielzeit gegen den VfR Aalen, 0:2 Auswärtssieg. Neururer berichtet flüsternd, dass sich Klostermann bei einem Einzelgespräch vor der Besprechung dieses Spiels eine Position habe aussuchen dürfen. Er wählte Rechtsverteidiger. "Wenn es einen Musterprofi gibt, dann ist das Lukas Klostermann", nuschelt Neururer ins Telefon. Bereits damals war Neururer klar: "Lukas ist eines der größten Talente in Deutschland. Ich bin 100 Prozent sicher, dass er seinen Weg gehen wird."

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Peter Neururer musste Klostermann ziehen lassen.

(Foto: imago/Schwörer Pressefoto)

Diese Prophezeiung hat sich bereits bewahrheitet. Seit 2015 ist Klostermann – nur unterbrochen durch eine einjährige Pause wegen seines Kreuzbandrisses – Stammspieler bei RB Leipzig. Nun will Klostermann diesen Status auch bei der A-Nationalmannschaft erreichen. In Abwesenheit von Thilo Kehrer hat "Klosti" beste Chancen, die EM-Qualifikationsspiele gegen die Niederlande und in Nordirland zu bestreiten. "Ein guter Außenverteidiger ist ja schon fast traditionell schwer zu finden. Mit Lukas bekommt man ein komplettes Paket und einen Spieler, der sich auch als Innenverteidiger absolut anbietet", lobt sein langjähriger Trainer und Förderer Ralf Rangnick im Gespräch mit n-tv.de. "Das sagt schon alles darüber aus, welche Rolle er in Zukunft in der Nationalmannschaft spielen kann."

Löw lobt Klostermann nach Debüt

Bereits in der vergangenen Saison absolvierte der 1,89-Meter-Mann Klostermann, der bereits 22 U21-Länderspiele bestritten hat, zwei Auswahlpartien mit der A-Elf. Nach seinem Debüt im März gegen Serbien erhielt er Lob von Joachim Löw. "Ich fand, er hat ein richtig gutes Spiel gemacht auf der rechten Seite", sagte der Bundestrainer, "und bin froh, dass er einen so guten Einstand hatte, denn das ist nicht so selbstverständlich."

Klostermanns größte Stärken sind seine Zuverlässigkeit und seine Physis. Seine rechte Abwehrseite beackert der frühere Leichtathlet so kompromisslos wie ein Türsteher und so akribisch wie ein Buchhalter. Da kommt keiner durch, und da schleicht sich kaum ein Fehlerchen ein. Dank seiner Dominanz in der Luft und am Boden sowie seiner Schnelligkeit – gedanklich ebenso wie physisch – ist Klostermann defensiv eine absolute Bank. "Lukas ist ein schlauer Kopf", sagt Red-Bull-Fußball-Berater Rangnick. "Von ihm bekommt man im Training und im Spiel immer 100 Prozent." Seine Aufmerksamkeit bei Besprechungen und sein Mitdenken in Trainingseinheiten führten ganz automatisch zum gewünschten Ergebnis im Spiel.

"Enorme Schnelligkeit"

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Privat wie auf dem Platz kann Klostermann nichts aus der Ruhe bringen. Der schillerndste Protagonist des Profifußballs ist der BWL-Fernstudent ganz sicher nicht, doch diese Abgeklärtheit hilft ihm auf dem Platz. Der Profifußball-Zirkus ist schließlich schon aufgeregt genug, da muss Klostermann nicht auch noch mitmachen. Nach dem verlorenen DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern in diesem Frühjahr sagte er etwa westfälisch trocken: "Das war ein Pokalfinale, das kann man gewinnen oder verlieren."

Entwickelt hat er sich im vergangenen Jahr unter Rangnick vor allem im Spiel nach vorn. "Ich finde, gerade im Bereich der mutigen Spielvollendung, das heißt, tiefe Läufe anzubieten und Bälle zu fordern, Eins-gegen-eins-Situationen am Flügel zu nutzen und seine häufigere Präsenz in der gegnerischen Box waren in der vergangenen Saison augenscheinlich", sagt Rangnick. "Ich kann mir gut vorstellen, dass er künftig gerade in diesen Bereichen, auch auf Grund seiner enormen Schnelligkeit, noch weitere Schritte nach vorne machen wird."

Das war vor zwei Spielzeiten noch ganz anders. Nach seinem Kreuzbandriss 2016/17 war Klostermann in ein Leistungstief geraten, hatte unsicher agiert, bieder und sich nach vorn kaum etwas zugetraut. Wenn er statt eines Sprints oder Dribblings mal wieder abdrehte und den Ball zurückspielte, stöhnten Fans und Reporter auf den Tribünen. Doch Rangnick gab seinem Musterschüler, den er 2014 zu Neururers Leidwesen aus Bochum nach Leipzig gelotst hatte, neues Vertrauen in die eigenen Stärken und ließ ihn nahezu durchspielen. "Der Erfolg des Teams schweißt zusammen und macht dich souverän und stabil", sagt Rangnick. Diese Stabilität habe dann wiederum zu mutigem Offensivspiel und somit Toren und Assists von Klostermann geführt. Mit fünf Bundesliga-Treffern war Klostermann in der vergangenen Spielzeit der drittgefährlichste Torschütze bei RB, 39 Prozent seiner Schüsse führten zu Toren. In dieser Saison verteidigt er unter dem neuen Trainer Julian Nagelsmann meist in der Fünfer- beziehungsweise Dreierkette noch höher. Wenn Platz da ist, so wie bei seinem Treffer im Pokal in Osnabrück, soll Klostermann auch verstärkt im Sechzehner zu finden sein.

"Natürlich möchten wir verlängern"

Diese Vorzüge wollen die RB-Verantwortlichen auch weiterhin für ihren Klub nutzen. "Lukas hat sich in den letzten Jahren bei uns stetig weiterentwickelt und ist zum A-Nationalspieler geworden", sagt Leipzigs neuer Sportdirektor Markus Krösche auf Anfrage von n-tv.de. "Natürlich möchten wir gern mit ihm verlängern. Wir haben die Gespräche mit ihm bereits aufgenommen und sind hierzu im Austausch. Allerdings läuft sein Vertrag noch bis 2021, so dass wir noch etwas Zeit haben und uns hier nicht treiben lassen."

Zu lange warten sollte RB Leipzig damit allerdings nicht. Denn wenn Klostermann bei der EM 2020 aufläuft, dürfte er sich die Klubs aussuchen können, so wie einst die Positionen bei Peter Neururer.

Quelle: n-tv.de

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