Fußball

Sechs Punkte, neue Hierarchien "Super Jungs" können Löw widerlegen

Erst Weißrussland, dann Estland und am Ende sechs Punkte für den abwesenden Bundestrainer Joachim Löw - das ist der Plan von DFB-Kapitän Manuel Neuer für die beiden anstehenden Spiele in der EM-Qualifikation. Neben dem Zählbaren ist dem Torwart noch etwas wichtig.

Vielleicht wollte Joachim Löw nur höflich sein. Nein, Weißrussland, die Nummer 81 der Fifa-Weltrangliste, und Estland, die Nummer 96, seien nicht bloß Sparringspartner (er war danach gefragt worden) für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, sagte der Bundestrainer in einem Interview mit dem "Kicker". Tatsächlich geht es am Samstagabend in Borissow und am Dienstagabend in Mainz (um 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) um sechs Punkte für die erfolgreiche Qualifikation zur Europameisterschaft 2020. Wettkampf also, statt Training unter Wettkampfbedingungen. Da lässt sich Löw schwer widerlegen.

Die Aufwertung der Gegner, deren wohl bekannteste (weil teuerste) Spieler Verteidiger Alexander Martinowitsch (3 Millionen Euro, Weißrussland) und Stürmer Rauno Sappinen (500.000 Euro, Estland) sind, darf dem Bundestrainer als sympathische Demut nach der WM-Arroganz zugeschrieben werden. Muss sie aber nicht. Weil Löw nämlich auch sagte, dass die Nummer 81 und die Nummer 96, gerade "in unserer Situation nach dem Umbruch" eben keine Sparringspartner seien.

Löw hatte dem "Kicker" gesagt, dass die DFB-Elf früher, als er, der Bundestrainer, noch eine eingespielte Mannschaft hatte, zu solchen Spielen mit der Überzeugung angetreten sei, "dass wir uns den Gegner zurechtlegen und dann zuschlagen können." Die Mannschaft sei da in der Lage gewesen, solche Spiele mit drei, vier Toren Unterschied zu gewinnen. Eine Qualität, die Löw der aktuellen Auswahl offenbar nicht zwingend zuschreibt. Er sagt: "Unsere jetzige Mannschaft mit sehr vielen jungen Spielern ist noch nicht so gefestigt, diese Stabilität und dieses Selbstvertrauen müssen sich erst noch entwickeln."

"Konkurrenzfähig, um den Titel zu gewinnen"

Ein Eingeständnis, dass Löw den Generationswechsel in der DFB-Elf zunächst versäumt und den Übergang dann auch noch fahrlässig gestaltet habe? Zu einem großen Thema in den Medien wurden die Sätze von Löw derweil nicht gemacht. Auch nicht von Kapitän Manuel Neuer. Zwar sagte er im deutschen Vorbereitungsquartier in Venlo, dass es für die Mannschaft jetzt auch darum gehe, sich zu finden und mit Blick auf den kommenden Sommer zu funktionieren. Aber eben so, "dass wir dort konkurrenzfähig sind, um den Titel zu gewinnen. Wir wollen im nächsten Sommer angreifen!"

Knapp ein Jahr nach dem WM-Debakel in Russland, den zähen Länderspielen und dem Abstieg aus der Nations League im Herbst hat sich die Stimmung rund um die DFB-Elf deutlich verbessert. Nicht nur die Leistungen der verjüngten und mit einer neuen, schnellen Spielidee veränderten Mannschaft stimmten in den Spielen gegen Serbien und die Niederlanden. Auch die Ergebnisse - zumindest gegen den Erzrivalen. Die nächsten Schritte sollen nun getan werden, so Neuer. Auch ohne den Bundestrainer, der sich nach seinem viertägigen Klinkaufenthalt infolge eines Sportunfalls weiter schonen soll und durch Assistent Marcus Sorg vertreten wird. Der geht die Aufgabe entspannt an: "Ich fühle mich sicher. Ich bin seit 20 Jahren hauptberuflich Trainer. Ich bin es gewohnt, Entscheidungen zu treffen." Die allerdings werden dennoch via Telefon mit dem Chef abgestimmt.

"Es gibt keinen Mannschaftsrat"

Sportlich müssen die nächsten Schritte überzeugende Siege seien - zwei zunächst. Daneben geht es um einen Zusammenhalt - der war in Russland wohl nicht immer gegeben - und um die Ausbildung neuer Hierachien. Ein internes Führungsgremium fehlt der Nationalmannschaft nämlich derzeit. "Es gibt keinen offiziellen Mannschaftsrat", erklärte Neuer. Es gebe aktuell lediglich "verschiedene Runden", in denen "themenbezogen" Teambelange besprochen würden. Etliche langjährige Führungsspieler wie die 2014-Weltmeister Mats Hummels, Jérôme Boateng, Sami Khedira oder Thomas Müller sind im Verlauf der vergangenen Saison von Löw aus der Nationalmannschaft aussortiert worden.

Im Zuge des Verjüngungsprozesses soll sich bis zur EM im kommenden Jahr aber wieder ein Mannschaftsrat entwickeln. Wichtige Rollen dabei könnten neben Neuer und Toni Kroos - dem zweiten verbliebenen Weltmeister von Rio - die Bayern-Spieler Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Chelseas Innenverteidiger Antonio Rüdiger einnehmen. Auch Julian Draxler von Paris St. Germain gehört zu dem Kreis der Spieler, die Verantwortung übernehmen sollen. So sieht es zumindest der Bundestrainer.

Nun aber erstmal Weißrussland, Estland und sechs Punkte. Die nämlich sollen es auf jeden Fall sein, so Neuer. Und dann sagte er noch: "Wir wollen unserem Trainer zeigen, dass er sich total auf uns verlassen kann, auch wenn er nicht dabei ist. Dass er weiß: Auf diese Spieler ist Verlass, das sind gute Jungs und super Typen - und die holen sechs Punkte für mich." Sogar in der jetzigen Situation.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema