Fußball

Ifab entscheidet gegen Fußball Videoschiri, wir wissen, wo dein Auto steht

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Die Wiederholung der fraglichen Spielszene ist im Stadion dem Schiedsrichter vorbehalten - nur ein Problem in der ganzen Sache.

imago/Nordphoto

Die Regelhüter machen den Videobeweis zum Standard im Weltfußball. Ein weiterer Schritt Richtung marktkonformer Fußball - das schöne Spiel wird so langweilig wie der Zeitgeist. Und die Kosten-Nutzen-Rechnung stimmt nicht.

Fußball ist, auf diesen schönen Begriff haben es die Kollegen von "11 Freunde" mal gebracht, reiner Mummenschanz. Ein einfaches Spiel eigentlich, das hemmungslos überhöht wird, analysiert, kommentiert, interpretiert. Es hat schon seinen Grund, warum Fußball oft mit Religion verglichen wird - beides ist irgendwie ausgeartet. Wie kann man diesen Wahnsinn allen Ernstes genießen, fragten die "11 Freunde" den Sportphilosophen Reinhard Sprenger. "Indem ich umstelle auf reines Erleben", sagte der. "Dieses ozeanische Gefühl des Einsseins mit dem Geschehen genieße ich sehr. Das ist eben unsere Freiheit, für die der Fußball ein wunderbares Beispiel ist." Die Regelhüter haben diese Freiheit gerade ein Stück kleiner gemacht.

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Der Videobeweis wird zum neuen Standard, schon bei der WM wird sie zum Einsatz kommen, auch La Liga hat gerade die Einführung des Video-Assistenten (VAR) beschlossen. Gianni Infantino hat die lauten Unmutsbekundungen auch in deutschen Stadien gegen den Videobeweis mitbekommen. "Aber wir müssen Entscheidungen auf der Basis von Fakten treffen", sagte der Fifa-Präsident, "nicht auf der Basis von Gefühlen. Die Fakten sind, dass in fast 1000 Spielen die korrekten Entscheidungen der Schiris von 93 Prozent auf 99 Prozent gestiegen sind."

Nur sind Fakten manchmal alles andere als objektiv, und schon gar nicht erzählen sie die ganze Geschichte: Der Videobeweis reduziert die Zahl der Fehlentscheidungen, das stimmt. Aber er macht den Fußball nicht gerechter. Nur marktkonformer. Er passt zum Produkt Fußball. Nicht zur Seele des Spiels.

Iiiiiihhhh, Zufall

Der Fußball ist, auch in Zeiten von Leistungsdiagnostik, Laptop-Trainern und Live-Daten, nicht berechenbar. Weil der Zufall so eine große Rolle spielt. Zwei von fünf Toren, so haben es Mathematiker ausgerechnet, entstehen zufällig: Der Verteidiger stolpert, ein Befreiungsschlag prallt dem Stürmer an den Hinterkopf, der Torschuss bleibt in einer Pfütze hängen, der Schiri übersieht den klaren Ellbogencheck vor dem Treffer. All das gehört zu den Unwägbarkeiten des Spiels, wie das Wetter und Verletzungen. Nicht immer gewinnt die beste Mannschaft, manchmal weil der Schiri einen schlechten Tag hatte. Aber: Wer Fehlentscheidungen von Menschen absolut nicht erträgt - in einem Spiel, wohlgemerkt - sollte vielleicht ohnehin nie wieder vor die Tür gehen und Samstags 15.30 Uhr lieber zu Fifa 18 greifen.

Man könnte die Entscheidung des Ifab als Verbeugung vor dem Zeitgeist deuten, der mithilfe der Technik den lästigen Zufall eliminieren will. Bloß nicht die falsche Frau daten, bloß nicht das falsche Restaurant auswählen, bloß nicht auf dem Hinweg heillos verfahren - dafür gibt es doch Apps. Bloß nicht durch eine Fehlentscheidung absteigen - dafür gibt es den Videobeweis. Aber wo der Zufall für Fans manchmal ein Ärgernis sein mag, ist er eine Bedrohung für die, die mit dem Fußball Geld machen, also vor allem für die großen Klubs.

"Mir reicht es mit dem Schicksal"

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Da dachte Claudio Pizarro noch, dass er den Siegtreffer gegen Hannover 96 erzielt hat.

(Foto: imago/mika)

Wie soll man dem Investor auch erklären, dass leider der falsche Pfiff zur falschen Zeit die schöne Champions-League-Teilnahme versaut hat? Wie soll man erklären, dass der Fußballgott manchmal sehr wohl würfelt? Und dass seine Abgesandte, die Losfee, schon im Achtelfinale den Titelverteidiger beschert hat? "Mir reicht es jetzt mal mit dem Schicksal", zeterte 2016 Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge. Da hatten seine Bayern sich gerade gegen Juventus ins Viertelfinale gekämpft, in einer jener denkwürdigen Schlachten, die die Königsklasse immer erst ab dem Achtelfinale bietet. Dank der Setzlisten, die von der Uefa doch bitte auch für die K.o.-Phase eingesetzt werden sollen, wie der Bayern-Boss forderte: "Wir sprechen über zu viel: Image, Geld, Meriten." Zwei der drei Gründe kann man getrost vergessen.

Der Fußball entwickelt sich, er hat schon einige Regeländerungen durchgemacht, einige erfolgreich, wie Abseits und Rückpass. Andere weniger erfolgreich, wie Golden und Silver Goal. Aber der Videobeweis gehört nicht in diese Reihe. Er gehört in eine Reihe mit Setzlisten und der Aushebelung von 50+1. Er revolutioniert nicht das Spiel an sich - sondern die Art, wie es für die Konsumenten produziert wird.

Die Illusion von Objektivität

Die Zuschauer sitzen meist an Fernsehern, sie sehen alles in Zeitlupe, doppelt und dreifach. Es sei nicht zumutbar, sagen Befürworter des Videobeweises, dass jeder am TV und vielleicht sogar am Videowürfel sofort die falsche Abseitsstellung erkenne, nur der Schiedsrichter nicht. Die Referees gehörten geschützt. Absolut richtig. Man könnte aber auch einfach Szenen konsequent nur in Spielgeschwindigkeit wiederholen oder die Strafen für Schiedsrichterschelte erhöhen. Stattdessen setzen die Regelhüter auf die Illusion von Objektivität.

Als wenn die Bilder, die der VAR sieht, wirklich immer als "Beweis" herhalten könnten - bei klaren Schwarz/Weiß-Entscheidungen wie Abseits oder Toraus tun sie das im besten Falle, manchmal nicht einmal dann. Die beste Technik taugt eben nichts, wenn der Mensch sie bedient. Mainz gegen Köln, 12. Spieltag, Pablo De Blasis schwalbt sich zum Elfmeter, nur der VAR will das nicht gesehen haben. Köln gegen Mönchengladbach, 19. Spieltag, der Borussia wird ein klarer Elfmeter verweigert, trotz Review am Spielfeldrand. Wenn der menschliche Faktor noch immer so eine große Rolle spielt, warum ihn dann in einem Kölner Keller verstecken? "Ihr macht unser Spiel kaputt", skandieren Bundesliga-Fans immer wieder während der VAR-Unterbrechungen.

Natürlich macht der Videobeweis den Fußball nicht kaputt, genau wie die Welt nicht untergeht, wenn wir weiter Diesel fahren, Discounter-Schweineschnitzel essen und Easyjet fliegen. Sie wird weiter ihre Kreise durchs Weltall ziehen, sich halt nur in einen unwirtlichen Ort verwandeln. Und Fußball wird weiter gespielt, nur eben seiner spontanen Emotionen beraubt. Siehe Köln gegen Hannover am 23. Spieltag: Claudio Pizarro köpft in letzter Sekunde das Führungstor für den Tabellenletzten, Müngersdorf bebt für fast eine Minute, bevor der Videoschiedsrichter auf Abseits erkennt. Ein richtiger Pfiff. Aber kein gerechter.

Zweimal hatte der Referee vorher große Kölner Chancen zu Unrecht vereitelt, Fehlentscheidungen, die kein Videobeweis korrigieren kann. So viel zur Gleichung "weniger Fehlentscheidungen = mehr Gerechtigkeit". Es ist letztlich eine Rechnung, die jeder für sich aufmachen muss: Wenn Infantino Recht hat, ist die Quote der richtigen Entscheidungen von sehr guten 93 Prozent auf 99 Prozent gestiegen. Ist diese Steigerung es wirklich wert, dass die Fans beim Abspielen der Torhymne noch nicht wissen, ob sie sich wirklich freuen sollen? Dass Elfmeter mit zwei Minuten Verzögerung gegeben werden? Dass das "ozeanische Erleben", wie Sportphilosoph Sprenger es formulierte, zerstört wird?

Quelle: n-tv.de

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