Fußball

Kondome, Kernenergie, Kippen Wie Jägermeister die Bundesliga veränderte

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Kondome, Zigaretten, Alkohol - für fast alles wurde in der Bundesliga schon geworben. Sogar für die Kernenergie. Wenigstens so lange der DFB mitspielte. Und dann gab es noch diese Firma, die so herrlich zu den Frisuren der BVB-Profis passte.

Heute vor 45 Jahren wurde die Bundesliga revolutioniert. Nach einem wochenlangen Hickhack mit dem DFB lief die Mannschaft von Eintracht Braunschweig am 24. März 1973 im Heimspiel gegen den FC Schalke 04 nach intensiver Planung mit einem Hirschen auf der Brust auf. Die Eintracht-Offiziellen hatten sich damals einen ganz simplen Trick einfallen lassen: Im Vereinslogo wurde aus dem Braunschweiger Löwen der Hirsch des neuen Trikotsponsors Jägermeister und schon hatte man einen Kniff gefunden, ganz legal die Werbung des Partners publikumswirksam zu platzieren. Und nachdem einige Anläufe zuvor gescheitert waren, weil ein solches Logo nur eine bestimmte Größe haben durfte, schlug die Nachricht vom Braunschweiger Clou wie ein Blitz in den rauschenden Blätterwald ein.

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Die Aufregung war allenthalben – bei Fans wie Offiziellen – riesig. DFB-Generalsekretär Hans Passlack war erzürnt ob der Dreistigkeit der Eintracht und äußerte sich dementsprechend mit Schaum vorm Mund über den cleveren und geschäftstüchtigen Chef von Jägermeister, Günter Mast: "Der macht aus unserer Bundesliga eine Kneipe." Braunschweigs Trainer Otto Knefler hingegen war mächtig stolz auf seinen Klub und witterte Morgenluft:
 "Damit stehen wir auf einer Stufe mit
 Klubs wie Opel Rüsselsheim, Bayer Leverkusen, Gummi-Mayer Landau, Bayer 
Uerdingen und Röchling Völklingen." Geholfen hat es übrigens spontan nichts: Die Eintracht stieg ausgerechnet in diesem Jahr aus der Bundesliga ab.

Für die Spieler begann jedoch eine vollkommen neue Ära. Braunschweig war plötzlich eine der Top-Adresse. Selbst Weltmeister Paul Breitner ließ sich locken und kam aus Madrid zurück in die Bundesliga zur Eintracht. Interessanterweise machte Breitner parallel noch Werbung für eine Zigarettenmarke, die wiederum einen Löwen als Logo hatte, und zwar mit dem mehrdeutigen Werbespruch: "Jetzt dreh ich mit dem Löwen." Günter Mast, der Jägermeister-Chef, wollte damals übrigens auch den großen Superstar Günter Netzer als Aushängeschild verpflichten. Sein Traum war es, dass man eines Tages beim Anblick des Ex-Gladbachers denken sollte: "Netzer? Aha! Jägermeister! Da braucht er gar nicht mit der Pulle in der Hand rumlaufen." Für die Braunschweiger Zuschauer war der Wechsel des Wappentiers ganz offensichtlich kein Problem. Wo sie früher riefen "Otto, lass die Löwen los", sangen sie nun einfach: "Otto, lass die Hirsche los".

Wat is' mit Schalke?

Das ganze System wurde in jedem Fall einmal tüchtig durchgeschüttelt. Von nun an mussten alle anderen Vereine nachziehen - auch wenn sie sich damit anfangs sehr schwertaten. Die Sponsoren, die richtig Geld in die Hand nehmen wollten, mussten erst einmal gefunden werden. Und so lief beispielsweise der FC Schalke 04 in der Saison 1974/75 vorne mit dem Schriftzug "Schalke" auf. Präsident Günter Siebert erklärte das so: "Alles spricht von Werbung auf Trikots. Wir auch. Wir werben allerdings für uns selbst, für den FC Schalke 04."

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In all den Jahren seitdem gab es viele sonderbare und skurrile Trikotwerbungen. Und das nicht nur im Profifußball. Im Jahr 1979 lief beispielweise der SV 09 Baesweiler eine Saison lang mit dem Schriftzug "Kernenergie, ja bitte" auf. Analog zu dem damals kursierenden Aufkleber "Atomkraft nein danke". Natürlich zog der Schriftzug auf der Brust der Baesweiler wilde Proteste nach sich und so war bereits nach einer Spielzeit und ordentlich Wirbel der Spuk um die Kernenergie auch schon wieder vorbei.

In der Bundesliga ist bis auf den heutigen Tag die Werbung des FC Homburg aus der Saison 1987/88 für die Kondonmarke "London" am umstrittensten. Damals sprach der DFB ein Verbot gegen den Schriftzug aus und begründete dieses folgendermaßen: "Wir sind der Meinung, dass das den Auffassungen von Sitte und Moral zumindest von Teilen der Bevölkerung widerspricht." Die Homburger liefen aber dennoch einmal mit dem durchgestrichenen Schriftzug auf. Der Stadionsprecher verkündete an diesem Tag gewitzt: "Unsere Mannschaft spielt heute mit einem schwarzen Balken auf der Brust. Jeder, der die Hauptstadt Englands kennt, weiß, was sich unter diesem Balken verbirgt."

Der BVB und "Pony"

Werbung fürs Rauchen war hingegen anfangs kein Problem. Beim BVB funktionierte es sogar so gut, dass man recht schnell zu Ehren des neuen Sponsors einen Löwen namens "Sambo" als Vereinsmaskottchen führte und auch das Klubwappen für den Geldgeber großzügig veränderte. Zum Start der Spielzeit 1976/77 prangte nun – wie im Samson-Firmenlogo – ein Löwe in der Mitte des kreisrunden Emblems. Eine Aktion, die allerdings keine Begeisterungsstürme bei den Fans auslöste. Und so verabschiedeten sich die Holländer 1978 bereits wieder Richtung Nordseeküste und das Wappen wurde durch das klassische schwarze "BVB 09" auf gelbem Grund ersetzt. Der nächste Sponsor der Borussia war übrigens ein Hersteller für Autolacke und Dichtungsmaterialien. Die Firma mit dem schönen Namen "Prestolith" sorgte fortan beim BVB für einen neuen Anstrich und geschlossene Abwehrreihen. Trikots aus diesen Jahren waren bei den Fans so beliebt, dass sich die klubeigene Herstellerfirma goool.de im Jahr 2002 sogar dazu entschloss, Retrohemden aus den längst vergangenen Zeiten zu produzieren.

Eines der optisch spektakulärsten Bilder konnten die Fotografen vor der Saison 1983/84 ebenfalls beim BVB machen. Für einige Partien liefen die Borussen mit dem Namen ihres US-amerikanischen Ausstatters aufs Spielfeld. Die Firma hieß "Pony". Und passend dazu hatte man bei einem Fotoshooting die Spieler mit den heißesten 80er-Frisuren vor die Kamera gelockt. Und so saßen nun die Profis Michael Lusch und Jörg Horn in der gleißenden Sonne und präsentierten sich in ihren schwarz-gelben Trikots, auf denen vorne – passend zur Frisur – "Pony" stand. Herrliche Bilder, die jeder, der sie jemals gesehen hat, nie wieder aus dem Kopf bekommt.

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Quelle: n-tv.de

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